Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1925)
- Date
- 1925-10-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450378--72607-2530011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 6 Nr. 43 Der 3 r o e. I f t 22 Oktober 1925 sprechen konnte und das weitere Verfahren dem ordentlichen Gericht überließ.'Inzwischen hatte sich aber die ukrainische militärische Organisation, die in Galizien einen unterirdischen Kampf gegen die pdlmsche Staatsgewalt führt, wiederholt mit Briefen an die Presse gewandt, in denen sie sich offen dazu bekannte, das Attentat gegen Wojciechowfki organisiert zu haben. Das Gericht ließ diese Spur vollkommen unbeachtet und führte das Verfahren ausschließlich gegen Steiger durch, gegen den weitere Momente als die Aussage der Pastarnack nicht aufzubringen waren. Die polnischen Antisemiten bemächtigten sich des Falles Steiger und leiteten eine hemmungslose Hetzkampagne gegen die Judenheit in Polen ein. Steiger wurde als der Exponent einer jüdischen Verschwörung hingestellt. Lemberg, 14. Oktober. Die erste Sitzung des Geschworenengerichts begann Montag Vormittag. Unter den 12 ausgelosten Geschworenen befinden sich einige Juden, aber auch enragierte Antisemiten. Die Anklage wie die Verteidigung stellten Antrag auf Ablehnung gewisser Geschworener. Hieraus begann die Verlesung des sehr umfangreichen Anklageaktes, die mehrere Stunden in Anspruch nahm. Große Empörung ruft die Hetze der nationalistischen Presse hervor. „Gazeta Codzienna" und andere Zeitungen gaben Extrablätter aus, in denen in sensationeller Aufmachung erzählt wird, Steiger hätte, unterstützt von jüdischen Helfern, einen Fluchtversuch unternommen. Man ersieht daraus, daß die nationalistische Presse die Tatsache des Prozesses zu einer judenfeindlichen Hetze ausnützen, will. Gestern mußte wegen eines Zwischenfalles (ein Geschworener brach tot zusammen) das Verhör abgebrochen werden. Heute wurde die Verhandlung fortgesetzt. Steiger schildert seine Leiden im Untersuchungsgefängnis, wo alles darauf angelegt war, ihm ein Geständnis abzupressen. Alle seine Unschuldsbeteuerungen wurden mit den schlimmsten Beschimpfungen und Mißhandlungen erkwidert. Steiger schildert, wie der Pastarnack, der einzigen Belastnngszeugin, die Aussagen von der Polizei suggeriert wurdey,,und verwahrt sich entschieden dagegen, jemals mit Kommunisten etwas zu tun gehabt zu haben. Im weiteren Verhör gibt Steiger Auskunft über feine Familienverhältnisse und über seine sozialen Anschauungen. Er gehörte fast von Kindheit auf jüdischnationalen Organisationen an und ist Mitglied eines ronistischen Akademikervereines. Für radikale cvtrömungen hatte er nie Sinn. Er sei eine tiefgläubige .catur und die Religion war die einzige Stütze, die ihn in den Qualen der Untersuchungshaft aufrichtete. Er vertraue auch jetzt auf Gott, daß er feine Unschuld dartun werde. Als erste Zeugin wird die Valleteuse Maria P a sr e r - n a ck vernommen. Sie spricht sehr verworren und aufgeregt und kann auf Einzelheiten keine Auskunft geben. Bestimmt lautet nur ihre Behauptung, auf Steiger hinweisend: „Dieser Mann hat die Mmbe geworfen!" Den Wagen des Präsidenten konnte sie wegen des großen Menschenandranges nicht sehen. Steiger habe die Bombe aus der Brusttasche herbeigeholt. Nun wird aber vor Gericht festgestellt, daß der Mantel, den Steiger am Unglückstage an hatte, überhaupt keine Brusttasche hatte. Der wahre Attentäter von Lemberg. Berlin, 19. Oktober. Während der Prozeß in Lemberg alle Gemüter in Spannung hält, geht durch die hiesige Presse eine sensationelle Meldung. Der Mann, der in Wahrheit in Lemberg a/n 6. September 1924 die Bombe gegen den polnischen Staatspräsidenten abgeworfen hat, hält sich in Berlin auf. Er heißt Theophil O l z a n s k i, entstammt einer ukrainischen Popenfamilie und ist Angehöriger des ukrainischen Militärkomitees, in dessen Auftrag er die Tat versuchte. In Beuthen, wo er am 2. Oktober 1924 unbefugt die deutsche Grenze überschritt, ge st and er dem Militärposten die T a t ein. Olzanski wurde wegen unbefugter Grenzüberschreitung zu einer geringen Geldstrafe verurteilt und lebt seitdem in Berlin. Wie man hört, hat die sozialdemokratische Partei im Preußischen Landtag eine kleine Anfrage an die Regierung gerichtet, was die Behörden unternommen haben, um die polnischen Gerichte von der Sache in Kenntnis zu setzen und so zu verhüten, daß in Lemberg einUnschuldigereiner schweren Strafe zugeführt wird. Lemberg, 19. Oktober. In der Sonnabend-Sitzung des Lemberger Gsfchworenen-Gerichtes brachte einer der Verteidiger Stanislaw Steigers, Dr. Landau, den Fall Theopyil O l s z a n f k i zur Sprache. Die deutsche Behörde, prüfte seine Angaben und gewährte ihm Asylrecht. Die Kattowitzer Grenzpolizei hat seinerzeit darüber der Lemberger Polizei berichtet, diese aber lieh die ganze Angelegenheit einfchlafen. Die Untersuchung des Falles Olszanfki lag in den Händen des Kommissars Kaidan, des Quälgeistes Steigers. Kaidan suchte für Olszanfki ein Alibi zu beschaffen und berichtete, daß Olszanfki zur Zeit des Attentats in Lemberg nicht gemeldet war. Der Staatsanwalt erwiderte auf die Rede Dr. Landaus, es werde noch Zeit fein, auf die Angelegenheit zurückzukommen. Uebrigens fei ihm bekannt, daß sich noch andere Personen als die Attentäter bezeichnet hätten. Dr. Landau erwiderte, die Staatsanwaltschaft habe die Pflicht gehabt, alle diese Fälle genau zu untersuchen, was sie aber nicht tat. Des Weiteren protestierte die Verteidigung gegen die Terrorisierung unbequemer Zeugen und führte an, alle diese Zeugen werden sich nun fürchten, vor Gericht die wirklichen Vorgänge zu schildern. littmattietf. Die Unruhen in Piafva-Jteamt}. Bukarest, 6. Oktober. Die am Kolnidre-Abend in Piatra-Neamtz begonnenen antijüdischen Unruhen setzten sich mehrere Tage hindurch fort. Mehrere Juden wurden schwer verprügelt und verletzt, so auch der Direktor der Banca de Credit, Albert Abeles, der auf der Straße von Cuzisten niedergeschlagen und erheblich verletzt wurde. Aus Bukarest sind 100, aus Czernowitz 200 berittene Gendarmen zwecks Aufrechterhaltung der Ordnung nach Piatra-Neamtz kommandiert worden. In Aojud wurden jüdische Reisende von 3 Eisenbahnbeamten schwer mißhandelt. — In Vacau überfiel eine Gruppe Gymnasialschüler die jüdischen Passanten im Stadtpark und mißhandelten dieselben schwer. Der Getreidehändler Lewi Markovici wurde als Schwerverletzter im Krankenhaus eingellefert. (I. T. A.) Parlamen swah'en in der Slowakei. (Bon unserem Korresvondenten.1 Bratrslawa (Preßburg), 16. Oktober. Am 15. November sollen die Neuwahlen für das Parlament stattfinden. Die Slowakei ist in 7 Wahlkreise mit 61 Mandaten eingeteilt. Hierzu kommen noch die Waldkarpathen (Podkarg.) mit 9 Mandaten. In der Novelle zur Wahlordnung sind die jüdischen Wähler auch diesmal nicht als nationale Minderheit klassifiziert. Die Zionisten sind jedoch entschlossen, den Kampf zur Erreichung dieses Ideals ununterbrochen fortzusetzen. Da aber die jüdischen Wählermassen hauptsächlich in der Slowakei bezw. in Russinsko einigermaßen ausschlaggebend find, haben auch die Zionisten den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf diese Gebiete verlegt. Die Orthodoxie in der Slowakei lehnt es nach wie vor ab, den Zionisten zuliebe nationalpolitische Minoritätsrechte zu beanspruchen. Großes Befremden hat deswegen eine . Tagung der sogenannten „j ü d i s ch e n P a r t e i", welche vorgestern in Zilini stattgefunden hat, ausgelöst, in der beschlossen wurde, gegen die bösen Orthodoxen einen schonungslosen Wahlkampf zu führen. Für sämtliche in Betracht kommenden Wahlkreise der Slowakei, die sich, wie allgemein bekannt, zu 90 Prozent aus den orthodoxen Bezirksgemeinden gruppieren, hat diese jüdische — lies zionistische — Partei lauter zionistische Kandidaten aufgestellt. Cs find dies die Herren Dr. Oskar Zlotno, Julius Reis, Sichos, Weimer und Rudolf Braun. Um auch als parteilos auftreten zu können, werden einige von diesen auch den Nachweis erbringen können, daß sie fchekelmähig nicht zur zionistischen Organisation gehören. Die orthodoxen Führer werden diese Woche hier eine große Versammlung abhalten und ihre eigenen Kandidaten nominieren. Diesen wird es zur Aufgabe gemacht werden lediglich in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht jüdische Sonderinteressen zu vertreten, sonst aber Hand in Sjanb mit den Qiaatsparteien zu gehen. In dieser orthodoxen Notabelnversammlung wird es neuerdings feierlich betont werden, daß die orthodoxe Judenheit der Tschecho-Slowakei innerhalb der Republik 'keinerlei „Nationalitätenpolitik" in politischem Sinne des Wortes führen will. Wenn Zionisten und Neologen das Bedürfnis haben, sich als jüdisch-nationale Minorität in politischem Sinne zu erklären, so will die Orthodoxie in loyaler Weise dieses Recht ihnen für den eigenen Bedarf nicht streitig machen. Doch dürfen sie sich nicht so gebaroen, als ob sie auch die gesetzestreue Judenheit des Landevertreten können. Die Or^odoxie wird für die in den Staatsgesetzen verbriefte politische, soziale und konfessionelle Gleichberechtigung des tschechoslowakischen Judentums stets zu kämpfen wissen. Eine sogenannte.jüdische nationalpoluische Propaganda hat sie stets perhorresziert und das wird auch weiter geschehen. Lettland Der neue lettländische Sejm. 'Riga, 12. Oktober. Im neuen lettländischen Sejm werden die Juden durch fünf Abgeordnete vertreten sein. Im früheren Sejm zählten die Juden sechs Abgeordnete;, infolge der Stimmenzersplitterung ging diesmal das zweite Rigaer Manda! verloren. Gewühl wurden in Riga der Agudist Rabbiner D u b i n , in Kurland der Misrachift Rabbiner Nu rock, in Lettgallen der Agudist Rabbiner ^ubin. der Bundist Dr. M e i s e l und der Vertreter der Zeire Zion-Hktachduth Dr. Laserson. (I. T. Ä.) Ktiftfaufe« Vertrag zwischen der JCA und der SowjetreLierung. Moskau, 10. Oktober. Soeben wurde — wie der Moskauer Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitteilt — zwischen der Sowjetregierung, vertreten durch Comzet, und der Jewish Colonisation Association (Jcä) ein Abkommen betreffend die Teilnahme der Jca an dem Kolonisationswerk zugunsten der Juden in Rußland unterzeichnet. Die Jca hat die Verpflichtung übernommen, im ersten Vertragsjahre mindestens 100 000 Dollar dem Kolonisationswerk zur Verfügung zu stellen. Bauholz für 6660 jüdische Kolonistenhä^sec. Moskau, 14. Oktober. Auf Ansuchen der Regierungskommission für jüdische Landansiedlung (Comzet) beschloß das Volkskommissariat für Landwirtschaft der Sowjetrepublik, 6 Millionen Kubikfuh Bauholz für den Bau von 6000 Häusern für jüdische Kolonistensamilien in den neuen Kolonien in der Ukraine beizustellen. (I. T. A.) Der Numerus clausus in Ungarn vor dem Völkerbundsrat. G e n f, 15. Oktober. Der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Gens erfährt, daß die Frage des Numerus clausus in Ungarn, dis von einem aus drei Personen zusammengesetzten Komitee des Völkerbundes geprüft worden war, vorläufig dem Internationalen Gerichtshof in Haag mich! übertragen werden wird. Das Subkomitee des Völkerbundrates empfahl statt dessen, die Frage des Numerus claufus-Gesetzes während der Dezember-Session des Völkerbundsrates zur Behandlung. Der Ständige Internationale Gerichtshof im Haag, der am 22. Oktober zu einer außerordentlichen Session zusammentritt, wird sich mit der Numerus claufus-Frage nicht zu befassen haben. PafSfHna. Die Störung der Jom Kippur-Andacht an der Klagemaus \ Jerusalem, 5. Oktober. Ueber das Vorkommnis an der Klagemauer wird weiter berichtet: Während eine große Zahl Juden am Versöhnungstage an * der Klagemauer Gebcie verrichtete, erschien eine Abteilung Polizei und forderte die Andächtigen zum Verlassen des Platzes auf. Als dieser Aufforderung nicht gleich Folge geleistet wurde, wurden von der Klagemauer alle Sitzgelegenheiten entfernt. Der Andächtigen bemächtigte sich große Erregung. Eine Abordnung derselben begab sich zum Jerualemer Gouverneur, General Sir Ronald Störs, um vor ihm Klage gegen das Vorgehen der Polizei zu erheben. Sir Ronald Störs bestätigte, daß er selbst die