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Der Israelit · 1925-11-05 · Heft 45 (5.11.1925) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 45 (5.11.1925)
Date
1925-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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S5BESB 4V7/I MW i-mä mäm Der Geist „Frankfurts" und das Kulturproblem in Erez Israel. Man schreibt UNS von nicht - agudistischer Seite aus Erez Jisroel: Rabbiner Samson Raphael Hirsch im Rahmen der ihm zeitgenössischen thoratreuen Judenheit Deutschlands ist bisher noch zu wenig gewürdigt worden. Es fehlt eine wirkliche-Biographie dieses großen Mannes. Vielleicht ist der Grund für diese befremdende Tatsache der, daß seine Persönlichkeit noch zu sehr Parteisache ist und daher niemand den Mut hat, sie vom Standpunkt des Geschichtsschreibers zu würdigen. Doch da die Zeit Samson Raphael Hirschsbereits eine abgeschlossene geschichtliche Periode ist, so dürfte 'es heute nützlich sein, mancherlei lehrreiche Resultate dieser. Periode, sich zum Bewußtsein zu bringen. Vor allen Dingen: „Die 19 Briese" und „Choreb, Versuche über Israels Pflichten in der Zerstreuung" (1836) des jungen Rabbiners Samson Raphael Hirsch (geb. 1808) waren eine Tat von gewaltiger Kühnheit, denn diese Tat bedeutete nichts weniger, als über vier Jahrhunderte hinweg wieder eine Brücke zwischen dem Judentum und dem Stande des allgemeinen Wissens der Gegenwart zu schlagen, wobei naturgemäß das Judentum für Hirsch das Gegebene, das Wissen der Zeit, das Werkzeug einer fortgeschrittenen Erkenntnis darstellt. „Die 19 Briefe" und „Choreb" waren aber auch zum ersten Male wieder das Werk eines schöpferischen Geistes, und der schöpferische Geist ist stets neugestaltend, revolutionär. Während man in der jüdischen Geisteswelt seit vier Jahrhunderten nur repetierte, was vorher die Großen des jüdischen Volkes für das Verständnis der schriftlichen und der mündlichen Lehre erforscht haten, ging Hirsch über alle diese Großen hinweg zu den Quellen des Judentums und suchte sie gleich diesen Großen mit dem Wissen der Zeit zu erfassen. Er empfand intuitiv die Unmöglichkeit des bisherigen Zustandes, das jüdische Leben mit einer Mauer zu umgeben und das Leben außerhalb dieser Mauer einfach nicht sehen zu wollen. Dieser Zustand hatte den Verlust aller derer gebracht,, die die Mauer überschritten. Moses Mendelssohn chatte wohl die Bibel ins Deutsche übertragendoch dadurch der deutschen Judenheit keine Hilfe gebracht, vielmehr einen tiefgehenden Riß in ihr bewirkt, weil sein Tun nur ungenügend war. Die Uebersetzung der Bibel führte den Weg zur deutschen Kultur, und bald mar die deutsche Judenheit in zwei Lager gespalten, in das Lager, derer, die den Weg. nicht zu beschreiten wagten, weil sie dadurch schwere Schädigungen des Judentums befürchteten, und in das Lager derer, die den Weg zur zeitgenössischen Kultur gingen, dabei aber das Judentum als die beherrschende Macht ihres Lebens opferten. Wie matt ein ganzer Jüde wein und gleichzeitig auf der Höhe, des Wissens der Zeit stehen kann, das aber ist! das Entscheidende. Mendelssohn hat diese Antwort nicht gegeben. In seinem Innern lagen das Judentum und das Wissen der Zeit verträglich nebeneMnöer, - doch sie.chatten sich gegenseitig nichts zü sagen. Die Verbindung fehlte. Durch MfepSchwMe^MMdellsMns traf die Emanzipation die deutsche Judenheit vollständig unvorbereitet für ihre neue Situation, und eine große Auflösungsbewegung begann, die die Hüter des alten Judentums sich noch ängstlicher auf sich Zurückziehen ließ. Da stand ein halbes Jahrhundert nach Mendelssohn Samson Raphael Hirsch aus, unbekümmert um die Aengstlichkeit der Hüter des alten Judentums und ohne Furcht vor den geistigen Verfechtern eines nur. an der Zeit orientierten Judentums, und stellte die Verbindung von der Zeit zum Judentum her. Gleich den Verkündern des neuen Judentums schrieb er deutsch und war gleich ihnen mit dem Rüstzeug der Methodik und wissenschaftlicher Schulung versehen, alles unerhört und revolutionär für einen Rabbiner des alten Milieus. Ueber diesen „ ihnen ebenbürtigen Gegner konnten die Reuen nicht mehr verächtlich lächeln. Aber die Alten, denen er zum Retter werden wollte, konnten ihn nicht verstehen, weil ihnen der Blick für die Notwendigkeiten der Zeit abging. Sie fühlten ihre Hilflosigkeit all den neuen Erscheinungen gegenüber, suchten in dem Vertrauen auf die göttliche Leitung Zuversicht, blieben aber untätig. Der größte Teil der deutschen Judenheit wohnte damals noch in kleinen Ortschaften, abseits vom Getriebe der Welt und war daher den Gesetzen der Väter noch treu. Nur die Juden der Städte waren in den Strudel der Zeit gezogen worden und hatten sich von den Gesetzen der Väter mehr oder weniger entfernt. Aber der Zug der Landjuden zeigte schon damals die Tendenz nach der Stadt. Diese unaufhaltsame Entwicklung raubte den thoratreuen Kreisen auf den kleinen Plätzen fortgesetzt von ihrem Bestände. In der Stadt mußte darum ein in sich gefesteter thoratreuer Kreis geschaffen werden. Auch das erkannte Hirsch und gründete in Frankfurt die Israelitische Religionsgesellschast (1851). Aber auch die Form der Propagierung der Hirsch'schen Bestrebungen entsprach ganz den obwaltenden Verhältnissen. Wäre Hirsch an die jüdische Masse herangetreten, er hätte seine Kräfte in aufreibenden Kämpfen verzehren müssen. Die thoratreue Judenheit auf dem Lande hätte ihn nicht verstanden und.abgelehnt, und die thorafremden Juden der Stadt ihn nicht hören wollen. Nicht an die Masse, sondern -an den Einzelnen mußte er sich wenden. Seine Schriften hatten darum zu seinen Lebzeiten nur kleine Auflagen (von seinem „Ehoreb" z. V. erschien die zweite Auslage erst nach 52 Jahren in Hirschs Todesjahre 1888). Hirsch erkannte, daß er sich eine eigene. Gemeinde schaffen und diese dann in seinem Geiste erziehen mußte. Der Gottesdienst und der Unterricht in dieser Gemeinde bedeuteten einen Bruch mit dem, was in der thoratreuen Judenheit Deutschlands gang und gäbe war. Deutsche Predigt und Aesthetik durch Gesang, Disziplin und Ordnung in der Synagoge und Thorajudentum in Verbindung mit moderner Allgemeinbildung in der Schule waren wahrhaft revolutionäre Taten. Sie zu p r e d i g e n , hätte einen Sturm heraufbeschworen und doch zu nichts geführt. Sie in kleinem Kreise zu v e r w i r k l i ch en und dann die Lebenskraft dieses Neuen im Rahmen des Thorajudentums zu demonstrieren, war der Weg, den Hirsch zum Erfolge führte. Hirsch hat mit der Verwirklichung der alten jüdischen Devise p« "jyt üv min einen Teil der westlichen Judenheit vor dem Verfall gerettet und ihm Lebenskraft gegeben. Ob sich jemand zur selbständigen oder zur Gemeindeorthodoxie zählt, Agudist oder Misrachist nennt, wer heute in Westeuropa thoratreu geblieben ist, verdankt seine jüdische Einstellung Samson Raphael Hirsch. Denn an Hirsch gebildete Thoratreue, sind von Frankfurt auch nach anderen deutschen Städten und von Deutschland auch nach anderen westlichen Ländern gekommen und haben Kreise im Sinne Hirschs gebildet. Doch damit ist heute nicht das getan, was die Zeitverhältnisse erfordern. Die Zeiten haben sich durchgreifend geändert. Zu Hirschs Zeit war das große jüdische Zentrum, die Ostjudenheit, noch eine intakte, in sich geschlossene Masse. Heute jedoch ist auch dieses Zentrum in den Strudel der Assimilierung geraten. Auch hat sich erwiesen, daß die Devise px "jyt oy mm nur dann . genügen kann, wenn eine wirklich tiefe Fundierung vorhanden ist und gleichzeitig Männer erstehen, die als Juden thoratreu und als Menschen auf irgend einem Gebiete allgemein geistigen Strebens Kapazitäten sind und es verstehen, den Geist der Zeit, soweit er dem Judentum entspricht, zum Eigentum der thoratreuen Judenheit zu machen und soweit er ihm nicht entspricht, zu bekämpfen. Diese zwei Voraussetzungen lassen sich aber heute im Galut nur unzureichend erfüllen. Selbst, wenn ein erstklassiges Lehrpersonal eine harmonische Verbindung von jüdischer und kultureller Bildung dort, wo sie Zusammentreffen, zu erziehen wüßte, müßte das mit dem praktischen Judentum in stetem Widerspruch stehende Leben des Galut immer wieder seinen zerstörenden Einfluß ausüben, weil bei dem Durchschnittsmenschen die Praxis des Lebens stärker ist als die Kraft der Religion und ihrer Lehren. Heute kann sich nur in Palästina die harmonische Verbindung zwischen Zeitgeist und Thorajudentum vollziehen. Denn hier fehlt die unmittelbare Einwirkung der nichtjüdischen W lt auf den Juden. An der Thora orientierte Juden stehen ihren am Zeitgeist orientierten Brüdern gegenüber, und in dem Entfremdetsten dieser letzteren lebt, wenn auch unbewußt, viel vom Geist der Thora. Ueberdies verbindet sie das gleiche Blut und die gleiche Vergangenheit miteinander. In einer solchen Sphäre kann die Praxis dev Lehren der Thora allmählich erreicht werden, und so kann umgekehrt, der Alltag allmählich das Verständnis für den Geist der Thora fordern, statt wie im Galut nur zu erschweren. Wiederum muß die Fahne mit der Devise pipTräymm aufgerollt werden! Das Problem ist eine Erziehungsfrage. Furchtlos, klar und ohne Konzessionen muß das Werk in Angriff genommen werden. Es auszuführen, verlangt die Einigkeit der gesamten thoratreuen Judenheit unter der Führerschaft von Männern der Einicht und unbeugbaren Wahrheitsliebe gleich Samson Raphael Hirsch. Wir glaubten dem anregenden Gedankengang des Herrn Einsenders Raum geben zu sollen, weil ein ernster Wille zum Thorajudentum und eine

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