Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1925)
- Date
- 1925-10-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 Seite 3 22. Oktober 1828 das Nächstliegende außer Acht gelassen und zu wenig das erste primi.ive Recht auf die Heiligtümer betont. Kein anderer als der „Doar Hajom" sagt es: „Seit fünf Jahren ringen wir um das Gemeindegesetz, das uns als Gemeinschaft mit nationalem Charakter stempeln soll. Allein, Devor wir an die Begründung unseres nn.ionalen Seins Herangehen, fordern wir doch d as , was uns aus unseren r e l i g i ö s e n A nsprächen zukommt. Unglaublich wird es in England anmuten, wenn wir ihnen dort erzählen, daß auf Grund eines verklausulierten alten Gesctzrs den Juden nicht erlaubt sei, Bänke an der W stmauer aufzrstellen. Unglaub ich wird die Mi tcilung im Völkerbunde wirken, daß das Schicksal der Westmauer in der Hand eines englischen Beamten liegt, von dessen gutem oder üblem Willen unser Verhältnis zu ihr abhangt!" Ist ein tu kisches Gesetz wirklich vorhanden, das als Handhabe für solche ärgerliche und beschämende Störungen ausgenutzt werden kann, so Iktif man auf jüdischer Seite nicht eher ruhen, lüls bis dieses Requisit einer alten Zeit der Un- Iduldsamkeit aus der Weit geschafft wird. Lord Plumer soll selbst das Gesetz b ed au ert haben. Dann soll ihm aber mit allen gegebenen und f.üdttchen Mitteln gezeigt werden, wie sehr den lIuden der ganzen Welt an einer Beseitigung dieser Schmach gelegen ist. Die friedlichen ^Beziehungen zwischen Juden und Arabern werden Iganz gewiß nicht gehoben durch Bee'nträchtigung religiöser Akte der ersteren mit Rücksicht auf die jDüngerwagen der letzteren, die ausgerechnet in >der heiligsten Stunde der Juden durch diese ihohlen Gassen geschoben werden müssen. Zu If.iedlichen Beziehungen gehört ein gew'sjes Maß von gegensei iger Achtung, und das Gesetz muß tza. auf bedacht sein, daß den jüdischen Heiligiiimcnt auch von den Arabern der nötige Respekt m'gegengebracht wird. Durch solche Vorgänge aber, wie sie sich am letz'en Versöbnungstag an 'der Westmauer abgespielt haben, kann nur die lA^ch losigkeit der Juden im Lande in den Augen Iber Araber zum feststehenden Begriffe werden. I Wir sind, wie immer in solchen Fällen, "der Dünung, daß die Sache, die freilich unaufschieblba e Regelung erheisch", im Lande seibst, viellcicht mit H'lfe der Zentrab egierung in London, aber zunächst ohne jegliche Anrufung von äußeren Faktoren, auch nicht des Völkerbundes, zum Austrag gebracht werden muß. Drs Friedenswelk von Loearno. In den Tagen des Freudenfestes, das uns mit seiner Hütte des Friedens Symbol für die ^einstige Sammlung aller Erdenvölker un'er I Und all' das Weinen, das drin schrillt und schwillt, i Und all' die Sehnsucht, die Dich heiß erfüllt. — I O, „Mund der Wahrheit", daß sie bald gestillt! I Hilf Du uns tragen hin zu jenem Ort, [ Wo jede Lüge blaßt und weicht und dorrt,! Da Gotterkenntnis unser aller Hort, [ Da Opfertat verdrängt das Lippenwort!- Bis dahin, Mund der Wahrheit, wirke fort! , Objektivität im Konversationslexikon. | Im wohltuenden und erfreulichen Gegensatz zu der A dieser Stelle mit Recht mehrfach gerügten antisemitischen Einstellung von Meyers Konversationslexikon steht die ruhige und sachliche Objektivität, mit der das neue Brockhau s's che Konversationslexikon jüdische Gegenstände behandelt. Das soeben lier Bänden unter dem ausgezeichnet charakteristischen Eil.! „Handbuch des Wissens" erschienene Werk, das auf engem Rahmen eine ungeheure Fülle von Wissen aus allen Gebieten zusammendrängt und die geistige Auf- ^achnefähigkeit durch einen großen Reichtum von Abbildungen, Karten und Tafeln wirksam unterstützt, schreibt £ ' bei ..Blutaberglaube" kurz un>^ bestimmt: „Einen ^luaitus der Juden, dem der unaufgeklärte Tod von ^hnftenkrndern (in Tanten, Könitz, Tisza Eszlar) zur gelegt wurde, gibt es nicht. Bergt. Marx (1883), Cüack (8. Aufl. 1900), Chvolsohn (1901). Reif und ehrerbietig ist die Betrachtungsweise der Propheten": „Vorhersager, Verkündiger, des göttlichen Willens über die Zukunft und des göttlichen Willens 'werhaupt: dann im allgemeinen Sinne Heroen aus reli- Slvs-ethischem Gebiete. Von besonderer Bedeutung für Der I s r o c lit _ dem Schutzdachs des Einen Gottes, um feine ewigen Wahrheiien ist, ist zwischen den Bergen und Seen in der Schweiz, zum ersten Mal nach dem Weltenumsturz, ein Werk des Friedens zustande gekommen, das von allen Beteiligten als solches betrach'.et wird. Es gab keine Sieger und keine Besieg en. Die G.undstimmung der ganzen Verhandlung gaben Vertrauen und F iedenswiile, uno es sind Verträge abgeschlossen worden, die, wenn sie, von gleichem loyalen Geiste getragen, zur Durchführung gelangen, die heiß ersehne Befriedung Europas bringen können. Cs sind in ihren Grundpfeilern und ihrem Rohbau wieder Brücken errich'et worden, die 1914 für immer abgebrochen schienen. Vieles von dem, was Versailles noch weiler zerstört hatte, ist unter der milden Sonne Locarnos wieder aufgebaut worden. Die Diplomaten, auch die deutschen, zielen bef iedigt nach Hause mit der Gewißhci, ganze Be^ge von Haß und M tztrauen, die sich zwischen Volk und Vo.k in zehn Jahren aufgeschich'et, abgetragen zu haben. Die nächste Folge wird der. Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sein, und es wird damit auch der Völkerbund mit Locarno einen beträchtlichen Sch ilt weiter auf dem Wege seiner Vervollständigung kommen, auf dem Wege zum Ziele, das ihm feit Jahrtausenden unsere Propheten der großen Liebe und Menschenvereinigung gesteckt haben. Wir begrüßen das glückliche Ergebnis von Locarno als deutsche Bürger, die von ihm eine Lösung des auf dem Lande lastenden seelischen und wirtschaftlichen Druckes erhoffen, als Menschen, denen jede neu aufge ächtete Schranke zwischen Volk und VoT als eine Störung der g otzen gemeinsamen Menschhci sz'ele erscheint, nicht zuletzt aber als Juden, die in diesem F iedenswerke einen weiteren Schritt der vom Schöpfer gelenkten Weltgeschichte erblicken nach der Richtung der tausendjährigen jüdischen Wünsche und Hoffnungen. Was lesen unsere Kinder? Von Dir. Dr. Elias in Jürflj. I. Suchen wir in den Erinnerungen unserer Kindheit, besinnen wir uns auf das, was den meisten von uns einst F eude gemacht hat, so gedenken wir in erster L'nie der Märchen. Erzählungen und Romane, ku z der Jugendleklüre, die die Vergangenheit vor uns erstehen ließ und das Leben, dem wir in unserer K'ndlichkeit und Abgeschlossenheit so fremd waren, mit Hilfe der Phan'asie in unmittelbare Nähe rückte. die Geistesgeschichte der Menschheit sind die P. Israels geworden." . . . „ihrer eigentlichen Art nach find sie Verkünder des klaren, religiös-ethische Forderungen stellenden Willens Gottes, wie sie ihn aus dem zeitgeschichtlichen Geschehen heraushören. Dem Elias ist in der durch Ahab herbeigeführten Gefabr der Durchdringung Israels mit phönizisch-kanaanäischen Wesen die allem Naturhaften überlegene geistig-sittliche Art des Willens Gottes klar geworden, und Amos ist in der Israel von Afsur herkommenden Bedrobung die nationaler Beschränktheit überhobene universalistische Weite des Gotteswillens aufgegangen." Bei „Juden" heißt es ü. a.: „Erst bei Beginn der Kreuzzüge wurde ihre Lage kritisch. Harte Verfolgungen und Massenvertreibungen begannen in Frankreich und Deutschland durch, das fanatisierte Volk." . . . „Erst in neuerer Zeit ist die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in den meisten Ländern durchgedrungen, so in Frankreich bereits durch die Revolution (1791). In Deutschland, wo trotz des von Karl V. ihnen gewährten Reichsschutzes noch Verfolgungen vorkamen und die unduldsamen Schutzprivilegien und Judenordnungen neben einzelnen Vergünstigungen sortdauerten, machte sich erst durch die Ausklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts, bef. durch das Auftreten Moses Mendelssohns ein Umschwung zu Gunsten der I. geltend." — „Abraham" wird als „glaubensstark" charakterisiert. Wer also von Juden, gleichgültig welcher religiösen Richtung sie sein mögen, die Wahl hat, möge natürlich zu Vrockhaus greisen. ' — r. — Ein Literaturbrief. Lieber Freund! Sie fragen mich in Ihrem jüngsten Schreiben etwas ungeduldig, was denn nun eigentlich dieser S a b b a t a i Was die Menschen sind und wollen und können, das haben sie zum Teil den Anlegungen zu danken, die sie aus den Büchern ihrer Jugend bekommen haben. Dazu brauchen wir nicht erst die Zeugnisse Platos, Herders und Goethes. Wir wissen selber, wie oft ganze Einschnitte unseres Charakterlebens auf ein eindrucksvolles Buch zurückgehen. Aber auch was sie nicht sind, was ihnen an Charakter, Geist und Gemüt fehlt, ist zum Teil auf Rechnung der Bücher zu setzen, denen die Kinder vom 10. bis 15. Jahre in ihrer Lesewut zum Opfer fallen, oder auch darauf zurückzuführen, daß Eltern und Erzieher es nicht verstanden haben, die Kinder für geeignete Lektüre empfänglich zu machen, wenn sie ihnen solche überhaupt zugeführl haben, zuführen konnten. Vor 3 Jahren habe ich in diesen Blättern unter obigem Titel in einer Serie von Artikeln auf diese Frage hingewiesen, deren Lösung wir uns noch immer nicht genügend angelegen sein lassen. Beweis dafür ist die Ratlosigkeit vieler Eltern, selbst solcher, die in der wissenschaftlichen, jüdischen und nichtjüdischen Literatur unserer Tage gut vertraut sind, die den Hunger ihrer Kinder nach geeignetem Lesestoff nicht zu stillen vermögen. Abgesehen von dem Einfluß der Jugendlektüre auf Geist und Gemüt der Kinder, denen das Buch Belehrung, Erziehung und Unterhaltung geben soll, ist hente auch noch ein anderer Gesichtspunkt wichtig, der zu einer regelmäßigen und sachkundigen Uebersicht über die erschienene und erscheinende Li erütur für die jüdische Jugend drängt. Die Versuche, die jüdischen Bildungselemente für den Profanunterricht zu verwenden, sind seit der Hamburger Erz'ehungskonferenz über das Stadium der bloßen Wünsche herausgekommen. Der Deutschunterricht soll durch besondere Lesebücher oder durch Anhänge entsprechend den Altersklassen der Schü'er eine jüdischere Note erhalten. Den Lesestoff hierzu muß die jüdische. Jugendlektüre abgeben. Wenn wir in dem oben genannten Aufsatz mit der belletristischen Literatur begonnen haben, so wollen wir heute zunächst die Literatur würdigen, die eine poetische Uebertragung unserer Midraschim und Agada enthält. Gelegentlich eines Ganges du'ch eine Schüfe-bibiiothek bemerkte ich die drei Bände „Der Born Judas" von Jbn Gorivn. Ihn Go non wollte kein Buch für Kinder, geschweige denn für Kinder religiöser Juden schreiben. Es ist darum unbegreiflich, wie man dirses Buch einem Ba -M zwa schenken, noch unbegreiflicher, w'e man es in eine Schü'erbib iothek stellen kann. Im ersten Band wi'l der Verfasser Z e w i, der Held des vielgelesenen und vielgepriesenen S ch a ch n o w i tz s ch e n Romans „Die Messiasb r a u t"*) fei? Vielleicht — so meinen Sie — eine pathologische Erscheinung, an die der Maßstab C e s a r e L o m b r o s o's zu legen sei, so daß sein gemeingefährliches Verbrechertum letzten Endes aus seelisch-geistigen Störungen zu erklären wäre. Oder aber ein mittelalterlich gewendeter Daudet'scher „Tartarin von Tarlascou", dem die Sonne des Orients das Hirn verwirrt hat, bis er seine eigenen Flunkereien selbst glaubt und seine ganze Umgebung in diesen Wahnglauben verstrickt. Oder endlich etwa ein Nietzsche'scher Uebermensch, der sich auf Grund seiner hochentwickelten Sondereigenschaften berechtigt fühlt, sich über die Leichen der „Herdenmenschen" den Weg zu bahnen. — Und da muß ich Ihnen antworten S a b b a t a i Z e w i ist nichts von alledem und doch ein Stück von alledem. Ein wenig hat der Psychopathe an ihm seziert und modelliert, das meiste hat der reife Künstler gestaltet und schließlich hat auch der Philosoph zu seiner Entwicklung beigetragen. — Es ist eine bunt blühende Mannigfaltigkeit von Geschehnissen und Figuren, die da mit weisem Bedacht, mir innerlicher Versenkung und mit geläutertem Sinn geordnet und zusammengebunden sind. Das jüdische Mittelalter in all' seinem unklaren, gährenden Drang, in seiner erhabenen Festigkeit, in seinem grenzenlosen leidgeborenen Hoffen lebt auf. Und das Herz von alledem? Die uralte, noch nicht gestillte Erlösungssehnsucht, die sich bald ausbreitet und ergießt in zügelloser Schwärmerei, die ihr bestes Selbst, das Hängen am Gottesgesetz, ver- *) D i e M e s s i a s b r a u t. Die Geschichte einer verlorenen Hoffnung. Historischer Rorman aus dem 17. Jahrhundert von S. S ch a ch n o w i tz. Hermon Vcrlags- AMengesellschast Frankfurt a. M. Preis Mk. 4.60.