Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1925)
- Date
- 1925-12-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 49 Mische Gasse -des Frankfurter Mittelalters vorzudrmgen suchen. Sehr Wertvoll zu diesem Zwecke sind auch die Anlagen mit den vielen Daten und Akten. Samson Raphael Hirsch und die Israelitische Religionsgesellschaft. Von Dr. Mendel Hirsch W- (Fortsetzung.) III. Am Schlüsse des jüngsten Artikels gedachten wir vorgreifend der Konzessionen, die infolge des Austrittgefetzes den Gesetzestreuen gemacht wurden, um einem gefürchteten Massenaustritte vorzubeugen. Dieselben entsprangen selbstverständlich nur tak.ischen Rücksichten, denn die Kanzel der Hauptsynagoge und die Gemeindeschule, das Philanthropie blieben ja nach wie vor im Dienste der eifrigsten Propaganda für die Neologie. Eine wie grobe, wenngleich widerwillige und erzwungene, huldigende Anerkennung der Wirksamkeit Samson Raphael Hirsch's in diesen Zugeständnissen lag, das tritt am deutlichsten hervor, wenn wir damit die Haltung vergleichen, welche die Wortführer derselben Gemeinde fünfundzwanzig Iahre früher dem Beginn e seiner Wirksamkeit in Frankfurt entgegengebracht hatten. Die Erschütterungen des Jahres 18^8, der freiheitliche Zug, der wenigstens zeitweilig durch die deutschen Lande wehte, sie hatten in ihren Nachwi.kungen sch.ießlich auch den Gesetzestreuen in Frankfurt, wenn auch nicht volle Befreiung von dem Joche, unter dem sie so lange schmachteten, so doch Befreiung von der Knebelung gebracht, mit der der Vorstand der Reformgemeinde sie so lange mundtot zu machen verstanden hatte. Sie seien Sektierer, so chatten sie sich entblödet, die Bestrebungen ihrer Brüder, der Anhänger der nach Jahrtausenden zählenden Religion ihrer Väter, bei der Staatsbehörde zu verdächtigen, man könne gar nicht ermessen, welche Konsequenzen cs haben werde, wenn man ihnen gestatte, sich zu konstituieren — mit solchen und ähnlichen vagen Ausstreuungen hatten sie so lange deren Bemühungen zu Hintertreiben gewuht. Jetzt aber wurde ihnen gestattet, sich als Religionsgesellfchaft zu konstituieren und einen Rabbiner anzustellen. Elf wackere jüdische Männer hatten die Eingabe unterschrieben, denen sich bis zum Iahre 1850 noch etwa 60 Genossen angeschlossen hatten: 1851 mochte ihre Zahl an hundert betragen. Nachdem die Wahl zuerst auf eine andere Persönlichkeit gefallen war, die jedoch nachträglich Entbindung von dem gegebenen Worte erbeten und erlangt hatte, wandte sich der kleine Kreis an Sams o n Raphael Hirsch, der damals Oberlandesrabbiner von Mähren war. Die über Oesterreich hereingebrochene schwere Reaktion machte ihm jedoch jede Wirksamkeit, die sich höhere und weitere Ziele steckte, damals dort unmöglich. Demgegenüber erkannte er die Bedeutung Frankfurts und die Ziele, die sich seiner -Wirksamkeit gerade an dieser Stätte eröffnten, wo der Abfall seine gröhten Triumphe gefeiert und die entschiedensten Konsequenzen gezogen hatte. Er nahm die Wahl an. Im August 1851 fand die Uebersiedlung nach Frankfurt statt. Es war ein geradezu unermeßlicher Abstand in der äußeren Stellung. In religiöser Beziehung - fand er, was die Institutionen betrifft, vollständig tabula rasa vor. Es gab nicht einmal ein Bethaus, in das er gehen konnte, ohne Demütigungen' ausgesetzt zu sein. Seine Gemeinde, die Religionsgesellschaft, mußte einige Zimmer mieten und dieselben zu einem provisorischen Vetlotale in primitivster Weise einrichten. Aber in diesen bescheidenen Räumen blühte ein neues herrliches Leben auf, hier feierte die alte jüdische Frankfurter Gemeinde ihre Auferstehung. Die prunklose Kanzel war die Stätte, von der das Leben weckende mächtige Wort ausging, das dis Genossen zur Gemeinde einte Der Israelit und dieser immer mehr Genossen warb. Es waren Weihestunden höchster Begeisterung, die in diesen Räumen gelebt wurden.— Im klebrigen mußten alle Institutionen erst geschaffen werden. So war im allgemeinen kein Stückchen Fleisch in Frankfurt zu haben, das mit Beruhigung als koscher genossen werden konnte, die Schechita und die Metzger boten nicht die geringste Garantie. Al'ein auch an der religiösen Gewissenhaftigkeit der Angehörigen des Kreises, der die damalige Religionsgesellschaft bildete, waren die langjährigen Wirkungen der Gemeindeschule und des Beispiels der Andersdenkenden keineswegs spurlos vorübergegangen. Selbst die Familien mancher sonst durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit Hervorragenden machten in dieser Beziehung keine Ausnahme. Auch lag es in der Natur der Verhältnisse begründet, daß eine gewisse Zaghaftigkeit, rechts oder links anzustoßen, ein gewisser Mangel an Vertrauen in den Sieg der guten Sache im eigenen Lager vielfach vorhanden war. Zu lange waren sie Zeugen fortgesetzter Triumphe der Neologie gewesen, zu lange gewöhnt gewesen die stereotypen Tiraden vom Siege der Aufklärung und der alleinseligmachenden Reform zu vernehmen, zu lange hatten sie die Verspottung und Verlästerung der Frömmigkeit mitanhören müssen. Es galt, im eigenen Lager der Thora die Herrschaft zu gewinnen, die Schwankenden zu belehren, die Wankenden zu befestigen. Es galt, das kleine Häuflein gegen die Waffen des Spottes und der Verhetzung zu wappnen, mit denen von Seiten der Gegner unausgesetzt an ihrer Bekehrung oder Rückbekehrung gearbeitet wurde. Seinem zündenden Worte, dem Zauber seiner Persönlichkeit, seiner ste^s nur die Sache im Auge habenden wankenlosen Geradheit, seiner nimmer rastenden Arbeitsfrische und seiner unermüdlichen Arbeitskraft, seinem seltenen Organisationstalent, vor allem allein aber der Schärfe seines stets den Kernpunkt erfassenden Blickes und der durch nichts zu erschütternden Zuversicht in den endlichen Sieg gelang es, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Er sagte es einmal selbst, wie es nötig gewesen sei, bei der Neueinrichtung des jüdischen Heiligtums in Frankfurt, wie einst bei der Erbauung des zweiten Tempels, in der einen Hand das Schwert und in der anderen die Kelle zu haben. Die Abwehr gegen die Angriffe von Außen mußte mit der Arbeit der Aufrichtung im Innern Hand in Hand gehen. Der erste Schritt, die Erbauung eines eigenen Gotteshauses, war dank der Munificenz des Hauses Rothschild, das 70 000 fl. dazu spendete, ein verhältnismäßig leichter. Auch blieb dabei d is Nsligioirsgsssllschaft von ihren Gegnern unbehel igt. Die Synagoge glaubte man dulden zu können, auch wohl zu müssen. Allein schon bei der Grundsteinlegung zur Synagoge sprach Samson Raphael Hirsch es aus, wie allerdings das gemeinsame Gotteshaus einen wichtigen Mittelpunkt ihrer Vereinigung bilden werde, daß aber erst mit der Errichtung einer S ch u l e für die Jugend beiderlei Geschlechts auf der altjüdischen Basis, welche sowohl echte humane und bürgerliche Bildung wie echtes Judentum in Wissenschaft und Leben nicht als sich einander ausschließende Gegensätze, sondern als zwei sich gegenseitig bedingende und ergänzende Elemente mit gleicher Wertschätzung und Sorgfalt erkennen und pflegen lehrt, daß erst mit der Errichtung einer solchen Schule ihre Bestrebungen den rechten Boden und die einzige Aussicht auf eine Zukunft gewinnen könnten. In demselben Sinne suchte er auch weiter auf seine Gemeinde einzuwirken, und es gelang ihm denn auch, seinen kleinen Kreis davon zu überzeugen, daß sie nur durch Errichtung einer solchen Schule die trostlosen religiösen Zustände an der Wurzel fassen und die Heilung eben von da aus beginnen würden, von wo die Krankheit ihren Ausgang genommen und immer fortschreitend ihre Nahrung gefunden. Er wußte schließlich seine kleine Ge- 3. Dezember 1928 meinde für die Idee sozu bsgeiMyp.,, HaAler mit Aussicht stuf Erfolg die ersten Schritte zur Ausführung wagen konnte. — Er ging von Haus zu Haus, um die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft zu jährlichen Beiträgen zu veranlassen, zunächst für fünf Jahre. Es war ein Werk, das nur ihm -gelingen konnte. So wie er es verstanden hatte, die Mittel wenigstens für den Anfang flüssig zu machen, so hatte e r den Lehrplan auszuarbeiten, er die obrigkeitliche Genehmigung für denselben zu erwirken, er die Leitung zu übernehmen, die er als Ehrenamt in segens- und erfolgreicher Weise vierundzwanzig Jahre geführt hat. Die Aufgabe war wahrlich keine, geringe. Es galt, wie er sich später bei einem Rückblick einmal äußette, nach beiden Seiten hin Vorurteile zu bekämpfen: auf der einen Seite die durch die Erfahrungen fast eines halben Jahrhunderts scheinbar leider gerechtfertigte Ansicht, als ob allgemeine Bildung den Geist des echten unvertümmerten Judentums im Wissen und Leben beeinträchtige, andererseits aber — und darum handelte es sich damals hauptsächlich hier — die von den Feinden des gesetzestreuen Judentums absichtlich verbreitete Meinung, als fei dieses Judentum ein Feind aller humanen Gesittung und Bildung. Und es galt vor allem, mit einer bereits seit mehr als vierzig Jahren bestehenden, die allgemeinste Anerkennung genießenden Anstalt, der eigentlichen Pflanz- und Pflegestätte der religiös-destruktiven Richtung, den Wettkampf im Gebiete des allgemeinen Unterrichtes für die höhere bürgerliche Bildung einzugehen und gleichzeitig, mit gleicher Hingebung, die Jugend in die Quellenkenntnis des jüdisch-religiösen Schrifttums einzuführen, ohne die nun einmal keine religiöse Begeisterung und keine religiöse Pflichttreue «im jüdischen Leben zu erwarten ist. Nur durch den Erfolg war hier Anerkennung zu erzwingen, nach Innen und nach Außen. Tiefer, als man es sich jetzt vorzustellen vermag, hatte jene Meinung, infolge der so lange geübten Vergewaltigung, Wurzel geschlagen, daß eine gewisse „Freiheit" in der religiösen Anschauung und im religiösen Leben, wenn auch beileibe nicht identisch mit Bildung, so doch deren Vermittlung, Aneignung und Pflege wesentlich erleichtere. Ganz wie die Beiträge für die Religionsgesellschaft, so wurden auch die für die Schule zunächst nur für fünf Jahre bewilligt. Man wollte sich nicht binden, glaubte auch vielleicht dies nicht zu dürfen — gleichviel, von übergroßer Zuversicht in das Gelingen zeugte diese zeitliche Beschränkung keineswegs. Doch der große Meister und Führer ließ sich nicht irre machen, und noch weniger abschrecken. Er baute auf die gute Sache, er wußte, wessen Sache er führe. Und sein Vertrauen hat sich als kein trügerisches erwiesen! Mit welchen Empfindungen man aber in den leitenden Kreisen der „Hauptgemeinde" der Gründung dieser Schule entgegensah, das sollte sich bald in einer unsäglich traurigen Weise zeigen. Denn jetzt trat die Bekämpfung des gesetzestreuen Judentums von Seiten der Neologie in ein neues Stadium, Bisher war die Niederhaltung desselben nur durch die Beeinflussung der Staatsbehörde versucht worden. Diese vollzog sich im Stillen, hinter verschlossenen Türen. Nachdem nun die Konstituierung jetzt erfolgt war, wurde der stille Kampf freilich fortgesetzt, um sie in der Entwicklung möglichst zu hemmen. Allein zu diesem Verfahren der fortgesetzten Verleumdung bei den. maßgebenden Stellen tritt jetzt ein womöglich noch gehässigeres. Die Bestrebungen, die man nicht im Keime ersticken konnte, suchte man jetzt vor der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Man scheute sich nicht, zu diesem Zwecke das Heiligtum des Gottesgesetzes, dessen Bewahrung die Ahnen mit ihrem Herzblute erkauft hatten, durch perfide Entstellung dem Gelächter der christlichen Mitbürger preiszugeben. Man hoffte dadurch die Zaghaften davon abzuschrecken, sich der „kleinen gläubige«