Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1925)
- Date
- 1925-11-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Sette 4 Nr. 22 ©er Israelit B l L t t er 5.. November 1925 Alltags so stark auf Nerven und Gemüt einhämmern. daß eine Pause im. Kampfe um das tägliche Brot zu einer Naturnotwendigkeit geworden ist. Und wir wissen aber auch, daß mit dem Verschwinden der Papiermark der Besuch von Bädern bei der breiten VolLschicht ganz rapid zurückgegangen ist und sicher noch viel mehr zurückgehen wird. Wenn nun diese Situation richtig erfaßt wird und in schön gelegenen jüdischen Landorten Pensionen mit streng ritueller Verpflegung eingerichtet werden; wenn, eine wirkungsvolle Propaganda die Städter auf diese Erholungsplätze aufmerksam macht — wir sind überzeugt, daß diese Einrichtung sowohl die Gäste in folgenden Iahren freudig wiederkehren läßt, als auch die Unternehmer in wirtschaftlicher Hinsicht wohl befriedigt. Wenn ich diese Momente im Rahmen meines Themas anführen zu müssen glaubte, so geschah es auch unter dem Gesichtspunkt der Neubeste delung unserer Dorf- und Kleinstadtgemeinden. Nun, werden Sie mich fragen, woher soll diese Neubesiedelung kommen, wer soll sich bereit erklären, die Gemeinden da draußen zu bevölkern? M. D. u. H.! In diesem Zusammenhang darf ich vielleicht auf ein sehr erfreuliches Moment Hinweisen, daes geeignet erscheint, unsere Hoffnungen auf eine Wiederbelebung der Landgemeinden zu rechtfertigen. So betrübend die Situation noch vor 2 Iahren war, so sehr alles in die Großstadt drängte, so stark ernüchternd wirkt nun die Gegenwart mit ihren wirtschaftlichen Sorgen auf die Gemüter der Landbevölkerung ein. Es macht sich nicht nur ein Stillstand in der Landflucht bemerkbar, sondern auch eine beachtenswerte Strömung, die die Seßhaftigkeit der jungen Leute fördert und sie dadurch zum wichtigsten Fundament werden läßt, auf dem das jüdische Leben in der Gemeinde wieder erstehen kann. Und dieses Neuansiedeln der Einheimischen wird nicht zuletzt auch durch das abschreckende Beispiel der Inflationsflüchtlinge in die Stadt gefördert, denn da beginnt allmählich ein unsanftes Erwachen aus einem Traum, der all die großen Erwartungen und Hoffnungen wie ein Kartenhaus in sich zusammenklappen läßt. Wie viele werden sich heute — im Innersten natürlich — wohl noch einmal nach der alten Heimat zurücksehnen.' wie viele Meinungsverschledenheiten werden in den Familien wohl zu schlichten sein, die nun über die Schuldfrage einsetzen, wer die Triebfeder war, die den Zug nach der Stadt bewerkstelligte. Kann es denn auch anders sein? Sehen Sie, da draußen dieses einfache, gemütliche, ungezwungene Leben, die meistens genügsame, bescheidene Lebensführung, die trotz aller Kümmernisse und Schwierigkeiten der inneren Zufriedenheit nicht entbehrt und verglichen damit dieses ewige Rennen und Jagen in der Großstadt, das -ganz besonders in unserer Zeit der allgemeinen Wirtschaftsstockung so viel Kraft der Nerven und des Körpers erfordert, dieses verzweifelte Ringen um die Beibehaltung des Klassenranges, in den noch vor einigen Jahren so viele sich einzureihen vermeinten; wie nun im Haushalt, in den Familien gespart und oft gekargt wird, nur um den Schein nach außen hin noch einigermaßen wahren zu können und wie doch der ganze Schleier sich allmählich lüftet und der jetzigen Landbevölkerung warnend zeigt, das Glück ihrer Familien nicht ebenfalls aufs Spiel zu setzen. Wessen Beruf aus die Landbetätigung hinweist, wer seinen Erwerb — auch jetzt noch von der Stadt aus — dort suchen muß, der gehört eben aufs Land. Wir wissen ganz gut, daß eine Rückwanderung aus begreiflichen Gründen, zumal von der jetzigen Generation, nicht in Frage kommen dürfte, obwohl unsere Zeit an derartigen Fällen gar nicht so arm ist (wir denken z. B. an viele deutsche Amerikawanderer, die durch die schwierigen Erwerbsmöglichkeiten wieder in die Heimat zurückmußten: wir verweisen auf viele Chaluzim, die aus dem gleichen Grunde aus Erez Jisroel wieder umkehrten). Ich sage es in ehrlichster Absicht: der Platz in den Städten wird zu eng, die Erwerbsmöglichkeiten werden im Vergleich zu den Gebräuchen des jüdischen Hauses vielfach zu gering — wir brauchen Luft in den Städten, wir müssen ventilieren! Das. erfordert natürlich ganz anders geartete und anders eingestellte Menschen. Deshalb muß in Zukunft noch viel mehr dahin gewirkt werden, daß die Erziehung in den jüdischen Schulen besonders auch daraufhin eingestellt wird, daß der Gedanke der Einfachheit und Schlichtheit, sowie die Liebe zur Natur, schon in den Köpfen der Kinder lebende Gestalt annimmt; daß die Schule immer und immer wieder in diesem Sinne auf das Elternhaus einwirkt; daß wir insbesondere in den Jugendorganisationen ausklärende Arbeit schaffen müssen; daß zu errichtende Berufsberatungsstellen daraus Hinweisen, wie übersetzt z. B. die freien Berufe der Aerzte und Anwälte, wie gering die Aussichten bei einem weiteren Zustrom zur Kaufmannschaft sind und nicht zuletzt, wie sehr die Neubesiedelung des Landes vom Standpunkt der Regenerierung der deutschen Juden heit aus zu begrüßen wäre, damit wir in Zukunft nicht mehr.jüdische Menschen sehen, die unter den oft sehr widrigen Berussverhältnissen körperlich zu Grunde gehen, die unter den nervösen Störungen der jetzigen Generation auch weiterhin zu leiden haben und an Lebenskraft und Lebensfreude immer mehr geschwächt werden, sondern wir sehnen uns. im Interesse der Gesunderhaltung und Widerstandsfähigkeit des jüdischen Volkskörpers, nach Menschen, die in würdigen, gesunden Berufen ihren Lebensunterhalt suchen und die durch 'ihr Verbundensein mit der göttlichen Natur, zu Gott und feinem Gesetz felbst sich dann auch innigst hingezogen fühlen. Denn dieser unzertrennliche Begriff von Gott und Natur ist es auch, der das stärkste Bindemittel des Wirtschasts- und Kulturprogramms unserer Arbeit auf dem Lande bildet. M. D. u. H^t Wir alle kennen das Wort „im en kemach en tauroh", wo kein Mehl, kein Brot, keine Nahrung ist, da Icmtr auch keine Tauroh gepfkegt werden und wenn wir infolgedessen die wirtschaftliche Seite auch hervorheben zu sollen glaubten, so geschah es eben aus dem Grunde, um damit das Hochziel unserer Bestrebungen, das jüdische Gesetz-, die 'Tauroh selbst wieder umso leichter zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens auf dem Lande werden zu lassen. Und ein Gang durch unsere Dörfer und Kleinstädte mahnt uns mit erschreckender Deutlichkeit an unsere Pflicht, besonders darauf hinzuweifen, daß auch der Satz „im ein tauroh ein kemach" eristiert.' Denn da draußen auf den kleinen Plätzen, da merkt man so richtig, wohin die Entwicklung eigentlich treibt. And da ist es nicht so sehr die bewußte Absicht, die Erfüllung der Mizwaus zu unterlassen, sondern vielmehr die Unwissenheit und daraus resultiert auch oftmals die grenzenlose Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit. Gewiß ist das Streben vorhanden, am Schabbos und Iomtow den Gottesdienst mit Mmjan zu verrichten: gewiß geben wir gerne zu, daß aus mancherlei 'Gründen dies an Wochentagen in kleinen Gemeinden nicht immer möglich ist; wir wollen es gerne der Oeffentlichkeit sagen, daß auch die Haushaltsührung der Frauen auf dem Lande — wenigstens nach deren Auffassung — sich immer noch im Rahmen des jüdischen Gesetzes bewegt; wir wollen es freudig als Aktivposten buchen, wenn die alten überlieferten Minhogim in der Gemeinde aufrechterhalten werden. Aber. m. D. u. H., die gewissenhafte, ehrliche, freudige Hingabe an Tauroh und Mizwaus. die scheint mit dem Absterben der Alten mit ins Grab zu sinken. Leuchtendes Beispiel sollten die Männer für die heutige Generation sein, die es mit dem „Fortschritt^ ihrer Zeit sehr wohl in Einklang bringen tonnten, tagtäglich ihre"- S chiurim zu - absolvieren; die vor dem Be-' ginn ihres Tageswerkes am frühen Morgen aus den Quellen unserer heiligen Lehre Mut und Kraft schöpften und die spät abends nach schwerer, mühevoller Arbeit immer noch' Zeit genug fanden, sich ein Sefer vorzunehmen, um Körper und Seele so ganz in den Dienst ihres Schöpfers zu steilem Und glauben wir etwa, daß diese Menschen weniger Sorgen hatten um die Ernährung ihrer 6—8- und oft noch mehrköpfigen Familie als in unserer Gegenwart es den Anschein hat; glauben wir, daß diese Väter auch nur ab und zu einmal das Kind darnach fragten, welches Pensum es in der Schule, öder wie es damals hieß, im Eheder, dürchgenommen hat, ohne es in seinem jüdischen Wissen persönlich zu fördern? (Schluß folgt.) Aus der Bewegung. Mainz. Auf Veranlassung der Orts- und Jugendgruppe der Agudas Jisroel sowie des Vereins Liwias Chen sprach hier am Abend des Jsru chag Sukkaus Herr Jaobfon-Hamburg über Keren Hathora geistreich und mit gutem Humor und erzielte bei den zahlreichen Zuhörern großen ideellen und materiellen Erfolg. Es wäre zu wünsch, daß wir noch eine Reihe solcher Redner hätten. Allen. Israel Meir Hakohen, der Verfasser des „Chofez Chajim" teilt dem Zentralbüro der Agudas Jisroel telegraphisch mit, daß er seine Reise nach Erez Jisroel auf unbestimmte Zeit verschoben hat. Wien. Zur Sitzung der Mandatskommission hat nach Vorbereitung der politischen Exekutive und nach Rücksprache mit dem Referenten beim Völkerbund die Aguoas Jisroel eine neuerliche Eingabe an. die Kommission gerichtet, in welcher der. Standpunkt der Agudas Jisroel hinsichtlich der Beschwerden des Waad hoir aschkenasi in Jerusalem nochmals ausführlich dargelegt wurde. : - Budapest. Demnächst erscheint in Budapest als einziges Presseorgan der orthodoxen Judenschaft eine agudafreundliche Zeitung in ungarischer Sprache. Das Blatt heißt „Zfido Ujsag". Die Redaktion übernahm Herr Leopold Großberg, der 27 Jahre hindurch das Tageblatt „Allgemeine jüdische Zeitung" redigiert hat. Warschau. Die Exekutive der polnischen Agudas Jisroel hat.beschlossen, Kr den 15. Marcheschwan die Sitzung des polnischen Zentralrates .einzuberufen. Auf der Tagesordnung steht u. a. die sofortige Einberufung der polnischen Landestagung. Das Zentralbüro in Wien wird voraussichtlich durch seinen Präsidenten, Rabbiner Dr. A Kohn, vertreten sein. . Warschau. Durch die überaus große Inanspruchnahme der „Methiwta" — über 600 Hörer — ist das Budget dieser Anstalt aus dem Gleichgewicht gebracht worden. Es wurde daher beschlossen, zur Deckung des Desizit eine großangelegte Sammlung zu arrangieren. Dem Komitee gehören unter anderen die Rabbiner von Ostrowo, Amschinow, Gora, Wola, Nowominsk und Radzin an. Die erste Sammlung ergab sofort einen Bäreingang von zwanzigtausend Zloty. Nähere Berichte stehen noch aus/ Warschau. Die polnische Judenheit ist in größter Erregung über die beschämende Nachricht, daß ein palästh nensischer Sportverein es wagt, am Sabbat öffentlich Fußball zu spielen. Am vorletzten Sukkothtage sollte der palästinensische. Verein „Makkabi" in Warschau einen Match oercmstälten, wogegen sich das Warschauer Rabblnar auslehnte und durch Verhandlnugen eine Verschiebung des Termins zu erreichen versuchte. .Da dies fruchtlos blieb, erließ das Rabbinat einen Cherem um gegen solche zionistische Praktiken im heiligen Lande und deren... demonstrative Uebertragung in die (Solu ein Exempel zu statuieren. Den gleichen Kamps hätte auch d iu Wilnaer Rabbinat. Cobj, In der Lodzer Kultusgemeinde ist. bekanntlich die Agudas Jisroel die stärkste Partei. Gegen sie haben sich sämtliche kleine Parteien, trotz der unter ihnen be? ... stehenden unüberbrückbaren Gesinnungsdifferenzen ver-. einigt, um das große Sanierungswerk zum Besten der überwiegenden orthodoxen Majorität der Stadtzu stören. Diese Opposition hat durch Monats jede Kuktussitzung illusorisch gemacht, bis die polnische Regierung eingriff und energisch Ordnung schuf. Derselbe gegnerische Block verhindert die Förderung sämtlicher religiöser Institutionen und Bewegungen. Begreiflicher Weise har oie Orthodoxie unter diesem Drucke schrecklich zu leiden, da jede praktische Arbeit nahezu unmöglich ist. Kürzlich beschäftigte sich eine Massenversammlung mit dieser Frage und es wurde beschlossen, für den Fall, daß nicht in wenigen Wochen der Frieden hergestellt ist, der gedeihliches Wirken sichert, die Orthodoxie den .ihr aufge-; zwungenen Kampf mit größter Energie aufnehmen, und. daß sie zur Erreichung ihrer Freiheit sogar nicht davor zurückschrecken wird, sich selbständig zu machen. v ,, Züria). Die Agudas Jisroel in der.Schweiz hat im .1 abgelaufenen Jahre Fr. 17 631.— aufgebracht, die sich folgendeMäßen verteilen: Kriegswaisenfond F. 5702. ji Keren Hatauroh. Fr. - 3923, Palästinazentrale Fr. 3813> Mazzothaktion Fr. 3391, Mikwothaktion Fr. 800. In ' Üeser Aufstellung sind selbstverständlich die Beträge für rie eigene Organisation und ihre, bezw. die ihr. unterstehenden oder ungegliederten Institutionen nicht inbegriffen. :