Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 40-41 (1.10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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1. Oktober 1925 13. Tischri 5686 Nr. 40/4=1 Frankfurt ä. M., den 66. Jahrgang. Abonnement ab Januar 1884: Deutschland I Toldmar! monatlich; Ausland;. Viertel' iahrvreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich «osten des Streifband-Ber» sandes) Deutsch-Lfterrelch: Schilling 8.-; Amerika IDollar; England 4 sd.; Frankreich 18 Fr.; Belgien 18 Fr.- Holland S fl.; Italien 80. Lire; Jugoslawien 70 Din.; Litauen 7.80 Lit.; Rumänien LOOLei; Polen 4 -deutsche Toldmark mm Tageskurs oder 8 Zloty; Schweiz 8 Fr.; Tschecho-Slowakei 26 Kronen; Ungar»'60000Kronen; Dänemark 8 Kronen; Norwegen 8 Kronen; Schweden 8.80 Krone». . Einzelnummer dreißig Toldpfermige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 40 Doldpf. für die stedengespaltene Nonpareille-Zelle. Abonnenten zahlen bet Stellengesuche« und Famtlienanzetgen nur 80 Pf. Die 78 mm breite Reklamezetler letzte Tertsette 1.6» Mk., vorletzte Terlsette 2.— Mk.; . - ~ ... - - - > Rabatt nach Tarif. Bet laufende« ng jeder». Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den f. a. M . Gr. Eschenheimer Straße 88, Tel. tza»la 8AL Verlag des Israelit E.m. b. H.. Franks.--- Sw. durch sämtl. Annoneen-E»ped. des In- und Auslands.--— eschäftsanzeigen: D«». Schmidt, Langestraße 7, ll. Platzvorfchrtftei direkt an de« Berta», auf Poftschecktoncu Frankfurt -- „t Zürich Nr.VM7884-J, iarschau Nr 100787. - PostscheSa« tMatnj Nr. 18802. - Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 798lB — Postsparkassenamt Budapest Nr. 184S4 — Postscheckkonto Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 84 888 — Böhmische Nntonbank in Prag — Luno» vlurmurysed Sl-md & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. - .. - Die heuligß Nummer — eine Doppelnummer — wird, am A r e i t a g , stall am Donnerstag, ausgegeben. Die nächste Nummer erscheint, der Aestkage wegen, am Donnerstag, den 15. Oktober. Das frohe Volk. Von Rabb. Dr. 3. Weinberg in Berlin. „Am Ausgang des Versöhnüngstages, da streiten die Weltvölker mit Israel Unser ist der Sieg, sagen die Völler. Wir sind die Sieger, erwidern die Juden. Sukkot kommt. Der Jude tritt, auf. den. Plan, ein, Lulaw in der einen, ein Ethrog in der anderen Hand. Da wird Israels i Sieg , allen offenbar." (M idrasch Rabba und Ialkul). Die Welt kennt uns Juden nicht. Zweitausendjährige Nachbarschaft mit den Weltvölkern hat ihnen unser Wesen.nicht näher gebracht, die Scheidewand der Fremdheit nicht niedergerissen. Das . Sagenvolk,. gespensterhaft zwischen den Lebenden wandelnd, sind, wir den Besten, ein ungelöstes' Rätsel den Schlechten, Allen unverständlich, unbegreiflich. Vielleicht mag Unsere Unbeliebtheit, bei den Weltvölkernden Grund, gerade nt' diesem Umstand» haben. Liebe paart sich mit Verständnis, uttd Lieblosigkeit folgt Unverständnis auf dem Fuße. Nicht wendet des Menschen Schwachheit dem Liebe zu, was. sich, seinem Verstehen entzieh! Auch' dem vom Willen zum Verstehen Beseelten ist nur ein Halbverstehen, Kn einseitiges, teilweises Erfassen unserer Wesensart gegeben. Unsichtbar bleibt ihnen.'des Jüd'en Ganzheit, Ungeteiltheil. Was ist des jüdischen Wesens Offenbarung, wo liegen die Wurzeln seiner Kraft? Jm Lehrhaus, sagen die einen. In seinem Familienkreise. meinen andere. Damit ist manches, aber nicht alles gesagt. Das Volk des. Buches, das Liolk der Göttlichkeit, des Glaubens und des Geistes haben uns die „Frommen. der Weltvölker" genannt. Alles dieses sind wir in der Tat. Dieses Lob gebührt Israel vollauf..Das Lehrhaus ist des Juden Heimat. Sein Vaterland das Buch. ' Auf der Göttlichkeit Höhen wandeln, der Glaubensherrlichkeit Gipfel "erklimmen. des Geistes strahlende Kinder sind Alle,, Alle dieses Volkes.. Doch nicht dieses erschöpft unsere Art> kennzeichnet unseres Wesens Höhe und Tiefe, prägt sich, in unserer. Lebensform aus. Der Grundzug des -jüdischen Charakters ist die F r o h n a t u r. - Ausdem freudigen .Lebensgefühl. dem Urphänomen der jüdischen Seele, erblüht erst des Juden Optimismus, sein Glaube an das Weltgute. „Und siehe, alles ist gutf" — ein. Aergernis dem arischen Pessimisten,, ein stolzes Bekenntnis seines Wesens dem Juden. Seiner unversiegbaren Seelenfreude. Nichts, Zufälliges, noch Anberaumtes, nicht Erzwungenes, noch Scheinhaltiges ist an dieser Freude. Keine Galgenfreude, keine trotzige Sichvergewaltigung. Allzeit nähe ist dem Jauchzenden/, die Todesbetrübnis. Das Volk der Freude kennt die- Trauer,, der Trauer Macht und Heiligkeit. Nicht entweiht es sie leichten Sinnes, nicht! verachtet es sie gleich jenem Römerweisen. „Mißachten wir den Schmerz, denn er vernichtet uns, oder wir ihn", meinte Dieser. Römerart! Ueberwinder oder überwunden, Hammer oder Amboß. Der Jude überwand nicht, ward er doch' nie überwunden. Der Schmerz war gut gleich dem Gewitter, bei dem er den Serien sprach. „Man spreche den Segen aus. über das Böse wie über das Gute", meinten die Weisen. Er beugte sich unter chie Wucht des Leidens, doch' sobald. das drohende Gewitter des Schicksals .sich verzog, da brach aus düsterem Gewölk die Sonne, seine Lebensfreude' und Lebensbejahüng mit' Macht hervor. Das galt im großen wie im kleinen, in dem historischen Lebenslauf des Gesamtvolkes wie in des Einzelnen Alltagsschicksal. Keine Tage des Frohsinns sind dem Juden die Werktage. Schwer.ist sein Daseinskampf, hart, oft erbarmungslos und zermalmend sein Ringen ums tägliche Brot. Kommt jedoch der .Feiertag, der „gute Tag", da kommt sein wahres und echtes Wesen zum Vorschein — die „jüdische Fröhlichkeit". Gyr seltsam mag diese sich am Juden vollziehende Wandlung den Außenstehenden anmuten. Auch vielleicht ihn selbst, der sich neu beseelt, von der „Neschama-Jetera", der Sabbatseele, der Feierlagsseele, in Besitz genommen fühlt. Allein, diese Feiertagsseele ist des Juden wahre Seele, von des Werktages Mühen und Lärmen verscheucht und verbannt. An den Tagen der Freude — da wird der Jude — er selbst. Die starre, ihm gleichsam zum Schutze gegen die rauhe Alltagsatmosphäre dienende Kruste, schmisz! und seine echte Natur erstrahlt im vollen Glanz.' Das große Geheimnis seines Schöpfers, ist diese, des geplagten, mit allen Hunden gehetzten Juden Freude. Der wunderreiche Zug in seinem Charakterbild. Das.» frohe.Volk sind.wir. Das frohe Volk! Daß es noch lebt, ist Wunders genug. Daß es sich seines Lebens freut, ist Wunder in Wunder. Lebensfreude.; Feiertagsfreude , in der jüdischen Gasse! Da jubeln die Pflastersteine,, jauchzen; die altersgrauen Mauern, geht ein . Wonnenfchauer durch die Luft. Der Vorabend des Feiertags ist jedoch schwer drückend.und an Mühen reich. Es ist des Ostjuden sorgenvollste Zeit, in der der ' gesteigerte;Aufwand gedeckt werden will. Wenige Rubel machen es. Und. geebnet ist der Freude die Bahn, o du frohes Volk! Wer das fromme, das heilige Volk schauen will,' durchstreife Lehrhäuser und Bethäuser ani Jom-Kippur. Der Judenseele Heiligkeit, dxs Judenherzens Güte offenbart sich da. „Wie gut sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!" Des Heidenpropheten Bileams Worte deuten unsere Weisen auf Israels' Lehr- und Betstätten. Wer aber das fröhlich e, das lusterfüllte Volk erkennen will, — der blicke in die jüdische Su kko h. Da wohnt des - Juden Frohnatur, da erblüh! sein höchstes Lebensgefühl. Des Mischen Lebens Wunder widerspiegelt das Le'hrhaüs, das lebende jüdische Wunder die Sukkoh. Da sitzt die zusammengeschrumpfte Gestalt im engen, brüchigen Bau an einer aus Holzsplittern und Bretterresten zusammMgeflickten Tafel. Seine vor Kälte bebenden Hände hält er schützend vor die matt flimmernden Iomtow-Lichter. Der Herbstwind fährt ihm ins Gesicht und. in die offenen Augen — und er jauchzt, singt und ist guter Dinge. Einen Dank dem Herrn, seinem Gotte, flüstern, jubeln seine Lippen ob der ihm gewordenen großen Freude ... Die jüdische Sukkoh! Was ist sie anders als des Iudenlebens Sinnbild. Seitdem wir aus unserer heiligen Heimat verbannt sind, schwinden unsere Lebensjahre in diesen zeitweiligen. flüchtigen Behausungen dahin. Auch in den Ländern, wo das Sukkoh-Leben noch erträglich ist — es regnet und zieht nicht, und zuweileM dringt sogar ein Sonnenstrahl hinein — ist es doch lediglich eine kurzfristige Unter-