Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1925)
- Date
- 1925-09-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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24. September 1925 werden auch alle derartigen Bemühungen, auf rein schriftlichem Wege auf die Gruppen Einfluß auszuüben, erfolglos bleiben, da nur von Mund zu Mund das Klallbewußtsein geweckt werden kann. Unseren Großstadtgruppen ist es durch die vielen lokalen Verpflichtungen, die auf ihnen lasten, bisher noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß jede Mitarbeit dazu dient, ganze Provinzen, viele Neschomaus Jisroels vor geistigem Untergang zu retten. Hoffen wir, daß die nächste Geschäfts-. Periode die Agudas Jisroel Jugendorganisation instand setzt, die geeignete Persönlichkeit als Generalsekretär zu finden. Während am Anfang unserer Geschftsperiode die verheerenden Folgen der Nachkriegserscheinungen uns leider hinderten, die geeigneten Persönlichkeiten zu finden und dadurch unser Werk zu vervollkommnen, ist seit der Stabilisierung der Mark die Not so groß geworden, daß wir nns in jedem Monat von neuem um die Aufbringung der Mittel sorgen müssen. Wiederholt hat der Keren Hathora lin Hamburg uns bei der Aufbringung der Gehälter für unsere Thaurolehrer ausgeholfen; wiederholt haben auch 'großzügige- Spenden es uns im letzten Augenblick ermöglicht, unseren geldlichen Verpflichtungen nachzukommen. Die Sorgen des Alltags lassen uns nicht dazu kommen, den Kreis unserer Aufgaben zu erweitern. Wir haben von. unseren Gruppen bisher pro Kopf und Jahr nur 2 Mark als Beitrag beansprucht, aber selbst dieser Betrag ist uns zum größten Teil nicht gezahlt worden. Die meisten Großstadtgruppen haben uns seit der Stabilisierung der Mark kaum nennenswerte Beträge zugeführt. Wir nehmen daher diesen Bericht zum Anlaß, um. all denen, die selbst das Glück haben, Thauro lernen zu können, warnend ins Gedächtnis zu rufen, daß sie nicht schuld sein mögen, wenn unsere Tätigkeit da und dort versagen muß. Soziale Arbeit. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß insbesondere in unserer Zeit, wo auch leider in unseren Reihen Not und Elend an vielen Stellen herrscht, eine Jugendorganisation ihren Aufgaben nicht gerecht wird, wenn sie sich nicht auch auf sozialem Gebiet zu betätigen versucht. Diesen Standpunkt hat unsere A. I.- I. O. immer vertreten, und gelegentlich unserer letzten Bundes- und Delegiertentagung in Nürnberg wurde gerade die soziale Arbeit in einem ausführlichen Referat von Max Cohen behandelt. In der Berichtsperiode wurde die früher bereits betriebene soziale Arbeit fortgesetzt und darüber hinaus wesentlich erweitert. Die Erweiterung geschah aus doppeltem Grund: 1. verschlechterte sich infolge der fortschreitenden Inflation die Lage des Mittelstandes, und infolge der immer trauriger werdenden Verhältnisse im Osten die Lage der Juden in den östlichen Ländern, wodurch die Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland stieg. 2. War gelegentlich der Kenessio Gedauloh eine ständige Kommission zur Beratung über eine Zusammenfassung des Hilfswerks der Agudas Jisroel tätig, an deren Arbeiten unsere A. I. I. O. insofern einen besonderen Anteil nahm, als diese Kommission von Max . Cohen.geleitet wurde. i Es wurde damals in Wien besprochen, daß, um eine : wirkliche Durchschlagskraft zu erzielen, eine Erweiterung der ganzen sozialen Arbeit der Weltorganisation erstrebt werden müsse. Damals wurde in Wien ein gut arbeitendes und imposantes Hilfswerk der Agudas Jisroel geschaffen,; in Berlin wurde ein gleiches Hilfswerk aufgebaut, viele . Gruppen bei,.uns und in anderen Ländern widmeten sich , der sozialen Arbeit aus den verschiedensten Gebieten.; Es fand dann im Anfang des Jahres 1924 in Berlin ' eine gemeinsame Sitzung des Wiener Hilfswerks und der deutschen Agudoh-Organe statt, die von uns vorbereitet und durchgeführt worden ist. Gelegentlich dieser Sitzung wurde beschlossen, daß > eine gewisse Zentralisierung der Hilfsarbeit zu erfolgen habe, und es wurde festgelegt, daß die Hilfsarbeit bezüglich der Kinderfürsorge vom O. V. in Köln, bezüglich der Bekleidungs-, ärztlichen und Beköstigungssürsorge von Berlin und der Einrichtung von Lehrwerkstätten in Frankfurt a. M. erfolgen soll. Leider haben die immer schlechter werdenden wirt-' schaftlichen Verhältnisse eine großzügige Ausbauarbieit,; wie ursprünglich geplant, nicht zu Stande kommen lassen. Trotzdem wurde auf den verschiedensten Gebieten gearbeitet, und es wurden auch mancherlei Erfolge erzielt. In unserem Bericht haben wir insbesondere über folgende Aktionen Rechenschaft ahzülegen. Kindersürsorg e. Dieses Gebiet wurde weisungsgemäß mehrere Jahre hindurch von uns bearbeitet. Wir haben viele trübe Erfahrungen gemacht und haben gerade auf diesem Gebiet zum Teil unter der übergroßen Disziplinlosigkeit unserer Gruppen gelitten. Trotzdem war es uns möglich, sowohl im vorigen, als auch in diesem Jahre mit fast allen rituell geführten Kinderheimen in Deutschland Vereinbarungen zu. treffen, wonach diese Anstalten uns einen Teil der von ihnen zu vergebenden Wohlfahrtsplätze zur Verfügung stellen: So haben wir denn im vorigen und in diesem Jahre in den verschiedensten Heimen mehrere hundert Kinder untergebracht. Eine Aktion bezüglich der Unterbringung von lungenkranken Kindern in Davos hatte ursprünglich den größten Erfolg, endete aber lecher mit einem großen Fiasko, weil nachträglich, nachdem zuvor unentgeltliche Unterbringung zugesichert war, die schweizer Verwaltung der Lungenheilstätte Etama dieses Angebot zurückzog und pro Kind und Tag einen Pensionspreis von Mk. 3.— verlangte. Ganz abgesehen davon, daß wir nunmehr nicht mehr in der. Lage waren, Kinder nach, Davos zu schicken) sind Der Israelit _ SB 1 ft t t e r_ wir finanziell in die größten Schwierigkeiten geraten, weil wir doch naturgemäß diejenigen Pfleglinge, die bereits in Davos waren, ihre Kur nicht unterbrechen lassen und zurückholen konnten. An dieser Stelle sei auch den verschiedenen Spendern zur Ablösung dieser Schuld herzlicher Dank ausgesprochen. Ritualien. Der O. V. war sich einig darüber, daß mit den verschiedensten Ritualien unerhörter Wucher betrieben und dadurch die Ausübung der Mizwaus unerhört erschwert wird. Wir haben daher die noch aus dem Kriege vorhandenen Zizis weiter vertrieben, haben insbesondere in der Inflationszeit Tefillin, Tefillaus, Mesusaus zu besonders billigen Preisen an unsere Gruppen und Mitglieder abgegeben. Im Jahre 1923 haben wir selbst in Triest eine größere Anzahl Arba-Minim eingekauft, haben diesen an unsere Gruppen vertrieben und, trotzdem wir noch einen kleinen Verdienst-Zuschlag genommen haben, die Ware um mehr als 50 Prozent, billiger verkaufen können, als die einschlägigen Geschäfte. Auch die Mazzausversorgung für unsere Gruppen- Angehörigen haben wir im Jahre 1924 in die Hand genommen. j Fortsetzung folgt.) Postscheck - Konto der Landesorganisation: Gruppenverband der „Agudas Jisroel“ in Deutschland, Halberstadt: Np. 18901 Berlin. Die Bedeutung der BeisIaakauw-FortbildungS'üurse für das polnische Judentum. Von 21t. S. Araenkel in Krakau. Bei der Eröffnung der Bels Iaakauw-Fortbildungskurse waren wir, das muß heute rückhaltlos ausgesprochen werden, bei aller Freude über den erzielten Fortschritt doch mit einiger Unruhe darüber erfüllt, ob sich die Zusammenarbeit der einheimischen und der ausländischen Kräfte ohne Reibung und in voller Har^Me' vollziehen werde. Nachdem die ^geit jetzt vollendet ist, darf man ohne Ue^^xMlMg spicch-n. datz sie einen unge^j^ Erfolg hatte, und daß die Bedeutung oes Unternehmens kaum überschätzt werden k^nn. Um dies zii begreifen, muß man sich die tatsächliche der jüdischen Frauen in Polen vor Aua^n halten. Die jüdischen Frauen in Polen, stehen dem thoratreuen Judentum zur Zeit teilnahmslos, wenn nicht feindlich gegenüber. Die Verantwortung hierfür trifft zum guten Teil die Orthodoxie selbst, die in den letzten 30 Jahren die jüdische Frau alleräußerst vernachlässigt hat. Man enthielt dem jüdischen Mädchen vom jüdischen Wissen so gut wie alles vor, bemühte sich aber gleichzeitig ihre profane Bildung auf ein Marimum zu steigern, während man die Knaben auf die Thora konzentrierte und ihnen jede profane Bildung versagte. So entstanden in jedem Hause zwei Welten. Der Sohn und die Tochter standen sich feindselig gegenüber. Die letztere war stolz auf ihre profane Bildung, die sie sich mit dem ganzen Eifer der wißbegierigen jüdischen Jugend aneignete und schaute auf die „unzivilisierte" Männerwelt überlegen herab; entbehrte die letztere ja des „europäischen" Zuschnitts. Das Thoragesetz aber empfand man als veraltet und rückständig, weil es doch in keinem polnischen Buch anerkannt und von keinem „europäischen" Lehrer geübt wird. So kam es in den letzten Jahren dahin, daß mit dem stärkeren Eindringen der europäischen Kultur in den jüdischen Volkskörper; Nr. 19 Seite 3 des Ostens die Frauenwelt fast vollständig dem Ansturm der religiösen Verführung erlag und damit der Gegensatz zwischen den Geschwistern immer stärker wurde. Wenige, prinzipientreu veranlagte Eltern stießen ihre Töchter von sich, die Mehrheit fügte sich in das Unvermeidliche. So lebten und leben Vater und Tochter, Bruder und Schwester, und in einer Anzahl von Fällen auch Vater und Mutter in einer kalten, jeder inneren Gemeinschaft entbehrenden Verständnislosigkeit nebeneinander. So entstanden und entstehen Familienskandale, die sich von Tag zu Tag mehren, und so gehen dem Judentum neben den Mädchen auch viel junge Knaben verloren, die von ihren „erleuchteten" Müttern erzogen worden sind. Erst in den letzten Jahren kam ein Erwachen. Aber es mußte erst eine kluge, scharfblickende Frau auf den Plan treten, die den Weckruf aussprach. So entstanden in den letzten zwei Jahren in Krakau und im übrigen Polen 40 Bels Jaakauw-Schulen. Die Hauptschwierigkeit des Unternehmens lag aber und liegt in dem Fehlen geeigneter Lehrkräfte. Polen allein konnte sich in dieser geistigen Not unmöglich selbst helfen. Da entstand uns Rettung durch „Agudas Jisroel" und durch unsere westlichen Schwestern! Denn in R o b o w ist die Kraft der wahren jüdischen Tochter erwacht; sie lernte zum ersten Mal in unserem Kreis das wahre Judentum kennen und erstaunte über seine Erhabenheit. War es doch für manche noch eine Offenbarung, daß König David ein größerer Dichter sei, als — Mickiewicz. Zwar hatten nur einige 40 Lehrerinnen das Glück, an den Kursen in Robow teilzunehmen, aber in ganz.Polen gärt es in der Frauenwelt. Etwas Unbekanntes und Großes erhebt sich in ihrem Innern, und wir freuen uns dieser Unruhe, denn sie wird Gutes bringen. So können wir Robow ein Jawne im Kleinen nennen, das der jüdischen Frau die feste Grundlage für wahre jüdische Kultur gab und der jüdischen Volksseele den Weg zur Genesung weist. . Die jüdische Frau wird ihre historische, ehrwürdige Stellung in der Familie wieder emnehmen, ürib die furchtbaren Gegensätze, die unser Familienleben heute zerwerden allmählich verschwinden. Die ludpcye..tfiuii wird verstehen lernen, welche Auf- '^oe ihrer auf dem noch ernsteren Gebiete , der Knabenerziehung wartet. Es wird eine lebendige Frauenbewegung erblühen und das Köstlichste, das dem jüdischen Volk im Osten jetzt fehlt, wird geboren werden: die jüdische Mutter! Aber noch ein Umstand darf nicht übersehen werden. Seit Kattowitz, im Jahre 5672, hat Agudas Jisroel als einen ihrer Leitgedanken die Verbindung zwischen dem östlichen und westlichen Judentum gepredigt. Viel wurde auf diesem Gebiete durch unablässige,, zielbewußte Arbeit im Zusammenwirken der Führer schon erreicht, aber nirgends noch hat es solche lebendigen Formen angenommenwie hier, und noch niemals war die Aussicht so groß auf eine fortwährende innige Zusammenarbeit. Die Agudas Iisroel- Mädchengruppen strengen ihre Kräfte an, um an diesem Aufbau mitzuarbeiten. Große Summen werden gesammelt und tatsächlich wurde eine feste Brücke des Verstehens und der Zuneigung zwischen jüdischen Volksgruppen geschaffen, die sich lange kaum gekannt, geschwisterlich nie verstanden haben. Die westlichen Lehrkräfte haben sich vollkommen der Sache hingegeben und unzerstörbare Freundschaft und Liebe verbindet die aus dem Westen Gekommenen mit ihren Schwestern im Osten. So hoffen wir, daß diese Zusammenarbeit eines Teils der Mw •>rm sich auf das ganze jüdische Volk ausdehnen möge. Es ist dem westlichen Judentum beschieden, eine vielleicht noch nie.dagewesene geistige Rettungsarbeit in wahrem jüdischem Sinne zu leisten, und die Leitung der Bels Jaakauw-Schulen