Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 40-41 (1.10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 Nr. 40/41 Der Israelit Und im Feststrauß dürfen nicht fehlen Myrte und Bachweide: Auge und Lippe. ' ' ' Das uge, das als Fenster der Seele so bedeutsam ist, als Makler der Sünde so gefährlich und doch so unentbehrlich ist: die Brücke zwischen Mensch und Welt. „Gibst du mir dein Herz und deine Augen, so weiß ich, daß du Mein bist" spricht Gott nach dem Talmud Jeruschalmi. Das jüdische Auge muh blind sein und sehend zugleich. Blind muh es sein gegenüber all dem, was so auffällig und lockend in unfern Gesichtskreis tritt: gegenüber der Sittenlosigteit, die sich in das Gewand der Mode hüllt, gegenüber der Versuchung, die in tausend lockenden und schillernden Farben uns umgaukelt. Aber sehend muh es sein, Gott gegenüber, gegenüber Seiner herrlichen Schöpfung. Und heute müssen wir ganz besonders beten: „Mach frei und sehend mein Auge, daß ich Wunderbares aus Deiner Tauroh erschaue", heute, wo wir alles sehen, nur Gott nicht. Heute, wo Gottes Welt dem Menschen dient, die Kraft seiner Technik an ihr zu erproben, nicht aber seine eigene Kleinheit an ihr zu erkennen, muh sich in uns die Bitte erneuern: „Eines erbitte ich von Gott, das suche ich: Zu weilen in Gottes Haus, Gottes Schönheit zu erschauen." Das Auge muh den Himmel offen sehen und suchen und finden den, der ihn gespannt hat. Aber auch in dem Sinn muh unser Auge mw ]*>» fein, dah es an den Menschen nur das Gute zu sehen trachtet. Es muh N2iv py sein, dah es wohlwollend das Glück der Andern sieht, ohne Neid und ohne Mihgunst: 012 prm }»s psw '21V^ .2222 „Nur wer wohlwollend ist, das Schlechte beim Andern verzeihend übersieht und das Guts und Schöne an ihm neidlos rühmen kann, der trägt den Becher des Segens in der Hand, darf ihn zu Gottes Ruhm emporheben." Und dann die Lippe! Sie formt das Wort. diVw - wnsw min- Als Frücht der Lippen schuf Gott den F.ieden! Die Sprache -unseres Lebens, die Sprache unseres Herzens, die Sprache unseres Mundes: alles muh zum Ziel haben: den F.ieden, der aus der Vollkommenheit flieht. Ohne eine solche Sprache können wir der Idee nicht dienen, um deretwillen Gott uns das Leben gegeben. Wenn wir die strengen Forderungen des Judentums bei aller Unbeugfamkeit und Festigkeit nicht mit liebehcischendem Wort verfechten, wenn das jüdische Herz noch so weich ist, sein Streben aber durch die Schale der Rauheit verhüllt ist, wenn wir nur fähig sind, mit offenem Auge Gott zu schauen, nicht aber auch, mit verherrlichendem Nadler, den tragischen Einzug Jehuda Halevis ins heilige Land besingend, den Olim gewidmet. Es muß noch einmal betont werden, daß den Jugendgruppen im Westen, wo sich das ehrliche Bestreben zum Erlernen des Neuhebräischen geltend macht, kaum eine geeignetere Lektüre empfohlen werden kann, als diese zweisprachige Monatsschrift für Palästina. Nebenbei bleibt aber für diesen Zweck auch das hebräische Agudaorgan „Haderech" unentbehrlich. Die jüngste Nummer bringt eine Reihe von Aufsätzen aus der Feder der Rabbiner P. Kohn, Dr. L. Jung, Tobias Horovicz, den Herren Sabbatai Schönfeld, Eh. I. Eiß u. v. a. Das Fazit des letzten Zionistenkongresses wird in klaren, objektiven Ausführungen gezogen und anschließend ein Bild über die Entstehungsgeschichte der Balfourdeklaration geboten. Unter dem Strich sind ein paar hübsche Feullotons, das eine aus der bewährten Feder des Stadtfchames von Irkutsk untergebracht. Herausgegeben wird der „Haderech" von dem Geschäftsführenden Ausschuß der Agudas Jisroel (Wolf Pappenheim, Wien"2, Leopoldsgasse 20). An geeignetem Material fehlt es auch dem Organe der orthodoxen polnischen Jugend „Digleinu" gerade nicht. (Warschau Graniczna 9 m. 3). Die jüngste Nummer ist sowohl im publizistischen als auch im feuilletonistischen Teile sehr reichhaltig. Lesenswert sind die tiefschürfenden Aufsätze von Rothbein über „bekannte Begriffe" und von L. Sees über „Glauben und Forschen". Letzterer Artikel zeigt in der Form eines Dialogs das Verhältnis zwischen den philosophischen und Mussarwerken und den höheren Wert der letzteren nicht allein für die Seele, sondern auch für den suchenden Geist. Auch die Lyrik ist mit Schwarzmann und Nadler vertreten. Mehr an die Frauen und die weibliche Jugend ist die Stimme des orthodoxen Familienjournal in jiddischer Sprache „Bes Jaakow" gerichtet. Auch in der letzten Wort Ihn zu künden, dann fehlt uns das Beste. Um Gottes Namen zu heiligen, muß man mild und gütig au' den Menschen sprechen können, av nni2 rrm)- - So nur — Rückgrat und Herz, Auge und Lippe zu Einem gebunden, werden sie zum Festftrauß vor Gott. Festigkeit des Charakters ohne Güte des Herzens, echter Schwung des Herzens ohne die Güte des Auges, das öffne Auge ohne die werbende Sprüche des Mundes — das ist nichts. Denn es muß nrnp^ fein, ein volles Zusammenwirken aller dieser Kräfte, deren eine ohne die andre wertlos ist. jm ns m v'229» otö n Und die Mahnung, daß wir den Feststrauß uns zum Symbol für eignes Leben werden lassen, daß wir die et» n nicht eine Predigt halten lassen, die dem andern gilt, nur gerade uns selber nicht, auch sie liegt in diesem vnnp^i verankert: ins ins rn nrrpV srmff - 02*? Ieder Einzelne von uns muß die D’i»» '7 nehmen und in ihnen sich selber — und so vor Gott hintreten und in dieser Neugestaltung seines Ich sich freuen vor seinem Gott, und in dieser läuternden Freude jubeln und bekennen: i*jwd 'n Korrespondenzen « nacbricbten Deutiebsr Net«h. Ein Heldenstück. E. B. B e r l i n , im September. In der Gemeindestube der Oranienburgerstraße ist man anscheinend den trockenen Ton, der seit längerer Zeit in den Beziehungen zur Adaß Jisroel vorherrschte und korrekt-kühle Verhältnisse schuf, wieder einmal satt und hält die Zeit für einen frisch-fröhlichen „Kulturkampf", der die bösen Separatisten die Machtgröße der alle Richtungen in sich einenden jüdischen Gemeinde Berlin lehren soll, für angebrochen und gekommen. Neuerdings veranlagt nämlich der Vorstand Ehefrauen, deren Männer aus der Gemeinde ausgetreten und Mitglieder der Adaß Jisroel geworden sind, zur Einkommensteuer und fordert sogar Nachzahlung der Steuer aus früheren Jahren, in denen sie nicht erhoben wurde. Den dagegen erhobenen Einspruch hat er als angeblich unbegründet zurückgewiefen. Nun soll man ja bekanntlich über den Geschmack nicht streiten; und wird daher den Versuch, zu Gunsten des Steuersäckels der Ge- Nummer ist viel von der Bes Jaakorv-Bervegung und ihren rapiden Erfolgen zu lesen, ebenso über die Pflichten der Frau. Die Kurse in R 0 b 0 w finden anschauliche Schilderung. Viele Lieder sind in den Text wie duftende' Blumen eingestreut. Das Ganze ist ein Aufruf an die jüdische Frau im Osten, mitzudenken, mitzufühlen mit dem jüdischen Volke, mitzuarbeiten an den großen Aufgaben der jüdischen Gesamtheit. Zu beziehen ist das Heft, wie alle früheren, von Bes Jaakow Lodz, Alexandrowfka 28. Die September-Nummer der Jüdischen Jugendblätter, (Herausgegeben von Esra, Dr. Isaak Bamberger, Hamburg 13, Johnsallee 60) ist harmonisch aus die ernsten Feste abgestimmt. Der leitende Artikel behandelt die „Slichaus". Alles andere ist im ansprechenden Jugendstile auf die Stärkung des jüdischen Geistes, auf die Mehrung der Liebe zum Judentums berechnet. Jm Aufsätzchen über „die Chasaren" hätte ein Hinweis auf den Roman „Jm Judenstaate der Chasaren", wo die ganze Materie ein künstlerische Verwertung fand, gewiß nicht geschadet. Der hebräische Teil, der sich in diesem Hefte in einer kleinen Fabel von zwölf Zeilen erschöpft, müßte viel mehr ausgebaut werden. Die Hefte verdienen in der jüdischen Jugend weit über die Esakreise hinaus Verbreitung. Notiz. Zu der Smeckffaal-Anfrage in Nr. 39 betreffs des d'BS *ps Gebetes gestatte ich mir auf inn» »->v'i hinzuwesen, das beide nixnvii mit geringen Abweichungen bringt, die deutsche Leseart aber mit den Worten einleitet: Tors 2»1SV mährend die polnische Leseart als Antwort der Gemeinde galt: Ta^n msn* Rabbiner Dr. Dünn er, Köln. _!_ 1. Oktober 1925 meinde Schröpfköpfe an den Geldbeutel von Männern änzusetzen,' die ihr den Rücken gekehrt, ohne ihn gutheißen zu wollen, immerhin verständlich finden; zumal die Annahme: nicht allzu fern liegt, daß die Finanzlage der Gemeinde, infolge der Steuerabgänge aus den die Tagesordnung beherrschenden Insolvenzen und Fallissements, ungünstig genug ist, um ihr die Erschließung neuer Einnahmequellen als geboten erscheinen zu lassen. Daß dieser Versuch sich als am untauglichen Objekt angestellt erweisen dürfte, dafür wird die Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts, das bereits angerufen ist, sorgen; immerhin böte auch der juristische Fehlgriff keinen Anlaß zu Recrimknationen gegen die neuerdings beliebte Praxis des Vorstandes. Aber als feindlicher Akt bösartigster Art, als Empörung und Erbitterung weckende Provokation muß auf unserer Seite die Begründung angesehen werden, die der Vorstand seinem Verlangen zu geben für gut befindet! Weil sie als ckoeument humain wertvoll genug erscheint, um sie der weiteren Oeffentlichkeit zugänglich zu machen, sei sie hier im Wortlaut wiedergegeben: „A l s g e m i f ch t e E h e im Rechtssinn und insbesondere auch im Sinn unseres Gomeindestatuts ist jede Ehe anzusehen, in der die beiden Ehegatten nicht der gleichen als öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgesellschaft angehören. DaFrau...., wie nicht bestritten wird, bisher der jüdischen Gemeinde an geh orte, deren (!) Ehegatte jedoch durch r e ch t s w i r k s a m e n Austritt aus dieser Gemeinde ausgeschieden ist, liegt eine gemischte Ehe vor. Daß Herr . . . einer anderen, als öffentlich-rechtliche Körperschaft anerkannten Religionsgesellschaft, nämlich der Israelitischen Synagogengemeinde Adaß Jisroel beigetreten ist, ist zwar nicht wesentlich (!), bestätigt aber den Charakter der Ehe als e iner g emisch ten." Roma locuta est! Man muß wahrlich mehr als bloß bescheidenen Gemütes sein, um in dieser Seelenwallung außer dem jämmerlichen Deutsch sonst noch etwas Imponierendes zu entdecken. Gewiß, es gehört eine nicht gewöhnliche Dosis des Muts der Kaltblütigkeit dazu, um der Ehe frommer jüdischer Männer und Frauen das Stigma der Mischehe aufzuprägen: aber der Verüber dieses Heldenstückes ist um diesen Mut, der übrigens mit einer minimalen Gefahrendosis verknüpft ist, wirklich nicht , zu beneiden. Unwillkürlich greift man sich beim Lesen dieser Worte an den Kops, ob .es Wahrheit ist, daß eine jüdische Hand sie niederschrieb, ein jüdischer Kopf sie erdachte, ein jüdisches Herz s y empfindet? Und nun eine Gegenüberstellung. Wenn eine Nichtjüdin, die mit einem Mitglied der hiesigen jüdischen Gemeinde durch Zivilehe verbunden war, stirbt, dann existiert die Tatsache des Vorliegens einer Mischehe für den Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin so ganz und gar nicht, daß er der Christin einen Platz auf seinem Friedhof an der Seite ihres jüdischen Gatten anweist. Aber wenn eine Jüdin, Mitglied der jüdischen Gemeinde, einen Juden, der (Die Lage der Juden im Rifgebiete.) Wie es kein Ereignis der Weltgeschichte geben darf, das nicht irgendwie die Juden betrifft und trifft, so bringt auch der zur Zeit in Nordamarokko zwischen den Truppen Abd e! K r i m s und den vereinigten Heeren Frankreichs und Spaniens wütende Krieg schwere Gefahren für 25 000 sephardische Juden, die im Risgebiete seit undenklichen leben. Diese Juden befinden sich zu den Fürsten des Rifgebietes in der Stellung der S ch u tz j u d e n des Mittelalters. Gegen einen gewissen Kop'fzoll erkaufen sie sich Schutz und Recht. Und Abd el Krim, der angesehenste dieser Fürsten, war den Juden nicht feindlich gesinnt. Nun, da all die Fürsten und Führer aus dem Kriegsschauplatz weilen, sind die Juden vollkommen sch l> tzlos der fanatischen Bevölkerung ausgeliefert. Gerade in letzterer Zeit war die politische Lage der Juden im Rifgebiete erträglich, die wirtschaftliche sogar durchaus befriedigend. Es gibt auch Wohlhabende, die aber wie die anderen in Hütten wohnen und ihren Reichtum vor den Augen der Außenwelt verbergen. Eine gewisse Rivalität, die oft zu Streitigkeiten führt, herrscht zwischen den j Familien. Die einen, die Ko h an im, sehen aus die; anderen von oben herab und es bildete sich ein Kaste!!-! geist heraus. Nur wenn in der Familie eines Kohen ein I Todesfall vorkommt, wird Frieden geschloffen, da die Kohanim sich mit Toten nicht befassen dürfen und die anderen dazu heranziehen müssen. Spanien schenkt den Spaniolen in Marokko großes Interesse und bewilligte ihren Kultus- und Külturinstitutionen auch materielle Unterstützung, da es in ihnen, den Nachkommen der Ausgetriebenen, bis zum gewissen Grade heute noch ferne Bürger sieht.