Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1925)
- Date
- 1925-11-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Maronen des neunzehnten Jahrhunderts. Novelle von-Z. W. Rtaustein. - (Schluß.) . V '. 14. Und sein. Bemühen war auch vom Erfolg gekrönt. Mordchai war Zensor geworden. . Und siehe, welch Wunder, es gelang. ihm, unter Einsetzung aller seiner Kräfte. den S.o h a r f r e i zubek o m m e n. Welcher Triumph! Dieser Sieg machte ihn trunken, so daß ex beinahe vergessen hätte, daß er bei Juden, bei seinen Brüdern doch nicht mehr als. einer von den,Metz galt.. C,r dürfte/ Bote Höftes!sein,' dürcHdeü . Gotr den teureü Schatz aus den Händen der Vernichter hat retten lasien. So hatte ihn der Allmächtige doch nicht verlassen, hatte seine unmenschliche Pein gesehen und sein Weinen und Flehen erhört. Wie jubelte und frohlockte alles in ihm! .Der Satan hatte doch keine Macht über ihn. . Gott chatte es vielleicht -als Sünde angesehen, wenn er der. wertlosen Form hawer, wegen der kleinen Taufzeremonie, seine Kinder dem Tode ausgeliefert hatte, Nun beschloß. er, um den großen Sieg zu feiern, eine ^yora schreiben zu lgssen, beim größten und besten Thoraschreiber des Landes. Die Einweihung dieser Thora wollte er zusammen mit Juden feiern. Mit dem größten Aufwand an Pracht wollte er die ^hora in den Tempel einführen lassen, wie es Juden Nirgends und niemals gesehen hatten. Aus Gold und Silber würde er die.Hülle für sie jucken lassen/ Und zum Mahle würde er viele arme ^eute einläden, und auch alle Maranen. Doch fand dieses Vorhaben nicht feine Erfüllung. Denn kein Thoraschreiber weit und breit konnte sich bereit, erklären, für den Zensor, sur den ärgsten Verräter der Juden, eine Thora zu schreiben. Dies traf Mordchai am schwersten: rMhte ihm fein letztes Vertrauen und Hoffen. Lieber hätte er alle Marter der. Welt auf sich genommen, als das Bewußtsein, von seinen eigenen Brüdern verstoßen zu sein. „Ich, der ich alle meine Kräfte einsetzte, um den heiligen Sohar zu befreien, wurde, doch nur deswegen. Zensor, uni meinen Brüdern zu nützen und zu helfen." Aber die in Petersburg heimlich und legal gebliebenen Juden-betrachteten wohl die Maranen als ihre Brüder: denn sie wußten, daß sie den Weg des ewigen Leidens zu gehen nicht die Kraft hatten, und nur deswegen zum Christentume übergetreten waren, um den Foltern der russischen Behörden zu entrinnen, aber nicht das Judentum 'zu verraten, / Aber die Person des Zen -! o r s galt als. Spitzel, als ein Denunziant, als ein Pfefferkorn. Und als solcher würde er gemieden, gehaßt noch mehr als die nichtjüdischen Verfolger der Ochräna. : - :: / 15. -; Wenn auch Mordchai .übermenschlich alle Qualen des Lebens überwunden, hatte — diese etzte und furchtbarste Enttäuschung schlug ihn nieder. Der Gedanke, von Juden, von seinen Brüdern, denen sein ganzes Leben geweiht war, in Acht, und Bann gelegt worden zu fein, warf ihn miss Krankenlager. Sein Körper würde von einembrennenden Fieber ergriffen und im -ne^prfeuer sah er alle Mappen seines Lebens, die.Kme unendliche Kette von, Torturen gewesen, waren, sich abspiegeln. Bald sah 'er seine Seele im Himmel vor der Richtertribüne. Unter den oielen Anklägern befand sich auch die Seele seine? uerstorbenen Kindes. Sie klagte ihn ihres vor der Zeit abgeschnittenen Lebens an. Und Semaest tlagte an. Da erschien ein Greis, dessen Augen wie die Sonnen der wahren Welt leuchteten Und die. . Flammen. , des .Satans verdunkeltest. Er horte, wie die Erzväter, und die Propheten sich vor Ehrfurcht zuflüsterten: „Rabbi Schimon — ben— Jochai." Und Mordchai lallte die Worte. „Sohar, Sohar." Riwka, die an feinem Krankenlager Tag und Nacht weinend dasaß, brachte das Soharbuch und drückte es ihm in die fieberflammenden Hände, Und er preßte das Buch an seine Brust und erwachte. Verstört sah er seine zusammengebrochene Frau an, die beinahe vor Glück, daß ihr Mann aus den Fieberträumen wieder aufgewacht war, aufgefchrien hätte. Aber Mordchai. begann zu weinen. Er hatte, nicht mehr hören können, , ob. der heilige Rabbi, der Schöpfer, des Sohar, gekommen war, seine. Seele zu retten- Warum mußte er. erwachen, um von nagenden Zweifeln gequält zu. werden. , - „Riwka" — stammelt^ der.Krapke — „Rjwkq,. sein,--wir werden von' Petersburg wegziehen, um öffentlich, ohne Scheu, Juden fein.zu können." „Ja," antwortete Riwka. schluchzend, „werde nur gesund." . V \ . / ■; 16. . . So waren etliche Wochen vergangen. Und als der Neujahrstag .anbrach, war bei Mordchai das Fieber längst gewichen. Aber seine schwere Lungenkrankheit hielt ihn an sein Lager gefesselt. An diesem heiligen Tage hieltes Mordchai auf seinem Krankenbette nicht mehr aus. Es zog ihn mit übermenschlicher Kraft in den Tempel, zu Juden, zu seinen Brüdern. Es half weder der Arzt, der auf die Gefahr des Bettverlaffens hinwies, noch das Flehen seiner Frau, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Er nahm den Rest seiner Kräfte zusammen und machte sich, von Riwka begleitet, auf den Weg nach dem Tempel. Im Tempel angelangt, stellte er sich poll zitternder Bangigkeit und aufkeimender Glückseligkeit in eine Ecke. In einem erhabenen Wonnegefühl verschlang er mit seinen Augen die lieben Wände des Tempels, die Bundeslade, den Almemor, die teueren Brüder in den Gebetmänteln. Oh, das alles hatte er solange nicht mehr sehen dürfen. Dock seine Augen trübten sich bald und Grauen, einer Höllenpein verfinsterte seinen Blick.. Sein Erscheinen, zum Teil von mitfühlenden, barmherzigen Blicken empfangen, rief bei vielen Befremden und Verdruß hervor. „Der Zensor im Tempel" tuschelten sie zu einander und wendeten sick ab von seiner Nähe wie von einem Geächteten und Verbannten. Mordchai kniete nieder und küßte heiß unter siedenden Tränen den Boden.. Seine Lippen lallten die Worteim inbrünstigen Gebete: „Sohar, Sohar! Vergebt, vergebt!" Und als die erste Mahnung des Schofar in überwältigenden TodesfchaUsrn erschallte: zerriß der Lebensfaden Mordchäls.'' Es hätte ihn nach dem Tempel, zu seinen Brüdern, gezogen, um in der. Mitte derer/ denen sein ganzes Leben galt, seine Seele auszuhauchen. Mescholim.'' Von 5. Brückheimer in Markkbtelk. (Fortsetzung.) 12, An einem heißen. Sommernachmittag geht der Marm's David die Vockenrother Steige hinauf. Jtt Wertheim hat er ein größeres Stück Hemdenbarchent eingekauft, mit hem er jetzt, gleich hausieren will Aber der Ballen drückt gar zu sehr und David , rinnt der Schweiß in--feinen langen graüen Bart. Und/ die holperigeStraße steigt und. steigt. .Da überholte ihn. eine. Bauern-! fraur die in - Wertheim .Cier>und Vutter verhanheft. hat. . . .' ■ ■ - ' - >-n! . .‘II ' •‘l-V *) Siehe „Israelit" Nr. 14 vom 2. April 1925. „Mei," sagt Dävill zft ihr, „leih Mr/hoch eH Gulde!.:Bis ich..ihn E/tzchMrMbring', könnt/Ihr do den Barchent behafte/f// /!!.. ';/!X/.-//; Die Frau gibt David das Geld, und. legt/ die./ Ware in ihre Kötze. David fchmppzelt und unter- ' hält feine Begleiterin auf's MsieA/A ,!///.., Als sie wieder auf ebenem Wege sinh, klöpfh David der Frau auf.die Schulter:'. /./! * „Hört emol, ich Hab' mir's!hoch. anders! über-, legt. Do habt Ihr Euren Gulden wieder.". /, David nimmt den Barchent ustd zweigt! rechts ab in einen Ackerweg. . /. / / '//.'< - 13i ■ Bevor Schimme Adler in der RuMpelnacht/) seiner Frau helfend, den letzten Hafen -auf dem Boden trug, ging er über seinen Geldbeutel und/ rannte spornstreichs in ein jüdisches Geschäft. „Was willst noch so spät, Schimme?"; ,1 „Geb mer schnell noch drei Päckle Tabak! -Dio cheb' ich bis nächsten Peßach äuf^'däM sind sie Mteftig/" ' - " ••‘-'•-ryW/ ' 14, V;-';TV Hakofcher fchebetaböchim fchutfo fchel amolek: Der einwandfreiste Metzger hat mit Amalek Ge-> meinfchaft. Welcher Schochet hat diese Erfahrung noch nicht gemacht? Oidi Jsak Fr. hatte es mit einem gewaltätigen' Metzger zu tun. Und weil Fr. eist zaghafter Mensch war, ging er immer voller Furcht in das Schlachthaus. ] Nun waren in einer Woche bereits zwei Tiere terefoh geworden. Und ein drittes gab ebenso schlechte Hoffnung. Fr. untersuchte und untersuchte. Er getraute , sich einfach nicht den Tatbestand zu eröffnen. Da machte es Fr. so, als wollte er aus einem nahen Schränk etwas herbeiholen. Dort wischte er sich aber mit einem Tuche schnell die Hände ab und lief zum Ausgang. Da eilte ihm aber der Metzger nach und schrie: „Ich weiß doch noch nichts! Wie is es denn?" „S'is wie's is," rief Fr., zurück und machte hinter sich schnell die Türe zu. 15. In H. war ein Gensdarm, stationiert, der besonders die jüdischen Hausierer gerne zwackte und schickanierte. Einmal ertappte er den Frum Hersch,. als er fein Patent') vergessen hatte. Zuerst weidete sich der Gensdarm an der Aengstlichkeit des Juden, der unzählige Male hintereinander beteuerte, daß der-Schein zuhause, in Külsheim, im Hausrock stecke. Dann sagte er: „Frum Hersch, ich will Euch nicht anzeigen. Aber den Schein muß ich sehen, heute noch! Lauft heim!" Drei Stunden heim, drei Stunden zurück! Was blieb Frum Hersch anders übrig? Abends um neun Uhr zeigte er das Patent vor. Und mußte, dann müde und ohne Verdienst noch einmal den langen Weg machen. - „Heute bin i ch gelaufen," sagte Frum Hersch vor sich hin, „Du läufst auch noch, Rakef!"') Zwei Monate später, am Geburtstage des Großherzogs, war Frum Hersch wieder in H. Die Parade, die der Veteranenverein abgehalten, war gerade beendigt, und der Gensdarm kam in Galauniform, mit Helm und langem'Säbel, die untere Dorfstraße herauf. Als er Frum Hersch sehen mußte, fing der an, von. einem Bein auf das andere zu hüpfen und nervös an allen Taschen herumzutasten. Plötzlich aber drehte sich Frum Hersch um seine Achse und lief wie der Wind die Dorfstraße hinauf dem Ortsausgang zu. „Frum Hersch! Früm Hersch!", rief der Gensdürm hinter ihm herfprmgend. Aber Frum Hersch hörte nicht. Er lief und. lief. Zuerst auf der Landstraße, gann ging's in einen holperigen -Feldweg, später durch einen Saubmtp mit diürv, 1), Die Nacht, M der Peßach/. apfhört. . ' 2) Haüsier-Eklaudmsschein. " >' 3) Reiter, Gensdarm.