Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-12-03 · Heft 49 (3.12.1925) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 49 (3.12.1925)
Date
1925-12-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450384--72713-2529963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

©et»c \ Jii.;9 3. Dezember 1925 Komödie eingreift und genug sein läßt des grausamen ' Spieles mit einem unschuldigen jungen Menschenleben? Palästinafahrt. Von Max Landau in Berlin. I. Seiidem einige Leute mit Feldstechern behauv.'et haben, daß man Land sähe, ist die Unruhe los. Die Apathie einer mehrtägigen Seereise ist plötzlich verschwunden, Spannung erg eist die müden Ges chier, alles eilt aufs Deck, t iecht auf die B ücke, beugt s ch über die Reeling, um besser ausspä.en zu können; entzückte Ausrufe fliegen über das Schiff: denn am Horizont taucht, nun auch dem bloßen Auge erkennbar,, unendlich fein, unwirklich fast, bald stärker hervortrelend, bald sich wieder in der B äue' verlierend, ein gelber Streifen auf: die afrikanische Küste, Aegypten. Aegypten: dieses Land hat von jeher die Sinne Europas erregt. Von jeher erweckte es Sehnsucht, Neugier und Grauem Am Urbeginn der Weltgeschichte steht es da, gebieterisch, d äuend und geheimnisvoll, und heute noch enthält es Gebiete, die niemand erforscht hat; oft war es Mittelpunkt der. Welt; es gab der Welt Ko n, es gab i)r Geist, Weisheit und Mysterium, es lehrte sie Wollust und Erläse; und heute noch, in seiner Gesuntenheit,. ist es für den Fremden von dem gleichen bunten Schleier umwoben, von der gleichen Vorstellung umwittert: von Geheimnis, Seltsamkeit, Farbe und Rausch. Für uns aber, die wir Juden sind,, ist dieses Land E:ez Mizraim. Die Wiege unseres Volkes, die Stätte seines Werdens, der Ort, an dem ein wundersames und glorreiches Geschick sich zu erfüllen begann. Gott selbst stritt hier mit se'nen Heerscharen, der Himmel ging über die Erde, und Zeichen und Wunder geschah en in nie gesehener Fülle und nie gehörter K aft. So siel ein Abglanz der Glorie auch auf dieses sündige Land: denn in seinen Grenzen vol zog sich das größie aller Wunder: ein Volk wu.de geboren, ein Volk wurde geweckt, ein VKk erhielt eine Seele und wurde aus tiefster Tiefe emporgerissen zur Freiheit. Und so wie die Menschen oft gerade die Stätten lieben, an denen sie Bitteres erlitten haben, einst verbüß e Schulzrmmer, triste Krankenstuben oder Gefängnismauern, weil sie gerade dort vielfach reifer und stärker wurden und einen Teil ihres inne en Selbst wiedergewannen — so lebt in der jüdischen Seele, ganz unbewußt und nie zuge- Der Israelit geben, ein Stück Zärtlichkeit für dieses Land, das ause.sehen war, der Schauplatz jenes großen und heiligen Geschehens zu sein, aus dem unsere Kraft und unser Glaube ruht. Oft genug k.ingt dieses GefüZ an in Midrasch, Agada und im Volksglauben; und vielleicht ist uns deshalb geboten, Mizraim für immer zu meiden, und vielleicht haben wir deshalb diesem Gebote nie gehorcht. Aber nun, da es einmal also ist, und da überdies Kundige vor den Derdrießlichkei en einer Landung in Jaffa gewa-.nt haben, so schien es nützlich und ergötz ich zugleich, für eine Weile unierzutauchen in Aegypten-Mizraim, sich ein bißchen umzuschauen nach dem, was war und was ist, um dann noch einmal auf eigene Faust — frei.ich unicr einigermaßen veränderten Umständen — den Exodus zu unternehmen. Langsam steuert das Schiff auf den Hafen von Alexandrien zu. Breit zerdehnt liegt die Stadt, den ganzen Horizont ausfüllend, unter einen: wolkenlosen Himmel längs der Küste,' die Hafenstadt zunächst, mit Fab.iken, Lagerhäusern, Dienstgebäuden, Schuppen. Speichern, rauchgeschwärzt und'umbrü et von der grellen südlichen Sonne? Das Gewimmel des Hafenlebens nimmt uns auf, ein Gitter von Schloten und Masten ve.sperrt die Aussicht; Sch'ffe aller Nationen liegen hier, ladend, löschend, Lurusdampfer neben alten ausgedienten Kästen, Frachtschiffe und Psivatjachien. Eben hißt ein Sowjetdampfer auslaufend die rote Flagge, Kohlenkähne lassen sich phlegmatisch durchs Wasser schleppen, die Motorboote der Hafenpolizei mit der grünen Fahne flutschen geschäftig hin und her, immer zwischen Dampfer und Kai. Rotbefezte Beamte kommen an Bord, grüßen mit sachlicher Miene, verschwinden im Rauchsalon: Sanitä spolizei und Paßkontrolle, eine lange, peinliche Prozedur. Dann stürzen wie Piraten die arabischen T-äger und die Hotelboys auf Schiff, schreiend, gestikulierend, sich raufend, schleppen ungefragt Gepäckstücke fort, brüllen dir ein Dutzend Hotelnamen ins Ohr; zehn Menschen reden auf dich ein, zehn Hände zerren dich nach verschiedenen Richtungen, alles in einem unglaublichen Getöse; alles schreit: die Araber, die Stewards, die Poliz'sten, das Zwischendeck und die Ladies von der Ersten. Man schreit, weil alle schreien, weil es angemessen ist, zu schreien, weil man sich Geltung verschaffen muß, und weil man mit der zurückhaltenden nordischen Art hier doch nichts ausrichlet. Mit einem Male ist man — nach der Stil e des Meeres — mitten in diesen Orient hineinversetzt, mit seiner Lebhaftigkeit und seinem Lärm, inmitten in diese neue Welt,. in der das ganze Leben um zwei-Oktaven lauter ist alsbei uns. Man drückt sich in den Strom der Passagiers hinein, der langsam aus dem Bauch des Schiffes he ausauiUt auf ben Landungssteg, noch eine letz e Prüfung hat man zu Überstehen — die ungemein schikanöse Zollrevision —, dann ist man frei und kann sich, zermürbt von den Plackeieien der Grenze, doch von Neugier gespannt, schlendernd im Straßengewühl, den neuen Eindrücken überlassen, die die lockende fremde Stadt bemlhält. Nichts von der ruhmreichen Vergangenheit Alexandriens, nichts von Glanz der Ptolemäer-' zeit ist mehr zu erkennen. Alle Spuren sind vertilgt, nicht einmal Ruinen sind vorhanden. Nur die Pompejrsiäule ragt, von Aniagen umgeben, einsam in die Höhe, und Katakomben aus sehr alter Zeit werden gezeigt. Sonst ist das Gesicht der Stadt mit ihren geraden, breiten asphal ierten Straßen, mit ihren P atzen, Parks und Boulevards, mit ihren Warenhäusern und Vankpalästen ' durchaus dem Heute zugewandt. Nicht mehr eine B.bliothek ist das Wahrzeichen Alexandriens, sondern die riesigen Lagerhäuser der Bonds Company am Hafen. Die Frankenstadt herrscht: und auch das Eingeborenenoiertel hat hier nicht die ruhige Selbstsicherheit orientalischer S ädte, sondern das Hastige, Verdrossene, Abhängige europäischer Proletariergegenden. Das Villenviertel wirkt (im Gegensatz zu Kairo) unvornehm, es hat etwas Bmtakes und Provozierendes. Mil Recht führt diese charakterlose Misch ingsstadt, in der Griechen und Italiener die Hauptrolle spielen, diese Stadt des raschen Eeldverdienens und des raschen Genusses, die kein lebendig gewachsenes Stadtindioiduum von eigenem Gep äge ist, sondern ein Bahnhof, ein Jahrmarkt, eine Karawanserei, den Namen der Hauptstadt der Levante. Sie ist der reinste Ausdruck des Levan inertums. Aber Alexandria schel Mizraim war einst auch ein leuchtendes jüdisches Zentrum. Wie' sieht heute das jüdische Alexandrien aus? Es leben an die dreißigtausend Juden in der Stadt, zumeist Sefar dim, doch s'cke n in ben letz 'en Jahren immer mehr aschkenasische Elemente e'n. Den Juden geht es in Aegypten im allgemeinen nicht schlecht, und sofern sie Geld haben, leben sie wie im Lande Goschen. Judenhaß oder das Korrelat von dem, was man bei uns Antisemitismus nennt, als befonde e soziale Ersche'nung existiert hier nicht. Das Verhältnis zum Wirtsvolk ist du'chaus freundlich und auf der Grundfchlechts zu den Töchtern der Menschen kamen, und diese ihnen Kinder gebaren", auch nachher, so ergänzt S. R. Hirsch, „auch nach der Vermischung der kainitischen Töchter mit den sethitischen Söhnen blieb es bei der Zeugung von Riesenleibern, in dem das Leiblich-Sinnliche, den Keim des Geistigen überwuchernd, den vorausgesehenen Sieg davontrug". Somit war das Schicksal besiegelt, es ging unaufhaltsam abwärts. Hiernach findet Vers 1, 6,4, der bei Herrn Fuld gleichsam in der Luft schwebt, seine naturgemäße Stellung als Anführung eines Beispieles für das vorher Besprochene. — Es liegt ein tiefer Sinn in diesem hier vorgeführten Beispiel der Vermischung des hochstehenden Mannes mit einer ihm unebenbürtigen Frau; an den verderblichen Folgen wird uns gezeigt, wie überwiegend im Innern des Hauses der Einfluß der Frau sich geltend macht; sie fördert mit in erstexMeihe den reinen Frieden der Ehe, die religiös-sittliche Erziehung der Kinder, die allseitige Harmonie des Familienkreises. Auch bei der Erlösung aus Mizrastm sind es iwap-ra die frommen Frauen, denen aus obigen Gründen der Hauptanteil am jvßi der nVm zugeschrieben wird. Hinausverfolgen können wir dieses stille, gesegnete häusliche Walten bis zu unserer Stammutter Sarah; lesen wir doch 1, 12,8 als AbahaM fein Zelt aufschlug. nVns v" mit feminalem o Sarah erst drückte dem Hause in abschließender Weise den Stempel der „Jüdifchkeit" auf. Nun verstehen wir auch, warum die Keuschheits- und Ehegesetze so sehr im Vordergrund der mosaischen Lehre stehen, sie sind die Vorbedingung dafür, daß der göttliche Geist im Menschen stets wach bleibt pi' a-nw '■? mir?- Die Sündflut war unvermeidlich, wie wir oben gesehen. Sie wurde nach einem letzten, warnendem Warten von 120 Jahren — (1, 6, 3) d’ipvi m Ta' rni verhängt, man -nav iig eigenen Interesse des Menschen hatte — nicht der richtende sondern der barmherzige '7 sein onvrr ausgesprochen. Schnell und schmerzlos erstarrte alles Lebende, wie aus den Begriffen ‘mn (von 7a:-Entfeelung), und dem vorzugsweise beim Hinscheiden der Gerechten gebrauchten vir ersichtlich ist. (Schluß folgt.) Uleines Feuilleton. Jüdisches auf der großen Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge u. Leibesübungen „Gefolei" Mai bis Oktober 1926 in Düsseldorf. Man schreibt uns: Wie schon aus dem Namen hervorgeht, gliedert sich die geplante große Ausstellung in Düsseldorf in drei Hauptgebiete. Für die Hauptabteilung „Ge" — Gesundheitspflege — sind folgende große Gruppen vorgesehen: Eugenik und Vererbung, die übertragbaren Krankheiten, Ernährung, Luft und Klima, Siedlung und Wohnung, Arbeits- und Gewerbehygienie, Krankenoersorgung und Krankenbehandlung, Der Mensch in seinen gesundheitlichen Beziehungen zu Tieren und Pflanzen. Immerhin sind innerhalb dieser Abteilung „Ge" noch einige Sönderausstellungen in Aussicht genommen. Das Brogramm der zweiten Hauptavreilung „So" — Soziale Fürsorge umfaßt folgende große Gebiete: Familienfürsorge, Volksunsitten, Volkskrankheiten und Volksgebrechen, Bildungs- und Erziehungsfürsorge, Wirtschaftliche Fürsorge, Fürsorge durch Versicherung und verschiedene Sondergruppen. Die dritte Hauptabteilugn „Lei" — Leibesübungen — wird eine Anschauung von dem modernen Sport und den modernen Leibesübungen geben und namentlich deren große Bedeutung für die Gesundung des Volkes zeigen. Innerhalb dieser großen Ausstellung ist ein besonderer Pavillons ürfreieWohlsahrtspfle ge vorgesehen, in welchem die fünf großen Verbände, die m der „L i g a der freien Wohlfahrtspflege" zufammengefchiosfen sind, sowie auch noch einige außerhalb dev Liga stehende Organisationen der freien Wohlfahrtspflege ausstellen werden. In dieser Sonderausstellung sollen die bedeutenden Leistungen und Ausgaben der freien Liebestätigkeit auf den verschiedenen Gebieten in die Erscheinung treten. An dem Liga-Pavillon ist die Jüdische Zentralwohlfahrtsstelle beteiligt, und zwar ist sie beauftragt, die charakteristischen Einrichtungen, Arbeitsgebiete und Arbeitsmethoden der Juden in der Gesundheitsfürsorge und der Fürsorge für besondere Berufe und Notstände recht anschaulich zur Darstellung zw bringen. Die jüdische Wohlfahrtspflege ist auch an'einer anderen Sonderausstellung, die unter dem Titel: „Hygiene d e r I u d e n" auf der großen Düsseldorfer Ausstellung errichtet werden wird, beteiligt. Das Programm dieses jüdischen Pavillons umfaßt folgende große Gebiete: 1. Das jüdische Religionsgesetz in seiner biologischen Auswirkung, -2. Der jüdische Stamm. ^3. Die jüdischen Wohlsahrtseinrichtungen in Deutschland. 4. Ein- und Auswanderung. 5. Siedlungen. Für beide Ausstellungen werden benötigt: 1. vielseitiges charakteristisches Bilder material von den geschlossenen und halboffenen jüdischen Wohlfahrtseinrich-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.