Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1925)
- Date
- 1925-11-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450380--72646-2530052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5. November 1925 Der Israelit Nr. 46 Seite II Hirsch, .zwischen Gesetzestreue und Orthodoxie vorzünehmen. Wir nehmen zu Gunsten Seligmanns, an, daß es mit seiner Hirschkenntnis nicht soweit her ist, so daß vom Ganzen nur objektive Verdrehung übrig bleibt. Es mutet aber immerhin wenig erbaulich an, wenn man mit solchen Worrtlaubereien wie Orthodoxie, Gesetzestreue zu blenden sucht, wo es um tiefste Welt- und Lebensanschauung geht. Es war am Vorabend des Schabbos „Lech lecho" und da hätte Seligmann wenigstens vor Betreten des Podiums zum ' Hirsch-Vortrag den Kommentar zu diesem Wochenabschnitt aus Seite 184 Nachlesen können: „Zeitgemäßes Judentum! Der lauteste Protest dagegen ist das erste jüdische Wort ir. War Abrahams erstes Auftreten zeitgemäß? Inmitten von Chäldäa, Babylon, Assyrien, Phönizien, Aegypten Vergötterung der Sinnlichkeit und der Macht war da die zeitgemäße Predigt, vergöttertes Genußleben in Asien, Vergötterung der Menschenmacht und Ertötung des freien Menschen in Aegypten; der Gedanke „Gott" war bis auf wenige Spuren verschwunden, da soll ein Abraham auftreten, und während die ganze Welt sich fest anzusiedeln, sich anzubürgern trachtet, soll er seine Heimat, sein Bürgerrecht aufgeben, sich freiwillig zum Fremdling machen, den von allen Nationalitäten vergötterten Göttern den Protest ins Angesicht sprechen, das fordert den Mut und die Ueberzeugung von der Wahrhaftigkeit der inneren Gesinnung und des Gottesbewußtseins, das fordert das jüdische Bewußtsein, den jüdischen „Trotz" — und das war das erste, worin Abraham seine Berufung zu bewähren hatte." , (Luppenansialt.) Von hochgeschätzter Seite wird uns, geschrieben: Die Zeiten ändern sich. Hat unser Stammvater Abraham sich an die Türe seines Zeltes geseur, um Gäste zu empfangen, so haben Nachkommen des großen Patriarchen nicht an heißen Tagen, aber bei strenger Kälte versucht, ein Haus zu bauen, um hungrige Gäste zu empfangen. Gleich dem Zelte Abrahams gaben sie dem Haufe vier Eingänge, um den Gästen zu ermöglichen, die Türen zu finden, wo ihnen der Hunger gestillt werden soll, und haben das.moderne Abraham-Zelt noch erweitert, indem sie den Kranken Krankenkost, den Trauernden Nahrung senden, um die darbende Seele wieder zu erquicken, reichen der kreißenden Mutter die nötigen Utensilien und die Kleidung und Wäsche zum Empfang des Säuglings, gewähren dem lernenden Kinde die wärmende Stube, in welcher die Mutter die Utensilien zur Ausbesserung der Kleider ihrer Kinder findet. Haben die Gründer dieses Abraham-Zeltes, genannt Suppenanftalt für israelitische Arme, auch geglaubt, daß in ihrem Zelte stets auch der Segen, welchen die Vorsehung dem Stammvater verliehen hat, einkehren würde, so hat ihnen die Allmacht der Zeiten eine Prüfung aufeclegt Das schöne Zelt bringt viele Gäste, und die Verwaltersleute möchten gerne nach den Gütern zur Sättigung ihrer vielen Gäste eilen, wenn ihnen die Mittel dazu geboren wären. Sind wir doch alle Kinder des großen Ahnen, so haben wir die Pflicht, dieses ideale Abrahamsgut zu schützen und zu erhalten. Helfe ein jeder nach seiner Kraft, das gastliche Heim zu stützen und zu kräftigen, und er dürste sicher sein, daß die Segnungen eines Abraham auch ihm und seinen Nachkommen zuteil werden. M. M. (Bank jüdische Kindergärten!) Es wird hier in Frankfurt an vieles gedacht, an mehr oder weniger wichtige Angelegenheiten, .jedoch an das allerwichtigste denkt man nicht, nämlich an jüdische Kindergärten, den Grundstein des Judentums! Weshalb existiert ür einer Stadt wie Frankfurt nur ein einziger Kindergarten, auch ist dieses kein „Volkskindergarten", sondern eine Stiftung. Gerade jetzt bei den schlechten Wohnungsverhältnissen wäre manchen Minderbemittelten damit geholfen, wenn sie ihre Kleinen wenigstens tagsüber in freundliche Räume unterbringen könnten. Es wohnen manche Familien drei bis vier Stockwerke hoch in einer Mansarde und so kommt es vor, daß die Kinder die ganze Woche nicht an die frische Luft kommen. Erstens kann eine Mutter mit zwei bis drei kleinen Kindern Mit Kinderwagen usw. nicht dauernd die Treppen rauf und runter und außerdem sind sehr viele Frauen auch oft auf den Miterwerb angewiesen. So bleibi ihnen nichts anderes übrig, als die Kinder in einem nichtjüdischen Kinuergarten unterzubringen (wenn sie diese nicht einschließen wollen). Und gerade hier richtet das viel Schaden an. Denn die ersten Eindrücke bleiben fürs ganze Leben, außerdem essen die Kinder trefe. Auch wäre es wünschenswert, die Kleinen mehr im jüdischen Geiste zu erziehen. Um das jüdische Volk zu erhalten, ist nicht nur nötig, daß man sie in Erez Jisroel i.n jüdischen Geiste erzieht, sondern auch hier im Galuth Mt es unbedingt nötig. Man wird sagen, wir haben ja einen jüdischen Kindergarten im Baumweg. Das hört sich für die Aubensiehenden gut an, aber reicht ein Kindergarten mit drei Gärtnerinnen für Frankfurt? Dieser ist meistenteils so belastet, daß diejenigen, welche das „Glück" haben ailzukommen, es wirklich als Vi>tücf betrachten. Und wo bteiben die vielen anderen? Wir brauchen dringend einen jüdischen Volks-! indergarten. (Wohlfahrtskagung.) Sonntag, den 8. November, vormittags 10 Uhr, findet in den Räumen des Landesverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege, Langestraße 30, eine Wohlsahrtstagung statt. Sie ist von dem Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen und Hessen-Nassau gemeinsam mit der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, sowie der Hauptstelle für Wanderfürsorge veranstaltet. Referate halten die Herren Rabb. Dr. I. Horovitz, Dr. Josef Frank,, Dr. Erwin Cohn u. a. (Frau Ienny Schames .) Am Samstag na 'Q hauchte Frau Jenny Schames ihre reine Seele aus und versetzte damit eine hochgeachtete Familie, einen großen Verwandten- und Freundeskreis in tiefste Trauer. Eine wahre nwas nma deren Kraft und Augenmerk in der Hauptsache dem Hause, dem Gatten und den Kindern geweiht waren, fand sie doch Zeit und Muße, auch in die Geschicke Anderer helfend einzugreifen, mit Liebe und wärmstem Interesse und einem feinen Takte, der die Wohltäterin über der Wohltat förmlich vergessen ließ. Ungeheurer Verehrung und Beliebtheit erfreute sich Frau Schames in der weiten Familie. Eine sonnige Frohnatur war jede ihrer Handlungen, jede ihrer Bewegungen von einer Anmut, einem jüdischen in begleitet, und es war ihr, wie selten einer gegeben, Licht und Liebe um sich zu verbreiten. Eigene Schicksalsschläge beugten sie nicht hernieder, Glaube und Vertrauen richteten sie wieder auf, hielten sie alle Zeit aufrecht und wurden zur Quelle, aus der auch andere Mut und Trost in reichem Maße schöpften. Unvergängliches Denkmal hat sich die Verstorbene errichtet in der Dankbarkeit vieler, im Herzen aller, die ihr nahe standen. Ihr Andenken bleibt uns unverwischlich. Die große Friedhofshalle der Israelitischen Gemeinde konnte am Sonntag kaum die Fülle von Menschen fassen die gekomen waren, um der Heimgegangenen das letzte Geleite zu geben, den hochgeachteten Familienangehörigen in aufrichtigem Beileid die Hand zu drücken. Die beiden Schwiegersöhne, die Herren Hermann Hirsch, Halberstadt und Dr. Michael, Berlin, kündeten in schlichten, herzlichen Worten das Lob der Heimgegangenen Mutter. Im Haufe sprachen während der Trauertage im Namen der Familie Herr Nathan Sondheimer und im Namen des „Liwjath Chen"-Vereines, in dem sich Herr Wilhelm Schames als Vorsitzender seit Jahrzehnten verdient macht, Herr Redakteur Schachnowitz Worte ehrenden Gedenkens und aufrichtenden Trostes. Lin Fest des Das Jaumi. Der „Das Jaumi" hat den zweiten -hd (tjiö). zu Ende gelernt und der Anlaß wurde Diensttagabend in den agudistischen Kreisen der ganzen Welt feierlich begangen; auch in Frankfurt. Die neuhergerichteten Agudaräume in der Hanauer Landstraße erstrahlten in hellstem Lichterglanze, nicht minder die Gesichter der Anwesenden, unter denen man viele v'inG von Namen sah. Und Jugend, viel festfrohe, lernbegeisterte Jugend, daß einem das Herz aufging. Neben den Teilnehmern des Das Jaumi (durchschnittlich 20 an der Zahl), Vorstand und Dozenten, auch hiesige und auswärtige Gäste. Herr H. Holpern, der unermüdliche mm i-a-ra. leitet auch diesen „Das Jaumi" und er lernte ivi» 'mit einem geistvollen „Hadron" aus. Dann folgte es Schlag auf Schlag. Zunächst die Offiziellen: Herr H. Frankenthal begrüßte im Namen der A. I. Jugendgruppe, Herr Leopold Oppenheimer im Namen der Ortsgruppe, Herr Holpern als Leiter, Herr Jos.. Sänger für den „Mekor Chajim". Herr G o l d st e i n überbrachte Grüße und prächtige Thoraworte des „Sanoker Raw, des Schöpfers des Das Jaumi". Rabbi Braw „sagte schöne Tauroh". Herr S. Schachnowitz unterhielt die Festversammlung mit einigen launigen Betrachtungen über das neue Tageblatt iw das die Welt erobert und historischen Feststellungen über die „Dafim"-Einteilung der ersten Talmuddrucke. Der neue hebräische Sprachlehrer, Herr E i n st e i n, sprach in gutem sephardischem Hebräisch über den Sieg des nn über den ivn und Herr Dr. Hofmattn brachte etwas „Soziologisches" zur Schlußstelle des iw» tjd* Alle Reden gingen weit über das Maß des Ueblichen. Dazwischen „rief" Herr O e l b a u m in einem humorvoll anzüglichen Sprechlied alle Dozenten und Prominenten „auf", trugen jüngere Teilnehmer Jargonlieder vor, sang ein fremder Chasen aus einem Grammophon heilige Gebete mit vielen Wiederholungen, wurden Berge von reichbelegten Broten und leckeren Torten zu gutem, starken Tee verzehrt. Die Benschenversteigerung war amerikanisch und brachte die übliche „große Summe", die in vierhundertfacher Größe zur Instandhaltung der renovierten schönen Räume bitter nötig wäre. Biele Herren, die etwas auf dem Herzen hatten, kamen und brachten uns, wegen der vorgerückten Stunde, um ihre schönen Reden, was aber, da wir diesen Winter Hochkonjunktur in Kijumim haben, bald leicht gutzumachen sein wird. Neues aus der Agudas Fisroel- Fugeudgruppe. Am Dienstag, den 27. Okt. referierte in der Aula der Realschule, Tiergarten 8,. Herr Josseliowski ^Leiter der agudistischen Kolonie „Machne Jisroel" in Erez Jisroel) über das Thema „Machne Jisroel". Redner zeichnete uns ein lückenloses Bild der neugegründeten Kolonie und sprach sich über das rasche Fortschreiten der Arbeiten lobend aus. Es herrscht dort gute Stimmung. Die Arbeiter, aus verschiedenen Ländern (auch Deutschland) herangezogene junge Agudisten, haben sich zu einer Arbeiterpartei „Poale Agudas Jisroel" zusammengeschlossen. Bon allen Seiten bewundert man dieses neu erstandene Stückchen Erde und selbst nichtjüdische Fachleute loben die Arbeit unserer Organisation auf diesem Gebiete besonders. Mit einem warmen Avvell an die Frankfurter Agudagruppe, daß auch sie ihr Möglichstes zur Erhaltung und zum weiteren Ausbau dieses Arbeitsgebietes beitragen möge, schließt der Referent unter Beifall der Zuhörer. Die „Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege, Langestraße 30, lädt die Mitglieder der Aguda Jugendgruppe zu sog. „W o h l f a h r t s k u r s e n" ein, die wöchentlich Mittwoch 7—8 Uhr nachmittags (Langestraße 30) stattsinden. Jeder Einzelne, der aus jüdisch-sozialem Gebiet bisher schon tätig war, oder der auch nur einiges Interesse an diesem Arbeitsgebiete hat, kann unentgeltlich diese Kurse besuchen. Es ist zu hoffen, daß sich eine große Anzahl Mitglieder beteiligen wird; wir bitten daher, Anmeldungen zur Teilnahme schriftlich umgehend dem Vorstand der Jugendgruppe mitzuteilen. Erster Vortrag Mittwoch, 11. November, pünktlich 7 Uhr. Die geplanten hebräischen Sprachkurse kommen zur Ausführung. Cs haben bereits drei gutbesuchte Kurse die Arbeit ausgenommen. Für je einen Kursus für Damen und Herren können noch Neuanmeldungen entgegen genommen werden. Der Unterricht findet statt: Für Damen: Montag abends 7—8 Uhr im Lokal Hanauer Landstraße 17, Dienstag 5.15—6.15 Uhr in der Realschule. Für Herren: Mauzoe Schabbos 7.45—8.45 Uhr, Dienstag 8.30—9.30 Uhr (beide im Lokal). Anmeldungen erfolgen zweckmäßig nach dem Unterricht. Evtl, können solche auch an Herrn Manfred Neuberger gerichtet werden. (Am Tiergarten 24, H. 6303). Das Honorar ist außerordentlich gering: bei wöchentlich 2 Unterrichtsstunden sind monatlich Mk. 5.— zu entrichten. Die Kurse finden unter der bewährten Leitung von Herrn Abraham Einstein aus Lemberg statt, der bereits mehrere Jahre im Ausland als Sprachlehrer tätig war und im Uebrigen auch bereit ist, Privatunterricht zu erteilen. Im Rahmen der Ausspracheabende der Agudas Jisroel-Jugendgruppe spricht am Mittwoch, den 11. November, Herr Leo Neuberger, München, über das Thema: Judentum und Relativitätstheorie-Gegensätze? Der Vortrag findet' s. G. w. um 8)4 Uhr im Lokal Hanauer Landstraße 17 statt. Gäste — Damen und Herren, sind willkommen. Anschließend Aussprache. Die im Programm vorgesehenen Geschichtskurse des Herrn Redakteurs S. Schachnowitz beginnen Sonntagabend, 15. November, 8.45 Uhr präzis in den Räumen der A. J.-Jugendgruppe. Die für den Winter gewählte Materie umfaßt: 1. die Entstehung des Islam, 2. die Gaoniten, 3. die kastilische Blütezeit, 4. die Vertreibung aus Spanien. Da nach den Anmeldungen große Beteiüaung zu erwarten ist, wird um pünktliches Erscheinen gebeten. Die Kurse sind für Herren und Damen. Samson Raphael Hirsch und die Israelitische Religionsgesellschaft. Von Dr. Mendel Hirsch W- (Fortsetzung.) Mit dieser Ueberwe sung der Kanzel an einen Neologen war das Werk gekrönt, das im Jahre 1804 mit der Gründung der Schule begonnen war. Die Erhaltung der religiösen Einheit in der Gemeinde war durch diesen Schritt des Vorstandes unmöglich gemacht. Die Gesetzestreuen hatten es in den vorangegangenen Jahren an Warnungen in diesem Sinne nicht fehlen lassen. Es ist interessant, aus ihren Eingaben schon im Iahre 1641 zu ersehen, wie nach ihren Versicherungen nur die Anstellung eines akademisch gebilde'en gesetzestreuen Rabbiners die religiöse Enteil erhalten, die eines Neologen aber unfehlbar die größten Spaltungen hervorufen werde. Alles war an dem Fanatismus des Vo standes abgeprallt. Wir haben absichtlich bei diesem Punkte länger verweilt. Denn es erscheint nicht unwich ig, doch einmal wieder zu konstatieren, wer denn durch seinen fanatischen Haß die Trennung bewirkt, und wer vergebens alles aufgebolen hat, sie zu ve hindern. Nicht die Frommen, sondern die Reformer, nicht die angebliche „Separat"-, sondern die sogenannte „Haupt"- Gemeinde hat die Separation vollzogen. Sie hat sich .von dem alten Judentum losgesagt, das von jeher in Frankfurt seine Söhne unter seine Fahne gesammelt hatte und das in Wahrheit T äger des Gemeinderechles war. Sie hatte an dessen Stelle eine andere Religion gesetzt, deren Inhalt noch immer seiner Fixierung harret. Die Religionsgesellschaft weiß, was sie will. Unsere andersdenkenden Brüder wissen es nicht. Sie sind noch nicht einmal einig in der Negation, geschweige denn in dem, was sie noch an Posi ivem gelten lassen sollen. Doch das ist ihre Sache. Wir stören nicht und greifen Niemanden