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Der Israelit · 1925-11-12 · Heft 46 (12.11.1925) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 46 (12.11.1925)
Date
1925-11-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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, November 1925 | Korrespondenzen « Racbricbten Deutfcf^es Reict» Vom Delegiertentag des deutschen Alisrachi. Berlin, 3. November. Der Delegiertentag des Deutschen. Misrachi, der am I l aiib 2. November in Berlin seine Tagung abhielt, hat I Me Neuwahl des Zentralbüros und des Zentralkomitees. I vorgenommen. Das Zentralbüro hat Dr. Aron Barth I znm Vorsitzenden gewählt. Aus den Beschlüssen ist hervor-! zuheben: Es wird ein Budget angenommen, das alle Aus- I gaben des deutschen Misrachi zusammenfaßt und sich auf! Mk. 2860 monatlich, d. h. Mk. 31000 jährlich beläuft, s hierin sind eingeschlossen: das zu schaffende General-! sekretariat und der Organisationsbeitrag für den Welt-! misrachi. Der Delegiertentag beauftragt das Zentralbüro,! mit benachbarten Landmannschaften (Holland usw.) zwecks » Gründung einer periodischen Zeitschrift (zwei- bis drei-! mal monatlich) in Verhandlungen zu treten. Der Steiger-Prozeh. (Von unserem Korrespondenten.) Warschau, 5. November. Vor den Schranken des Lemberger. Schwurgerichts spielt sich seit einigen Wochen ein politischer Prozeß ab, über dessen bisherigen Verlaus an dieser Stelle in den jüngsten Nummern im großen und ganzen berichtet wurde. Stanislaw Steiger würde auch sonst das Mitgefühl jedes einzelnen Menschen, der an seine Unschuld glaubt, erregt haben, aber das Interesse, an seiner Sache müßte bedeutend geringer sein, hätte man nicht das Gefühl, daß das Schicksal dieses unglücklichen Jünglings ein Stück jüdischen Leidens sei. Ein unglücklicher Zufall war es, der ihn auf die Anklagebank brachte, man kann es aber nicht als Zufall betrachten, daß er sie noch immer nicht verlassen hat. Wenn, man die ideellen Ueberzeugungen des Angeklagten der ihm zugeschriebenen Tat gegenüberstellt, kann man sich kaum des beklemmenden Gefühls erwehren, daß hier geheime Kräfte im Spiele sind, die in der Person dieses Studenten die Judenheit Polens auf die Veschuldigungsbank setzen möchten. Zwar hat das offizielle Organ der Warschauer Antisemiten, die „Gazete Poranna", gleich am Beginn dieses Prozesses in einem für diese Zeitung für etwas Ungewöhnliches geltenden ruhigen und sachlichen Artikel den Juden Moral gepredigt, daß sie sich unnützerweise in den Steiger- Prozeß engagieren und selbst auf sich die Schuld eines mir 700 arme Familien, die auf diese Weise bedacht wurden. Ich zählte außerdem 350 namenloseN um - mern, alles in wenigen Monaten. Die Kosten dürften im Jahre Hunderttausende betragen. Wie das Geld aufgebracht wird, besonders für die Kartoffelbesorgung dieses Winters? Man wartet auf Wunder. Und die Wunder traten immer noch ein. Bemerkt fei noch, daß die W. B. mit allen Instanzen und allen Organisationen auch außerhalb ihres Bereiches eng zusammenarbeitet. Auch mit den Instanzen der Religionsgesellschaft und der Aguda. Wie mir ein Mitglied der Verwaltung der Neligionsgesellfchaft bestätigt, kommt die W. B. den Wünschen der R. G. in jeder Beziehung entgegen, auch nach der Richtung der rituellen Zuverlässigkeit. Es geschieht, soweit Mitglieder der R. G. in Betracht kommen, nichts, was irgendwie ihrem religiösen Gewissen ein Opfer abverlangen könnte. Und damit zeigt die W. 25., daß sie, wenn sie auch aus einem uns nicht zusagenden übersteigerten Zentralisierungsbestreben hervorgegangen ist, sich doch im Ganzen aus alten, gut jüdischen Wegen bewegt. Briefkasten. M. K. in 6*. Abonn.-Betrag dankend erhalten. Familiennachrichten. » fiisann zu tnv u Lehrers Hermann Rieck, >->rj. Julius, Sohn fdes sei. ., Vallendar a, Rh. Die Firma Esch L Co., Zeil 23, erhielt auf der Internationalen Kochkunst-Ausstellung den „Großen Preis" und die bekannte Herdfabrik Gebrüder Boeder A.-G., für deren Fabrikate Esch & Co. den General-Vertrieb innehaben, den „Großen Preis" und „Chren-Preis". _D e r I sroHit jungen Studenten, wenn sie auch bewiesen werden sollte, wälzen. Diese leidenschaftliche Parteinahme — raisoniert diese Zeitung — muh doch jedem Unvoreingenommenen die Ueberzeugung der Mitverantwortlichkeit aller Juden Polens für diese Tat suggerieren. Man müßte meinen, wenn man diese scheinbar aufrichtigen Worte liest, daß die vom Judenhaß sehr oft bis zum Blödsinn besessenen Leute, doch einmal imstande sind, nüchtern zu denken. Ein Blick in das Schwesterorgan dieser Zeitung, in die Lemberger „Gazeta Codzienna", wird eines besseren belehren. Diese, von einem jüdischen Renegaten redigierte Zeitung, hat gleichzeitig aus Anlaß des Steiger-Prozesses eine förmliche Hetzkampagne gegen die Juden in Szene gesetzt. Diese Hetze gewinnt an Bedeutung, wenn man erwägt, daß das erwähnte Blatt eben diesen einsluhreichen Kreisen sehr nahe steht, welche krampfhaft an der Konzeption sesthalten, daß Steiger der Attentäter sei und die Untersuchung auch kein Haarbreit von dieser Bahn ablenken lassen wollen, wiewohl sie im Laufe eines ganzen Jahres keinen einzigen beachtenswerten beschwerenden Beweis erbringen konnte. Ganz im Gegenteil; im Laufe dieser Zeit gaben sich sehr beachtenswerte und mehr Aufmerksamkeit verdienende Zeichen kund, die daraus hinwiesen, daß der Attentäter in einer ganz anderen Richtung zu suchen sei. Es genügt, an die bekannten anonymen Briefe der geheimen ukrainischen Militärorganisation oder an das Geständnis Olszanskis, wovon dis Lemberger Polizei unterrichtet war, zu erinnern. Was war eigentlich der faktische Grund dieses hartnäckigen Vertrauens auf einen Standpunkt, der im Lichte der gesunden Vernunft als unhaltbar erscheinen muß? Man kann nicht behaupten, daß der Antisemitismus hier die Hauptrolle spielte. Wenn man nach den inneren Zusammenhängen forschen und den Leitfaden in diesem verstrickten Knäuel finden will, so muß man zum Schlüsse gelangen, daß der Antisemitismus hier ursprünglich nicht der Beweggrund war, sondern sich erst später als bequemes und billiges Auskunftsmittel zur gelegenen Zeit einstellte, welches seine Bekenner vor einer schweren Kompromrttierung retten sollte. Erzählen wir nach der bekannten Rankefchen Methode „wie es eigentlich gewesen" und wir werden zur Einsicht gelangen, „wie es eigentlich geworden". Bei der. feierlichen Eröffnung der feit einigen Jahren in Lemberg jahrein jahraus im September stattfindenden Ostmesse sollte sich im vorigen Jahre der Reichspräsident Wojcicchowski persönlich einsinden, um dieser Messe, welcher eine große Rolle am Ausbau und der Entwicklung des Handels mit dem Osten, speziell mit Rußland, beigemessen wird, Popularität zu verschaffen. Im letzten Augenblicke sollte jedoch dieser Besuch widerrufen werden, weil die zentralen Warschauer Sicherheitsorgane der Ansicht waren, daß diese Reise mit einer Gefahr für die Person des Präsidenten verbunden fei. Kannten sie doch die in den Kreisen der extremen ukrainischen Rationalisten in Ostgalizien herrschende Stimmung und wußten sie doch, daß die Stadt Lemberg, ziemlich nahe an der Ostgrenze gelegen, viele kommunistische Elemente in ihren Mauern birgt. Die Lemberger Polizei erblickte in diesem Rat ein Mißtrauen und eine Geringschätzung ihrer Leistungsfähigkeit, was sie um so schmerzlicher empfand, als sie sich, in Reminiszenz der einstigen Grenzen, in Schulung und Intelligenz als höher stehend betrachtet als die „russische" Warschauer Polizei. In dieser falschen Ambition setzte sie sich mit allen Kräften dafür ein, daß der geplante Besuch auch wirklich stattfindet. Sie übernahm die Garantie für die vollständige Sicherheit des Präsidenten. Der Besuch kam also zustande, und die Katastrophe brach herein. Unter den Rädern des Wagens, in dem der Präsident saß, explodierte eine von einer verbrecherischen Hand geschleuderte Petarde. Die Lemberger Polizei war aufs höchste kompromitiert. Da kam ein Zufall und rettete sie aus der unheimlichen Lage, in die sie geraten war. Eine Balleteuse wollte in einem jungen Mann, der sich als nationaler Jude legitimierte, den Attentäter erkennen. Also weder Ukrainer noch Kommunist oder Terrorist, sondern ein nationaler Jude! Kein Mensch konnte so was vermuten! Es war von dieser Seite keine derartige Ueberraschung zu erwarten und es ist auch nicht die Schuld der Polizei, daß sie in dieser Richtung keine Schutzmaßregel traf. Man sieht, eine bessere Rehabilitation, wie sie ihnen ganz unerwartet die Ballettänzerin verschafft hat, hätten die für das Versagen der Polizei verantwortlichen Personen sich nicht einmal wünschen können. Von dieser Konzeption konnte nun um keinen Preis gelassen werden. Eine _Nr. 46 Sette 5 Hetzekämpagne in der immer und bei jeder Gelegenheit zur Verfügung stehenden Schundprefse sollte das Unglaubwürdige glauben machen taffen, s Cs muß jedoch mit Nachdruck hervorgehoben werden, daß man sich in Warschau nicht beirren lassen wollte. Es herrschte hier vielmehr die Meinung vor» daß der Verbrecher in den Reihen der ukrainischen Nationalisten oder Kommunisten zu suchen sei. Verschiedene maßgebende Persönlichkeiten gaben wiederholt dieser Meinung Ausdruck. Charakteristisch in dieser Beziehung sind die Worte des Warschauer Polizeiinspektors Piatkierier, die er wahrend des Verhörs als Zeuge in dem mit dem gegenwärtigen in engem Zusammenhang stehenden Prozesse gegen die Herren Kornhaber, Jäger usw. fallen ließ. Er sagte u. a., daß es Leichtsinn sei, einem Menschen so eine schwerwiegende Tat zuschieben zu wollen, ohne die Motive angeben zu können, die ihn zu dieser Tat bewogen haben. Eins est, ui prodest. Entweder ukrainische Chauvinisten oder Kommunisten konnten dabei ihren Nutzen finden; der Attentäter ist also unter ihnen zu suchen In diesem Sinne äußerte sich ebenfalls Polizeikommandant Suchenik aus Warschau. Wer sich auf leise, kaum zu bemerkende Winke versteht, wird hier auch eine stille Arbeit der Ultrapatrioten hinter den Kulissen vermuten, die fast immer die Besorgung ihrer eigenen Interessen als eine patriotische. Tat darzustellen verstehen. Es soll nämlich angeblich im Interesse Polens sein, die ukrainischen Strömungen zu vertuschen und sie nicht im Lichte eines Attentats vor der öffentlichen Meinung Europas erscheinen zu lassen. Als ob die Außenwelt nicht wüßte, daß es in einer unter fremder Staatsobrigkeit lebenden Nation immer gewisse extreme Strömungen geben muß, wenn auch die politische und rechtliche Lage dieser Nation die möglichst günstigste wäre. Zum Glück lassen sich auch in dieser Hinsicht die zentralen Stellen nicht irreleiten. Uebrigens wird hoffentlich das Gericht jeder, wie auch nur immer gearteten politischen Erwägung, ganz ferne bleiben, und nach genauer und gewissenhafter Prüfung aller sachlichen und nur sachlichen Beweise ein gerechtes Urteil fällen. Polizeikommandant Lukomski als Zeuge. Lemberg, 5. November. Mit großer Spannung wurde die Aussage des Kommandanten der Lemberger Polizei, Lukomfki,/'angehört, der das erste Verhör mit Steiger und der Pasternak abgehalten hat. Er gibt die ersten Aussagen der Pasternak wieder, die erzählte, sie hätte gesehen, wie ein eleganter Herr in hellem Mantel und Hut ein Paket aus der Brusttasche heroorgeholt und es gegen den Wagen des vorbeifahrenden Präsidenten geworfen hat. Der Verteidiger stellt dann an den Kommandanten Lukomski eine Reihe Fragen. Lukomski verwickelt sich in Widersprüche und ist nicht mehr in der Lage, die Aussagen der Pasternak klar zu präzisieren. Auch ergeben sich Widersprüche zwischen den Aussagen Lukomskis vor dem Standgericht und jetzt. Auch der Vorsitzende fühlt sich zuweilen bewogen, den Zeugen streng zu ermahnen, klare Antworten zu geben und keine Ausflüchte zu machen. Dem Zeugen wird protokollarisch nachgewiesen, daß er bei seinen Aussagen vor dem Standgericht wichtige Tatsachen verschwiegen hat, die er heute ausführlich erzählt. So hat er vor dem Standgericht Steiger als Kommunisten geschildert, während er heute erst Steigers Klagen über Numerus clausus, Unterdrückung der Juden, mit der Tat in Verbindung bringt. Beendung im Steiger-Prozeß. Lemberg, 8. November. Die gesamte Oeffentlichkeit steht unter dem Eindruck der Aussage des Chefs der politischen Polizei in Lemberg, Polizeiinspektors Johann Sawicki, der die Willkür der Untersuchungsmethoden des Polizeikommissars Lukomski vollständig entlarvt hat. Sawicki erklärte als Zeuge, er habe am 5. September 1924 sofort nach dem Attentat zusammen mit Lukomski Steiger und die Pasternak verhört und könne heute erklären, daß die Aussagen Lukomskis und der Pasternak falsch seien. Die Pasternak habe im ersten Verhör am Tage des Attentats nicht mit Bestimmtheit' behauptet, daß sie gesehen hätte, wie Steiger die Bombe warf; erst nach einigen Tagen machte sie diese Aussagen, an die sie sich dann krampfhaft hielt. Polizeikommissar Lukomski, erklärte Sawicki, hat die Untersuchung auf falsche Fährte geführt und hat, um zu dem von ihm gewünschten Resultat zu kom-

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