Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1925)
- Date
- 1925-09-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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24. September 1925 Der Israelit Nr. 39 Seite 6 Nach vollendetem elften Jahre läßt man gesunde und kräftige Kinder fasten. Mit lleberschreitung des zwölften Jahres bei Mädchen und des dreizehnten bei Knaben fasten Kinder ebenso wie Erwachsene. Da es nun stets notwendig ist. bei Kranken psychische Momente wesentlich zuberücksichtigen, so wird man ein Fastenverbot.nie in eine schroffe! Form kleiden. Der Patient weih ja selbst schon, dab die Krankheit oder Schwäche ernster Natur sein muh, wenn ein gewissenhafter jüdischer Arzt das Fasten verbietet. Zuweilen bewährt sich hier eine verschleppende Taktik, daß man dem Patienten empfiehlt, die Nacht zu fasten und man die Entscheidung erst bei einem Frühbesuch am Zaum Kippur selbst vornimmt. Unser heiliges Religionsgesetz erblickt in der Aebertretung des Genußverbotes am Jaum Kippur ein todeswürdiges Verbrechen. Der Begriff des Genusses mutz deshalb genau präzisiert sein. Wer mehr an Nahrungsmitteln als das Volumen eines mittleren Hühnereis beträgt, auf einmal zu sich nimmt oder geringere Mengen in! Zwischenräumen von weniger als ca. eine Viertelstunde aufnimmt, die aber zusammen obiges Volumen ausmachen, der macht sich dieses Verbrechens schuldig. Unsere Weisen haben deshalb am Jaum Kippur Schwerkranken unter gewissen Kautelen gestattet, Nahrung in geringer Menge (zwei Drittel Eigröhe) und in längeren Zwischenräumen als etwa eine Viertelstunde, zu sich zu nehmen, da hierbei die Strafgrenze nicht überschritten wird. Diese Methode des Schiurhaltens hat in der Praxis uns Aerzte wenig befriedigt. Einmal ist die Menge an Nahrung recht gering, die so ausgenommen wird, ferner mutz der Patient beständig die Uhr beobachten, kann also nicht wie gewohnt seine Tefiloh verrichten und wird den ganzen Tag durch jeden Bissen an seinen Krankheitszustand erinnert. Seit Jahren wende ich deshalb, durch Herrn Eeheimrat Dr. Rosenbaum sei., Frankfurt, angeregt, eine andere Methode, nämlich die der Nähxeinläufe an, die. sich mir im Allgemeinen als zweckmäßiger bewährt hat. Wir wissen, datz Einläufe, die vom Darm aus verabfolgt werden, zum Teil vom Körper aufgesogen werden und so dazu dienen können, wenigstens für kurze Zeit einen Menschen notdürftig zu ernähren. Diese Einläufe, die gewöhnlich zweimal am Tag verabfolgt werden, haben das Gute, datz sie die Psyche des Patienten nicht belasten. Der Kranke sieht in dem Einlauf nur eine ärztliche Verordnung für diesen Tag, die seine gewohnte Tages- > einteilung. wenig verändert/ Die Ernährung! kommt ihm gar nicht zum Bewuhtsein, da ja der Geschmack und das Sättigungsgefühl dabei ganz aus geschaltet werden. Das Gefühl der Kräftigung kommt bei ihr auch nur allmählich zum Bewußtsein, und er bringt es gar nicht recht in Zusammenhang mit dem Einlauf. Ich setze diesen Nähreinläusen häufig auch Arzneimittel zu, um ein. stärkendes, schmerzstillendes oder sonst notwendiges Mittel nicht entbehren zu müssen. Die Technik dieser Einläufe erlaubt sehr große Variationen und gestattet, sich völlig dem Krankheitsfall anzupassen. Religionsgesetzliche Bedenken gegen derartige Einläufe bei ernstlich Kranken bestehen nicht, wie ich mir von sehr maßgebender Seite habe bestätigen lassen. Ich möchte dieses Kapitel nicht schließen, ohne noch einmal auf den obersten Grundsatz hinzuweisen: Bei Lebensgefahr ist es am Jaum Kippur nicht allein erlaubt, sondern direkt Pflicht, zu essen. Wenn ich als kleiner Bub hörte, wie Erwachsene vor einem Taanis sich gegenseitig gut zu fasten und gut anzubeißen wünschten, so kam mir das immer recht lächerlich vor. Gut zu fasten, das verstand ich wohl, aber gut anbeißen, das wollte mir nicht recht einleuchten, denn das schien mir ja etwas furchtbar Einfaches zu sein. Mit größerer Erfahrung wurde ich jedoch gewahr, daß für die meisten Menschen das Anbeißen der schwierigere Teil des Fastens ist, denn es gibt viel mehr Menschen, die schlecht anbeißen, als solche, die schlecht fasten. Wenn man ärztliche Ratschläge für das Anbeißen geben soll, so müssen diese natürlich auch ganz individuell gehalten sein. Allgemein kann man wohl jedem an einem solchen Abend zur größten Mäßigkeit raten. Der nervöse Mensch, der nach, dem Fasten oft schlecht schläft, tut gut daran, weder an Kaffee, noch an Tee anzubeißen» wenn er von diesen Genußmitteln weiß, datz sie bei ihm schlafschädigend wirken. Nach einem Fasttag ist das Nervensystem stets erregt, und es empfiehlt sich häufig, schon vorbeugend eines der bekannten und gebräuchlichen Schlafmittel zu nehmen. Am häufigsten erlebt man als Arzt nach einem Fasttag, abgesehen von Schlafbeschwerden, Klagen, die auf das Herz bezogen werden müssen (Beklemmung, Druckgefühl, Atemnot usw.). Das beste vorbeugende Mittel hiergegen ist die größte Mäßigkeit, besonders im Trinken, auch von Wasser: je mehr es dies einzuschränken gelingt, desto weniger dürften sich solche Beschwerden einstellen. Ein derartiges Rezept auszuführen verlangt natürlich viel Selbstbeherrschung, denn Die armen Leute im galizischen Städtchen hatten noch nie (m Leben den Namen dieser'fremden Stadt gehört. Sie standen hilf- und ratlos da, und es blieb ihnen nichts anders übrig, als. ihr verschollenes Kind zu beweinen. Jetzt nach 15 Jahren gelangte ein Schreiben nach Ceironow, das meldet, daß Rerfel Perlitschke noch lebt und als Exfürstin in Palästina weilt. Die Geschichte klingt wie aus „Tausend und einer Nacht". ' Der Geliebte Reisels war ein Schwindler und Mädchenhändler, der nach kurzem Aufenthalt in Argentinien das jüdischen Mädchen nach Kairo verschleppte und sie dort an einen marokkanischen Fürsten verkaufte. Dieser Fürst, bereits im Besitze eines großen Harems, fand Wohlgefallen an der Jüdin und machte sie zu seinem Hauptweibe. Sie durfte sich zwei Hofdamen ernennen und. sie wählte zwei in Kairo sich befindende jüdische. Mädchen aus Polen- Feige Verlatschet und Malka Knödel. So hatte sich Reisel eine kleine jüdische Umgebung gebildet und lebte, da es keinen anderen Ausweg gab, unter den gegebenen Umständen zufrieden als „Fürstin aus Marokko". _ Da brach der spanisch-marokkanische Krieg aus. Der Fürst, der Gemahl. Reifels, zog ins marokkanische Schlachts-ld und kam nicht wieder. Reisel mit ihren zwei Hosdmnen benutzten nun die Freiheit und sie schlugen sich mit vieler Mühe bis zu einem Hafen durch, wo sie von Franzosen auf den französischen Dampfer.gebracht wurden, der nach Jaffa äusfuhr. Die nun zweiunddreißigjährige Reisel lebt nun als Exfürstin , in Palästina. Sie könnte ein ruhiges Leben führen, wenn sie nicht täglich eine Flut von Vitt- und Bettelbriefen aus der Heimat über sich ergehen lasieü müßte: Die einen wünschen von der „Großfürstin aus Marokko" Zertifikate für die Einreise in Palästina, die anderen sonst Unterstützungen oder Zuwendungen für verfallene Institutionen der Gemeinde. Man sieht, auch eine so glänzende Vergangenheit wie die der Reisel hat ihre Schattenseiten. (Ursprung des Fürstenhauses Abessiniens.) In der „Vofsifchen Zeitung" hat der Kunstkritiker Max O s b o r n gelegentlich einer Besprechung abessinischer Gemälde bemerkt, daß das Fürstenhaus Abessiniens seinen Ursprung aus Salomo und die Königin von Saba zurückführt. Nunmehr macht der Schriftsteller A p a j u n e darauf aufmerksam, daß der Adelskalender „Gotha", die höchste genealogische Instanz also, diese Abstammung anerkennt, und zwar seit 1923. In diesem Adelskalender wird, die alttestamentarische Herkunft der salomonischen Dynastie bestätigt. (Alles Historische und Sagenhafte über die Abstammung des abessinischen Königshauses fand im Romane „Salomo der Falascha" von S. Schächnowitz (Verlag I. Kauffmann Frankfurt a. M.) Verarbeitung. Die Red.) Wochenkalender. vom 28. Sevt. bis 3. Okt. 1985. / 8.-1F. Tisc-bri 5686. Samstag Cept. 26 8 NI1D NID Sonntag 27 9 *1153 Öl’ INS Montag 28 10 *T1S3 DV Dienstag 29 11 Mittwoch 30 12 Donnerstag Ott. i 13 Freitag 2 14 öi3D aiy Samstag 3 15 IVDDT 'K UV der Wasserverlust, noch dazu an einem wärmeren Fasttag, ist häufig recht groß, und Gewichtsverluste von 3—4 Pfund an einem solchen Tage sind nichts Seltenes. Diese Gewichtsverluste beruhen hauptsächlich auf Wasseroerlusten und werden in 2—3 Tagen gewöhnlich wieder ganz ausgeglichen. Trotzdem gelingt es, mit einem Minimum an Trinken am Abend auszutommen, wenn man sich beispielsweise vornimmt, nur ein halbes Liter Flüssigkeit zu sich zu nehmen und im Durstsalle nur den Mund mit klarem Wasser zu spülen. Mit Essen kann man schon eher etwas freigiebiger sein, natürlich ist auch hier lieber etwas weniger, als zu viel empfehlenswert. Es haben sich im jüdischen Haushalt manche Menus durch eine sicher generationenalte Ueberlieferung als so feststehend herausgebildet, daß wohl selbst den radikalsten Reformern deren Ausmerzung nicht gelingen dürfte. Auf diesen Speisekarten steht z. B. am Erev Jaum Kippur: Nudelschalet, Suppenhuhn mit Reis ufw. Ich will nun nicht kulturhistorisch untersuchen, wie dies Menu entstanden ist, und ich bin überzeugt, daß selbst in Familien, in denen das Kaporesschlagen schon längst verschwunden ist. das Hühnchen am Abend nicht fehlt. Das Gemeinsame dieser Speifenzusammenstellung ist wohl das Fehlen des Salzes als durstmachenden Momentes. In ähnlicher Weise hat man beim Anbeißen mancherlei gute Dinge kombiniert, denen wohl auch nach dem Goetheschen Wort, wonach alles, was besteht, vernünftig ist, eine höhere Vernunft innewohnt. So ist es hier zu Lande allgemein üblich, neben dem schon genannten Kaffee, Hering und Schnaps zu nehmen. Ich möchte raten, den Hering oder sonstiges Gesalzene wegzulassen, wenn es darauf ankommt, den Durst wegen notwendiger Flüssigkeitsbeschränkung nicht unnötig zu steigern. Im allgemeinen sind dem Magen aber solche sekretionorregende Dinge, wie Hering, Sardellen usw. an diesem Abend nur zu empfehlen, damit der etwas aus seiner Gewohnheit gekommene Magen sich wieder an seine Arbeit gewöhnt. Für ältere Leute, besonders bei denen es auf eine rasche Anregung der Herztätigkeit nach solch einer Zeit der Ernährungsstockung ankommt, ist Alkohol in irgend einer konzentrierteren Form durchaus empfehlenswert. Das Wesen des Fastens für uns Juden ist natürlich nicht eine Selbstpeinigung, wie wir schon aus den Einzelvorschriften entnehmen können, sondern nur eine Unterstützung für eine gründliche Selbsteinkehr, die zu einer völligen Umkehr in die Wege unseres Gesetzes führen soll. Möge so unser Fasten uns alle zu diesem hoben Ziele führen, dann haben wir gut gefastet und werden gut anbeißen. Mmp-iiaenre« « Dac&ricwen Äeietz. Die hessische Regierung gegen Antisemitismus. Worms, 15. September. Auf der Tagung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten vom 5. bis 7. September d. I. in Worms war auch — wie schon mitgeteilt — der (Btaatspräfibent von Hessen, Ullrich, erschienen. Aus seiner Ansprache sind noch die folgenden bemerkenswerten Stellen zu entnehmen: „Die Geschichte des jüdischen Volkes ist die Geschichte des Menschengeschlechtes von der Barbarei zur Zivilisation. Früher herrschte bei uns Barbarei, dann genossen die Juden Duldung und schließlich Gleichberechtigung, die allerdings von der Schmach unseres Volkes, der deutschvölkischen Bewegung, umstritten wird. Das zeigt deutlich auch den Jammer, in dem wir uns hier in Deutschland befinden. Zum Glück aber können wir behaupten, daß das deutsche Volk in seiner Mehrheit heute doch schon ganz anders geartet ist als früher. Die Kreise, die den