Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 40-41 (1.10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Israelit Seite 2 Nr. 40/41 1. Oktober 1925 fünft, eine ’jnsr mm kein Dauerheim, keine yap mn ... (Es geschieht dies nicht seit gestern und vorgestern. 'Seit zwei Jahrtausenden, zwei finsteren Jahrtausenden ist uns dieses Herumlungern beschießen. Wahrlich, einem anderen Volke wäre bei dieser Lebensweise die Lebenslust abhanden gekommen. Und wir? Wir sind frohen Mutes und feiern. Nun sage man, ob es die Weltvölker fassen können. Nein, sie vermögen es nicht. Unsere Trauer, unser Klagen schaut das Auge, der Sonne Schatten. Der Freude, des jüdischen Lebens Sonne, werden sie nicht gewahr. Ein Volk der Klagenden und Stöhnenden sind wir ihnen. O, wüßten sie um unsere Kraft zur Freude! Kein „unlösbares Rätsel" wären wir ihnen mehr. In unserer Kraft zur Freude hätten sie die Lösung des großen Rätsels gefunden. Am Ausgang des Versöhnungstages, da streiten die Weltvölker mit Israel. Am Iom- Kippur, da mutz der böseste Ankläger der Weltvölker verstummen. Das erhabene Bild eines von Gottergebenheit ergriffenen Volkes ist dazu angetan, der gesamten Menschheit, auch den Feindseligen, Ehrfurcht einzuflötzen. Die Wirkung dieses großen Eindruckes ist jedoch nicht von langer Dauer. Am Ausgange des Versöhnungstages. da hat sich schon das Gefühl der Bewunderung verflüchtigt. Das harte Herz vergißt, was die boshaften Augen geschaut und bewundert, der kalte Verstand macht.sich daran, das schöne Bild zu bemängeln und zu verdüstern. Die heiße Begeisterung macht einer eisigen Krittelei Platz, ein Wortwechsel beginnt. Es sprechen die Weltvölker: Ein gar langes Sündenbekenntnis habt ihr heute abgelegt. Cs ist dies kein gutes Zeichen für euch. Euer Gewissen ermangelt der Reinheit. Belastet, schwer belastet ist es. Darauf Israel.- O Nein. Nicht schlechter sind wir als die Anderen. Allein tliefer und empfindsamer ist unser Gewissen. Nicht größer ist unsere Sündhaftigkeit als die eure, allein mächtiger das Gefühl der Reue. Die Weltvölker: Mag sein. Doch hohem Schuldbewußtsein entspringt der Reue Macht. Groß ist eure Schuld, darum empfindsam euer Gewissen. Sukkot kommt. Mit dem stolz emporgerichteten Lulaw und dem schönen Ethrog tritt der Jude auf den Plan. Freude strahlt sein Wesen. Da wird die Quelle seiner Kraft den Weltvölkern kund. Nicht von Schuld belastet, der Freude voll ist seine Göttlichkeit. Heil dem Volke, von Wonne gesättigt, von unversiegbarem Freudenquell gelabt, der Freude in der Hoffnung, der Freude in Gott. Da wird Israels Sieg aller Welt offenbar. In unserer Lebensfreude liegen die Wurzeln unesrer Kraft. Unsere Lebensfreude ist unsere Wehrkraft heute, unsere Gewähr für das Morgen. Sie kündet unsere Größe und Unbesiegbarkeit, sie ist das Zeugnis unserer Ueberlegenheit. Verachtung und Haß, Schmähen und Bedrückung beantworten wir — mit unserer Freude. Wochenrundschau. Das Streben nach Einheit. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" in Berlin hat den von ihrem Standpunkt aus recht guten Einfall gehabt, den im Deutschen gemeinhin mit „Versöhnungstag" bezeichnten Tag - der „Sühne und Reinigung" zu einer journalistischen Versöhnungsfeier der deutsch-jüdischen Parteien auszunützen. Sie veröffentlicht Kundgebungen derjenigen jüdischen Parteiführer, die ihre Gruppen bei aller Hingabe an den subjektiven Wahrheitswert der eigenen Anschauung doch als „Richtungen" eines gemeinsamen Judentums betrachten. Daß hierbei der ganze Regenbogen dieses modernen, in allen Farben schillernden Judentums von der Sonntagsgemeinde (Prediger Dr. Karl Rosenthal) über Mittelpartei, Naumannianer, Zentralverein, Zionismus bis zum gemeindlich einverleibten Konservativismus (M. A. Loeb) aufmarschiert, ist selbstverständlich. Letzterer beklagt zwar, daß in der deutsch-jüdischen Gemeinde der Gegenwart die „Autorität durch die Majorität" ersetzt sei und meint, hier müsse der geistige Kampf weitergehn, damit sich „der Wahrheit spröder Kern enthülle". Aber ganz anders lägen die Dinge in der Praxis. „Hier, auf dem Böden der Gesamtgememde, finden wir uns brüderlich zusammen .. ." Mau wird sich über diesen vollkommenen Widerspruch, der das Wesen des modernen Gemeindekonservativismus bildet, weiter nicht zu wundern haben, und wir verzeichnen diese neue Kundgebung nur als gewissenhafte Chronisten, die für sich aus dem Geiste des Tages der Sühne nicht das Recht auf Versöhnung der Wahrheit mit der Lüge, im jüdischen ">m ableiten, sondern bie Pflicht zur höchsten religiösen Wahrhaftigkeit vor dem Auge des einzigen Gottes. Wir wollen gewiß nicht ungerecht sein. Der Trieb zur Einheit, der als köstliches Erbe in allen indischen Seelen wohnt, der aber ohne die scharfe Kontrolle des an der Thora orientierten Denkens ebenso unheilvoll wirken kann, wie manche andere natürliche Gefühlsregung im sittlichen Leben, er ist es, der die Gemeindekonservativen gegen ihren Willen zu Hilfstruppen eines irreligiösen Stammes- und Rassenjudentums macht, dem sie genau ebenso wie auch der Liberalismus samt seiner „Versöhnungs-Umfrage die Wege bereiten. Wenn die Gememdekonservativen, statt Auge und Ohr vor den unausgesetzten Mahnrufen der unabhängigen Orthodoxie zu schließen oder sie durch kränkenden Hohn und Haß zu beantworten, den Tag der Sühne und Reinheit zu einem Augenblick der Selbstprüfung benutzt hätten, so wäre d e r jüdischen Einheit, die nur aus mm Vtf nna» emporwachsen kann, besser gedient als durch ein symbolisches Versöhnungsfest mit den die göttliche Autorität zu Gunsten der menschlichen Majorität opfernden Gemeindebrüdern. Um die Weltmeisterschaft. Die jüdischen Kraftmenschen des „Hatoah" werden in Wien von den antisemitischen Partnern und Preisrichtern um den Ruhm der Weltmei st erschuft gebracht. Darob große Aufregung in Wien. Andere Sorgen gibt es m den ernsten Tagen zwischen Teschuwah und Versöhnung, in den Kreisen der „Wiener Morgenzei-ung" wenigstens, nicht. Da lesen wir dieser Tage im deutschen Organe des Zionismus einen netten Aufsatz von S. Gorelik über die Entgeistigung des jüdischen Lebens, den wir dem vom Weltsportplatz weggeetelten Wiener „Hakoah" Mi Lektüre empfehlen. . Gorelik spricht über die Geistesarmut der heutigen jüdischen Jugend, vornehmlich in Amerika, und sagt dann wörtlich: „Kein Wort gegen Sport, gegen die körperliche Ertüchtigung der jüdischen Jugend! Aber wenn Sport ein Kult wird, wenn Sport mit einer Leidenschaft getrieben wird, die alles andere vergessen macht, wenn als Folge jedes neu errichteten Tennisplatzes eine Buchhandlung schließen muß, dann ist man berechtigt, von einer Periode der Entgeistigung zu sprechen. Schlimme Zeiten stehen der jüdischen Literatur bevor, unerträglich ist schon jetzt die Lage des jüdischen Schriftstellers, wenn er seine Ausgabe ernst nimmt. Keine Verwendung für ihn, wenn er nicht den Weg des billigen Tagesjöurnalismus beschreiten will. Die jüdische Geistigkeit wird vielleicht wieder in derJeschibah ihren Zufluchtsort finden. Zum Targum Onkelos Herr Dr. Kaatz behauptet (Nr. 37 d. „Israelit"), ich sei im Irrtum, wenn ich die targum. Uebersetzung von iKTi (M. 20,29) irr'worr'! für einen Fehler erkläre, da es im Midrasch (-,"»2) ausdrücklich heiße nvrra is-a mms- Der Irrtum ist aber ganz auf feiner Seite: Besagten Midrasch hatte ich ja in Nr. 27 selbst angeführt; er kann mir also nicht entgangen sein. Doch was soll denn damit bewiesen werden? Selbst wenn der Midrasch Rabbi Abohus Worte irri"i rrl»rr un-n mpn bx ('« 'i rra) „Al tikre wajiru ello wajerou" gelesen haben sollte, wäre es denkbar, daß Onkelos entgegen der Maffora („sie haben gesehen") nach dem Midrasch („sie sind gesehen worden) übersetzt haben würde?! Hat Herr Dr. Kaatz die in Nr. 29 angeführte Stelle aus dem nana mip -o: -p rnprn bx rnvrn bnn nana pxe? pam p’sipa bob cws ]3i »wpa nri by rby>v nwm vn nsmpn nurH 73 xbx ,131 13 D!T>V»^n bereits ganz vergessen? Wie? Onkelos, aus der Schule Rabbi Ellefers und Rabbi Jehofchuas hervorgegangen, sollte eben das, was hier nicht einmal dem geringsten Schüler zugemutet wird, begangen haben, nämlich den überlieferten Text zu Gunsten einer „Al tikre"-2rofcho — dazu einer solchen, deren Autor zu seiner Zeit noch gar nicht geboren war — umzuändern!! — Auf wessen Seite liegt nun der Irrtum? — Raschi zur mm und zu 'v rpsyn sagt nicht anderes, als daß der, welcher das '2 mit srn übersetzte, irrte,denn er müßte dann wti mit n'mnrri übersetzen, und daran sei doch ge- 'wiß nicht zu denken; das ist der Sinn seiner Worte. Man kann also nicht umhin, das irmnrirri im Targum als einen offenbaren Fehler anzusehen, den eine unberufene Hand hineinkorrumpiert hat. Rabbi Dr. Winkler-Kopenhagen. Zu dieser in Nr. 37 behandelten interessanten Frage bemerke ich nur, daß außer dem Midrasch Rabbah die Gemara 'v may/i geradezu anführt pnx yw ->3 msm b> imi mrn'i rr^rr ik-pi mpm bx ins« i"« d. h., „Israel wurde gesehen" von den Feinden, da Aaron gestorben war, die Gnadenwolken waren mit ihm entschwunden, und der Aradite konnte ungehindert sie angreifen. Daß nun in der Wilnaer Ausgabe dies als ix’mmi als vvs in den Targumtext aufgeommen wurde, lag in einem Mißverständnis der betr. Rafchistelle zu »"3 '2 ia-ma (in manchen Ausgaben 's «)• Da hatte ein Targumschreiber '12 m ■>? mit nm «m statt ’is jrm wiedergegeben. Raschi macht dort mit Recht darauf aufmerksam, daß das nur richtig ist, wenn man nach R. Abbahu unnnsi statt irm übersetzt „sie wurden gesehen, denn Aaron war tot". '2 hat aber nach Rasch Lakisch vier Bedeutungen, darunter auch pk ^.datz, also nach dem vr?s. „es sah die Gemeinde Israels, »ik daß Aaron gestorben war", wie unsere Targumausgaben auch haben. Jener Schreiber sah,, wie das oft geschieht, nur die Anfangsworte 'viv um am oa-man®' ns mis weil das nur bis isrnmKi richtig wäre, hat aber nicht weiter gelesen, sonst hätte er bemerkt, daß Raschi nicht unbedingt zu Gunsten des Midrasch entscheidet, sondern nur angibt, wie falls man den Midrasch annimmt, zu übersetzen ist. Oder Raschi hatte Handschriften vor sich, die wirklich nach der Agada isrnrnsi hatten und meint, nur dann ist «m richtig. Aber das eine ist begreiflich, daß aus dieser Raschibemerkung jenes isnnnxi geflossen ist. Ist aber dann »i« richtig? Ich habe die Wilnaer Ausgabe nicht zur Hand; in meinen Targumtexten (ich besitze deren eine ziemliche Anzahl) steht überall rpn •> 1 s snwaa ^>3 httiv demnach muß man Raschi doch s 0 verstanden haben, daß die massoretische Fassung des Satzes zu bevorzugen ist. Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. Kleines Feuilleton. Ist das noch Hebräisch? Von Jakob Klatzkin ist im Eschk0l-Verlag, Berlin, ein neues hebräisches Werk erschienen unter dem Titel v"nn nypv. Es ist ein nachdenkliches Buch, das uns — nicht immer auf altjüdischen Wegen — in die Tiefen des Denkens hinabführt. Aber nicht davon soll hier die Rede sein. Nur über die Sprache, die Termini, die Neubildungen Klatzkins, vor denen auch der gute Kenner des Neuhebräischen oft wie vor Rätseln steht, sei einiges gesagt. Eine Sprache der Philosophie hat das neuere Hebräisch seit Maimomdes, Alcharisi, Gabirol („Kether Malchuth"), R. Saadje, Jedajah hapnini u. a. m. Ist es nicht Pflicht der neuhebräischen Schriftsteller, sofern sie ihre Gedanken anderen vermitteln wollen, sich an jene geläufige und beliebte Ausdrucksweise anzupassen? Nachmann Krochmall, Lebensohn u. a. taten es. Der spätere Achadhaam auch. Klatzkin aber liebt es, seine Begriffe und Gedankenkonstruktionen in neue mystische Wortformen zu kleiden, die die Lektüre zumindest sehr erschweren, vielen aber unmöglich machen. Wer erlaubt Klatzkin für „Verneinung" das Wort ■p's zu prägen, nachdem wir seit altersher sie mit