Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1925)
- Date
- 1925-11-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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' 5. November 1925 Kräfte auf ein anderes Gebiet verlegen; find wir jungen Menschen über h aup t dazu berufen, derartige Probleme in Angriff zu nehmen und durchzuführen?" Diese und noch viele andere Fragen schwirrten durch unsere Köpfe. Doch die wenigen, die damals wirklich in unsere - - Pläne, näher eingeweiht waren, die wußten ganz genau, was der Gedanke der Wiederbelebung unserer jüdischen Landgemeinden für die Zukunft bedeuten sollte. Und .so war die Gründung unseres Verbandes, der heute nahezu 30 Gruppen umfaßt, die beste Antwort auf alle Zweifel und Fragen. Es geschah nicht aus jenem Geist der Spekulation heraus, der seinerzeit im deutschen Wirtschaftsleben Orgien feierte, vielmehr war es der Ausdruck innigster Heimatliebe, eng verbunden mit der ernsten Sorge um die Zukunft des religiösen Lebens auf dem Lande; es waren lediglich ethische Gründe, die uns innerlich veranlaßten, auf den Plan zu treten, während der bevorstehende katastrophale Zusammenbruch der Mittel- und Kleingemeinden Uns den kräftigsten. äußeren Anstoß , zum Eingreifen gab. Heute dürfen wir es ruhig aussprechen: wir haben als eine der ersten mitgeholfen, den Kampf gegen die moralische und geistige Inflation in vorderster Linie praktisch und mit Erfolg aufzunehmen. Denn, m. D. u. H., berücksichtigen Sie, was es heißt, einen idealen Gedanken in eine Menge hineinzutragen in einer Zeit, in der das Jagen und Rennen um^ materielle Güter den Menschen scheinbar die Sinne für alles Höhere raubte; in einer Zeit, in der nach einem 4 jährigen Feldzug, verbunden mit den schwersten körperlichen und seelischen Bö% lastungen, nun ein Wirtschaftskrieg einsetzte, der an Raffiniertheit und Schärfe in der Kulturgeschichte der Menschheit ohne Beispiel dastehen dürste. Bedenken Sie, wieviel Idealismus seinerzeit geopfert wurde, nur um den Bestand der eigenen Güter zu erhalten; wieviel Menschen, die sonst nur in solidester Weise ihrem Berufe, nachgingen, nun zu Spekulanten aus Gedeih und Verderben wurden. Und in einer solchen Zeit ins Land, ins Volk hinauszugehen und da von jüdischer Renaissance und vom Wiedererstehen jüdischer Ewigkeitswerte zu sprechen, — fürwahr, v. D. u. H., von diesem Gesichtspunkt aus Detrachtet, es war auch ein Stück Spekulation. Doch unsere Tätigkeit sollte Hilfe bedeuten und in jenen Tagen wurde Hilfe, von welcher Seite sie auch kommen mochte, gerne angenommen; namentlich dann, wenn es galt, unseren jüdischen Mittel- und Kleingemeinden in ihrer schwersten Bedrängnis beizustehen. Wären damals nicht Organisationen zu diesem Zwecke entstanden, wie Gemeindeverbände, Heimatbünde, hätte nicht zum Teil auch das Ausland mit finanziellen Mitteln eingegriffen usw. — ich sage Ihnen, das jüdische Leben auf dem Lande würde heute Wohl nur noch der Geschichte ' angehören. Denn es hatte den Anschein, als ob jene Zeit wertvernichtender Inflation auch zugleich die Sterbestunde unserer Landgemeinden ' bedeuten sollte: Hatte schon vor dem Kriege die Entvölkerung unserer Dorf- und Kleinstädtgemeinden durch das Streben zur Großstadt hin eingesetzt, so schwärmten nun in der Zeit der Papiermark unsere ländlichen Glaubensbrüder gleich Zugvögeln in Scharen hinaus, begleitet von einem großen Scheinvermögen, das sie glaubten ad meo w'esrim schonoh sich so v vielleicht erhalten zu können. Diese Leute träumten nur von einem glückseligen Leben in der Großstadt, vermeinten, hier genügt es, nur ins Theater, ins Cafe oder zum Tanzkränzchen zu . gehen und schon. wären die Töchter „unter die Haube geb racht". Gewiß ein berechtigtes Wünsch der Eltern. Aber hinter den Worten „nuv unserer Kinderwegen ziehen wir weg", verbarg sich sehr oft eine ganze Welt genußsüchtiger und übermütiger Gefühle. Lieber verließen jene Leute ihren Besitz an Grund und Boden, lieber verließen sie Haüs und Hof, die nicht selten bis Jahrhunderte zurück der Stammsitz der Familie waren, gaben oft gewohnte Berufstätig- D e r I s r a e l i t _ B l ft 11 e r___ keit auf, wollten die einfache natürliche Lebensführung mit einer scheinbar besseren in der Großstadt vertauschen. Ganz gleich, ob die Existenz des Mannes vorher ausschließlich in dem Erwerb auf dem Lande beruhte und ihm nun in der Großstadt ganz bestimmt mehr Schwierigkeiten und Sorgen verursachte — es mu ß Le die Stadt lein. Ganz gleich, ob die Lebensbsdingungen dort viel größere' Anforderungen an den einzelnen stellen, ob die schlechten und oft gesundheitswidrigen Wohnungsverhältnisse der körperlichen und damit auch der geistigen und seelischen Entwicklung oft durchaus unzuträglich sind — es half nichts, der nervöse, sensitive Charakter des Juden strebt nun einmal nach Geselligkeit und nach einer vermutlichen Erleichterung und Verbesserung der wirtschaftlichen Lage. Und so erreichte die Landflucht in den Jahren der Inflation eine Hochkonjunktur, der zum großen Teil unsere Gemeinden in der Provinz zum Opfer fielen. Berücksichtigen wir noch, daß der zahlenmäßige Bestand der Landgemeinden durch das Absterben der Alten immer mehr rückläufig wurde, daß durch das auch in der Provinz modern gewordene Ein- oder Zweikindersystem der Nachwuchs ein verhältnismäßig minimaler ist und daß — nicht zuletzt — der männliche Bestand durch schwere Verluste im Kriege stärk reduziert wurde, so werden wir ohne weiteres psychologisch begreiflich finden, daß diese rapide Abnahme der jüdischen Landbevölkerung auf die nunmehr Zurückgebliebenen eine starke Depression ausübte, die auch die Leistungsfähigkeit der Gemeinde umsomehr herunterdrückte, als mit der fast vollständigen Vernichtung aller Stiftungsvermögen, die oft besonders reichlich vorhanden waren, ein wertvoller Faktor "aus dem Gemeindebudget gestrichen werden mußte. Und was dies alles zusammengefätzt bedeutet, das können wir am besten uns klar machen, wenn wir bedenken, daß unter diesen Verhältnissen die religiösen Institutionen der Gemeinden am meisten gelitten haben; wie hier die Synagogen auf dem Lande zum Teil so dringend ausbesserungsbedürftig sind, wie die Gemeindehäuser innen und außen vernachlässigt werden, wie die Mikwoaus zerfallen, wie die Friedhöfe so wenig von der ihnen gebührenden pietätvollen Pflege aufweisen; wie die S'forim, die doch gewiß anderweitig in Talmud-Tauroh-Schulen usw. gute Dienste leisten könnten, nun auf den „Schulböden" verstauben und vermodern und wie mit diesen: ganzen Rückgang des religiösen Lebens in der Gemeinde auch das religiöse Leben in den Familien immer mehr äbbröckelte. — Und so könnte ich Ihnen das Bild noch weiter in dunklen Farben ausmalen, würden wir nicht unsere Aufgabe dann erblicken, unser Augenmerk auf das Kommende, auf die Zukunft zu richten. Und gerade dieser Blick auf die Zukunft läßt uns nicht verzweifeln und gibt uns vielmehr Anlaß, gerade jetzt mit doppeltem Eifer für die Wiedererstehung unserer' Klein- und Mittelgemeinden zu arbeiten, M. D. u. H.! Damit ergibt sich für uns ein Problem zweifacher Natur: ein wirtschaftliches und ein spezifisch jüdisch-kulturelles. Beide zusammen können aber nur dann in befriedigender Weise gelöst werden, wenn die Voraussetzungen hiefür geschaffen sind. Und die erste Voraussetzung hiefür erblicken wir, nach unserer Auffassung, in bem engften Zusammenschluß aller am Wiederaufbau des jüdischen Gemeindelebens im Geiste der Tauroh Interessierten. Wir Müssen hier einen Unterschied machen zwischen Stadt und Land und können nicht die Gegensätze mit hinausnehmen, die zu unserem Leidwesen die Taurohtreuen in der Großstadt bis zur Stunde noch nicht auf eine gemeinsame Plattform gemeindepolitischer Arbeit zusammenführen konnten. Denn, m. D. u. H., wer aufbauen will, der muß alle Kräfte vereinigen, die-in Lehre und Leben aus gesetzestreuem Boden stehen. Ja, ich gehe noch weiter und säge: zum x Nr. 22 Seite 3 Aufbau unserer jüdischen Landgemeinden müssen wir auch alle die Kreise mobilisieren, die die Renaissance-Arbeit der vereinigten Orthodorie Deutschlands finanziell fördern können, — schon als Akt der Heimatliebe. Denn wir können ruhig behaupten, daß der größte Bevölkerungsteil der heuligen Großstadtgemeinde noch auf dem Lande geboren wurde und somit auch ganz bestimmt mit dem Schicksal der alten Heimat noch eng verwachsen ist. M. D. u. H.! Wirtschaftsprobleme können nicht mit Gefühlen gelöst werden. Wirtschaftsprobleme sind ungelöste Rechenaufgaben, die mit dem Einsatz aller nüchternen und praktischen Erwägungen behandelt werden müssen. Und wenn wir das Wirtschaftsleben unserer Glaubensbrüder auf dem Lande heben wollen — ich betone: als Vorbedingung für eine gesicherte Aufwärtsentwicklung des relig iösen Lebens — dann müssen wir zu den vorhandenen noch w e i t e r e Erwerbsmöglichkeiten' erschließen und Wege mit bahnen helfen, die selbstverständlich auch die Erfüllung aller Mizwaus gut ermöglichen.— Was z. B. das Moment der landwirt schaftl 4 chen Betätigung anbetrifft, so ist dies gewiß so oft schon von den verschiedensten Seiten und von viel berufenerem Munde behandelt worden, daß ich es als überflüssig ansehe, ausführlicher darauf einzugehen. Doch eines sei mir gestattet , hinzu zu bemerken. Wir wissen aus den Berichten der Bezirke, daß die Landwirtschaft bei den deutschen Juden schon vor dem Kriege ganz bedeutend zurückgegangen ist, schon deswegen, weil die Auslandseinfuhr das Preisniveau der inländischen Produkte erheblich herunterdrückte und so die Rentabilität eines bäuerlichen Betriebes stark beeinträchtigte. Dazu kommt noch, daß die Hilfsarbeiter durch die aufblühende Industrie immer schwerer zu finden waren und auch damit Hindernisse geschaffen wurden,, die das Interesse an der Landwirtschaft immer mehr äbfchwächten. Die Zahl der wirklichen jüdischen Landwirte ist recht zusammengeschrumpft, und es mag vielleicht genügen. Ihnen an Hand von 3 statistischen Aufnahmen dies zu beweisen. So gab es z. B. in Bayern — und die Verhältnisse in anderen Bezirken sind kaum anders — im Jahre 1882 irrsgesamt 2005 Landwirte, d. i. ca. 10% aller erwerbstätigen bayerischen Juden; 1896 gab es nur 893, d. i. ca. 4%; 1905 konnten nur noch 724 Landwirte festgestellt werden, d. i. ca. 3% aller erwerbstätigen bayerischen Juden. Also innerhalb 23 Jahren von 10% auf 3 %! Dies mag zur Genüge darlegen, in welchem Tempo dieser Berufszweig zurückgegangen ist, ganz zu schweigen von den gegenwärtigen Verhältnissen. Ob neuerdings eine Möglichkeit geschaffen werden kann, die Landwirtschaft wieder zum Erwerbszweig vieler Juden in Deutschland zu machen, das zu' prüfen, dürfte wohl Aufgabe von Fachleuten sein. Wir glauben aber annehmen zu dürfen, daß die Landwirtschaft nur dann rentabler gestaltet werden kann, wenn die bäuerlichen Betriebe in Zukunft Zauf eine moderne kaufmännische Grundlage gestellt werden. Selbstverständlich ist dies nur möglich, wenn wir den jungen jüdischen Landwirten eine entsprechende Vorbildung geben können. Nicht nur die Errichtung landwirtschaftlicher Schulen, in denen von Talmud-Thora- oder Ieschiwoh-Abteilungen auch gediegenes jüdische s Wissen vermittelt werden muß, sondern auch die Schaffung von Lehr- und Mustergütern ist Voraussetzung für die Erziehung eines tüchtigen jüdischen Bauernstandes in Deutschland. Ob das Handwerk in heutiger Zeit der maschinellen Fabrikation konkurrenzfähig und ergiebig ist, möchte ich stark bezweifeln. Aber zu einem erträglichen Erwerbszweig kann die Fremdenindustrie werden. Denn, m. D. u. H., die Stadtbewohner haben heute und bestimmt auch in Zukunft das dringende Bedürfnis, während der Sommermonate sich von den Aufregungen des Jahres etwas zu erholen, umsomehr, als die Sorgen des >;■ r\ i . -! ■v: ■w: „%