Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1925)
- Date
- 1925-11-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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19: -November« 1925 Unterschied nach Rang, nach Herkunft, nach Vermögen und Bildungsgrad, Wir . sind in der Aguda-Jugendorganisation zu einer volkstümlichen Vereinigung zusammengeschlossen,in der alle Stände und Schichten aus Stadt und Land vertreten sind und in der jeder Einzelne sich mit besonderem Stolz als -Glied dieser groben Familie fühlen mutz. Selbstverständlich müssen die Gruppen bei Veranstaltungen lokaler Feiern, wie zu Chanuko, Purim usw. mit Material so gut als möglich unterstützt werden und gerade diese Feiern sind es auch, die insbesondere auf dem Lande eine überaus dankbare Aufnahme finden und den Lebenswillen einer ganzen Gemeinde und die Schaffensfreude für deren Institutionen bedeutend stärken können. — Es darf nicht sein, daß die jüdische Iugend in Stadt und Provinz in Ermangelung anderweitiger jüdischer Betätigung Abwegen zusteuert und ihre Lebensweisheit aus Cafe- und Gasthäusern holt: wir in der A. I.,I. O.. wollen es nicht dulden, dah jüdische Mädels sich dem Müßiggang hingeben und vielleicht jene als die kultivierterem ansehen, die sich immer der neuesten Kleidungsmode unterwerfen, oder, am besten Zigaretten rauchen können, was doch in, so vielen Fällen dem ästhetischen Empfinden und gewiß jüdischer Schicklichkeit nicht entspricht. Vielmehr wollen wir uns bewußt und freudig der Führung unserer Alten unterstellen und uns gemeinsam von ihnen an die Quellen hinführen lassen, aus denen allein der Jugend jüdische Lebensfreude, und wahre Lebenskraft entgegensprudeln. Und weil wir aber auch wissen, daß die schaffende und strebende Iugend gerade in unserer Zeit mit einem gediegenen Wissen ausgestattet sein muß, weil es ein dringendes Bedürfnis ist, ihr in den wenigen Mußestunden, die der Kampf des Alltags gewährt, einen wirklich erfrischenden ■ Genuß zu bieten, deshalb müssen wir Wanderbibliotheken schaffen, mit guten, wahrhaft künstlerischen jüdischen und auch profanen Werken, die einen edlen Ersatz geben sollen für alle sonstigen Gelegenheiten des Zeitvertreibes. Es mag gewiß auch nicht unnötig erscheinen, der Jugend in Stadt und Land auch solche Schriften besonders in die Hand zu geben, die sie auch vom Standpunkt des Judentums aus über die Gesunderhaltung des Körpers aufklärt, und es mag in diesem Zusammenhänge angebracht erscheinen, wenn wir unsere jüdischen Aexzte bitten, gerade jetzt in der Zeitströmung der sexuellen Verirrungen uns ihre Mitarbeit zuzusichern und durch persönliche Aufklärung d i e Gefahren von der jüdischen Jugend mit abwehren zu helfen, die nicht zuletzt aus der Geselligkeit unserer „modernen" Umwelt sich so häufig ergeben. — Damit iomme ich zum Schlüsse. M. D. u. H.! Ich bin mir wohl bewußt, daß meine Ausführungen zum Teil gewiß geeignet sind,, 'die Tätigteitsgrenze und den Aufgabenkreis einer Jugendorganisation zu .überschreiten. Jedoch im Hinblick auf die Bedeutung der vorliegenden Materie und in Berücksichtigung der Tatsache, daß gerade damit der Blick der Iugend für dire Beurteilung jüdischer Fragen sich bedeutend weitet und ihr die Möglichkeit gibt, sich schon frühzeitig zu verantwortlicher Mitarbeit im Klall zu erziehen, darum wollen wir gerade am Aufbau unserer Landgemeinden beweisen, daß auch die Iugend wohl in der Lage ist, über ihre eigenen Bestrebungen und Aufgaben hinaus, auch dem Leben der Gemeinde wertvolle Dienste zu leisten. Und aus dieser Pflichterfüllung heraus leitet die Jugend für sich auch ein Recht ab, und dieses Recht besteht in der bescheidenen, aber unbedingt begründeten Forderung, in der Gemeinde an mitbestimmender Stelle auch entsprechend vertreten zu sein. — Wir wollen hierbei nicht auf die Verhältnisse in den ländlichen Gem.eindestuben emgehen, denn dies würde ein Kapitel für sich bedeuten, das wir,,, vielleicht gelegentlich , einmal an anderer .Stelle prinzipiell.behandeln Mnnen. .Meri has Der I s r oeit t _ Blätter__ eine dürfen wir denn doch erwarten, daß unsere Jugend draußen in ihrem Streben nach Besserung und Veredlung der Verhältnisse, in den Gemeindeberatungen nicht unberücksichtigt bleibt, daß vielmehr ihre Wünsche wohlwollend mit Interesse geprüft werden — selbst auf die Gefahr hin, daß jugendliche Heißsporne manchmal die Zugel verlieren und alles das, was sie auf dem Herzen tragen, in sachlicher, wenn auch ungeschminkter Weise zum Ausdruck bringen. Man bedenke, daß die Jugend unserer Generation Jahre größter Ereignisse hinter sich hat, daß wir im. Weltkrieg und im nachfolgenden Wirtschaftskampfe eine harte Schule mitmachen mußten, die uns aber auch für die Zeit jetziger Nöte gewappnet und gestählt finden muß. Keine Iügendgeneration kann so wie die unsrige behaupten, in einem Jahrzehnt wie dem letzten solche Lebenslehre erfahren, solch Gewaltiges und Erniedrigendes zugleich mit Auge und Geist gesehen zu haben — und alles in der Stunde des Reifwerdens. Und wie wir aufzuzeigen versuchten, griff dieses Schicksal mit unerbittlicher Kraft und rauher Hand auch in die friedlichen Stätten jüdischer Gemeinschaft ein und gibt uns damit zu denken, daß auch wir gleichsam ein Stück der Schuld auf uns geladen haben mutzten, daß dieses göttliche Strafgericht über die Menschheit hereinbrechen konnte. Wer heute die Welt betrachtet, der fühlt und sieht es: wir stehen an einer riesigen Umwälzung der menschlichen Gesellschaft: wir stehen an einer Zeitenwende und erleben den Anbruch einer neuen Weltenordnung. Und da taucht auch für uns das gleiche Problem wie für Berufsorganisationen auf, und die Frage drängt zur Beantwortung: wie muß der künftige Führer sein um den neuen Aufgaben, die die Zeit dem Landjudenlum gebracht hat, und noch weiterhin bringen wird, in vollem Maße gerecht werden zu können? M. D. u. H.! Die Beantwortung dieser Frage hieße so viele Meinungen widergeben, als sich Köpfe damit beschäftigen. Aber eines wollen wir denn doch festhalten: Führer müssen in heutiger Zeit und in Zukunft in erster Linie volkstümlich sein; nicht nur die Massen nach einer bestimmten Richtung, wie bei uns zur Tauroh, hinleiten, sondern auch im Volke und mit dem Volke leben, seine Freuden und Schmerzen teilen; nicht nur ein Amtsverhältnis seiner Person zur Gemeinde schaffen, sondern auch ein solches unbegrenzten persönlichen Vertrauens zu jedem einzelnen. Der Führer wird deshalb den meisten Erfolg erzielen und den größten Einfluß auf seine Gemeinde gewinnen, der neben der geistigwissenschaftlichen und berufstechnischen Fähigkeit, sich besonders in die Psyche seiner Leute einsühlen kann. Und die Psyche des deutschen Landjuden ist wahrlich nicht so einfach zu verstehen, und es gehört schon viel Geschicklichkeit und Menschenkenntnis, eine große Pflege der Arewus-Gedankens dazu, bis der Führer sich den Weg zu den meist sehr verschlossenen Herzen seiner Gemeindemitglieder gebahnt hat. Ist er aber einmal so. weit, dann wird, es sich beweisen, daß auch in Zukunft auf dem Lande eine Tätigkeit sich entfalten läßt, die in jüdischer Hinsicht sich großer vergangener Zeit würdig anreihen wird. Dann wird es nicht mehr möglich sein, daß jüdische Menschen ihre Streitsache vor das öffentliche Gericht bringen, sondern dann wird — wie einst — nur das Bels din in seiner alten Autorität als maßgebend wieder anerkannt werden und nicht mehr wird es Vorkommen, daß kleine, von jeglichem Opfergeist verlassene Gemeinden daran gehen können, in pietätloser Weise ehrwürdiges Kehillogut, ihre oft kostbaren Kle'i kaudesch als Handelsobjekt zu veräußern, sondern alles wird sich dem. Willen und den Ratschlägen solcher geistigen Gemeinde- und Distriktsführer gerne unterordnen und somit ein neues Zentrum echtjüdischen Lebens auf altem Boden errichten. Diesen! höchsten unserer Ziele streben wir zu. Um es zu verwirklichen, ruft die gesetzestreue Iygend Deutschlands alle ehrlich denkenden Nr. 23 Seite 3 jüdischen Menschen auf, gemeinsam mit ihr unter Hmtanstellung aller politischen Gegensätze das Werk der Wiedererstehung unserer Klein- und Mittelgemeinden in Angriff zu nehmen und durchzuführen. Wenn wir jetzt in diesen Jahren der schweren Krisen uns dazu aufraffen können, mit eiserner Energie den Berg vorhandener Hemmungen und Schwierigkeiten zu erklimmen,' wenn ihr Akademiker mit euren wissenschaftlichen Kenntnissen und eurem Idealismus die Grundlage zur geistigen, zur echtjüdisch-kulturellen Gesundung schafft und ihr mit eurem Wissen auch eine Generation der überzeugten Tauroh- Treue heranbildet; wenn ihr Kaufleuie mit dem Erwerb eures Vermögens auch immer einen bestimmten Teil für euer Judentum willig und freudig opfert, wenn ihr mit eurer praktischen, nüchternen Auffassungsgabe mithelft, alles nutzbringend und für die Gesamtheit segenspendend anzuwenden: wenn ihr Alten mit eurem abgeklärten Urteil und eurer gesammelten Lebenserfahrung die Dinge in ein richtiges Verhältnis zueinander bringt und ihr Jungen mit eurem Schwung und eurer Vegeisterungsfähigkeit dem gnazen die nötige Stoßkraft verleiht, — dann glaube ich, wird unser Volk doch allmählich wieder Mut und Kraft gewinnen, treu seiner alten Aufgabe, Gottesbote und Menschheitsführer zu sein und von Zions Bergen wird der Geist der Tauroh von neuem seinen Siegeszug durch die Welt antreten, dem wir, die jüdische Iugend, heute schon als Herolde vorauseilen wollen. Deshalb mag dies unser Geleitwort sein: Wir sind die Pfeiler künftiger Welt „Was soll bestehn, wenn der Pfeiler nicht hält?" Bedenkt und erkennt: Wer sich aus unserer Reihe trennt, Bringt den Vau ins Wanken und Schwanken. Drum einig im Willen und eins die Gedanken! Jeder Pfeiler trägt schwere Last. Ohne Ermüden und ohne Rast, Heißt sein Sinn doch Stützen und Halten Gegen Stürme und Sturmgewalten! Grad oder schief, Hoch oder tief: Der Zukunft Tempel wird sich fügen Wenn nur die Pfeiler dem Bau genügen. So fügt euch ein Stern für Stein! Und stützt und hebt und haltet stand — Wir tragen die Zeit! Wir tragen das Land! Die Oelegakion der Agudas Israel beim Oberkommissar. Jerusalem, 5. November. Am 22. Oktober wurde eine Delegation der Agudas Jisroel vom Oberkommissar empfangen, bestehend aus Oberrabbiner Sonnenfeld, Rabbi Mosche K l i e r s, Rabbiner in Liberias, Rabbi M. L. Bernstein, Vorsitzender des Waad Sjair der Aschkenasim, IRabbi Iungreis, Rabbi Mosche Blau, Rabbi Gabriel Rodziner, Vorsitzender der. Aguda in Safed, Herrn M. W o i d i s l o w s k i als Vertreter der Aguda in Haifa, Varuch Pfenigstein von der Aguda in Tel-Awiw- Jaffa und Dr. Robert Weiß, Leiter der Wirtschaftlichen Zentrale der Agudas Jisroel in Tel-Awiw. Oberrabbiner Sonnenfeld begrüßte den Oberkommissar und gab der Hoffnung Ausdruck, daß unter seiner Regierung all die Ideale des Friedens und der Freiheit, besonders der Religions- und Gewissensfreiheit, die England in der Welt verbreitet, voll in Erfüllung gehen mögen. Der Oberkommissar dankte und sprach seine Freude aus, sich einmal klar von Mann zu Mann und Mund zu Mund über die Forderungen und Wünsche der einzelnen Strömungen zu orientieren, um jedem zu seinem Rechte verhelfen zu können. Rabbiner Jungreis präzisierte nun alle Forderungen der Gesetzestreuen für die Gegenwart, Rabbiner Blau nannte dann die Wünsche bezüglich der weiteren Gestaltung des Gemeindegesetzes, ebenso bezüglich der Zertifikate und der Anerkennung der Aguda-Jnstänzen in Europa. Darauf übereichte Rabbiner Blau auf Wunsch des Oberkommiffars das fertige Memorandum, mit der' Versicherung, daß die<M)riftlichen Forderungen