Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1925)
- Date
- 1925-12-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 Seile 8 10. Dezemoer 1925 Der Israelit Das jüdisch-religiöse Leben stagniert; die Masse erfüllt getreulich die überlieferten Riten, aber, da zumeist aus Ame-Haarazim bestehend, ohne geistige Durchdringung und ohne die höhere religiöse Inbrunst, die sich erst dem Lernenden erschließt. Ihr jüdisches Wissen ist primitiv und von allerlei Aberglauben durchsetzt. Die höheren Schichten wiederum, die Besitzenden und die Intelligenz. sind vielfach völlig indifferent und schließen sich gerne der großen Internationale der Geschäftsmenschen und Genießer an. Von den modernen geistigen Bewegungen im Judentum sind diese Juden fast gar nicht berührt worden; so haben sie außer der Verbundenheit durch Glaube und Blut fast jeden Kontakt mit dem europäischen Judentum verloren. Erst in den letzten Jahren beginnt die Nähe Palästinas und die lebhafte zionistische Agitation eine langsam auflockemde Wirkung zu üben; und anderersei's ist es gerade die seelische Integrität des einfachen sefardiichen Juden, die Sicherheit feines Wesens, feine innere Gerundetheit, die Linen imponierenden Eindruck macht. In der religiösen Einfalt des fefardischen Juden, die wir, anspruchsvolle Erben eines halachisch überzüchteten Zeitalters, uns gewöhnen müssen ohne Voreingenommenheit zu würdigen, und in der Hartnäckigkeit, mit der er sein bißchen Jüdischkeit verteidigt, liegt eine Kraftquelle, die nach dem Zusammenbruch und der inneren Zersetzung des Ostjudentums von unschätzbarer Bedeutung für den Wiederaufbau des religiösen Judentums werden kann. Ich habe die gleichen Beobachtungen später in noch verstärktem Maße bei den palästinensischen Sefardim machen können. Das Erwachen der fefardischen Judenheit ist heute eine Tatsache und stellt vielleicht einen der interessantesten Vorgänge im heutigen jüdischen. Gesellschaftsleben dar. Das Verdienst daran gebührt zweifellos der Kraft der nationalen Idee, die Gefahr aber, daß die Sefardim vollständig der zionistlschen Suggestion anheimfallen, ist nicht tzroß, vorausgesetzt, daß die Orthodoxie sich ihrer rechtzeitig annimmt. Lehrreich sind in dieser Beziehung der Verlauf und dir Formen der jüdischen Renaissancebewegung in Italien. Dort ist diese Erneuerungsbewegung zwar — von geschichtlichen und literarischen Reminiszenzen als sekundärem Faktor abgesehen — vom Zionismus ausgelöst worden, aber dessen areligiöse Tendenzen hat sie bewußt abgelehnt und hat sich in ausgesprochen religiös-nationaler Richtung fortentwickelt. Dir Eindrücke, die ich in Florenz, dem Zentrum der Bewegung, in dem außerordentlich sympathischen Krebse junger Leute, der sich um die Zeitschrift „Israel" und um das Rabbinerfeminar von Florenz gruppiert, schon in früherer''Zeit gewonnen habe, unterstreichen diese Entwicklung sehr stark. Die Führer der Bewegung haben mir gegenüber oft genug erklärt, daß für sie das nationale Ideal mit dem religiösen zusammenfä'lt, und daß ein Weitergreifen der schwachen Ansätze zu einem Nationalbewußtsein der italienischen Juden, wie sie etwa in Rom, Mailand und Padua immerhin vorhanden sind, nur im engsten Bunde mit dem religiösen Gedanken denkbar sei. Wir müssen diese Erscheinungen an den Peripherien der Judenheit heute wachsamer denn je beobachten. In dem ungeheuren Umkagerungsprozeß, der heute im jüdischen Volke vor sich> geht und dessen Endentwicklung wir noch gar nicht zu überblicken vermögen, sind vielleicht gerade die Länder, die bisher im.Schatten der jüdischen Geschichle gestanden haben, berufen, eine bedeutsame Rolle zu spielen. Schwerpunkte verrücken sich, und Hegemonien wechseln; und ob das Mittelmeerbecken seine einstige Bedeutung für die Juden wiedergewinnen wird, ist eine Frage, die man jedenfalls aufzuwerfen berechtigt ist. Das ägyptische Judentum ist nun aber auf dem Wege, langsam die Stellung wieder einzunehmen, die es in der Kolonie von Alexandrien schon zur Zeit des zweiten Tempels besessen hat: nämlich die eines jüdischen Vorpostens von Palästina. Die räumliche und politische Nähe Palästinas und die noch gar nicht ausgenutz'en immensen wirtschaftl'chen Mög ichkeiten des Landes (man bedenke, daß Aegypten außer der Tabakoerarbei'ung fast keine nennenswerte Industrie hat!) sind die beiden Faktoren, die diese Entwicklung begünstigen. Die Entfernung von Jaffa bis Kairo entspricht ungefähr der Strecke Frankfurt-Berlin; wenn die geplante Luftverbindung zustandekommt, wird man die Reise von Palästina nach Aegypten in drei bis vier Stunden bewältigen können. Das Land ist in industrieller Hinsicht ein ganz unerschlossenes Gebiet (das klassische Land der Baumwolle besitzt keine einzige Spinnerei), es mangelt ihm nicht fo sehr an Kapital wie vor allem an Initiative. So liegt die Vorstellung von 'einer jüdischen Siedlung in Aegypten, die die reichen wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes ausnützt und dabei doch im Bereiche des kulturellen Einflusses von Erez- Israel bleibt, durchaus keine Phantasie. Das heutige jüdische Leben in Alexandrien entspricht nun zwar weder diesem Zukunftsbild noch dem der Vergangenheit, wie wir es aus den talmudischen Quellen her kennen, entbehrt aber trotzdem nicht einer gewissen Intensität. Die jüdische Gemeinde von Alexandrien, die „communita", in der als freigebiger Mäcen der Baron Menasche an erster Stelle steht, verfügt über eine Reihe von Synagogen, Schulen, Krankenhäusern und anderen Wohlfahrtsanstalten, die jeder anderen Gemeinde zur Ehre gereichen würden. Die Synagogen unterscheiden sich nach Riten und nach den Herkunftsländern der Beter. Unweit von meinem Hotel, an einem breiten Boulevard, steht die Synagoge der „Frenken", der spanischen Juden, in friedlicher Eintracht unmittelbar neben der englischen Church. Die Hauptsynagoge ist die „Knesset Elijahu" oder Eliohu-Hanowi-Schul, w.e sie von den aschkenasischen Juden genannt wird (der Prophet Elijahu soll einst, einer Sage zufolge, an dieser Stelle übernachtet und gebetet haben). Es ist die .ursprünglich älteste Synagoge der Stadt, ist aber in den siebziger Jahren vollständig umgebaut und in einen modernen Prunkbau nach europäischer Art mit Marmorsäulen, kunstreichem Gestühl und einem überaus kostbaren Thoraschrein verwandelt worden; auch die Inneneinrichtung, die Anordnung der Sitzreihen und der Frauenschul ist der aschkenasischen Bauweise angepaßt. Ein gepflegter Garten mit sorgsam abgezirkelten Beeten trennt die Synagoge von der Straße. Als ich hintomme, ist gerade eine Trauung zu Ende. Eine kindlich-junge Braut tritt langsam die Stufen hinab, weißgekleidete Mädchen tragen Kerzen in der Hand, einige junge Dandys, offenbar Brüder oder Schwäger, lassen wichtigtuerisch die Wagen Vorfahren, Gäste und Gaffer füllen den Platz. Zur Rechten ist das Haus der Gemeindeverwaltung. Im Vorzimmer sitzt ein uralter Sofer mit langem Bart und Schläfenlocken und beschreibt kal.igraphisch ein Blatt Papier. Talmudfolianten liegen herum, aber sie sehen aus, als wenn sie schon seit vielen Jahren so dalägen, und sie seither noch jemand aufgeschlagen hätte. Aus dem Nebenzinnner dringt die aufgeregte Stimme des Gemeindebeamten, der sich mit einem Besucher (französisch) unterhält. Alles macht einen verschlafenen, fast etwas verkommenen Eindruck. Man sagt mir, daß der Chacham verreist ist, es hat also keinen Zweck, ihn aufzusuchen. Statt dessen will ich die Allianceschule besichtigen, deren prächtiges Gebäude sich auf der andern Seite, links von der Synagoge erhebt. Der Kurator, der Anstalt, ein reicher Alexandriner Gegenfüßlern die Nacht, unserem Sommer, ihr Winter, entspricht und so fort. Hat Gott so für die Allgemeinheit ein völliges geistiges Versinken unmöglich gemacht, so hat er gleichzeitig vor hoffnungsloser Versündigung auch jeden einzelnen Menschen gerettet. Diese schöne Deutung gibt Hirsch dem znm Zeichen des ewigen Bundes gewählten, übrigens nicht notwendigerweise jetzt erst in die Erscheinung getretenen Regenbogen. So wie in ihm das weiße, volle Licht zerlegt erscheint in die vielen, farbigen Strahlen vom hellen, wenigst gebrochenen Rot bis ins Dunkel verschwimmenden, meist gebrochenem Violett und alle diese Farben im Prisma sich wiedersammeln zum einheitlichen Tageslicht, ebenso umsänflt die göttliche Erleuchtung alle mannigfaltigen Schattierungen seiner Gefchöp'e vom Hell-Durchgeistigtsten begonnen, wie es ein jeder bin (bin .= Rot. bin — Bvm nrav — Stellvertreter Gott auf Erden) fein sollte, dis zum lichtfernsten Erdensohne, läßt ihm auch beim tiefsten Falle ein wenn auch noch so dumpfes Bewußtsein seiner Göttlichkeit unb verleiht idm somit die Macht jederzeitiqen Aufstiegs. Mit diesem echtjüdischen. unbesteglichm Optimismus trägt diese Allegorie den Kern de: Wohrkeit in sich. ^o^hat uns H. ein monumentales Gedankengebäude aufqeführt, neben dem schweren Fudament von Talmud und Philosophie das Mosaik der modernen Naturwissenschaften benutzend und kunstvoll y'e unscheinbaen Sternchen grammatikaler Detailsorschung einsügend. sodaß Niemand die Größe der in einheitlichem Guß dastehenden genialen Konstruktion bestreiten wird, und Einwände gegen Einzelheien dies Gebäude im Ganzen nickt zu erschüttern vermögen. Hirsch selbst will mit seinem Forschungssystem keineswegs letzte Wahrheiten geben, sondern nur wegweisende Deutunasmöglickkeiten. So wird auch Herr Lehrer F. zu seinem Recht kommen mit seinen Forderungen für den Unterricht, da er seinen Schülern nunmehr logisch aufgebaute Gedankengänge bieten kann, die ihnen zugleich eine wertvolle Lebensanfchauung geben und ein schönes, jüdisches Selbstbewutztsein empflanzen, Thoratreue mit Thorastolz. — Es wäre ganz gegen den Geist eines S. R. Hirsch Vs:, hierin eine Widerlegung" des Herrn F'schen Artikels sehen zu wollen, alle Druschim, wenn sie nur im Geiste der Thora gedacht find, find richtig, alle bringen Gewinn durch Anregung zu immer eingehenderem Thorastudium, alle fördern trotz Streites der Melnunaen den wahren Bi^D- So möchte ich denn schließen, wie Hirsch sein Vorwort zu seinem Kommentar schließt: mn*> wp twim iij?1?« n Bjna 'N'i- Kleines Feuilleton. Ein verpöntes Lhanuckahlied. In älteren Sidurim findet man zuweilen neben dem allbekannten -ns ny» noch ein weiteres für v2in m» insbesondere bestimmtes Lied. Es hat fünf Strophen mit verschränktem Reim und eine Refrainstrophe. Es beginnt 0221 v^ivi d'khz?» 1^28 und der Refrain lautet:! N25N *)11ltf> 112 tV>2 112Vt> 1127M 1127511 112 IVO 'Kn 'NN Ins Deutsche übersetzt finden wir es in Brülls Jahrbuch Bd. V. folgendermaßen: 1) Laßt heut das Mahl euch schmecken, Süß Mehlwerk gebacken sein. Mit Braten den Tisch euch decken Chanukah-Sabbat muß es so sein. Refrain: Was da ist in Feld und Haus Verkaufs und schaff nur Geld herbei. Das Geld verbrauch zu reichem Schmaus Der gibt dem Fest die Weih! 2) Die Kapaunen gemästet Gebraten am Spieß,! Am Feuer geröstet, - So einen genieß. Refrain. 1 3) Die gute fette Speise» 1 Die Kuchen so süß, so frisch. Mit lautem Amen preise So einen leckeren Tisch. Refrain. 4) Schweigt mir vom Wasser, Das dem Brunnen entquillt. Der Wein ist sein Hasser Der den Durst mir heut stillt. Refrain. 6) Lasse dem Wasser seine Flut, Mag rauschet sie im Quellengrund, In Strömen nur fließ' Traubenblut, Darnach wässert uns der Mund. Refrain. Man hat völlig mit Recht dieses Lied aus dem Gebetbuch gestrichen. Denn es ist in der Tat gar kein religiöfes, sondern ein durchaus weltliches, ein direktes Zechlied. Entstanden ist dieser Sang, dessen Verfasser man nicht kennt und der sich akrostichistisch Abraham nennt, voraussichtlich im 14. Jahrhundert und in Deutschland. Berliner bemerkt, daß man das Lied im spanischen Ritus für das Purimfest variiert findet. \ Gleich als das Lied aufkam, protestierte der bekannte Hallenser Rabbi Abraham Kohen dagegen, weil tzr mit R. Meier von Rothenburg der Ansicht war, die Chanukkasabbatmahlzeit gilt nicht als spezielle ituhj»