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Der Israelit · 1925-10-15 · Heft 42 (15.10.1925) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 42 (15.10.1925)
Date
1925-10-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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T Sette 4 Nr. 42 D er Israe I t1 Oktober 1828 und in diesem Sinne tjat der Botschafter nach Warschau an seine Regierung berichtet. Vielleicht wirkt diese „Botschaft" etwas mehr als die jüdischen Proteste. Die Lage ist nach wie vor wenig verheißungsvoll. Und dennoch schließen wir uns ganz der Meinung des Senators Dr. Ringel und der Vertreter der Aguda an, die auf der Sitzung des jüdischen Parlamentsklubes vom 6. Oktober als einzige dafür eintraten, daß man das angeknüpfte Band noch nicht zerreißen dürfe, solange die Regierung im Prinzipe das Abkommen anerkennt und immer von neuem Erfüllung verspricht. Daß inzwischen der Jüdische Klub der Regierung das Vertrauen versagt hat, macht freilich die Sache nicht aussichtsreicher. Hessens Antisemiten protestieren. Vor kurzem machte eine Rede des hessischen Staatspräsidenten Ullrich anläßlich der Rheinlandtagung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten die Runde durch die Weltpresse, in der er die völkische Bewegung eine „Schmach des deutschen Volkes" genannt. Er betonte, diese Erklärung im Namen der Regierung, die er vertrat, abgegeben zu haben. Die Deutschnationalen des hessischen Landtags haben deswegen eine geharnischte Anfrage an die hessische Staatsregierung gerichtet, in der es u. a. heißt: 1. Gedenkt der Herr Staatspräsident mit der hessischen Regierung diese unglaubliche Herabsetzung aller Nichtjuden, besonders aber des deutschen Volkes und der deutschvölkischen Bewegung aufrecht zu erhalten? 2. Wenn ja, erscheint dem Herrn Staatspräsident und seiner Negierung der Kampf gegen die ostjüdische Zuwanderung als „Schmach"? 3. Ist es „Schmach", gegen die-Weltmacht des jüdischen Kapitals zu kämpfen? 4. Ist es „Schmach", im christlichdeutschen Vaterlande gegen die Unterjochung des deutschen Volkes durch das Judentum aufzutreten? In den weiteren Fragen wird gesagt, der Kampf gegen die Juden geht über de ganze Welt, und der deutsch-völkischen Bewegung hängen Millionen deutscher Männer und Frauen an, die durch den Ausspruch des Staatspräsidenten verächtlich gemacht wurden. Man ersieht aus dieser Anfrage, daß die Herren Antisemiten in Hessen es nicht erlauben, daß Hessen in den Ruf eines von Haß und Hetze unberührten Rechtsstaates komme. Damit haben sie das Wort ihres Präsidenten von der „Schmach des deutschen Volkes" nur bestätigt. Sigmund Fraenkel Vs*. Während der vier wundersamen Tage, die vorwärts und rückwärts vom Lichte der wiedererlangten Reinheit und der winkenden höchsten Freude überstrahlt werden, ist der deutschen gesetzestreuen Judenheit einer ihrer besten Männer genommen worden. An seiner Bahre darum mußte die Trauerklage der jüdischen Gesamtheit schweigen — aber auch jetzt, da der Alltag wieder gekommen ist mit seinen Sorgen, und der Schmerz um den Verlust des kraftvollen, vorausschauenden Führers doppelt brennt, auch jetzt legt uns die Pietät gegen den Heimgegangenen Schranken auf. Hat er doch wenige Tage vor seinem Tode, mitten in den immer wiederholten Mahnungen an seine Kinder zum treuen Lernen und Ueben, durch einen vertrauten Freund uns die Bitte übermitteln lasten, seiner so schmucklos wie möglich zu gedenken. Allein es bedarf keiner Uebertreibung und keiner idealisierenden Phantasie, UM sich des unvergleichlichen Wertes der Persönlichkeit bewußt zu werden, die da, erst fünfundsechzigjährig, aus rüstigem Schaffen abberufen wurde. Bis in die letzten Jahre hinein waren unab lässige Arbeit und höchste Lebense n e r g i e die charakteristischen Merkmale dieser Persönlichkeit. In Familie und Beruf, in Kommune und Staat, Kehilla und Landesjudenheit, im deutschen Judentum, und als es galt, der Judenheit der Welt ihr thoragemäßes organisatorisches Gewand zu geben — überall schaute Sigmund Fraenkel mit hellhörigem Verstehen und scharfem kritischen Urteil ins Leben hinein, und an diesem Aufnehmen und Beobachten entzündete sich ein loderndes " ollen, das nach kurzem Wägen rasch bestimmte individuelle oder politische Ziele formte und sie mit eiserner. Zähigkeit zu erreichen trachtete. So ward er zum willensstarken, erfolgreichen Erzieher seiner Kinder, zum Schöpfer und Erhalter eines großen, auf soliden Grundlagen aufgebauten Handelshauses, zum Führer und Wegweiser in seiner Berufsvertretung, der Münchener Handelskammer und in zahlreichen wirtschaftspolitischen Körperschaften der Kriegs- und Nachkriegszeit, zum bayrischen und deutschen Innen- und Außenpolitiker, dessen Rat gesucht und geschätzt wurde, vor allem aber zum jüdischen Politiker, der seiner Brüder Recht, galt's auch, Gefahren zu bestehen und Leid zu dulden, furchtlos und treu vor Volk und Land zu vertreten wußte. So hat er in den Zeiten schwerster Verwicklungen geräuschlos gewirkt, für die Ret? tung des Sabbats in den denkwürdigen Gehirn und Seele von Gevatter Schneider und Handschuhmacher, freilich ohne jeglichen Schaden für Mit- und Nachwelt, gelegentlich gehen. Was soll beispielsweise ein Satz sagen: „Ich habe keine Freunde und will auch keine. Der Freund ist eine schwache Stütze, ich aber bin jung und bedarf ihrer nicht."? Man ist entweder Gesellschastsmensch oder ist es nicht. Wer es nicht ist, zieht sich eben in seine Einsamkeit zurück und spricht nicht davon. „Viel/ so schreibt Klatzkin, „habe ich 'über den Tod nachgedacht und mühe mich, ein Abwehrmittel gegen ihn zu finden/ Wer wohl nicht? Doch wir wollen uns nicht in Proben ergehen. Wir müßten ganze Bogen mit dieser Art von ausgeputzten Binsenwahrheiten füllen. Ein Kapitel hat dieses Buch, aus dem keine Proben gegeben werden können. Es heißt im und ist ein Sammelsurium von Frivolitäten, in denen krankhafte erotische Vorstellungen nach Ausdruck ringen. Klatzkin kennt die Frau als in Wolkenhöhen schwebendes Idol der Anbetung oder als Dämon und Urgrund allesMxbels und Ekels auf Erden. Er hat auch einige Mitleidsworte für die Unnatur und Tragik ihres Lebens und spricht im übrigen von Dingen, die ein anständiger Mensch auch vor sich selbst nicht mit Namen nennt, mit einer Offenheit und Ausführlichkeit, die mit der „Aufklärung" unserer modernen Pädagogik oder mit der „Antiprüderie" der modernsten Literatur gar nichts gemein hat. Klatzkin kennt und schildert die Frau nicht als Menschen von eigenem Wert, sondern wie sie in der Vorstellung des Mannes, in Klatzkins Vorstellung, lebt. Eins anders Einstellung zu ihr hat er nicht. Von der religiös-ethischen Brücke, die vom Manne zur Frau und von diesen zu den Generationen führt, scheint der Rabbinersohn Jakob Klatzkin keine, aber auch nicht die leiseste Ahnung zu haben. Selbst eine jüdische oder talmu.hische Wendung, die sich in dieses Kapitel verirrt, bekommt in diesem Zusammenhang und im Rampenlicht Klatzkinscher ch-'y w-’ Ausmachung ein anderes Gesicht, eine Farce, die mehr aus resignierter Lebensblasiertheit mitternächtlicher Vars kommt, als aus den Tiefen geweihter Lebensanschauung. (Siehe Seite 110 .die Ausspüche über den „eifersüchtigen Mann" und über die „Institution der Ehe".) Eine höhere, geistige oder auch nur seelische Interessengemeinschaft von Mann und Frau, auf der Grundlage reiner Liebe> vielleicht auch der gemeinsamen Sorgen, gemeinsamen Pläne, der Liebe zu den Kindern und so unbewußt des Arbeitsbeitrages für die Zukunft, findet in diesem Buche nicht den leisesten Ausdruck. Es sind Urteile darin über die Frau enthalten, bei denen uns nur die Genugtuung blewt, daß sie, weil in hebräischer Sprache, unseren Frauen und Töchtern in der Mehrzahl nicht zugänglich sind, wir hätten ihnen sonst das Buch, um sie vor geistiger Schändung zu schützen, verstecken müssen. Es ist das erste Mal, daß wir die an sich sehr bedauerliche mangelhafte Kenntnis des Hebräischen bei der weiblichen Jugend als A k t i o u m anfehen. Und das danken wir den Neuhebräern, die, wie Klatzkin, in jedem von ihnen gedachten Gedanken und gesprochenen Wort eine neue Offenbarung erblicken, danken es den Zeitschriften, die solchen Weisheitsfprüchen liebevoll ihre Spalten öffnen, danken es dem Berliner „Eschkol", der seine Hand dazu bietet, diese Giftkeime in schönster und sehr süßer Kapsel der Jugend zu verabreichen. * * * Den Aphorismen ist aber noch ein zweiter Teil, eine Auslese von Feuilletons angehängt. Hier ist eine Nummer den „Germanen mosaischer Religion" gewidmet, die besonders unsere Aufmerksamkeit verdient, da sie uns zeigt, wie Menschen, Gemeinschaften und Volker durch Federhelden, die nach dem Rezepte: „Verleumde immer zu, es wird schon etwas davon hängen bleiben" arbeiten, ein verzerrtes Gesicht in der "Geschichte erhaltest. Unter den Völkern Europas hat,-besonders Deutschland daran önsi ij rn sU!U!.js' vj6‘ Kämpfen um das Münchener Ortsstatut über§ Sonntagsruhe seine hohe politische und schrj^ steuerische Begabung glänzend bewährt und die bedrohte Schechita manchen Strauß erfolgreich beständen. Jahre mühereichen Ringens hat er dem Aufbau einer nach seiner tiefen Uederzeugung der Treue zum Thoragesetz heilvollen Ge! staltung der bayrischen G emeind ege s e tz g e b u n g gewidmet, damit zugleich der jüdischen Gesamtheit in seinem engeren Vaterland wie der eigenen, geliebten Kehilla, dem „Ohei Jako b" dienend, dessen Vater, sind Fürsorger er in harmonischem Zusammenwirken mit seinem hochverehrten Raw Dr. Ehrentreu fast dreißig Jahre lang gewesen ist. Im Ausschuß der „Freien Vereinigung", in dem Gründungskomitee der „Agudäs Jisroel", im Kuratorium des „Berliner Rabbinerseminars" — überall, wo zu Rat und Tat die Gesetzestreuen in Krieg und Frieden sich zusammenfanden, ward er mit seinem feurigen. Temperament Mitschaffender und Führer, bei allem Selbstgefühl frei von jeder Person-! lichen Empfindlichkeit, manchmal bajuvarisch grob, aber doch immer von tiefstem menschlichen Verstehen und voll des Bewußtseins brüderlicher Zusammengehörigkeit. Denn der Kern seines Wesens, das muß gerade bei einer Persönlichkeit von so umfassender, ganz auf das Getriebe der Tagespolitik eingestellter äußerer Wirksamkeit stark betont werden, war eingehüllt und umflossen vom Lichte der Thora. In seinem Blute und in seiner Seele lebten die Traditionen seiner Ahnen, deren Sproß zu sein, düs tragende Grundbewußtsein semes inneren Lebens bildete. Er fühlte sich als Enkel des ^>N2' und die Jahre, die er lernend ,1L>1vL>21 illlaVü im Hause seines Halberstädter Oheims, Rabbi Selig Auerbach verbracht, waren ihm das Leben hindurch nicht nur köstliche Erinnerung, sondern die belebende Quelle ewiger geistiger Erneuerung und die sittliche Richtschnur in den Nöten und Konflikten des Tageswirkens. Wie er im Lichte der Thora das Leben sah, davon legt noch seine letzte größere schriftstellerische Arbeit im „Jeschurun" (3! T. auch in der „Frankfurter Zeitung" erschienen), Zeugnis ab. Die Erlebnisse der Kriegs- und Inflationszeit mit ihren wirtschaftspolitischen Auswirkungen spiegelten sich ihm in den Midraschim zur Geschichte Josephs wieder und aus dieser — wesentlich religiös-künstlerischen — Konzeption erwuchs ihm ein Bild von prachtvoller, aus tausend Einzelheiten gestalteter Geschlossenheit. So gab er sich in seinen formgewandten, in geistreichen Wendungen und Zitaten funkelnden, oft von starkem Pathos getragenen Reden und Ansprachen glauben müssen. In der Geschichte haben gerade wir Juden als Objekt ewiger Verleumdungen herhalten müssen. Im Buche Klatzkins findet die Hetze, die seit Jahrzehnten in der neujüdischen Presse des Ostens gegen Frankfurt, d. h. gegen das orthodoxe Frankfurt geht, ihren klassischen Niederschlag. Für Klatzkin ist Frankfurt, und zwar das orthodoxe Frankfurt das eigentliche typische Gesicht der „mosaischen Germanen". Orthodox bis auf den. rituellen, Unter Aufsicht hergestellten Rock auf der einen Seite und assimiliert bis zum Exzeß aus der anderen Seite, beides in einer Person, das ist Frankfurt. Die „Frankfurter Religionsgesellschaft" unterhalte Schneider und Schuster unter Aussicht, eine Schule, in der Hebräisch und jüdisches Wissen fast verpönt sind, wie giftige Medizin in kleinster Dosis nach äußerstem Bedarf verabreicht wird. Der Zionismus sei hier so gefürchtet, daß in Frankfurt (alles noch im Zusammenhang mit der Religionsgesellschaft) kein Chonuka mehr gefeiert wird, seitdem die Zionisten das Fest als das ihrige begehen. Der Haß gegen die Ostjuden gehe soweit, daß man (alles noch Religionsgesellschaft) jeden mißliebigen Fremden mit Hilfe der Bchördenausweisen läßt. Ueberall eine Armenkasse. Wer aber kein Almosen will, wird aus dem Lande gejagt, denn der deutsche Jude kann das Almosengeben für sein ewiges Seelenheil nicht entbehren. E'-n „Hilfsverein" (auch dieser im Zusammenhänge mit der Religionsgesellschast) unterhalte einen ganzen Stab von Spionen und Spitzeln, um jeden verdächtigen/polmscheu Juden mit Hilfe der Polizei über die Grenze zu 'schaffen. Das Büro des Hilfsvereines. (Klatzkin nennt ihn „Agudcm Esro") sei mit Absicht in eine der verkehrsreichsten . Straßen gelegt, uni jedes Schamgefühl den Petenten zu ne,)- men. Tendenz/ Züchtung von Schnorrern. Wer sich Wgkgen,.wehrt, ,jst,ein SchleMchl und fliegt hinaus. UnomD ihk iof' HiC'; -ff - 0)

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