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Der Israelit · 1925-12-17 · Heft 51 (17.12.1925) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 51 (17.12.1925)
Date
1925-12-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Getto 6 91t. 5t 17. Dezember 1S2L Auf die hämische Bemerkung des Staatsanwalts, wenn Olszanskk der Attentäter war, so möge er kommen und sich dem Gericht stellen, erwidert Dr. Landau, Olszanski weiß genau, daß wenn er hierher kommt und seine Angaben vor dem Berliner Polizeipräsidium hier wiederholt, daß dann sowohl der Staatsanwalt, als auch alle anderen Personen, wie z. B. die Herren von der Lemberger Polizei, gegen ihren innersten Willen gezwungen fein würben, Steiger zu entlassen und Olszanski an seine Stelle zu setzen. Noch stehen wir aber nicht ethisch so hoch, daß man von einem Verbrecher erwarten könnte, freiwillig vor Gericht zu erscheinen und ruhig seinem eventuellen Tode entgegenzusehen. Der Verteidiger geht die einzelnen Angaben Olszanskis in dem Berliner Protokoll durch und weist nach, daß Olszanski unmöglich alle diese Kenntnisse aus den Zeitungsberichten zusammenlesen konnte , wie dies der Staatsanwalt glauben machen will. Zum Beispiel war nie davon die Rede, daß der Präsident an dem kritischen Tage um 9 Uhr morgens am Hauptpostamt oorbeisuhr. Olszanski aber wartete schon zu dieser Tageszeit an dieser Stelle mit seiner Bombe, die er aber wegen des zu schnellen Fahrens des Wagens des Präsidenten nicht schleudern durste. Ferner klärt Olszanski die genaue Konstruktion der Bombe aus, über die sich bisher alle Sachverständigen den Kopf zerbrochen haben. Wichtige bisherige Darlegungen der Verteidigung haben sich durch die Angaben Olszankis als ganz haltlos erwiesen; schon daraus geht hervor, daß Olszanski nicht das Interesse hatte, die Verteidigung zu stützen, sondern nur, die Wahrheit zu sagen. Dr. Landau wendet sich mit Worten tiefster Erbitterung gegen die Behauptungen der antisemitischen Blätter, daß Olszanski von den Juden gekauft wurde, daß er 60 000 Dollar erhalten hat, um durch sein Geständnis Steiger zu entlasten. Nur Menschen, die selbst käuflich sind, können solche Behauptungen ausstellen. Es wird diesen Finsterlingen nicht gelingen, die Sonne zu verdunkeln, der Wahrheit den Weg zu versperren. Verteidiger Dr. Grek erinnert an den Deyfuß-Prozeß, der seinerzeit die ganze Welt in Erregung versetzt hat. Sogar damals war nicht die Rede davon, daß die Juden einen fremden Menschen „gekauft" hätten, daß er die Schuld auf sich nehme und Dreyfuh entlaste. Man mutz immer wieder darauf zurückkommen, weil diese finstere Legende sich in das Gericht selbst einzuschleichen beginnt. Würden die Juden, setzt Dr. Grek fort, Steiger für schuldig halten, sie würden keinen Finger für ihn rühren. Vor einigen Wochen ist der jüdische Kommunist Botkin standrechtlich verurteilt und erschossen worden: kein Jude interessierte sich für diese Angelegenheit. Prozeß gegen den Massenmörder Morarescn. B u ka re st,. 10. Dezember. Am 26. November begann vor dem Kriegsgericht des 2 Armeekorps zu Bukarest die Verhandlung gegen den Oberleutnant Morarescu und 21 ihm untergebene Soldaten, die beschuldigt werden, zahlreiche jüdische Flüchtlinge, die die Dnjestr-Grenze aus der Ukraine nach Rumänien in den Pogromzeiten überschritten hatten, ermordet und ausgeraubt zu haben. Morarescu wird zur Last gelegt, daß er direkt die Flüchtlinge über die Grenze lockte, ihnen durch feine Soldaten sicheres Geleit versprach, und sie dann, als sie auf feinen Ruf herüberkamen, ermordet und ausgeraubt hat. Morarescu wird ferner beschuldigt der Unterschlagung von Staatsgeldern, Annahme von Bestechung, Amtsmißbrauch, Dokumentenfälschung. Ungefähr 90 Zeugen sind geladen. Die Verlosung der Anklage dauerte zweieinhalb Stunden. In derselben werden die von Morarescu organisierten Massenmorde eingehend geschildert. Der Angeklagte beruft sich in seiner Verteidigung auf einen Befehl des 3. Armeekorps in Kifchinew, in welchem die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wurde, daß der damalige Präsident der Sowjetukraine, Dr. Rakowsky, tausend Russen zu Propagandazwecken und Terrorakten nach Beßarabien dirigiert hat, weshalb er aufgesordert wurde, jede Ueberschreitung der Grenze durch ussische Flüchtlinge mit Waffengewalt zu verhindern. Er leugnet, die erschossenen Flucht: linge ausgeraubt zu haben. Auf Befragen muh der Angeklagte zugeben, daß er mehrere Flüchtlinge vor der Erschießung fesseln ließ, daß es sich also nicht um Erschießung auf de Flucht handeln könne. Der Königliche Kommissar stellt an den Angeklagten dis Frage: „Sie Der Israelit haben ein Kind von anderthalb Jahren in den Armen feiner Mutter erschossen. War auch dieses Kind ein Missionär Rakowskys?" Der Angeklagte antwortet konfus: Es war in der Nacht gewesen, er habe nicht gesehen, auf wen er schieße. Es wurden sodann die Mitangeklagten 21 Soldaten eingehend vernommen. Alle beriefen sich auf ben firiaen Beseyl Morarescus und geben schauerliche Schilderungen der Einzelheiten. — Der Prozeß enbete am sehnten Verhandlungstag mit der Freisprechung Morarescus. Drohungen gegen Rabbiner. Bukarest, 5. Dezember. In der gestrigen Kamersitzung protestierte Deputierter Rabbiner Z i r e l f o h n dagegen, daß in beßarabifchen Schulen jüdische Kinder gezwungen werden, auch an Sabbattagen in die Schule zu kommen. Der Unterrichtsminister beantwortete diesen Protest nicht, dagegen brachte Arbeitsminister Chirculescu Fälle vor, wonach vielen Personen in nicht einwandfreier Weise Dokumente ausgefolgt wurden, um ihnen die Auswanderung zu erleichtern. Der Arbeitsminister teilte mit, daß auch einige Rabbiner in der Bukowina nicht einwandfreie Bescheinigungen zwecks Erleichterung der Auswanderung ausgestellt hätten. Es wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet. Alle diejenigen, sagte der Minister, die als schuldig sestgestellt würden — ob Präsekt oder Rabbiner — werden strenge bestraft werden. Im übrigen mache die Regierung in der Auswanderungsfrage keinen Unterschied zwischen Rumänen und Juden. Sehtveiz. Der ungarische NumerikS clausus vor dem Völkeebundsrat. Genf, 10. Dezember. Der Dölkerbundsrat verhandelte in seiner heutigen Sitzung auch über die Frage der gesetzlichen Prozentnorm gegen die jüdischen Studierenden in Ungarn. Der ungarische Kultusminister war persönlich anwesend. Berichterstatter war der Vertreter Brasiliens Mello Franko. Es wurde das Gesetz des Numerus clausus in Ungarn verlesen, welches besagt, daß die Zahl der Studenten verschiedener Rassen und Nationalitäten im Verhältnis zu der Zahl der Angehörigen dieser Rassen im Lande stehen. In der Praxis richtet sich dieses Gesetz ausschließlich gegen Studierende jüdischer Konfession. Nachdem noch die Beschwerden der ausländischen jüdischen Organisationen verlesen waren, gab der ungarische Kultusminister Graf Klebelsberg eine Erklärung ab, die folgendes besagte: Die ungarische Regierung gehe in dieser Frage unparteiisch vor. Als sie ans Ruder kam, war das Gesetz, das 1920 beschlossen worden war, mehr als vier Jahre in Kraft. Der Numerus clausus stelle lediglich eine Uebergangsformel dar, die der durch den Friedensoertrag geschaffenen entspreche, und die sich ändern werde, wenn die Verhältnisse Ungarns stabilisiert fein würden. Der Vertrag von Trianon habe Ungarn zwei Drittel seines Gebietes entrissen, infolgedessen sei eine außerordentlich große Zahl Intellektueller im Lande, die keine Beschäftigung finde. Man wolle die jungen Leute veranlassen, sich den wirtschaftlichen Berufen zuzuwenden. Das Gesetz wolle vor allem die überfüllte Budapester Universität entlasten. Die Juden würden im Verhältnis zur jüdischen Gesamtbevölkerung zugelassen. Die jüdischen Forderungen betreffen speziell die Budapester Universität, aber diese sei eine katholische Gründung und würde bei ihrer Autonomie das Recht haben, die Juden überhaupt auszuschließen. Die Entscheidung des Völkerbundsrates steht noch aus. (I. T. A.) Briefkasten. Z. in Königsbach. Wir sind aanz Ihrer Meinung, daß es sehr geschmacklos ist, einen Chanuk ah - Ba l l zu veranstalten, bei dem noch überdies ein Theaterstück aufgefütrt, in dem ein ..polnischer Schnorrer' einenFrackstiet.lt.-Otto Ludwig, ein Nichtjude, hat ein schöneres Stück zu Ehren des Chanukah versaßt. Leider stützt aber K. mit solcher Geschmacklosigkeit nicht vereinzelt da. Familiennachnchken. Geburten: Eine Tochter: Herr und Frau Dr. Joses Breuer, Rückertstratze 50. Barmizwo: Schabbos Mttreiz: Heinz Grünebaum, Zöaling der Israelit. Waisenanstalt, Enkel des verstoidenen Herrn Gottlieb Grünebaum. Synagoge der Israelit. Waisenanstalt. Frankfurter Berichte. Dr. Simon Rosettdlüth V'sr- Eine Kunde, die sich mit lähmender, zerwühlender: Schwere auf alle Kreise legte, denen das Thoraleben unserer Kehilla die Herzen bewegt, gilt es überall hinauszutragen, wo Schüler unserer Jeschiwa deren Lehre und deren Geist als teuerste Errungenschaft ihres Lebens hegen, daß sie alle sich mit uns trauernd um die Bahre ihres heroorragenden Dozenten scharen, den tückische Krankheit mitten aus unermüdlicher, segensreicher Lehrtätigkeit herausgerissen. Noch am vergangenen Freitag sahen die Schüler ihren verehrten Lehrer in ihrer Mitte, dessen sich stets gleichbleibende, milde, von abgeklärter Lebensweisheit durchtrönkte Liebe ihnen so warm entgegenschlug, und ahnten nicht, daß ein bereits mit schwerer Krankheit Ringender es nicht wahr haben wollte, daß übermächtige Hemmungen ihn seinem heiligen Lebensberuf für immer zu entziehen sich anschickten.' Noch aus qualvollen Fieberstürmen seiner letzten Lebensstunden fand seine reine, von einem großen Lebensziel erfüllte Seele den Weg zu feinen Schülern, um dann aus schwerem, von Entsagung und Entbehrung ungewöhnlich hart mitgenommenem Erdenwallen dem Ruf seines Schöpfers zu folgen. Dr. Rofenblüths Geburtsland war Ungarn. Einer angesehenen Familie entstamend, die der Heimat hervorragende Thoragrößen geschenkt, hatte er in jungen Jahren mit seinen von seinen Lehrern früh erkannten außerordentlichen Geistesgaben in Ujhely und später in Preßbürg sich die Grundlage zu einem reichen Thorawissen gelegt. Aber erst der damals kaum ins Leben gerufenen Frankfurter Jeschiwa sollte es gelingen, aus Rosenblüth die ungewöhnlich reiche jüdische Persönlich, keit zu formen. Hier holte sich dieser mit herrlichem Lehrtalent begabte junge Mann das, wie er in rührender Bescheidenheit stets bekannte, unvergleichliche Vorbild, tal» mudifche Probleme in ihrer ganzen Tiefe methodisch zu meistern und die gewonnenen Erkenntnisse in didaktisch fesselnder Darstellung aufzubauen. Und da sich zu seinem reichen jüdischen Wissen und Können in bewunderungswürdiger Kürze auch eine gründliche Durchbildung mit profanen Wissenselementen harmonisch gesellte, die er auf Universitäten zum raschen Abschluß brachte, schien Rosenblüth berufen, unserer an wahren Größen so armen Zeit an ragender Stelle führend sich darzubieten. Es sollte ihm versagt bleiben. Aber alle bitteren Enttäuschungen vermochte die heiße, zum Spenden geöffnete Seele nicht zu erkalten. Dauernd blieb seine kindlich treue Liebe der Lehrstätte zugewandt, der er sein Bestes verdankte — frühe Anregungen aus seiner Hand, einen größeren Ausbau der Jeschiwa betreffend, legen Zeugnis davon ab — und als vor einigen Jahren dieser Ausbau Tatsache geworden war, da bedurfte es nur einer leisen Anfrage, und der inzwischen gereifte Mann, der als Klausrabbiner in Fürth Jahre hindurch, verehrt von dem dortigen Kreis seiner großen und kleinen Schüler, der Thora gelebt, eilte mit pochendem Herzen der Stätte seiner Jugendliebezu, deren innerer Wesensart er unauflöslich sich verbunden fühlte, um dort, vereint mit gleichstrebenden Genossen, dem verehrten Meister an dem blühenden Ausbau und der immer größeren Erstarkung seiner Jeschiwa zur Seite zu stehen. Nun hat ihn der unerforschliche Gotteswille allzufrüh aus der Heiligtumsstätte seines Lebens herausgerissen. Noch in später Abendstunde des Montag, unter dem lähmenden Eindruck der frischen Trauerkunde trat das Kuratorium der Jeschiwa zusammen, um unter dem Vorsitz ihres ehrwürdigen Führers dessen erschütternde, von der Gewalt heißer Tränen durchzuckte Schmerzensrvorte, nur mühsam gebändigt durch die mit Hinblick auf Chanukkah gebotenen Schranken, den teuren Schüler und unersetzlichen Mitarbeiter ehrten, die allernötigsten Maßnahmen zu treffen. Am folgenden Morgen geleitete eine stille', große Trauergemeinde den Heimgegangenen Lehrer zur Ruhe. Der Vahre folgten der Raw '"2, die Dozenten und Kuratoren, Rabbiner aus Nachbargemeinden, die die chmerzliche Kunde noch erreichen konnte, Vertreter der Fürther Gemeinde, die Hörer der Jeschiwa, die lange Reihe junger Schülergruppen, denen der väterliche Freund mit dem reichen Herzen sich so innig verwachsen gefühlt, sowie all die, denen die Ehrung des Heimgegangenen Thoragelehrten, der ihre Kinder der Thora zugeführt, Herzensbedürfnis war: ein stilles und doch beredtes Zeugnis, von welch herbem Schlag die Jeschiwa. unsere Kehilla und darüber hinaus die thoratreue jüdische Welt betroffen worben. Um den Heimgegangenen trauert eine hartgeprüfte Witwe, ein hoffnungsvoller Sohn und eine arme, hochbetagte Mutter. Gebe n"'n ihnen allen Kraft, sich in den göttlichen Willen zu fügen. Möge das Andenken des Heimgegangenen allen, denen er im Leben nahegestanden, ein gesegnetes bleiben, möge es der Jeschiwa beschieden sein, im Sinne des b-t toi über den schweren Verlust hinaus ihren großen Aufgaben im Dienste unserer heiligsten Lebensgüter in immer vollendeterem Maße gerecht zu werden. In den Annalen der Frankfurter Jeschiwa wird Dr. Rosenblüth b"t als einer ihrer Besten fortleben. •nS-oS» pTOS 12T

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