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Der Israelit · 1925-12-03 · Heft 49 (3.12.1925) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 49 (3.12.1925)
Date
1925-12-03
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Baaa »SS» r 2?eflf S gl^ Der Mädchenhork der Jüdischen Frauenvereinigung. Zur Vielfalt der segensreichen Tätigkeit der „Jüdischen Frauenvereinigung" gehört auch die Kinderfürsorge. Und diese ändert sich nach Saison. Es gibt eine sommerliche und eine winterliche Kinderfürsorge, eine heimische und eine auswärtige. Die sommerliche liegt vorwiegend außerhalb Frankfurts, die winterliche ist mehr eine heimische Sache. Im Sommer werden Kinder aufs Land geschickt bei guten Familien in Deutschland und im Ausland untergebracht. Im Winter werden Kinder in großem gehe'z^em Raume gesammelt, dort den ganzen Nachmittag beaufsichtigt, bewirtet und durch die Schwierigkeiten des Schularbeit mit fachkundiger Hand geführt. Dies nennt sich Kinderhort, oder Mädchenhort der Jüdischen Frauenvereinigung. Als ich ihn an einem frühen Nachmittag dieser Woche besuchte, wütete und tobte draußen ein Schneesturm, so daß der schräge Uebergang vom allen Ostbahnhof zum Röderberg wie eine Eiswüste im Lande der Lappen aussah. In und durch den Hof der Israelitischen Volksschule führten schmale Spuren kleiner Füßchen bis zur letzten Türe. Und wie ich diese aufmachte, kam mir der mollige Duft einer gutgeheizten Stube und ein Gewirr lachender Kinderstimmen entgegen. Hier fühlen sich die Kleinen geborgen, ist der erste Eindruck. Auf einfachen Holzbänken vor großen 'Tischen sitzen ungefähr 80 kleine und größere Mädchen, zumeist hübsche, saubere, gut entwickelte und leidlich gut angezogene Kinder, ein paar echte Engelsgesichtchen darunter, die sehr auffallen. Die ältesten Mädchen, im Alter von 14 Jahren, fehlen. Sie sind beim Kochkurse, der um diese Zeit in irgend einem Raume der Schule stattfindet, und werden noch kommen. Die meisten der Mädchen s.'tzen über ihren Schulbüchern und Heften und bauen an ihren Aufsätzen, malen Zahlen und oollführen ganz gewagte Finanzoperationen, bei denen die jungen Leite:innen und Helferinnen — es sind deren drei —, wiederholt mitheifen müssen. Ein kleines Mädchen legt mir vertrauensvoll, in der Meinung, ich sei irgend eine „Schulaufsicht", das Heft in die Hand. Große, spitze, saubere Schnörkel, jeder Buchstabe beinahe so groß wie die Schreiberin selbst. Sie ist aber bereits zehn Jahre all. Si? muß noch mehr in die Höhe wachsen. In diesem Raume, in diesem Milieu und in der milden Sonne jüdischer Liebe hat sie alle Gelegenheit dazu. Viele Mädchen sehen aber älter aus, sind über ihre Jahre hinausgewachsen, scheinen in enger, schwerer Luft rascher, vielleicht zu rasch, zu reifen. Viele, die mit ihren Schularbeiten fertig sind oder „keine haben", nähen, basteln, fertigen Puppenkleider oder schneiden Bilder aus. Auch diese müsssen den freundlichen Rat der jungen Leiterinnen, deren Nerven in der Liebe zur Jugend gestählt sind, gar oft in Anspruch nehmen. Wenn nach einer Stunde die Schularbeiten zu Ende sein werden, werden die einigen und achtzig Mädchen vor ihren vollgefüllten Kakaobechern sitzen und ihr mitgebrachtes Butterbrot (es gibt auch „Butterbrot" mit ohne Butter) verzehren. Manche Glückliche hat auch einen Apfel dazu. Dann wird man Kreise bilden und Reigen tanzen, und singen und singen, — bis die finstere Nacht heraufgezogen ist und die große Uhr über dem Turnbock an der Wand die sechs Schläge von sich gegeben hat. Dann gibt es noch ein Abschiedsliedchen und einen Händedruck für die Leiterin. Und hinaus geht es aus der schönen warmen Halle in die kalte, dunkle Nacht —, zumeist in eine kalte, dunkle Dachkammer. wo vielleicht vergrämte sorgenvolle Züge Erwachsener für den Rest des Abends das helle Kinderlachen dämpfen; wo nach kargem Mahle ein hartes, kaltes Bettchen wartet.- Eine kleine Statistik, die ich an Ort und Stelle bei den sehr mitteilsamen Kleinen aufnebme, ergibt, daß sie fast alle die Israelitische Volksschule besuchen, ihre Lehrer sehr gern haben und die Leiterinnen des Hortes sehr, sehr lieb haben. Von der eigentlichen Schöpfe in und Erhalterin ihres schönen Nachmittagskeimes, der „Jüdischen Frauenvereinigung" wissen sie so gut wie gar nichts. Diese Wohltäterin häst sich im Hintergründe und freut sich ihres Werkes-Im Stillen. Auch das ist richtig. Fast aLe kommen sie hierher, weil „keiner daheim ist", weil „die Mutter auf Arbeit geht" oder weil es „daheim sehr kalt ist", oder weil zu Hause „keiner da ist, der bei den Schularbeiten hilft." In den Ferien kommen sie auch schon vormittags hierher und gehen von hier aus in den Wald. Und da sie mir von einem bevorstehenden Chanukafeste erzählten, glänzten ihre Augen in glücklicher Erinnerung und verheißungsvoller Ahnung. — — Wenn man bedenkt, daß die Jüdische Frauenvereinigung 14 Jabre bald, über die Kriegszeit und all die schweren Krisen der Nachkriegszeit hinaus dieses Heim erhält, daß sie auf diese Weise tagein, tagaus Sonne in junge Herzen lei'et und Liebessaat m empfänglichen Boden senkt, daß sie auch für andere, zum Segen der Generationen, aufgehe, so verläßt man nicht ohne ein Gefühl der Bewunderung und Dankba k i^ diese schönen Halben. Natürlich b'aucht die Jüdische Frauenoereinigung auch zu dieser Art von Kriegführen gegen die Not des Kindes drei Dinge: Geld, Geld und wieder Geld! Allein, es wäre banal, diese aus dem Hetzen eines harmlosen Zuschauers fließende Schilderung mit einem Appell, mit dem üblichen HochUben des Klingelbeutels zu beschließen. Die Pflicht aller, die wissen, was es heute bedeutet, Kinder aus Haushaltungsnot, aus Wohnungselend und von der Straße weg in warmen schönen Räumen bei freundlichem Wort, fachmännischer Aufsicht und warmem Tranke zu sammeln, ergibt sich ganz von selbst. Gin Geschichtsbuch der Frankfurter Juden. Wege der Geschichte können nicht von äußeren Fak v'-en, von Zahlen und Daten bestimmt sein. Man ist in letzter Zeit auch davon abgekommen, aus Leben und Wirken einzelner Persönlichkeiten den Geist der Zeit erfassen zu wollen. Wie oft wollten Einzelne den Geist ihrer Zeit befruchten, wollten nur. ohne es zu können, weil sie um ein Beträchtliches ihrer Zeit vorauseilten. Ebenso können manche Namen, an die sich in Geschichtsbüchern die Rückständigkeit einer Periode knüpft, hinter ihrer Zeit zurückgeblieben sein. Trotzdem kann und darf man die sichtbaren Träger der Zeitideen bei der geschichtlichen Erforschung dieser Zeitströmungen nicht umgehen. Freilich bedarf es eigener Maßstäbe, um die Bewegungen unter der Oberfläche der äußeren Erscheinungen ganz zu erfassen. Nichts wäre nach heutiger Auffassung verfehlter und gefährlicher, als ein Bild über die jüdische Lage in den verschiedenen Perioden der Geschichte nach äußeren Bedrückungen, nach Edikten, Schutzbriefen, Bannbullen und Schuldvervrdnungen gewinnen zu wollen. Das wahre jüdische Leben spielte sich in allen Zeiten weit hinter diesem Drahtverhau von Iudenparagraphen ab, wo Massen, von großen Männern geführt, lebten und litten, weinten und lachten, im Auf und Ab innerer geistiger Entwicklungen. Es liegt nicht im Systeme I. Kracauers. in dieses jüdische Innenleben tiefer einzudringen. und er tat es auch nicht, als er im Aufträge des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. seine letzte „Geschichte der Juden in Frankfurt a. M. (1150—1824)" herausgab. Der erste uns vorliegende Band (in Kommission bei I. Kauffmann, Verlag) ist eine . fleißige, korrekte und gutgeordnete Sammlung, berichtet wohl ungemein viel von den Uranfängen der Iudensiedlung in Frankfurt bis zu ihrer Neugestaltung nach der Austreibung von 1614. Steuerverordnungen und Austreibungsedikte sind in Fülle aufgezählt. Namen von Königen und Fü sten wechseln in reichster Auswahl, die den Juden wohl oder übel gesinnt waren. Ob und wie das jüdische Geistesleben dabei profitierte oder Schaden nahm, darüber erfährt man nicht viel. In der ersten Periode wird Rabbi Eli es er b e n Nathan aus Mainz genannt, auch Rabbi Simon Hadarschan, Verfasser des „Jalkut Schimoni". ein paar Seiten weiter wird mit wenigen Zeilen auch die tragische Geschichte des Rabbi Meir von Rothenburg erzählt. Was erfährt aber der Leser, soweit er diese Namen aus den Quellen nicht kennt, aus dieser Registrierung über d'ese Männer und deren Zeit, die Epochen des jüdischen Leides und des jüdischen Glanzes zugleich? Wir begegnen in der letzten Periode dieses Bandes, die den Fettmilch'schen Aufstand behandelt, nicht dem Namen des „Schelo", auch nicht des Rabbi Juspho Hahn, des Verfassers des „Josef Omez" und erfahren wenig über den Hintergrund und die tieferen Zusammenhänge der Verfassungskämpfe in der wiedererstandenen Gemeinde. Die Rabbinen, die auf die neue Verfassung des Gemcindestatuts Einfluß nehmen, sind kaum bei Namen genannt. Es bleibt aber bei all den inneren Mängeln ein wertvolles Buch und ist ein guter Führer für Histo iker, die an den Marksteinen der äußeren Erscheinungen etwas weiter und tiefer in die

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