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Der Israelit · 1925-10-22 · Heft 43 (22.10.1925) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 43 (22.10.1925)
Date
1925-10-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 43 ®eftp 5 22. Oktober.1925 __ oerwirAichdß lassen, bedarf gründlicher Untersuchung. Eine Sanierung der jüdischen Heil- und Pslegeanstälten wird auf diesem Wege leider nicht erreicht werden. Im günstigsten Falle wird der Krankenversicherungsverein so arbeiten, daß er allen an ihn gestellten Anforderungen gerecht wird. Daß ek in absehbarer Zukunft in der Lage sein sollte, den Anstalten nennenswerte Zuschüsse zu zahlen oder gar neue Einrichtungen zu schaffen, scheint Mir eine Utopie zu sein. 2. Die Verbindung des Versicherungsvereins mit anderen Aufgaben — die Angliederung weiterer Versicherungszweige (Lebens-, Unfall-, Haftpflichtversicherung), die Aufnahme weiterer Geschäftsbetriebe (Verkauf -von Nährmitteln, medizinischen und Krankenpflegeartikeln usw.), die ISpendenzentralisierüng und alles das, was der iVerfasfev als ZusäMMenfäffung der freien Liebes- Itätigkeit bezeichnet — ist nach meiner Meinung Iber Verwirklichung des Kerngedankens, nämlich Iber Versicherungsidee, Nur schädlich. Zum minidesten im Anfang müßte auf alle diese Gedanken loerzichtet werden, da ihre präktiscbe Durchführung leinen viel zu großen und kostspieligen Apparat Ierfordert und das junge Unternehmen von oorn- Iherein mit gefährlichen Risiken belastet. Ehren- I amtliche Arbeit kann hier nur in beschränktem «Maße ^mi LH elfen, geschäftliche Unternehmungen I können nur gedeihen; wenn die Leiter und Mitlarbeiter angemessene wirtschaftliche Vorteile «haben.! Die vereinigte freie Wohlfahrtspflege hat unter Beteiligung der Juden Won seit langem einen Wirtschastsbund und feit kurzem eine Pensionskasse errichtet. Die Erfahrungen zeigen, daß die jüdische Beteiligung aus ganz bestimmten Gründen nur eine geringe ist. Diese Gründe haben nichts mit konfessionellen Fragen zu tun, sondern «werden in gleicher Weise bei der rein jüdischen lErnkaufszentrale maßgebend sein.! 3. Der Krankenversicherungsverein könnte, das glaube ich bestimmt, Segen stiften. Es würde die Krankenversorgung der Beteiligten und die! Bezahlung der Anstalten sichergestellt werden, me I zurzeit Mühe haben, auch nur einen einigermaßen lausreichenden Bruchteil ihrer Selbstkosten von Iden WohlfahrsverbäNden und den Selbstzahlern ihereinzüvekommen. So würden auch die jüdischen i Wohlfahrtsämter entlastet werden. Die Frage ist nur, ob sich genügend Mitglieder finden werden, die die Prämien zahlen können. Auf Spenden kann man versicherungstechmsche Kalkulationen nicht gründen. Außerdem werden die Gönner lieber dem Kränken oder der Anstalt direkt ihre Zuwendungen Machen. Ist es so gedacht, daß die Aerzte sich zu einem ermäßigten Satze zur Verfügung stellen? Dann ist es fraglich, ob sich! MeraN genügend Aerzte finden, und ob die Versicherten dann nicht auch, [töte die Kassenpatienten der Zwangsversicherung, das Gefühl /einer gewissen Zurücksetzung haben i werden. Sollen aber die Aerzte das übliche Hono- I rar erhalten, so wird die Rentabilität des Unternehmens in Frage gestellt.! Beim Durchdenken der Probleme kommt man noch eher dazu, von den Anstalten eine Ermäßigung ihrer Sätze zu fordern. Niedrige, aber sichergestellte Sätze sind Nr die Anstalten besser als höhere, die auf dem Papier stehen. Es wäre nur zu bedenken, welche Konsequenzen eine solche Vereinbarung für die mit den Kommunen und den Zwangskrankenünd Betriebskrankenkassen bestehenden Verträge haben würde. Die erste Ausgabe ist es, zahlenmäßige und versicherungstechnische Unterlagen herzustellen. 4. Wenn überhaupt, dürfte eine über das ganze Reich sich erstreckende Versicherüngsorganifation, wenigstens für den Anfang, nicht zu empfehlen fein. Die Verhältnisse liegen in den Städten verschieden, für das Land ist der Nützen sowieso Zweifelhaft. Ich möchte glauben, daß der Anfang in einigen Großstädten gemacht werden sollte. Die Wohlfahrtsämter, die, wie ausgeführt, durch eine gut funktionierende Versicherunhskaffe entlastet werben können, sollten die Angelegenheit lokal, aber uach einheitlichen Methoden und in Fühlung mit- Der Israelit einander in die Hand nehmen, nachdem der eingangs geforderte Ausschuß die nötige Klärungen geschafft haben wird. Korrespondenzen « Racbricwen Beratungsstellen für schwer erziehbare und nicht normale jüdische Kinder. Berlin, 5. Oktober. Der Verein der Leiter und Leiterinnen jüdischer Erziehungsanstalten Deutschlands schreibt uns: Wir haben gemeinsam mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden neuerdings die erziehliche Fürsorge für schwer erziehbare und insbesondere für krankhaft veranlagte (psychopathische) jüdische Kinder als Aufgabe übernommen. Auch diese Kinder können durch rechtzeitige, geeignete Erziehung zu nützlichen und gesitteten Menschen herangebildet werden. Wir betrachten es als ein Interesse und eine Pflicht der Gesamtheit, dabei mitzuhelfen. Es wird von uns die Errichtung eines besonderen Heimes für psychopathische jüdische Kinder erstrebt, wie derartige Anstalten schon lange bei den anderen Konfessionen bestehen und zur inviduellen Erziehung, solcher Kinder in bestimmten Fällen unbedingt notwendig sind. Um diesen Kindern und deren Eltern aber schon jetzt in geeigneter Weise helfen zu können, hat der Verein beschlossen, in allen Provinzen bezw. äußeren Bezirken unseres Reiches je eine Beratungsstelle für schwer erziehbare und anormale jüdische Kinder im Anschluß an die bestehenden Waisen- und Erziehungsanstalten einzurichten. Cs soll den betreffenden Eltern dort, evtl, unter Hinzuziehung eines Facharztes, unentgeltlich Rat und Anweisung für die rechte Behandlung solcher Kinder erteilt werden. Es sind folgende Bezirke und Leiter für diese Beratungsstellen vorgesehen: Ost- und Westpreußen: Direktor Peritz, Königsberg; Pommern: Direktor Baronowitz, Repzin; Berlin-Brandenburg: Direktor Bein, Beelitz, Direktor Dr. Feist und Direktor Plaut, Berlin; Schlesien: Direktor Kolodzinski, Breslau; Hamburg, Holstein, Mecklenburg: Waisenhausleiterin Frl. Benzian und Direktor Plaut Hamburg: Sachsen, Thüringen, Cassel: Direktor Heilbrunn, Cassel; Hannover, Oldenburg, Braunschweig, Bremen: Direktor Silberberg, Ahlen; Westfalen: Waisenhausleiterin Frl. Marcks, Paderborn; Rheinland: Direktor Plato, Köln und Direktor Dr. Rothschild, Dinslaken; Frankfurt, Nassau, Pfalz: Waisenhausleiterin Frl. Fliegel, Direktor Guth und Verwalter Marx, Frankfurt a. M.; Bayern: Hofrat Dr. Oppenheimer, München; Württemberg: Direktor Rothschild, Eßlingen; Baden: Direktor Brllrngheimer, Mannheim. Wir bitten die Vorstände der Gemeinden und jüdischen Wohlfahrtsvereine, sowie die Herren Rabbiner und jüdischen Lehrer, die betreffenden Eltern auf diese Beratungsstellen aufmerksam zu machen. Ein Mißtrauensvotum Legen Severing wegen der Duldima der Oftjnden. Berlin, 15. Oktober. Die Fraktionen der Deutschnationalen und Deutschvölkischen im Preußischen Landtag haben ein Mißtrauensvotum gegen den Preußischen Minister des Innern, Severing eingebracht. In der Landtagssitzung am Mittwoch, den 14. Oktober, abends, begründete der deutschnationale Abgeordnete Milberg das Mißtrauensvotum seiner Fraktion UNd führte u. a. an, Minister Severing sei für die „Hemmungslose Einwanderung aus dem Osten" verantwortlich. , Minister Severing erwiderte in sehr energischer Forni auf die Angriffe und sagte u. a.: Herr Milberg behauptet, daß hemmungslos dis Einwanderung aus dem Osten zugelassen wird. Hemmungslos sind Ausländer gerade in der Kriegszeit von der Heeresleitung nach Deutschland gebracht worden, und hemmungslos werden in jedem Jahre Ausländer durch Kreise hereingelässen, die den Herren auf der Rechten politisch nahestehen. Statt den deutschen Landarbeitern menschenwürdige Löhne zu zahlen und deutsche Arbeiter anzusiedeln, bestreben sich die Herren vom Landbund, daß das Einwanderungskontingent für polnische Landarbeiter, das auf 130 000 festgesetzt worden ist, erhöht wird. Seoerings Ausführungen macyten starken Eindruck. (I. T. A.) Lehrerversammlung. Bremen, 15. Oktober. Am 5. Oktober sammelten sich die Mitglieder des Vereins jüdischer Lehrer in den Rabbinats-Bezirken Emden-Oldenburg-Vremen in Emden, um über verschiedene wichtige Fragen zu beraten und Beschlüsse zu fassen. Da sowohl der erste Vorsitzende, als auch der Schrift- und Kassenführer aus Gesundheitsrücksichten ihre Aemter niederzulegen gezwungen waren, wurde der Vorstand wie folgt neu gewählt: Klein-Norden, 1. Vorsitzender und Vertreter des Vereins im „Bunde"; Hartog-Jever, 2. Vorsitzender; Ruda-Wilhelmshaoen, Schrift- und Kassenführer. Einen breiten Raum nahm die Erörterung über die Art der Stellenbesetzung in unserem Bezirke ein, die schließlich zu der Annahme folgender Entschließung führte: Wenn in Zukunft in unserem Bezirk eine Stellenbesetzung in Aussicht steht, soll der Vereins-Vorstand in Verbindung mit dem Lehrerrat bei der Regierung vorstellig werden, und dahin wirken, daß ein im Bezirke zur Verfügung stehender Lehrer in die freie Stelle einrückt. Als Religionslehrer sollen in unserem Bezirke grundsätzlich nur solche Leute angestellt werden, die den Anforderungen entsprechen, die demnächst von den zuständigen Verbänden aufgestellt werden. Auf Anregung des Herrn Landrabbiners Blum sollen die Vereins-Verfammmngen öfters stattsinden und die Lernschiurim wieder eingeführt werden. Um in den lehrerlosen Gemeinden wieder jüdisches Leben zu erwecken, sollen dort Chanukafeiern abgehalten werden. Auf der nächsten Versammlung, die wahrscheinlich in Oldenburg stattfinden wird, soll in einer Lehrprobe die Finksche Uebersetzungsmethode vorgeführt werden. Iom Kippur-Tumulte in Warschau. Warschau, 5. Oktober. Die jüdischen Freidenker in Warschau haben es auch in diesem Jahre unternommen, aus Anlaß des jüdischen Bersöhnungstages eine „Aufklärungsarbeit" unter den Juden, insbesondere unter der Jugend, durchzufüyren. Im Arbeiterklub wurde am Kol Nidre-Abend eine Diskussion über die Fragen der jüdischen Kolonisation in Rußland arrangiert und bei dieser Gelegenheit gegen das Jom Kippur-Fest losgezogen. Vor dem Lokale versammelten sich zahlreiche orthodoxe Juden, die über die Entweihung des Jom Kippur empört waren. Es entstand bald ein erbitterter Kampf zwischen beiden Lagern, der auf der Straße und im Lokal selbst ausgefochten wurde. Die Polizei mußte mehrere Male intervenieren. Es gab einige Verwundete, die von Sanitätern verbunden worden sind. Auch in anderen Stadtteilen kam es zu Zusammenstößen zwischen Orthodoxen und Freidenkern, wobei es Verwundete gab. Die Tumulte setzten sich am Jom Kippur-Tage fort. Im ganzen zählt man 20 Verletzte, die von den Sanitätern verbunden und mit Wagen abtransportiert werden mußten. -i Der Prozeß Steiger in Lemberg. L e m b e r g, 12. Oktober. Heute begann vor einem Lemberger Schwurgericht der Prozeß gegen den jüdischen Studenten Stanislaw Steiger, der beschuldigt wird, am 5. September 1924 ein Attentat gegen den Präsidenten der polnischen Republik, Wojciechowski, der damals in Lemberg zu Besuch geweilt hat, unternommen zu haben, indem er gegen den Wagen des Präsidenten eine Petarde schleuderte, die aber spaler als beabsichtigt explodierte und keipen Schaden anrichtete. Unter den Augenzeugen des Attentates waren einige, die behaupteten, ein Mann in einem hellen Ueberzieher hätte die Petarde geworfen. Als Steiger, der ebenfalls an der Attentatsstelle war, aus einem Haustor, wohin er zugleich mit anderen Augenzeugen geflüchtet war, um sich von der Wirkung der Explosion zu schützen, heraustrat, glaubte eine gewisse Pastarnack, eine übrigens in nicht gutem Ruf stehende Tingel-Tangel-Tänzerin, in Steiger den Attentäter erkannt zu haben. Auf ihre Angaben hin wurde Steiger verhaftet. Da sofort nach dem Attentat Standrecht verhängt wurde, kam Steiger vor ein Kriegsgericht, welches aber wegen Mangels an Beweisen und da gegen die Hauptbelastungszeugin Pastarnack gravierende Momente Vorlagen, die sie als unglaubwürdig erscheinen ließen, kein Urteil über Steiger

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