Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-11-05 · Heft 45 (5.11.1925) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 45 (5.11.1925)
Date
1925-11-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450380--72645-2530051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10 Nr. 45 Der I s r a eI it Vt vlUvvUlvvl Xv4v tzcute nicht alltägliche tiefe Erkenntnis der Bedeutung S. N. Hirschs und feiner Gemeinde für Gegenwart und Zukunft des Judentums in »ynen lebt. Aber vorbehaltlos einverstanden können wir mit den Ausführungen des Herrn Verfassers leider nicht fein. Zunächst tut seine Behauptung, daß vier Jahrhunderte lang vor Hirsch kein Hauch schöpferischen Geistes des Judentum befruchtet habe, diesen Jahrhunderten Unrecht. Wir haben uns über den Begriff des Schöpferischen vor nicht langer Zeit an anderer Stelle geäußert und möchten uns nicht wiederholen. Aber abgesehen von den dort dargelegten Gesichtspunkten, die auch die Größen der Halacha in die Reihe der „Schöpfer" einreihen, kann man doch, um nur Beispiele heraus- ZUgreifen, auch nach strengsten Mahstäben weder Wt. CH. Luzzatto, noch dem Gaon Rabbenu Elija, weder dem Baal-schem-tow, noch dem Raw von Ladi das Schöpfertum des Geistes kurzweg absprechen. Es tut der Größe und Originalität Hirfchs keinen Abtrag, wenn man dies feststellt. Wichtiger scheint uns die Stellungnahme zu den Folgerungen, die der Verfasser aus seiner Beurteilung des Wesens der praktischen Wirksamkeit S. R. Hirschs, des jüdischen Kulturpolitikers, zieht. Er glaubt, daß das, was Hirsch erstrebte, die harmonische Ein- und Unterordnung der ganzen Fülle des Kulturbesitzes in die zutief st erfaßte Wahrheit der göttlichen Lehre, auf dem Boden des heutigen Ersz Jisroel in weit vollkommenerem Maße erreicht werden könnte, als es in Westeuropa bis heute der Fall war. Man brauche nur das Experiment, das S. R. Hirsch in Frankfurt machte, in Jerusalem frischen Mutes zu wiederholen, um das heilige Land für Gott und seine Thora zu retten. Wir bezweifeln die Richtigkeit dieses mim Gewiß fehlt, um mit dem Verfasser ZU reden, in Erez Jisroel „die unmittelbare Einwirkung der nichtjüdischen Welt auf den Juden". Aber umso verheerender wirkt die mittelbare, durch bewußt unjüdische Juden vermittelte verführerische Kraft der geistigen Assimilation an den sogenannten „Zeitgeist". Daß in dem „Entfremdetsten" dieser Nationaljuden, wenn auch unbewußt, „viel vom Geist der Thora" lebt, mag in einem höheren, mystisch-metaphysischen Sinne richtig sein — aber nur der Gott aller Menschenseelen weiß, wie und wann diese in die tiefste nrwiv eingesenkten Funken vererbten jüdischen Geistes aus der Umklammerung des Abfalls gelöst und heimgeholt werden können. Für die junge Generation bedeuten aber gerade diese in die Formen des Jüdisch-Nationalen gekleideten, in das Gefäß der heiligen Sprache gegossenen Negationen der Thorawahrheit eine im Vergleich zum Golus um das Vielfache gesteigerte Gefahr der geistigen Ansteckung und Vergiftung. Man begreift schon darum das Mißtrauen, mit dem die wahrhaften 'n 221 V» tmn' in Erez Jisroel, die lieber „Narren ihr Leben lang als Sünder eine Stunde" sein wollen, selbst dem Bildungsideal der westeuropäischen Orthodoxie gegenüberstehen, begreift durchaus, daß man sich fürchtet, der Jugend mit den europäischen Sprachen und Realien das Eintrittsbillet in die Hallen der wissenschaftlichen Kultur selber zu reichen. Daß die Rettung der palästinensischen Jugend für die Thora eine gewisse Entwicklung auf dem Gebiete der Jugenderziehung erfordert, sehen alle halbwegs Einsichtigen ein. Aber es darf dabei kein Programm von Westeuropa, auch nicht dasjenige S. R. Hirschs, fertig übernommen werden. Wolle man vor allem nicht vergessen, daß in Deutschland, als Rabbiner Hirsch den geistigen Wiederaufbau begann, schon kaum mehr etwas zu verlieren war. Keine einzige K i n d e r f e e l e in Frankfurt wurde durch die Realschule mit'ihren 20 religiösen und 20 profanen Wochenstunden dem Cheder, der Talmud- Thora, der Jeschiwa entzogen — die 20 Stunden Thora waren reines Plus ohne min Vitn irgend welcher Art. Das ist ein Mahnruf für diejenigen, die der Devise pK oxr min für Erez Jisroel ohne Vorbehalt das Wort reden, ein Mahnruf allerdings auch an die Vertreter des aiff’* es Gott behüte, auf dem heiligen Boden der jüdischen Zukunft nicht erst soweit kommen zu lassen, daß es nichts mehr zu verlieren gibt. Man darf das Vertrauen hegen, daß Agudas Jisroel es verstehen wird, ihr aufstrebendes Erziehungswerk in Erez Jisroel zwischen der Scylla der vertrauensseligen Kulturbegeisterung und, der Charybdis einer dem vh niwvb nv blind gegenüber stehenden Haltung hindurchzusteuern. Dabei können die Erfahrungen der westeuropäischen Orthodoxie nach beiden Richtungen dem Osten die besten Dienste leisten. Gm Gutachten Rabbiner Hirschs über Wiederholungen im Gebet. In dem Archiv der Jüdischen Gemeinde von Rotterdam befindet sich in Abschrift von der Hand des Oberrabbiners Dr. Jsaacsohn folgendes Gutachten, an denselben gerichtet: Ew. Ehrwürden haben mich um eine gutachtliche Aeußerung über die Frage ersucht: ob es einem Vorsänger zu gestatten sei, beim Gebetsvortrage der Melodie halber Gottesnamen oder sonstige Worte zu wiederholen? Ich habe hierauf zu erwiedern die Ehre: Aus my undist entschieden und unzweifelhaft der für den synagogalen Gottesdienst maßgebende, religionsgesetzliche Grundsatz (8"v n"x) gegeben, daß die Wiederholung von Gottesnamen oder auch VNstiger Worte im Gebete durchaus unzulässig ei. Eine solche Wiederholung bringt in v i e l e n Fällen sogar den verwerflichen Schein einer Verleugnung der Gott-Einheit in das Gebet, wird aber in allen Fällen als ein Spielen mit dem Ernst des Gebetes aufs Härteste.getadelt. Eine Gemeinde daher, die noch den Anspruch auf den Namen einer jüdischen macht, und welcher der Gottesdienst noch ein Mehreres gilt als ein bloßes frivoles Spiel, darf daher auf keinen Fall solche Wiederholungen ihrem Vorsänger gestatten, hat ihm dieselben vielmehr bei Verlust eines Amtes aufs Strengste zu untersagen. Frankfurt a. M., 24. May 1870 gez. Rabbiner Hirsch. Äus Gemeindeu. Vereinsleben. (Aus dem Gemeinderat.) Der Gemeinderat hat feit den Festtagen vier Sitzungen abgehalten, die abgesehen von der Fortsetzung der Beratung über den Haushaltsplan, mannigfachen aktuellen Gemeindeangelegenheiten gewidmet waren. Im Vordergrund landen die Erörterungen über die Weiterentwicklung des Unterrichtswesens der Gemeinde im Zusammenhang mit der Neubesetzung des Direktorats der Realchule. Bekanntlich tritt der derzeitige Direktor wegen Erreichung der Dienstaltersgrenze zum großen Leidwesen der Gemeindebehörden mit dem Schluß des Schuljahres in den Ruhestand, und es ist begreiflich, daß aus diesem Anlaß der Gemeinderat das Bedürfnis empfindet, in einer Art von Selbstbesinnung die Frage zu prüfen, ob und nach welcher Richtung auf organisatorischem, didaktischem und methodischem Gebiete m den Schulanstalten neue Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen sind. In der Aussprache traten zwei verschiedene Strömungen zu Tage, von denen die eine auf eine möglichst freie Gestaltung des Lehrplanes, auf die Erzielung einer möglichst intensiven jüdischen Kultur hindrängt, selbst wenn damit äußere Berechtigungen notleiden sollten, während die andere auf den gegebenen Grundlagen weiter bauen und die Schule unter allen Umständen in das Geamt-Svstem des deutschen Bildungswesens gleichberechtigt eingeordnet sehen will. Vom Vorstand wurde geltend gemacht, daß die Erfüllung aller dieser zum Teil weitgehenden Wünsche im Grunde genommen eine Frage der Persönlichkeit fei, da grundlegende Aenderungen des Systems unter allen Umständen nur durch schöpferische Persönlichkeiten durchgeführt werden können. Die Kn den Feiertagen auch in der Form des Gottesdienstes wahrnehmbaren Meinungsverschiedenheiten, die sich feit längerer Zeit zwischen der Leitung des Synagogen-Chors und dem Rabbinat heraus gebildet hatten, beschäftigten den Gemeinderat ebenfalls. Der Vorstands- Vertreter konnte erfreulicherweise in einer der letzten Sitzungen berichten, daß der Konflikt inzwischen durch vorbehaltlose Anerkennung der vom Rabbinat für den Synagogen-Chor aufgestellten Richtlinien durch den Chor eine Lösung gesunden habe. Im Grunde handelte es sich darum, daß das Rabbinat den von dem Schöpfer des Chores, I. M. Japhet, im Einklang mit S. R. Hirsch geschaffenen Stil des Synagogengesanges, den Charakter des Chores als Leiter des Gemeinde-Gesanges festgehalten zu sehen wünscht und die Weiterentwicklung ins Konzertmäßige als Bruch mit den Gerneinde-Tradinonen betrachtet. Es besteht kein Zweifel, daß auch rm Rahmen dieser Richtlinien die berechtigten ästhetischen Anforderungen volle Berücksichtigung finden können und werden. Der Gemeinderat billigte einstimmig den Standpunkt, den der Vorstand in der Angelegenheit eingenommen hatte. Angesichts der außerordentlich schwierigen Finanzfragen, vor deren Lösung die Gemeinde steht, wählte der Gemeinderat in den Herren Wreschner und Frankenthal zwei weitere Mitglieder in den Finanzausschuß. (Ehrung eines Iefchiwoh-Dozenken). Herr Lehrer E f ch w e g e, früher in ThÜNgen, der Senior der Dozenten rn den Untergruppen der Thoralehranstalt Jeschiwa, beging vor wenigen Tagen in aller Frische und Rüstigkeit von Körper und. Geist seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Herr Efchwege, feit einigen Jahren im Ruhestande, benützt diese „Ruhe", um in Frankfurt in der Nähe seiner Kinder intensivem Thoralernen zu obliegen und mit ungeschwächter Jugendkraft und Jugendfreude Thora zu verbreiten. In der Jeschiwa widmet er sich mit bestem Erfolge den Kleinen und Kleinsten. Das Kuratorium der Jeschiwa ließ es sich nicht nehmen, dem jugendlichen Greise an seinem Geburtstage seine Wünsche für ein weiteres gedeihliches Arbeiten zu üöerbringen und in einem kostbaren Geschenke den Dank der Jeschiwa zum Ausdruck zu bringen. -p«* 't (Vorträge im Veshamidrasch, Ostendstraße 18.) Im Beshamrdrasch, Ostendstraße 18, spricht Herr B., Nachel - f 0 h n wie alljährlich jeden Freitagabend nach Schul, ebenso y2 Stunde vor Sabbatausgang über nas? ma^n* (Der „große Sijum".) Der „große Sijum" des v"v- Bereins findet rr’K Sonntag, 's den 22. November, in der Liederhalle, Langestraße, statt. Das großangelegte gutvorbereitete Thorafest, das schon seit Jahren zum eisernen Bestände unserer Winterveranstaltungen gehört, beginnt pünktlich l/2 6 Uhr nachmittags mit einem Hadroy auf o~v- Es folgen dann Darbietungen aller Art. Für gute Bewirtung ist gesorgt. Den Mitgliedern gehen Karten zu. Nichtmitglixder erhalten Tischkarten an der Abendkasse. Näheres wird noch bekannt gegeben. (Von der Gesehestreue zur Orthodoxie.). Im Vereine „Frankfurter Hauptsynagoge" halten die Herren Rabbiner der liberalen Gemeinde in der Hauptsynagoge Börne- 'traße, Freitagabend abwechselnd Vorträge über jüdische Themata. Am letzten Freitagabend wählte sich Herr Rabbiner Dr. Cäsar Selig mann „S. R. Hirsch" zu feinem Thema. Wie uns Zuhörer übereinstimmend berichten, bestand der einstündlge Vortrag zu drei Vierteln aus' einer Lobeshymne auf S. N. Hirsch. Er, Seligmann, beuge vor den Manen des großen Meisters, der das Judentum aus schwerster geistiger Krisis gerettet und einer lebendigen Zukunft zugeführt hat. Er kenne und schätze eine Schriften. Der Mann, der aus reinstem Idealismus ein Fürstenrabbinat verlassen hat, um einer kleinen Gemeinde zu dienen, hat sich als der mutigste Kämpfer ür das Judentum bewährt.. Er war einer der größten Juden, der größte gesetzestreue Jude des vorigen Jahrhunderts. Unter Verlesung von Stellen aus der bekannten Schrift von Emanuel Schwarzfchild geißelte er scharf den Radikalismus der großen Gemeinde in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, den religiösen Nihilismus in den Kreisen der Philantropingründer, das Bestreben dieser Leute, den religiös Gesinnten das Leben zu erschweren und die religiösen Möglichkeiten zu nehmen. Welches eminente Glück, daß in dieser Stunde der Gefahr ein Mann wie Rabbiner Hirsch nach Frankfurt kam und in die Bresche trat Er, Seligmann, gehe mit ihm in vielem nicht einig, höchsten Respekt, höchste Verehrung hat er dennoch für .den Mann usw. usw. Aber! ... Man hatte gut dreiviertel Stunden auf' dieses „Aber' gewartet. Das „Aber" kam hinterher nachgeeilt in zwei oder drei kurzen Sätzen. Aber . . . Rabbiner Hirsch wurde von Zacharia Frankel, der, nach Ansicht Seligmanns, an jüdischer Er Innung hinter Hirsch nicht zurückblieb, um Meinung und Gutachten über das Breslauer Rabbinerseminar und sein- Methoden angegangen. Und Hirsch machte für seine Mi!- Hilfe die Anerkennung der Verbalinspiration zur Br dingung, wünschte, daß man an der Stätte der Wissen schast jedes Wort der offenbarten Lehre w ö r t l i r> nehme. Hier begann der Bruch. Und dann kam di-.- Austritt, mit dem Hirsch nach der Meinung Selig manns aus der Gesetzestreue zur Orthodoxie über gegangen ist. Ein paar Volltreffer. gegen den Austnu und die Religiönsgefellfchaften von heute, und die Sache ist aus! — -- ’ f . Kennt (Seligmann, wie er auf 8an$ei und Podinw behauptet, die Schriften und das Wirken Hirschs wirklich, so wäre es auch subjektiv nicht ehrlich, wir glatten Worten eine Grenzscheidung zwischen Hirsch uni)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.