Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1925)
- Date
- 1925-11-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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19. November 1925 Kwespondeiizeit « vicdncdtea Reieh. Die Demission des Iustizrak Alakower. Berlin, 12. November. Infolge der Beschlüsse des Engeren Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hat das Milglied des Engeren Rates und der Vorsteher der Berliner Jüdischen Gemeinde, Justizrat Felix M a k o w e r, seine beiden Aemter, sowohl im Landesverbandsrat als auch in der Jüdischen Gemeinde,, niedergelegt. Es handelt sich, wie der I. T. A.-Vertreter erfährt, um die Verteilung der Dezernate, die nach der Auffassung des Justizrat Makower unzweckmäßig und in einer den Aufgaben des Vorstandes nicht entsprechenden Werse erfolgt sei. Im Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde wird Justizrat Makower aller Wahrscheinlichkeit nach durch das bisherige, stellvertretende Mitglied des Gemeindevorstandes, Medizinalrät Dr. S e l i g m a n n, ersetzt werden. Aberkennung des Rechtes getaufter Juden auf die Synagogensihe. Budapest, 2. November. . Im Jahre 1858 wurde eine der größten Synagogen der Welt, der Tempel in der Tabakgasse in Budapest, erbaut. Ein großer Teil der Nachkommen der Gründer gehört nicht mehr dem Judentum an. Im Jahre 1921 hat der Vorstand der, Budapester Kultusgemeinde den Beschluß gefaßt, daß die Tempelsitze solcher Besitzer, die aus dem Judentum austreten, ipso jure an die Kultusgemeinde zurückfallen. Gegen diesen Beschluß strengten einige der getauften Juden einen Prozeß an, indem sie die Anerkennung ihres Besitzrechtes an ihren alten Tempelsitzen verlangten. In einem dieser Prozesse, der dieser Tage stattfand, wurde die Klage der Getauften mit der Begründung zurückgewiesen: es lag nicht in den Intentionen der Gründer des Tempels daß ihre Nachkommen, wenn sie der Religion ihrer Väter den Rücken kehren, die Tempelsitze behalten. Die ungarische Judenheit gegen Numerus clausus, aber auch gegen auswärtige Einmischung. Budapest, 10. November. Der Vierziger-Ausschuß der Budapester Israelitischen Kultusgemeinde beschäftigte sich am 9. November in einer vertraulichen Sitzung mit der Frage des gesetzlichen Numerus clausus in Ungarn. Der Ausschuß faßte den Beschluß, die vom Foreign Comittee des Jewish Board of Deputies (Komitee für auswärtige jüdische Angelegenheiten des jüdischen Deputiertenrates) in England an den Völkerbundsrat in der Angelegenheit des Numerus clausus in Ungarn gerichtete Petition nicht zu unterstützen, jedoch daran festzuhalten, daß der Numerus clausus an den ungarischen Hochschulen vollkommen unvereinbar mit den kulturellen Bedürfnissen des Landes sei. Die Kultusgemeinde wird in der nächsten Zeit mit einer mächtigen Propaganda für die Aufhebung des Numerus clausus beginnen. Die Landeskanzlei der Israelitischen Kultusgemeinden Ungarns gibt soeben bekannt, daß für den. 22. Novemoer eine Tagung der Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinden Ungarns einberufen worden ist. Die Vertrctertagung wird zu der Frage der ausländischen Einmischung in die Numerus claujus-Angelegenheit, insbesondere zu der Petition des englisch-jüdischen Komitees bcim Völkerbund, Stellung zu nehmen haben. psleir. Fortsetzung des Zeugenverhörs im Steiger- Prozeß. Lemberg, 11.. November. Nach zweitägiger Pause wurde das Zeugenoerhör im Prozeß Steiger wieder ausgenommen. Zu Beginn der ^ls;ung teilt der Gerichtsvorsitzende mit, daß eine Reihe Vorschläge der Verteidigung abgelehnt wurde. Bernard Ullrich, Dr. Tobias Rapp und Siegmund Der I s r a e l i t Schor, alles Kollegen Steigers, schildern ihn als ruhigen, ausgeglichenen Menschen, der nie mit Kommunismus zu tun hatte und vor allem tief religiös war. * * * Das Zeugenverhör soll in wenigen Tagen zu Ende geführt werden. Man erwartet, daß das Urteil schon am 24. November gesprochen werden wird. In Warschauer Regierungskreisen scheint man aber anderer Ansicht zu sein; dort nimmt man an, daß der Prozeß unterbrochen werden wird, um die in vieler Hinsicht unvollkommene Voruntersuchung zu ergänzen. Die diametralen Widersprüche zwischen den Aussagen des Kommissars Lukomski und Swolken, Suchenik und Sawicki hätten eine Ergänzung der Voruntersuchung notwendig gemacht. Inzwischen nimmt die antisemitische Hetze in Lemberg überhand. Der Hauptverteidiger Dr. Greck, bekanntlich ein Christ, erhält anonyme Briefe, in denen ihm mit dem Tode gedroht wird. Eine neue Velastungszeugin haben sich die Anti-' semiten in Frau L e d l aus Wien verschrieben, die alles gesehen haben will und nichts zu beweisen vermag. Der Vorsitzende veranlaßte nun, daß die Zeugin Ledl der Pasternak gegenübergestellt werde. Beide Zeuginnen tragen dieselbe Kleidung wie am Tage des Attentats. Die Pasternak tut anfangs so, als ob sie die Ledl überhaupt nicht kennen würde. Es war aber schon dem Gericht und den Geschworenen bekannt, daß die beiden Zeuginnen in der gestrigen Pause längere Zeit miteinander gesprochen haben. Die Pasternak erklärt anfangs, es sei möglich, daß Frau Ledl damals neben ihr gestanden habe, sie erinnere sich an etwas ähnliches. Bald jedoch erklärt sie kategorisch, sie erinnere sich ganz genau, daß Frau Ledl die ganze Zeit neben ihr war. Verteidiger Dr. Greck erinnert die Pasternak daran, sie habe während der Konfrontation mit dem Zeugen Katz vor etwa zwei Wochen versichert, es sei keine Frau in der Nähe gewesen, sondern einzig und allein Männer. Die Pasternak bestreitet erregt, es gesagt zu haben. Die Protokolle enthalten aber die Aussage. Ermäßigte Paßgebühren für Palästina-Wanderer. Warschau, 1. November. Das Staatliche Emigrationsamt teilte dem Palästinaamt mit, daß sämtliche Palästinawanderer, sowohl Chaluzim als Kapitalisten, privilegierte Auslandspässe gegen eine Gebühr von nur 20 Zloty erhalten. Wahlniederlage der jüdischen Parteien in der Tschecho- Slowakei. Vratislawa, 16. November. Wie Skeptiker voraussagten, hat weder die nationalistische „Jüdische Partei", noch die orthodoxe „Jüdische Wirtschaftspartei" auch nur ein Mandat erlangt, da keine der Parteien die erforderliche Mindestzahl von 20 000 Stimmen in einem und demselben Wahlkreis erhielt. In Karpathorußland erzielten die Nationalisten 19 000, die Orthodoxen 12 000 Stimmen. An sich hätten die 100 000 Stimmen der Juden im ganzen Lande für fünf, Mandate ausgereicht. Wie man die jüdische Stimme umwirbt. M u n k a c e w o, 11. November. Die offiziellen Kreise in Karpathorußland führen einen scharfen Kampf gegen den vereinigten Wahlblock der jüdischen Parteien und suchen auf die jüdischen Wählerkreise einen Druck auszuüben, daß sie am 16. November ihre Stimmen nicht den jüdischen, sondern den tschechischen Kandidaten geben. Beamte kommen sogar bis in die kleinsten Dörfer und drohen den jüdischen Wählern, daß sie, wenn sie ihre Stimmen den jüdischen Kandidaten geben, dem wirtschaftlichen Ruin verfallen werdest. Innerhalb der jüdischen Wählerschaft herrscht über diese Beeinflussung große Entrüstung. Es wurde an: die Prager Regierung telegraphiert und gebeten, dem Druck der Beamten ein Ende zu machen. Das Magyarische Organ „Pragai Mag Hirlap" erinnert die jüdischen Wähler daran, daß sie zur Zeit der ungarischen Herrschaft gute Magyaren waren und daß sie auch jetzt den ungarischen Kandidaten ihre Stimme geben sollten. Die offiziöse' „Ceskofl Republike" polemisiert gegen das magyarische Organ und weist die Juden darauf Nr. 47 Seite 5 hin, daß Ungarn gegenwärtig das Land des offiziellen Antisemitismus ist und daß die Rässenschützler geradezu einen Aüsrottungskampf gegen die jüdische Bevölkerung Ungarns führen. (I. T. A.) Setzwei;. 7Nr. Ormsby'Gore zur Balfour-Deklaralion. Genf, 2. November. Aus Anlaß der achten Wiederkehr des Jahrestages der Balsourdeklaration befragte der Vertreter der Jüdischen Telegrasen-Agentur in Genf den an diesem Tage in Genf weilenden britischen Vertreter, Unterstaatssekretär für die Kolonien Ormbsby-Gore, über feine Ansicht betreffs der Zukunft Palästinas. Mr. Ormbsby-Gore, der eben im Namen der britischen Regierung der Mandatskommission des Völkerbundes Bericht erstattet hatte, sagte ungefähr: Viele Palästina betreffende politische Fragen können gegenwärtig nicht öffentlich diskutiert werden. Die Zeit ist noch nicht reif für eine abschließende politische Prognose. Aber eines muß gesagt werden — insbesondere muß dies am achten Jahrestag der Balfourdeklaration betont werden — daß die britische Regierung an der. Balsourdeklaration unverbrüchlich festhält und an keine Aenderung ihrer Politik in Palästina denkt. Die Beziehungen zwischen Arabern und Juden haben sich gebessert. Es ist mir eine Freude, sagen zu können, daß jüdisches Kapital und jüdische Arbeit Palästina reich gemacht haben und daß die jüdische Einwanderung ihrem Wesen nach gesund ist. Natürlich muh sich die jüdische Einwanderung den ökonomischen Bedingungen anpassen, um eine Krisis, die zu unerwünschten Folgen führen könnte, zu vermeiden. tfvatttve iclj* Hauptversammlung der Jca in Paris. Paris, 1. November. Dieser Tage wurde, in Paris unter dem -Vorsitz des Präsidenten Franz Philippson die Hauptversammlung der Jewish Colonisation Association (Jca) abgehalten. Nach Erstattung des finanziellen Berichtes hielt Herr Philippson eine Ansprache, in der er u. a. ausführte: In Argentinien leben auf einer Landfläche, wo 1890 kaum tausend Juden wohnten, gegenwärtig dank der Entwicklung der Unternehmungen der Jca etwa 200 000 jüdische Seelen in den besten Berhöltnissen in Städten und Kolonien. Anders in Brasilien. Dort stören politische Unruhen seit einigen Jahren die normale Entwicklung unseres Werkes, insbesondere in der Kolonie Ouatro-Jrmaos. Doch waren die Verluste bloß materieller Natur, Menschen kamen nicht in Frage. In Kanada war das Jahr 1924 kein gutes Erntejahr. Trotzdem konnten die Kolonisten ihre Ratenschulden zahlen. Es existiert heutzutage in Kanada eine jüdische landwirtschaftliche Gegend, die eine bedeutende Zahl neuer jüdischer landwirtschaftlicher Immigranten aufnehmen kann. Die neuen Einwanderer werden in Kanada religiöse und kulturelle Institutionen vorfrnden, die ihnen eine große Hilfe sein werden. Im Jahre 1924 sind 5746 Juden in Kanada eingewandert; nur acht jüdische Einwanderer wurden zurückgewiesen. Philippson berichtete noch über die Aufbauarbeit in Palästina und in den Ostländern. Jahres-Tagung der Alliance Jsraelile Universelle. P a r i s, 8. November. Dieser Tage wurde in Paris die Jahresversammlung des Zentalrates der Alliance Jsraelite Universelle abgehalten, in welcher ein ausführlicher Bericht über die Arbeit im vergangenen Jahre erstattet und die Wahlen für das Jahr 1925/26 oorgenommen wurden. Herr Sylvain Levi wurde zum Präsidenten wiedergewählt, zu Vizepräsidenten wurden Dr. Arnold Netter und Herr Eugene See, zum Schatzmeister Herr Raoul M o n t e f i o r e gewählt. Der Bericht bespricht den ungarischen Numerus clausus, den antisemitischen Terror in Rumänien, die Lage in Polen, Litauen, Bulgarien und Griechenland. Sylvain Levi, der längere Zeit in Sowjetrußland weilte, benutzte die Gelegenheit um die Lage der dortigen Juden zu studieren. Die jüdische Religion ist keinen besonderen Verfolgungen/ausgesetzt, sie wird gleich den anderen Religionen Ngchi dem Grundsatz „Religion ist Opium für das Volk" behandelt. Die breite Masse der Juden, die religiös gesinnt ist, leidet darunter, daß die religiöse Erziehung der Kinder behindert wird. Die Entwicklung des Judaismus stagniert, die materielle Lage der jüdischen Ge-