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Der Israelit · 1925-11-19 · Heft 47 (19.11.1925) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 47 (19.11.1925)
Date
1925-11-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 47 die unser Zeitalter bewegen, gründlich, detailliert und enthusiastisch zugleich, auszuklären und im Sinne unserer Ueberlieferung zu überzeugen, ohne ihn je auch nur mit einem Fuße vom Boden des Heute hinwegzuziehen. Diese Anforderungen an ein Homilienbuch sind keine kleinen. Sie bedeuten nichts weniger als tiefe religionsphilosophische Belehrung in homiletischer Gestalt. Man wird ein solches Ziel für eine Utopie halten. Und doch liegt ein solcher Kommentar mir vor. Es ist das Buch: „Chochmoh im Nachloh" des Rabbiners Dr. H. Klein der Charlottenburger Adaß Jisroel-Synagoge.*) Der Verfasser möchte uns, entsprechend seiner echt lamdonischen Bescheidenheit, in der Vorrede glauben machen, es handle sich um eine der üblichen Drusch-Sammlungen, und wohl zu diesem Zwecke widmet er diese Vorrede nicht programmatischen, sondern fast nur ^en rein menschlichen Betrachtungen. Doch kann ich den Grundton des ganzen Werkes hier nicht besser schildern, als indem ich me Erklärung Kleins zu dem bekannten Gleichnip *p:s5r ns ’öspöi '2!?wiedergebe. Dem kalten, doch klarstrahlenden Monde, der nicht gemeinsam mit der erwärmenden und belebenden Sonne die Welt regieren wollte, rief der Schöpfer zu: „Geh D u und verkleinere Dich!" So müsse auch der klaren, kalten Forschung, wenn sie das sonnenwarm zu Gott emporsehende Fühlen des Menschen entrechten und zerstören will> zugerufen werden: „Unterwirf Du Dich!" Doch Unterworfen strahlt weiter das Mandenlicht des Denkens, um aus nächtlicher Stille Gottes Walten zu erkunden. Interessant ist auch (ra) die Herleitung des Wegestaubkultes aus dem Nomadenleben und Lief lebenswahr die auf Hirsch fußende Erklärung des uüs mw bna by nw py Or1?)- — Einfach und ergreifend ist die Ausdeutung der Sentenzen: "tfr p’3i ypnn iv psn |ü jria rrn yths und m ü*?o unsff.). Eine neuartige, doch ebensosehr wohlbegründete Theorie über die polytheistische Anbetung der Naturgewalten baut Klein auf die Worte fimrrt»« onnDam mynpnün und den zu Hirn br 7nw Die Völker stehen oberhalb ihrer Götter, bilden sich Götter nach ihrem Bedarf; Israels Gott steht oberhalb seines Volkes (rn). Die Inbrunst des Vergötterns niederschmetternder Gewalten ist nur eine Beschönigung seiner ethischen Ungebundenheit; die scheinbare Furchtlosigkeit des jüdischen Frommen ist die Säule seines Gewissens. ) Verlag Sänger & Friedberg, Frankfurt Main. Meines Feuilleton. Schweizer Eindrücke! Ihr mächtigen Riesen, ihr Berge so wert, Ihr pranget in festlichem, weißem Gefchmeid, Ihr raget hinauf, seid dem Schöpfer so nah, Euer Blick ist so kraftvoll, so rein und so klar. Ihr ragt in den Himmel, ihr weilt in den Höhn, Ihr trotzet dem Wetter, ihr trotzet dem Föhn, Ihr ragt majestätisch hoch über dem Tal, Zu euch führen Gletscher, die Wege so schmal. Ihr steht über Menschen, seid Könige gar, Beherrschet die höheren Regionen fürwahr. Ihr steh über Menschen und Tälern so weit. Sagt, kennt ihr der Menschheit Freud und Leid; Sagt, kennt ihr die Welt mit Fehl und Trug; Der Sünde, des Unrechtes gibt es genug. Kennt ihr den Trieb der Erdensöhne? Ihr kennt nur Natur! Ihr kennt nur das Schöne! Ihr wißt nichts von Falschheit, Sünde und Trug, Ihr kennt nicht der Menschheit Laster und Fluch. Ihr atmet nur Reinheit aus Gottes Bereich, Ihr dient seinem Willen und Wort allsogleich. Ihr lobet den Schöpfer, ihr zeigt seine Macht, Ihr seid ja die Tr ä g e r der Gottesallmacht. Wir wohnen tief unten, im Tale so ties, Auch uns einst vom Berge der Schöpfer zuries. Er gab uns durch Wolken und Feuer das Zeichen, Er ließ uns durch Moses die Thora einst reichen. Hoch oben vom Berge aus himmlischer Sphäre, Empfingen wir Kinder des Allvaters Lehre. Die Thora empfangen am Berge wir neu, Der Israelit Tief gefühlt ist auch die Nüance snp* l»«1 Dons mit s „was euch als Ruf befchieden fein wird zum Höheren", — im Jacobs-Segen, also Verknüpfung von Schicksal und geistigem Werden. — Erhabene Theodizee ist die Erklärung zu '718 "WS (3"0)' ”71 X wo das Sein des Allgütigen in einer geradezu unlöslichen Verknüpfung mit seinem Erkanntwerden durch die Menschen gedacht erscheint. üü '*? inüsi heißt danach: Wie kann das große, mächtige Wefew bezeichnet werden, das unsere Versklavung und Entrechtung so lange schon duldet? Und die Antwort /131. Nt nta düs? 'NS: Ich muß ihnen diese und noch andere Prüfungen auferlegen, um durch alles das die Menschheit zur klarsten Erkenntnis Meiner zu führen. — Die Kühnheit und klare Pointierung des Kommentars, den Klein (ü"d) zu dem Midraschworte i2ty Tvis ab Tmn nsi I3w MISI ■na&> »n-,in nsi gibt, verdient es, daß wir sie als Kostprobe für seinen ganzen Stil fast unverkürzt wiedergeben: Wollen wir den wahren Wert eines Liedes, Bildes oder Buches ermessen, so ist der Wertmesser der, ob wir eine starke Einwirkung von ihm empfangen, ohne den Namen seines Urhebers zu wissen. Haben wir aber erstdiesen Namen erfahren, so können wir innerhalb unserer eigenen Gedanken nicht mehr feststellen, ob unsere Verehrung dem Werke als solchem gast oller ob des Meisters überragender Ruhm unser Urteil be- Wchess hm Oybemmt auch der MtzütW ÜÄsere Art ller Treue 3W Tstöra. Ist diese TrMe als Möge; Ehrfurckst zuihnr kenntlich, so" entbehrt sie der inneren und innigen Beziehung zur Thora selber. Erst wenn Israel ohne ständiges Ermnertwerden an die göttliche Herkunft der Thora eine tätige Liebe zu ihren Geboten beweist, hat es seine Bestimmung in der vom Allgütigen mit 'Si^.n ersehntem Maße erfüllt. — Zartfühlend vermeidet Klein es, noch deutlicher als hiermit geschehen, die heute aktuelle Frage der gesetzfemdlichen, gottsuchenden Mystik auszurollen. — Wir exzerpieren in der heutigen Besprechung fast nur diejenigen Partien des Kleinschen Buches, welche von den großen weltbewegenden Fragen handeln. Es würde ein Werk für sich sein, auch alle die herrlichen Perlen menschlicher Lebensweisheit aufzureihen, die in ihm enthalten sind, und deren Fülle die Ausführlichkeit der Vorreden rechtfertigt. Tief, kurz, prägnant und ausführlich sind (d"3 ff.) Kleins Darlegungen über das bw und den Polytheismus im allgemeinen. Eine Theorie des Götzendienstes scheint hier aufgestellt, die einerseits der Intuition eines Hirsch folgt, an- Wir schwören ihr Glauben, wir schwören ihr Treu. Hier hoch in den Bergen, der Menschheit so weit, Hier schwören wir Gott einen heiligen Eid. Ihr Berge vernehmt laut unseren Ruf, Wir dienen nur dem, der die Welt einst erschuf, Wir beugen das Knie, wir neigen das Haupt, Kein Schicksal je unsere Thora uns raubt. Unsere Kinder als Träger von Lehr und Gebot, Sie trotzen den Stürmen, sie trotzen der Not, Ihr Berge vernehmt das Gelübde hoch oben, Wir wollen durch Taten den Schöpfer stets loben." E. M. Das d*sk “ps rr-Gebek. Zu den Ausführungen des Herrn I. B. in Nr. 42 als Antwort auf meine „Anfrage" wegen der msnrna im *ps 's -Gebete, erlaube ich mir, folgendes zu bemerken. Wenn ich auch zugeben muß, daß meine Annahme, das n-ss px x-Gebet sei im 17. Jahrhundert entstanden, nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, nachdem diese vV-m schon im 'nv'i *nm» (das ich bei der Niederschrift leider nicht bei der Hand hatte) vorkommt, so ist aber trotzdem nicht ausgeschlossen, daß die Einteilung dieser beiden rnsnou, wie sie einmal in unfern o-nrro für naws anan und pis ana» vorgesehen, in jener Zeit des Mittelalters, als die Juden Deutschlands, durch schwere Verfolgungen heimgesucht, nach Polen auswanderten, oorgenommen worden ist. Weshalb soll es für ausgeschlossen gelten, daß man in ranps, die snoia mit »-> >72» 'as'viTii iarr>mn psn Vs» die nach die gegenwärtige Not bedeutet, als sinngemäßer dererseits dieselben Ergebnisse zeitigt wie die modernste Forschung eines Wensinck. Auch die drakonisch scheinende Strenge der Thoragesetze gegen den Götzendienst ergründet Klein in geistvoller Weise. Dem Einzelnen schon muß die im Götzendienst verkörperte Sucht nach Willensäuflösung als nicht geistige Verirrung, sondern ethische Erschlaffung verdacht, der Gemeinschaft des Göttesvolkes aber als böseste Verantwortungslosigkeit angerechnet werden. Tief grundlegende Hauptlehren des Judentums sehen wir (2"p) zu den Midraschworten fivmVTT» rm s^s is ps und -pnx nnva D’D pion e?’»#' DipüD iHb erörtert; ebenso (rrp) jupnnp n->iznp und np*m Vipi-wo die wägende Gerechtigkeit als Kern jüdischer niNipund diese somit als Gegenstück zu alledem gekennzeichnet ist, was anderwärts ähnliche Namen trägt. Was Klein zu nwa nns: — nasV Orp) und D'i2vi D72 CPp) bringt/ kann manchem selbst geübten tuü reiche Ausbeute zu den bringen, ohne daß auch diese Partieen des tief gelehrten Charakters entbehren. Wer ein Beispiel dafür sehen will, wie ein Gedanke eines Großen fortzeugend große und klare neue Gedanken erzeugt, mutz wißen, was Hirsch zur Symbolik des Zizithgebotes sägt, was ,darausin einer von Klein (n;'3p) zitierten Predigt Breuers neu erstanden und was aus dieser wieder Klein selber frisch erschafft. Rach Hirsch erinnern die Schaufäden daran, daß die Kleidung den verkörpertem Vorzug: des- Menschen vor den attderett Geschöpfen bäkstellt,' näch Breuer haben nach Rückkehr der Kundschafter Josua und Kaleb deshalb ihre Kleider zerrissen, weil die o^nü in ihrem psn ns inn'i i*?yi das Verbot s*n "O ininn übertreten hätten; nach Klein endlich bedeutet auch das Kleiderzerreißen des tos einen Hinweis darauf, daß durch des ersten Menschenpaares Uebertretung von vrmn s*?i Tod und — Kleidung notwendig geworden, um des Menschen Seelenreinheit zu retten. Aus dem Kommentar zu hd’S ist das Bemerkenswerteste (y'bp) die Darlegung des Unterschiedes zwischen ns*>xp und no’Sü nach y'ü- Der jüdischen Ueberlieferung wird öfters der schwere Vorwurf gemacht, sie lehre die Arbeit als furchtbaren Fluch fürchten. Man kann dieser unbegründeten Schmähung wohl nicht geistvoller entgegentreten als durch Kleins zartfühlende Ausdeutung des Wortes yn:m nmsn irrns: „Verflucht sei die Erde zu deinen Gunsten; dich von den sittlichen Gefahren des Müßigganges zu bewahren, ist der Fleiß bestimmt, mit welchem du von nun an der Erde den Segen abringst." (Seite r’! Ebenso tief ist seine Deutung des 2 von 12ü!?S2:. „Der Mensch erstehe als Vervollstängewählt hat, während man in Polen die andere snoia mit an Vnn laV’sn. die nur die Zukunft berücksichtigt und der damaligen politischen Lage entsprach, für angebrachter hielt? Obgleich armins «nw *i»iV v'i sagt, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß diese nVon in fast allen unseren a-m-po die Ueberschrift "tjdps am»" und "pis amzrtrögt. Jsak Lubinski, Hamburg. Lin Siewer Urteil. Es war zur Zarenzeit und in Kiew, der Stadt der vielen Kirchen und des Beilißprozesies. Da ergab es sich, daß ein nichtsahnender Jude aus der Provinz in die helle Hauptstraße kam und ganz geblendet vor den Auslagen eines großen Schaufensters stehen blieb. Ein Knall weckte den Juden aus feinet Vertiefung. Er wandte den Kopf zur Seite und bumm, kam ein großer, spitzer Stein von der anderen Straßenseite geflogen und zerschlug die große Erkerscheibe, vor der er gestanden hatte, in Stücke. Aus dem vornehmen Laden sprangen nun Besitzer und Angestellte. Und wie sie den Juden erblickten, hielten sie ihn fest, behaupteten, er hätte die Scheibe eingeschlagen und schlugen ihn. Von allen Seilen kamen Passanten hinzu. Auch Polizei war gleich zur Stelle. Diele meldeten sich, die es ganz deutlich gesehen hätten. Der Jude war schuld, und er wurde, schwer mißhandelt, ins Gefängnis geworfen Nachdem er über ein Jahr in Untersuchungshaft gesessen hatte, kam er vor Gericht. Der Richter war weise und gerecht und stellte fest: Danachgewiesener matzen der Jude dicht an der Scheibe gestanden

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