Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1925)
- Date
- 1925-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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tner ilter rmte bten llgSd)e^X^arf illerariö Willkürlichkeiten der Bibelkrittk. Von Rabbiner Dr. £. 2L Romenthal in Berlin. I. Wir halten es für notwendig, den Willkürlrchkeiten der Bibelkritiker entgegenzutreten und ihre Mißhandlungen des altbewährten Textes zu kennzeichnen» wo wir sie erkennen. Als allwissend geben wir uns nicht aus; aber manches glauben wir gefunden zu haben, wovon wir einiges unseren Lesern vorführen wollen. Gen. 21, 4 wird erzählt, wie Hagar mit ihrem Sohne Ismael das Haus Abrahams verläßt, wie sie sich in der Wüste verirren, Nahrungsmittel und Wasser sich verlieren und Hagar verzweifelt den Knaben unter ein Gebüsch wirft, ihre Stimme erhebt und Mint; darauf folgt die Erhörung und Rettung. Statt -unseres Textes *prn nVij? ns wm schreibt die Septuaginta das. Weinen dem Ismael selbst zu, was hebräisch heißen würde: iV'.i rw'i 12'1 ns „Das Kind erhob feine Stimme und weinte." Diese Aenderung des Textes hat großes Glück gehabt. Die Bibelausgahen Kautzschs. Kittels, Eünzbergs und wahrscheinlich die Bibeltriliker auf der ganzen Linie nehmen den so umgewandelten Text an. Allerdings läßt sich erklären, wie die Septuaginta zu solcher Textverschlechterung gekommen ist. . Es heißt nämlich im nächsten Satze pvD'l TV2N Vij? ns/,Ws „Und Gott hörte die Stimme des Knaben," also muh doch der Knabe vorher seine S.imme erhoben haben, und nicht Hagar. Grade das Gegenteil ist wahr. Gott hört das Flehen selbst des wimmernden oder gar des schon schweigenden Kindes» es bedarf keines lauten Schreies, um zu Gott zu gelangen. Nehmen wir nämlich auch nur einen Zug aus dem Benehmen Hagars fort, so.fehlt gerade das Mitleiderregende, das die Schrift, beabsichtigt. Eine Mutter, die vor äußerem Mangel m den. Tod treibend, noch ihr K i n d mitleiden und dem gleichen Lose verfallen sieht, die in der Wüste sich von ihrem Kinde hinwegbegibt, um sein Ableben nicht sehen zu müssen, hat nichts anderes als Tränen. Das jammernde Kind an sich kann in dieser Weise nicht auf unsere Empfindung wirken» wie die verzweifelnde Mutter, Die Mutter weint, Gott aber hört die Stimme des Kindes — ein echt biblischer Zug! Wirksamer kann die Vorsehung uns nicht' anschaulich gemacht werden. Nehmen wir aber die Lesart der Septuaginta an, so ist gerade diese Hauptabsicht der Schrift völlig verdunkelt. r, Wernr übrigens man jemals den Tert; in dieser Form gelesen hätte,- dann müßte der. samaritanische Pentateuch, der gern aus Gegensatz gegen das Judentum die Lesarten der Septuaginta teilt, diese Veränderung mit verzeichnen. Gerade hier aber hat er die Fassung des massoreiischen Textes beibehalten, ein starker Beweis gegen diese Aenderung. So spricht die Geschichte des Textes, die Aestheiik in ihrer Berücksichtigung der Wirkung auf unser Gemüt und apn jrms ]V->ns — die religiöse daraus zu ziehende Folgerung gegen die neue Lesart. II. Es gibt eine Reihe von Textesänderungen der Kritiker, die sich gegen die Eigenart unseres jüdischen Gottesbegriffes richten, besonders die Strenge, womit wir jede körperliche Anschauung als Vermenschlichung Gottes fürchten und fernhalten, zu beseitigen bestrebt sind. •'■p *»39 Vs .*]*TDi Vd «ist» D’osrs mVv Dreimal im Jahre erscheine all dein Männliches vor dem Ewigen ufw., so lesen wir Erodus 23,. 17; das. 34, .23 steht das Gleiche mit'3S ns» ebenso das. 24 ’js ns nisiV ebenso Deut. 16, 6 v'sss vVff usw. imfcDpn 'rrs's nsT sVv was immer ein Erscheinen vor Gott bedeutet. Die Wörterbücher erklären bei nsi3 das Vs—'»:s ns und umgekehrt. Sehen wir uns diese Stellen im Kittel an, so . finden wir statt risn^ statt nlsnV nis^V Also nicht vor Gott e r s ch e i n e n. sondern Gott sehen. Dazu scheint ihnen das '3s ns als Objekt so gut.. zu -passen, daß sie der Gleichheit halber ’js Vs in '39 ns umgewandelt haben. Die Septuaginta hat Exodus 23, 7 die Wiedergabe des hebräischen Textes,. das entsprechende an den anderen, Stellen; nur Deut. 16, . 16 nsi'sVi', übersetzte der Grieche als wenn dort nsm in zweiter Person stünde. Die Peschitto hat srnnzalso Es fst also keine Veranlassung zu diesem starken Eingriff nicht in den Text allein, sondern in die religiöse Grundlage unseres Glaubens. Dazu bieten gerade die geschichtlichen lleberlieferungen des Judentums, die in der Bibel bezeugte Denkweise desselben dem gewissenhaften Geschich'sfyrscher gerade entgegengesetzte Winke. Wo finden wir denn, daß man Gott sehen kann? Selbst dem Moses wird der bezügliche Wunsch nicht völ'ig erfüllt »m üiSn ’3sv sV« Moses muß am Horeb sein Angesicht verhüllen, Israel bittet am Sinai, daß ihm weiterhin die Gotteserfcheinung erspart werde, msa zittert bei dem Gedanken, ein überird'sches Wesen gesehen zu haben, Jesajas fürchtet bei jener Erscheinung. Daß die Jünglinge Israels jene Got'.esersche nung hatten und dabei verschont blieben, erscheint schon in der Bibel gls ein Wunder, und die Agada bgt in rechtem Gefühl den Tod der Söhne Aarons als Folge dieses Schauens angesehen. Es ist also auch geschichtlich nicht zu billigen, wenn hier aus dem Gesehenwerden ein Schauen gemacht wird. Und daß mit diesen Ausdrücken der Untertan zum Herrscher bestellt wird, wie hier Israel vor dem Ewigen, das beweisen Ausdrücke wie Könige 18. asns asns Vs nsnn Vs msnnV Gerade für die neuen Lesarten fehlt jede Stütze. Die Folge dieser Aenderung ist eine Lockerung und Trübung unseres erhabenen Gottesbegriffes, der sich in unserem Einheitsbekenntnisse ausspricht. Es kann auch Vorkommen, daß die Tertesänderung bewußt oder unbewußt etwas Antisemi isches an f'ch hat, so daß wir doppelt und dreifach die Pflicht genauer Prüfung auf uns haben. Im Esterbuche 9, 1t?" lesen wir: Vy Tiasn iVnpj *jVan mmaa ips tnrni nscn *]Vs v'v2Vi nwan orrsnsp snm vn'2'is» niri dwpj •dt» ns inVv sV maai Das übersetzte man von jeher: „Und alle übrigen Juden, welche in den Provinzen des Königs waren, versammelten sich und standen für ihr Leben ein, um Ruhe vor ihren Feinden zu erlangen; und sie töteten von ihren Gegnern 75 000 Mann, aber an die Beute legten sie die Hand nicht." So übersetzte man seit den ältesten Zeiten bis auf Mendelssohn und noch nach ihm. Sehen wir aber die neuesten Uebersetzungen an, deren Verfasser nicht gewöhnt sind, den Wortlaut der Schrift als sicheres Gut stehen zu lassen, sondern in jeder Aufstellung neuer Lesarten eine preiswürdige Heldentat sehen, so finden wir bei Kautzsch. Kittel und Günzberg statt rmi vielmehr j „indem sie sich an ihren Feinden rächen." Woher diese Aenderung, mutz man sich fragen, die noch dazu die Juden als rachsüchtig hinstellen soll? Warum.nicht rrm? Warum läßt man ihnen nicht die Ruhe? Weil der Ausdruck Vers 22-auch oorkommt und darum den Gegenständen noch näher zu liegen scheint? Und weshalb streicht z. B. Kautzsch das mVpsVntaai Die dreimalige Erwähnung dieses Umstandes zeigt, wie wichtig es., den Juden war, sich gegen den Vorwurf der Habsucht zu schützen. Und rechtfertigen etwa die alten Uebersetzungen diese Streichung von mm Die Septuaginta (Vaticanus), die manche Sonderbarkeiten und Ungenauigkeiten gerade im Esterbuche hat, bewahrt gerade hier unsere Lesart „und sie hatten Ruhe vor ihren Feinden.." also gerade hier bestätigt sie den massoretischen Text, sie, die so oft gegen ihn als glaubwürdig angeführt wird; warum wird sie hier nicht berücksichtigt? Was ist es denn, was das rmi hier so unmöglich macht? Daß die Juden bei ihrem Verteidigungskampfe Ruhe, d. h. auch Sicherheit für ihr Leben erzielen wollten? Und auch erzielten? Daß nachher vom Kampfe die Rede ist. wodurch die Sicherheit herbeigeführt wurde, liegt doch ganz im Sinne der Sache. Und die Infinitive *nasn und rmi dürfen in diesen