Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1925)
- Date
- 1925-12-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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jschs, jüdichs Parlamen s.Abgeyrdnee,di^ iul e:n Parlament einer jungen Staatsnation fortgesetzt als Minderheitsnation aufmarschieren,. mit dem Belzehub „Völkerbund" drohen, und politische Forderungen in den Saal schreien, mehr Unheil für das moralische und wirtschaftliche Wohl und Wehe der jüdischen Bevölkerung heraufbeschwören, als das Maß von ästhetischem Wohlgefallen an ihren, rednerischen Leistung wert ist. Die Zionisten mögen anderer Meinung sein, aber auch sie sollten, wenn sie keine blinden.Parteibonzen sind, doch einsehen, daß es sich hier um ein politisches Programm handelt, das m i t R o t w e n d i g k e i t z u m e n t s chtedene n Kamps gegen die nationalistische „Jüdische Partei" nötigte, und das andererseits eben s o. n a t u r g e m ä ß in ein gewisses Bündnis-Verhältnis zur Regierung hineinführte. Soll die slowakische Orthodoxie ihre Ueberzeugung verleugnen, nur um den Zionisten zuliebe in eine Oppositionsstellung zur Regierung zu geraten? Es ist. uns nicht bekannt, daß die Zionisten jemals gezögert hätten, das Wohlwollen der Herren Mafaryk und Benes für ihr eigenes politisches Programm zu erobern und in ihren Calcül einzustellen, wenn es ihnen paßte. ■ Moderner Hellenismus. 2$on Dr. Simon Goldmann in, Köln. Aus finsterer Rächt elstrahllder Menorah achtfach funkelnder Lichterglanz und zaubert! ein Ideal der Reinheit und We'.he hervor. Bei N3WN N21M, so erzählt der Midraschtraten die zwölf Stammesfücsten heran, um ihre Opfer darzubringennur der Stamm Levi nicht. Darüber war A'iaron sehr betrübt. Da sprach Eott zu ihm: Betrübe dich nicht, dubist zu Größerem bestimmtdenn du erneuerst und zündest die Lichter an. Die Opfer haben nur Bestand, so lange das Heiligtum besteht, aber die Lichter werden immer zur Vorderseite des Leuchters leuchten. Rach der Erklärung des Rambam sind darunter die Chanukalichter verstanden. die auch in der Golusnacht weiterleuchten. Und die Lichtlem strahlen und funkeln und leuchten, als ob sie künden wollten von dem ewig leuchtenden Geisteslicht, das sich Bahn -rach in finsterer Geistesnacht, die sich wie ein erstarrender Tau um die Wurzeln der jüdischen Lebenspflanzung gelegt halte. Sie künden von dem Kampf, der vor mehr als zwei Jahrgeistiger Kampf war es. wenngleich er mü materiellen Waffen geführt wurde. Zwei Weltanschauungen prallten hier zum. ersten Mal in schroffem Gegensctz aufeinander. Das sinnl'chma ieri allst sche Schönheisideal des Hellenismus mit der abstrakten Ideenwelt des Judentums. Zweifellos hat der Hellenismus, haben griechische B.ldung und griechischer Geist der Menschheit ewige, unvergängl'che Kulturgu er geschenkt. Der zu seiner höchsten. Entwicklung gesteigerte A.sthe iz'smus hat der Menschheit die Augen geöffnet und sie. für die Wunder der göttlichen Schöpfung* erst empfänglich gemacht. Lebenslust nnd Lebensfreude wurden e.st richtig durch den Hellenismus geweckt. Aber sie haben doch nur ihre Bedeutung im Rahmen eines von strengen sittlichen Grundsätzen regulierten Pf ichlenlebens: wo fle aber, wie hier, als SEtzweck zur Forderung des Tages erhoben werden, da weichen sie ab von der Heerstraße der jüdischen Lsbensanschauung. ov 'b.irm pizm ns’V /s na1». Gott breite Jephes aus, daß es wohne in den Zelten Sems. UN' ns* bv INIL'L' Rur wenn die Schönheit des ns' in den Zelten des ow harmon sch gelagert ist. wenn sie als Folie für den sittlichen Gehalt des Judentums dient, kann sie für uns Lebensberech igung haben. So aber stießen die Gegensätze mit elementarer Gewalt aufeinander und mußten zu ihrem Austrag gelangen. Die durch Alerander den Großen in das Judentum hineingetragenen griechischen Bildungskeime wurden erst verhängnisvoll unter der Aera der Seleuziden, in welcher ein allgemeiner Hellemslerungsprozeß einsetz'e, der auch auf die streng geschlossene Phalanr Judäas zersetzend wirkte. Eine neue Welt eröffnete sich der jüdischen Jugend. Sie, die bisher in stiller Zurückgezogenheit ein eintöniges, schlich es Leben geführt hatte, geriet in den Bannkreis des griechischen Gesellschaftslebens und, wie wir es so häufig in der Gegenwart bei der Jugend des Ostens beobachten, die aus den dumpfen Studierstuben heraus in den westeuropäischen Kulturkreis geratend, von dem Glanz geblendet, ganz in dem Strudel untertaucht, so warfen sich auch hier die jüdischen Jünglinge mit Wollust aus das lustige, lockere Leben der Schauspiele und der verschiedenartigen sportlichen Veranstaltungen. Im Rack kampf en'äußerte man sich des eingewurzelten jüdischen Schamgefühls und man ging .sogar soweit, das letzte körperliche Unterscheidungsmerkmal zwischen Juden und 17. Dezemoer 1925 Der 3»!#« I t t Orthodoxie will von p o l i 11 f ch e n j ü d i s ch e n M i nd.e.rch e itsr.e cht en ga.nz un,d gar nichts w.issen. Sie ,glaubt, daß,fünf oder taufenden um die Oberherrschaft entbrannte und auch' noch heute nicht aüsgekämpft ist:' Ein Latz das kleine, winzige Krllglein den Späheraugen der Feinde entgangen war, — das war ohnehin ein Wunder. Ihm ist das erste Licht an der jtyub geweiht und wird uns zum erhebenden Sinn bilde für die besondere Liebe Gottes, die sich in der Reinerhaltung des Oels unseres Judentums kundgibt. — Und dann tut Gott nur Wunder, wenn e'no Grundlage hierfür vorhanden. Das Oe! imKrüg'ein durfte nicht fehlen . . . Das ist für uns gar bedeutsam. Solange wenigstens ein Funke der Begeisterung noch iür unsere Heiligtümer lodert, dürfen wir auf die Erfüllung unserer Hoffnungen vertrauen. Das ist die Bürgschaft uns für die Erleuchtung und Deredlung der Massen innerhalb unserer Bekennerschar, aber auch inmitten der ganzen Menschheit . . . Solche Gedanken, wie ste uns die Lehrsprüche unserer Alten vermitteln, sind UNS das bleibende Licht vom N212N. Sie weihen unser Leben und spornen uns an, nach wie vor bereitwillig den Dienst an der Menorah der Menschheit zu versehen, bis diese selbst von ihrem Lichteralanz erleuchtet den Schöpfer als den Bringer allen Lichtes preist. — Kleines Feuilleton. Zoselmam». Eine Charakterstudie. Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt. Vorbemerkung: Anlaß zu dieser Studie gab die soeben erschienene typographisch und künstlerisch hochstehende neue Ausgabe von Dr. M. Lehmanns berühmter Erzählung: „Rabbi Ioselmann von Rosheim". Historische Erzählung aus der Zeit der Reformation. I. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. Ohne Schädigung des Organismus sind hier überlebte, aus der Zeit ihres ersten Erscheinens erklärliche Bestandteile geschickt entfernt, die breite Behäbigkeit des Stils ist gemindert, seitenlange Geschichtsexpektorationen sind gekürzt, veraltete Wendungen ersetzt, so daß das Werk in dieser Gestalt nicht nur dem früheren, sondern auch dem gewandelten Geschmack der Gegenwart echte, rechte Freude bereiten wird. Es ist ein intereffantes Seitenstück zu der an dieser Stelle bereits gewürdigten „Messiasbraut" von S. Schachnowitz. (Frankfurt a. M., Hermon Verlags-Aktie w Gesellschaft,) Schilderte sie die unruhige, aufgepeitschte Messiassehnsucht des Mittelalters meisterlich, so wird iy diesem farbigen Weltpanorama mittelalterlichen Judenleids die herbe Märtyrerkraft erschütternd dargestellt. Beiden Büchern eignet neben ihrer ungemein reizvollen stofflichen Spannung ein hoher erziehlicher Wert, beide sollten die Bibliothek jedes jüdischen Hauses schmücken. — In der Enge einer Kleinstadt ausgewachsen, von einem lieb- und kenntnisreichen Vater früh auf den Knien der Thauro geschaukelt, vollzieht sich in Ioselmann allmählich ein eigenartiges und wundervolles Geschehen. Jede Etappe seiyes unendlich wechselvollen, rastlos arbeitsamen Lebens weitet seinen Horizont, rollt ein neues grünes größeres Blatö seines goldreinen, kernhaft gediegenen Charakters auf. Die Wurzel seines Wesens ist die tiefe, bis zur Selbstvergessenheit gesteigerte Liebe zu seinem Volk und die elementare Unbewußtheit dieses Triebs. Ihm erscheint es als schlichte, nicht der Rede werte Selbstverständlichkeit, Nr. 51 Seite 8 Nich'juden, das göttliche Bundesfegei. zu verwischen, um bei den olympischen Spielen nicht dem Spott der heidnischen Umwelt zu verfallen. Die althergebrachten jüdischen Namen muß.en griechischen Benennungen weichen, und so war von der äußeren Assimilation bis zur völligen Lostrennung vom Volksganzen nur ein Schritt zu tun. Josua, oder wie er g.äzisiert hieß, Jason, der Sohn desselben Simon des Gerechten, der mit den Männern der Großen Synode den Zaun um die Lehre festigte, war es, der als Anführer der Hel enistenpartei die Bresche in die Mauer dieser Lehre riß, bis der zwischen Jason und Menelaos um die Hohepriesterwürde entbrennende würdelose Kampf den äußeren Feind auf den Plan rief. Das Judentum hat jene erste, das innere. Gefüge zerfetzende Krise überstanden, weil es nicht untergehen kann, weil es, den Sternen gleich, sein Gelstes'icht ewig in finsterer Nacht erstrahlen läßt,, und, wie es die Chanukalichter künden, an dem einen, rein erhaltenen Geisteslicht sich die anderen sternenartig entzünden. Seit jener Zeit aber ist der Hellenismus — eine Kennzeichnung für alles dem jüdischen Geiste Wesensfremde — Jisroels schlimmster Feind geblieben, dem es aber durch alle Stürme der Jahrtausende hindurch getrotzt hat, trotzen konnte, weil sich seine Reihen hermetisch zusämmenschlossen und keinen Lufizug fremdartigen, Geisteshauches in sein Inneres emziehen ließen. Der Tag, an dem die Septuaginta das Licht der Well erblickte, wurde von der alerandrinifchen Iudenheit festlich, begangen, ein Beweis, wie sehr sie in den hellenischen Gedankenkreis emgedrungen war, in Erez J'sroel dagegen, wo man auf mütterlichem Nährboden urwüchsige Lebenskraft saugte, und. daher die Gefahr, die mit dem Eindringen des griechischen Elements in die Lehre heraufzog, deutlicher erkannte, wurde der Tag als Trauertag festgesetzt. In noch höherem Maße erhitzten sich die Geister, als zu Beginn der Neuzeit die Mendetssohnsche Bibelübersetzung erschien-und damit der deutschen Judenl eit mi t einem Schlage den westeuropäischen Kulturkreis erschloß. Ungeachtet aller kulturellen Err.ungen- 'chaften, die wir als moderne Westeuropäer vollauf beanspruchen, bleibt doch die Tatsache davon unberührt, daß seit jenem Moment die erste Bresche in das Gefüge des Judentums geschlagen wurde. Wer die Entwicklung des letzten Jahrhunderts jüdischer Geschichte verfolgt, der weiß, welche verheerenden Wirkungen die erste Bildungswut auf das deutsche Judentum ausübte. Unter gewal igen Kämpfen, die um die Mitte überall da ratend, helfend, rettend einzufpringen, wo irgend eine Bedrängnis Israel naht. Irgend eine Vedtängnis — fei es nun die von der Verruchtheit einer Pfefferkorn ausgeheckte Verbrennung unseres kostbarsten Erbguts, der heiligen Sforim, sei es das tolle Kreise ziehende Blutmärchen, sei es die böswillig vorbereitete Vertreibung der Juden aus ganzen Städten und Ländern oder endlich der Wahnglaube der Hostienschändung. Diese schlichte Selbstverständlichkeit rückt ihn in die Sphäre persönlicher, vollkommener Wunsch- und Jchlosigkeit. Wem nie andere Wünsche aufgestiegen sind als das Wohl der Gesamtheit, wer sich nur ihr verschuldet fühlt, dem ist Lebensbehagen Luxus, dem gilt sein Ich einen Pfifferling. Der wird aber auch unwillkürlich verlernen, seinem Ich irgend eine Bedeutung, irgend einen Wert zuzumessen oder gar vor ihm zu paradieren. So bemächtigt sich Joselmanns eine Demut, die nichts Erreichtes, noch so großes Erreichtes sich, alles Gott zuschreibt. Und wallt einmal — nur einmal eine unlautere Regung der Selbstgefälligkeit auf, so w-cst er sie hart und unbarmherzig als sündhaft zurück. Aber auch Demut hat ihre Grenzen — sie umwandelt sich in edlen, unerschrockenen Stolz, wo sie der absoluten Schlechtigkeit begegnet, wo sie sich nicht unterdrücken und drücken lassen darf. Der Bürgermeister von Oberehnheim und seine Kumpane wissen ein nicht sehr melodisches Liedchen davon zu singen. Unwillkürlichkeit der Hingabe, Joselmanns beherrschende Eigenschaft, bedingt bei ihm nicht ein Uebersprinqen der Grenzen des Naturgegebenen. Er bevölkert die Welt nicht mit Traum- und Jdealgestalten, setzt nicht mit leichtbeschwingter Phantasie über Hecken und Mauern weg. New, ehe er, stets gerufen, nie aufgedrängt — einen seiner bedeutenden und folgenschweren Schritts unternimmt, wägt er zuvor kühl und nüchtern die Persönlichkeiten und Verhältnisse und richtet danach