Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1925)
- Date
- 1925-11-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 45 denken gegen den allzu umfassenden Charakter des Manschen Projektes die weitere Diskussion als wünschenswert und fruchtbar bezeichnet. Indem wir hierfür den „Israelit" gerne zur Verfügung stellen, veröffentlichen wir zunächst folgende Zuschrift, die uns von einem guten Kenner der Materie zugeht: Es bedarf keiner besonderen Betonung, daß die Durchführung einer großzügig angelegten jüdischen Krankenhilfe gerade jetzt, da unzählige Existenzen durch Krankheit und Stellenlosigkeit bedroht und der Verzweiflung anheimgegeben sind, eine unermeßlich große Mizwoh bedeuten würde. Der von Herrn Otto May 'mit großem Verständnis entworfene und von warmer Menschenliebe durchglühte Plan einer jüdischen Krankenversicherung wäre gewiß ein Schritt näher, um der gewaltigen Not beizukommen, bedeutet aber — das zeigen die Darlegungen des Vorsitzenden des Bundes jüdischer Kranken- und Pflegeanftälten Herrn Dr. Philippsborn — leider noch keine Lösung. Wir müssen zunächst innerhalb der Krankensürsorge zwei Gruppen auseinander halten und zwar: Gruppe 1 akute Kranke, Gruppe 2 chronische Kranke. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß für Gruppe 1 die Krankenversicherung für Fälle, die nicht einer Krankenkasse angehören (selbständige Gewerbetreibende, sonstige freie Berufe usw.) reichen Segen stiften würde. Auch Entbindungskosten — die heute kaum mehr auszubringen sind — kämen hier in Betrachts Für Gruppe 2 jedoch ist — so trostlos das klingt — kaum Hoffnung Vorhänden, daß im Wege einer „Versicherung" Rettung aus der Not kommen würde. Die Selbstkosten eines Kranken 3. Klasse betragen nach einer Statistik des Verbandes Frankfurter Krankenanstalten für wirtschaftliche, medizinische und chirurgische Versorgung pro Tag und Kopf Mk. 7 bis 9. Und nun sind unzählige jüdische Tuberkulose-Kranke, Gemütskranke, Gelähmte und hilflose Menschen in Anstaltspflege unterzubringen! Kann eine Kasse — und hätte sie einen noch so großen Mitgliederbestand — für eine leider ins Ungeahnte gehende Zahl von Kranken auf Jahr und Tag hinaus pro Kopf und Tag Mk. 5 bis 6 garantieren? Das ist nicht denkbar. Deshalb aber sollte kein Weg, die große Mizwoh der Krankenhilse zu erfüllen, unbeschritten bleiben. Für Gruppe 1 trete man der Gründung einer Krankenversicherung ohne weiteres näher. Für Gruppe 2 aber — worunter unglückliche, verzweifelte, zum Teil in nichtjüdischen Anstalten in schwerer Gewissensnot schmachtende Kranke sich befinden — raffe man sich nunmehr aus der in diesen Blättern schon so oft bemängelten Gleichgültigkeit auf. Vielleicht können wir aus der sich hier so wundervoll bewährenden, jetzt großzügig organisierten N a ch b a r h l l f e — uns schon aus Ghettozeit vertraut — lernen. Man errichte Bezirk s st e l l e n, an die sich die hilfesuchenden Familien zu wenden hätten, und die in verschiedener Hinsicht helfend eingreifen könnten, denn nicht immer ist Geld allein nötig. Gar oft genügt eine hilfreiche Hand, eine Pflegerin, mit einem Wort eine beratende Persönlichkeit, die die größte Not mildern hilft. Darüber hinaus müßte dann die Unterbringung der Kranken in die Wege geleitet werden. Die Vezirksvertreter müßten dann von Zeit zu Zeit zur gemeinsamen Beratung Zusammenkommen. Diese Dezentralisation käme der jüdischen Allgemeinbeit zugute, die bisher von allen Ecken und Enden an Der Israelit Pflichten gemahnt wird, die — in sich abgegrenzt — dann leichter erfüllbar sein werden. Wir hoffen, daß auch dieser warmherzige Weckruf nicht ungehört verhallen, sondern in den dazu berufenen Kreisen tatkräftige Hstfe auslösen wird. Die Wahlen in der Tschechoslowakei. Nicht nur weil es sich um das Wohl und Wehe eines wertvollen Teiles der jüdischen Gesamtheit handelt, sondern auch aus prinzipiellen Gründen bietet der Wahlkampf, der sich zurzeit in der Tschechoslowakei abspielt, ein hohes allgemeines Interesse. Denn es geht bei diesen Parlamentswahlen für die jüdischen Wählermassen um die Frage des jüdischen Nationalismus ' als eines aktuellen Faktors der jüdischen Landespolitik. Hierbei ist auf die letzten Worte entscheidendes Gewicht zu legen/ Nicht um die historisch-theoretische Frage des jüdischen Volkstums an sich handelt es sich; dieses ist zumindest für die Orthodoxie der Tschechoslowakei eine ebenso selbstverständliche Tatsache wie für den ganzen Osten und alle geistig halbwegs gesund gebliebenen Teile des Klall Jisroel. Vielmehr sind es die. politischen Konsequenzen, die je nach der Färbung dieses historisch gegebenen Nationalbewußtseins, aus ihm gezogen werden können oder müssen, die die Gemüter dort bewegen. Die Zionisten betrachten sich in restloser Anwendung ihres nationalistischen Schemas auf das jüdische Volk als politische „M inderheitsnation" im Sinne der Friedensverträge: so wie sie in Polen neben Ukrainern, Weißrussen, Litauern, Deutschen, in Litauen neben den Polen usw. rangieren und mit ihnen Kongresse abhalten, Wahlbündnisse schließen und politische Forderungen vertreten, so orientieren sie auch in der Slowakei ihre ganze innere Politik einschließlich des kulturellen Gebietes gänzlich an dieser Minderheits-Doktrin. Die slowakische Orthodoxie will davon nichts wissen. Sie hat sich — nach einigen Jahren des Tastens — zu der klaren Erklärung durchgerungen, daß sie aus der unbestrittenen Tatsache des jüdischen Volkstums keinerlei politische Programmsorderungen herleitet und im aktuellen Staatsleben lediglich als konfessionelle Minderheit zu gelten wünscht. Die Beweggründe zu dieser entschiedenen, von starkem Verantwortlichkeitsgefühl zeugenden Stellungnahme sind doppelter Art; Sie entspringen einerseits der Erkenntnis, daß die nationalistische Politik die äußere Stellung der Juden im Rahmen der jungen chauvinistischen Staatsgebilde aufs schwerste gefährdet und die 5. November 1925 Volksleidenschaften ganz überflüssiger Weise aufreizt, daß aber andererseits auch die Erhal - t u n g der wahren jüdischen Eigenart, die Erhaltung des jüdischen Volkes ais T r ä gerderThoraund derMi zw o s , durch die fortgesetzte Einhämmerung der nachgeahmten nationalen Bewußtseinsinhalte nicht gefördert, sondern vielmehr geschädigt wird. Der erste dieser beiden Motivenkomplexe hat nun dazu geführt, daß der Orthodoxie als natürliche Bundesgenossen gegen den Zionismus ein Teil derjenigen Kreise zufällt, die zwar nicht religiös, wohl aber anti-nationalistisch gesinnt sind. Um diese Elemente für die Wahlen nach Möglichkeit mitzureißen, hat man unter orthodoxer Führung die „Jüdische Wirts ch a f t s p a r t e i" gegründet, die nun mit den Nationalisten um den Sieg ringt. Möglicherweise werden bei der Art des geltenden Wahlgesetzes beide jüdische Parteien keine Mandate erlangen; aber das ist den nichtzionistischen Kreisen noch immer lieber, als wenn einige Zionisten ins Parlament einziehen und dort die ganze tschechoslowakische Judenheit auf politische Ideen festigen, die sie in ihrer großen Mehrheit — worüber kein Zweifel sein kann — entschieden Mißbilligt. Verständigungsversuche Zwischen den beiden jüdischen Parteien sind gescheitert; so muß die Entscheidung denn an der Wahlurne fallen. Modernes Schuhjudenkum. Line kutturgeschichllich-psycho-anatykifche Studie. Don Curl Schneller in Wreskan. In einer deutschen Großgemeinde, die stolz daraus ist, vorbildliche Synthese zwischen den „Richtungen" geschaffen zu haben, und die des öfteren von den Verteidigern der Einheit der Gemeinde als Muster angeführt wird, besteht seit etwa 6 Jahren eine gesetzestreue Jüdische Volks¬ und höhere Schule. Die Anstalten sind in ihrer Art vielleicht einzig, indem sie lediglich der Privatinitiative eines kleinen Kreises ihre Entstehung verdanken, sich weder auf Gemeinde, Staat oder Kommune stützen konnten und trotzdem einen Aufschwung nahmen, der die Erwartungen ihrer Gründer weit übertraf. Diese Jüdische Schule, die wohl in reichem Matze alle ideellen Unterlagen für ihre Existenz besitzt, nämlich ein reiches aufnahmefähiges Schülermaterial, ausgewählte, schaffensfreudige Lehrkräfte derart, daß sie wiederholt die Anerkennung seitens der staatlichen Aufsichtsbehörden verzeichnen durfte, krankt wie viele kulturelle Institutionen im jüdischen Deutsch- Bemerkungen zu einigen verwandken Stellen in Wajero und Tauldaus. Von Lehrer §uld in Duhbach. I. B. Mos. K. 21. V. 30. I. 93. Mos. K. 26. 93. 15-18. 19, zl. 22. 25. 32. Allgemein ohne Widerspruch werden von den deutschen Bibelübersetzern die obigen aus die „Brunnen" bezüglichen Stellen in den Sidraus Wajero und Tauldaus mit irn-graben übersetzt. Niemand hat bis heute an dieser so selbstverständlichen Uebersetzung Anstoß genommen, niemand gewagt, an der allgemeinen Auffassung dieser Grellen zu rütteln. Ist aber diese Uebersetzung so über jeden Zweifel erhaben? Ich möchte diele Frage verneinen. Ja. ich behaupte, daß Targum Onkelos den Ausdruck isn nicht als »graben-, sondern als »ausspüren, entdecken, auskundschasten" verstanden wissen will! Und meines Erachtens mit Recht; denn an allen übrigen Stellen bes -pn wird -,gst nicht im Sinne von -graben", sondern im Sinne von »aufsvüren, entdecken" verstanden: V. B. Mos. Kap. 21. 93. 22: pan n8 ui» 'iisn'V'- Iehoschua. K. 2. 93. 3 :irm p8l m iion^. Hiob K. 39. B. 29. ^>2’ piniöV ISN V2>». Ohne jedes I Bedenken könnten auch die diesbezüglichen Stellen in Wajero und Tauldaus. in welchen das verb. isst in Beziehung zu den .Brunnen" vorkommt, mit .aufspüren", »entdecken" übersetzt werden, und diese Uebersetzung käme meines Erachtens dem tatsächlichen Sprachgebrauch des *pn entschieden näher als -graben". Tatsächlich hat ja auch die Thauro für -graben" einen ganz adäquaten Ausdruck: 182 PN2' '12p 112'1. Zuerst^ an denjenigen/Plätzen öder Oasen, woselbst Jizchok nur vorübergehend weilte, — auf der Wanderung begriffen —, da isn suchte, spürte" er die vorhandenen Brunnen und Quellen auch selbst auf. dorten aber, wo er sich setzhaf' machte, wo er einen Altar erbaute und sein Zelt ausschlug, dorten: 182 pstp' ’injr ns'l. ließ er sich durch seine Knechte einen Brunnen »graben", denn es ist ja auch kaum anzunehmen, kaum zu glauben, daß Jizchok. welcher Herr vieler Knechte war, sich selbst mit der Arbeit des Brünnengrabens befaßt hätte; vielmehr ist anzunehmen. daß er die bereits vorhandenen Brunnen wieder »aufstöberte, entdeckte". Es ist ferner nicht gut anzunehmen, daß der Streit zwischen den.phi- Mäifchen Hirten und den Hirten Jizchoks sich darum drehte, wer die Brunnert „gegraben" hätte, sicher nickt! Denn derjenige, welcher die Brunnen gegraben", wäre sicher imstande gewesen, durch näbere, bestimmte Angaben über Art. Zeitpunkt und Zeitdauer seiner Tätigkeit. Zeugen etc. sein Ilrbeberecht auf die Brunnen zu erhörten! Schwieriger dagegen war es schon, das zufällige Entdecken der schon vorhandenen Brunnen und Quellen zu beweisen. Dies konnte tatsächlich zu solchen in Wajero und Tauldaus geschilderten Streitigkeiten zweier auf die Brunnen Anspruch erhebenden Parteien führen! An allen Stellen, wo wirklich vom Graben einer Grube oder eines Brunnens oder einer Gruft die Rede ist, wird der Ausdruck gebraucht: Genesis: K. 60. 93.5: pr» p82'V 'st'is 1V8 '13,73- Exodus; K. 21. B. 33: 12 w'8 .113' '3. Daß im späteren Sprachgebrauch zur Zeit der Mischna auch isn für graben gebraucht wird (stehe ,1x2. Perek k"' Mischna 3; no3’i 1,713 isst') ist nicht ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist hier ein zig und allein der. Sprachgebrauch der Bibel und dieser ist nach obigen Beispielen für isn-ausspüren. entdecken. Auch Targum Onkelos faßt isn im Sinne von ausfpüren auf: Haupt bewe isst eile; I. Buch Mos. K. 21. D. 28-30. Onkelos übersetzt nämlich eigentümlicherweise dorten das Substantiv. IP33 mit ,silst, während doch stets sonst im Pentateuch für V32 das Targumwort i»->k steht. Selbst für die feminine Form ,1^33 steht nstlv'U und nicht 8siin (stehe Numeri K. 6. 93. 14). Hat dies Onkelos nur getan, um für 93. 30 im Kapitel 21 ein hübsches Wortspiel zu erhalten, oder hat er dadurch auch eine tiefere gedankliche Beziehung zwischen den beiden Wörtern Herstellen wollen? E° ist bei einem so gewissenhaften Ueb ersetz er wie Onkelos an letzterem kaum zu zweifeln! In der Regel weist ja bei dem Akte des Bundesfchließens in 1*3*1 das Bundeszeichen auf die durch das Schließen des Bundes zum sinnfälligen Ausdruck gebrachte Zweckbedeutung hin. (Siehe Ikkarim, (Josef Aldo st"v pi9 '5P21 iö8ö über den Begriff des Bundesschlietzens). Indem nun Onkelos die recht seltene Bezeichnung rrvlm-Frühlämmer wählt uns "'nisn" mit..ich habe ausgespürt, entdeckt" auffaßt, ist sowohl der äußerliche sprachliche als auch der innere gedankliche Zusammenhang klar und deutlich hergesteut