Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1925)
- Date
- 1925-09-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 39 Wälzungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft mit schweren Erschütterungen der bestehenden Verhältnisse verknüpft und selbst in dem von Zuversicht gehobenen Herzen, das dem Morgenrot nahender Freiheit frohgemut entgegenschlägt, zittern die Schwingungen der Zeit empfindlich nach. Wo Gottes besondere Fürsorge fehlt, gleichen solche zeitlichen Uebergänge einer mit heftigen Wehen verbundenen Geburt und sogar für die Zeit, aus welcher das meffianische Zeitalter sieghaft emporsteigt, gilt sinngemäß das Bild der in Schmerzen ringenden Gebärerin, denen nur d e r zu entrinnen vermag, dem Gottes Gnade einen besonderen Schutz zuteil werden läßt. Das heutige Geschlecht kennt ja ähnliche Begebenheiten aus eignem Erleben und fühlt noch in der Gegenwart die Auswirkung der Tage, in welchen Kronen rollten, Throne wankten und auf dem ganzen europäischen Kontinente eine Umstellung der politischen und Wirtschaft-! lichen Zustände begann, deren ungünstigem Einflüsse auch manche Nationen unterworfen waren, die sich durch die Veränderung der Dinge von einem Drucke befreit wähnten. Demgegenüber spricht der Prophet an unsrer Stelle zu seinem Volke, das ■ in eitlem Wahne von Aegypten Beistand erhoffte: „Ihr alle, nicht allein einzelne Auserwählte, denen Gottes Gnade winkt, Ihr alle werdet in Ruhe und Behaglichkeit errettet werden." Ihr alle? Wie? Das Geschlecht, dem der Prophet soeben den Tadel erteilt,, daß es in seiner Bedrängnis sein flehendes Auge auf Aegypten gerichtet, wird auf einmal einer Hilfe teilhaftig, die nur durch ein göttliches Ällmachtswunder ihre Erklärung findet? Und das ganze Geschlecht? Sind sie denn plötzlich umgewandelt, die sich — anstatt auf Gott za bauen — noch soeben dem Lande verschworen, das sie einst Jahrhunderte lang rechtlos in ehernen Fesseln hielt, und in dessen Herrschergewalt sie noch immer befangen wären, hätte Gott nicht die Ahnen auf wunderbare Weise ausihr befreit? Müßte nicht solch ein Geschlecht, wenn Gott ihm trotz seiner Unwürdigkeit Hilfe schickt, nach menschlichem Ermessen erst recht die Wehen des Uebergangs der Zeitverhältnisse empfinden, damit es in besserer Zeit Gott gegenüber immer seiner Dankesschuld eingedenk bleibt? Und auf solche Frage lautet eben die Antwort: Das Geschlecht ist umgewandelt, es hat an sich .1312M ausgeübt. Der Prophet spricht es nicht aus. Aber sein Schweigen führt eine beredte Sprache. Die nicht gesprochenen Worte schweben gleichsam zwischen den Zeilen und ein Weiser wie R. Elieser versteht sie zu lesen und zu deuten. Denn so kann nur zu einem Menschenkreise gesprochen werden, der in vollem Maße zu Gott zurückgekehrt ist und R. Elieserhat Recht, wenn er unsern Vers, der eigentlich nur eine Verheißung der göttlichen Hilfe enthält, -auf die Rückkehr Israels zu Gott bezieht, weit eine solche übernatürliche Hilfe, die in der Geschichte der Menschen kein Beispiel besitzt, lediglich als Preis dieser Rückkehr erfolgt. Wenn daher R. Elieser in Sanhedrm97,2 sagt: „ließt Israel ranwv so wird es erlöst" und fügt zum Belege seines Ausspruchs das Prophetenwort hinzu: In Ruhe und Behaglichkeit wird euch geholfen werden." so kennzeichnet er damit die Tragweite der ramm» in deren Gefolge eine Hilfe erscheint, die nicht nur zu guten Zeiten führt, sondern sich selbst in milden, friedlichen Formen vollzieht. Vom Fasten und Anbeißen. Von Dr. Goldschmidt, Taunus-Sanatorium, Bad Homburg. Wenn hier an dieser Stelle vom Fasten die Rede sein soll, so handelt es sich nicht um die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, wie die katholische Kirche diesen Begriff kennt, auch nicht um die Abstinenz von kalorienreichen Nahrungsmitteln, wonach also der Genuß des Wassers erlaubt ist, wie die Wissenschaft das Fasten oft begrenzt: vielmehr heißt Fasten für uns Juden die völlige Enthaltsamkeit von Speisen und Getränken und zwar im Allgemeinen aus die Dauer von 24 Stunden. Wenn nun auch das jüdische Gesetz fünfmal im Jahr das . Fasten von uns verlangt, so kennt doch die Thora nur den einen Versöhnungstag, und von ihm soll im folgenden wesentlich die Rede sein. Denn beim Herannahen dieses Tages hören wir jüdischen Aerzte des öfteren die Frage: Darf ich fasten? Für den gewissenhaften Arzt und Juden oft eine schwere Entscheidung, die natürlich nur von Fall zu Fall getroffen werden kann. Oberster Grundsatz ist hierbei: die Gesundheit darf keinen wesentlichen Schaden n<hmey. Wie alle wissenschaftlichen Wahrheiten sich in einem beständigen Fluß befinden, so haben natürlich auch in der Medizin die Anschauungen über Nahrungszufuhr bei verschiedenen Krankheitszuständen vielfach gewechselt. Es gibt. Krankheitszustände, bei denen wir Aerzte Hunger- oder Durstkuren empfehlen, diese also etwas Heilsames darstellen. Am häufigsten geschieht die Verordnung von Hungerkuren wohl bei der Fettleibigkeit. Da jedoch das völlige Hungern ein recht großes Opfer für den Patienten darstellt, hat man kleine Mengen von Speisen, die besonders arni an fettanfetzenden Nahrungsmitteln find, bcm Patienten entgegenkommender Weife erlaubt (Obsttage) oder um das besonders guälonds Durstgefühl auszuschalten, hat man Milch in etwa ein. Drittel -der Menge konzediert, die nötig sein würde. Um einen Menschen normal zu ernähren (Milchtage). Ganz allgemein bekannt ist auch das Hungern bei verdorbenem Magen, sowie bei manchen Formen des Darmkatarrhs. Bei Geschwüren des Magens oder Zwölffingerdarms, insbesondere bei Blutungen oder Vlutungsgefahr pflegen wir häufig jede Ernährung vom Magen aus gänzlich zu unterbinden. Während die Ernährung der Zuckerkranken vor dem Weltkrieg sich nicht genug tun konnte in der Zufuhr von eiweiß- und fetthaltige!! Nahrungsmitteln,. haben wir durch dis unfreiwillige Nahrungsbeschränkung im Krieg gelernt, daß bei dieser in unseren Kreisen recht verbreiteten Krankheit das Einhalten von Hungertägen ein vorzügliches Heilmittel ist. Für den Laien , wird der Grundgedanke des Hungere oft dadurch verschleiert, daß an diesen Tagen Gemüse oder Bouillon usw. verabreicht wird, was jedoch nur deshalb geschieht, um einen geschwächten Patienten durch absolute Abstinenz in .seiner Psyche nicht zu schwer zu belasten, zumal. praktisch genommen, bei dem geringen Nährwert dieser Nahrung, solche Tage nur ab Hungertage angesehen werden können. Bei gewissen Fällen von Herzleiden, besonders. solchen, die mit Wassersucht einhergehen, aber auch bei vielen Fällen von beginnender oder ausgebildeter Gefäßverkalkung, einer Krankheit, die ebenfalls in jüdischen Kreisen so erschreckend häufig ist, kann die Beschränkung der gesamten Nahrung, besonders aber der Flüssigkeitszufuhr, ungemein günstig wirken. Bei all diesen Erkrankungen wird sich im allgemeinen der Arzt bei unkomplizierten Fällen nicht schwer entschließen, seinen Patienten fasten zu lassen. Bei alten und schwachen Personen wird er häufig dem Patienten Bettruhe anempfehlen, die den Vorzug hat, an sich schon schonend und kraftsparend zu wirken. Ferner können auch so Schwierigkeiten beseitigt werden, die ihre Ursache haben in einem' weiten Weg zum Gotteshaus oder in langem Aufenthalt in oft schlecht, ventilierten Synagogen. In diesem Zusammenhang sei auch kurz das Fasten der Kinder gestreift. Unter neun Jahren ist jedes Fasten untersagt. Dom neunten Jahre an kann man Kinder stundenweise fasten lassen. du uns nicht in deiner Thora das Gebot gegeben, nach dem wir unter gewissen Umständen auch Gelübde und Schwüre auflösen können? Vermag man auch nicht selber, was man gelobt, zurückzunehmen, so ist doch nach deinem Willen der O3N berufen, im gegebenen Falle Gelübde zu lösen und von Bindungen zu befreien". Ws der Herr diese mannhaften Worte, aus der Liebe und Hingebung geboren, vernommen. da erweist er sich im vollen Glanze feiner Liebe. Er tritt gleichsam vor Moses hin. um sein Gelübde durch ibn ausheben zu lassen, und spricht die entscheidenden Worte: nsn.1 bv xjx xmn ’fiui Ich bereue es, daß ich Unheil zugeoacht habe meinem Volke". Und Moses entgegnet: NV.12V jX3 PX1 najxs px nma *]V inia Du hast die freie Verfügung, bist nicht mehr gebunden an deinen Schwur — es besteht kein Gelübde mehr für dich!" So hat Moses Liebe die Wolken des göttlichen Zornes geteilt und die Gnade des Herrn wie Sonnenlicht heroorstrahlen lassen. Er ist groß und stark der Mensch in seiner Liebe, wenn sein Herz in Güte entflam'mt und der Funke des Göttlichen in ihm lodert. So stark will .uns der Versöhnungstag sehen, daß wir sorlrüninen.n was sich störend zwischen uns im Wandel und Bekehr mit unsern Nebenmenschen gestellt, das ist die. Vorbedingung für die Wirkung des heiligen Festes. Der Herr will, daß wir selber verzeihen und etlösen, — dann wird seine Gnade wirksam und vollendet das Werk der Läuterung an uns. Das ist auch der Sinn unseres Sündenbekenntnisses . . . i^n 121)3 iimx Wir haben gefehlt, w t r sind treulos gewesen, w i r haben geraubt.... Wo irgend eine der Sünden, die in der '111 verzeichnetffind, geschehen' wir alle fühlen uns mitschuldig. Das soll das Bekenntnis einem jeden leicht machen. Die Last, von vielen getragen, drückt nicht zu schwer. Es ist auch hier die Liebe, die teilnimmt, die erleichtern und befreien will. Ist ja auch ohnehin ein jeder das Produkt eigener Veranlagung und seiner Erziehung und Umgebung. So gesehen, belastet eine jede Sünde nicht nur den. der sie geübt, sondern auch die Gesamtheit. Wie muß diese Erkenntnis zur wahren Einkebr, zur rechten mwn führen! Du trägst nicht nur für dich, sondern auch für die Gesamtheit die Verantwortung. Fällst du, strauchelst du. so ist es gewiß deine Schuld n^tf3 'p "piysi — du wirst aber auch zum Ankläger deiner Umgebung. Vielleicht hätte sie es wenden können oder hat sie nicht genug und nicht rechtzeitig dir gewehrt. Wir, Israels Kinder, kennen eigentlich zur Genüge die Anklage der Gesamtheit bei den Vergehen einzelner Glaubensgenossen. Das müßte einem jeden und uns allen immer von neuem die große Verantwortung, die wir tragen, zu Bewußtsein bringen, — das sollte vor allem am epiimi ot» uns zur vollen Selbstbesinnung führen und das Gemeinschaftsgefühl in Israel stärken. Fühlen wir uns als Büßende und Reumütige als eine Einheit, sollten wir auch allenthalben uns als Glieder des bbz ansehen und mit Freuden da unsere Opfer auf dem Altar des Heiligen niederlegen, wo sie der Gesamtheit zu Nutz und Frommen sind. Da folgt doch wohl daraus gebieterisch die Forderung: .Denkt an den Keren halauroh" in dieser heiligen Zeit, die doch auch unsere Herzen und Hände öffnen soll. Kann es einen in Israel geben, der es nicht als feine Sache ansieht, die heiligen Lehrstätten unserer Tauro zu fördern, sie zu erhalten und auszubauen? Wäre es nicht unsere.Schuld, wenn in den Kleingemeinden die Jugend ohne Unterweisung im Gotteswort bliebe und fo verkümmerte? Das will der Keren hatauroh verhüten, — und darum sind wir alle Glieder da ^Xlw' Nv)3 ibm verpflichtet. Der Versöhnungstag will die Schatten der Sünden von uns bannen und uns lehren, uns als ein Ganzes zu begreifen. Wenden wir uns voll dem Lichte zu, das er uns bringt. Bereuen rvir unsere Schuld und öffnen wir uns die Himmelspforten der Gottes gnade durch aufrichtige Reue und raiwv und im heißen Gebete, das wir zum Gotte unserer Väter emporsenden, erwache unser Verständnis für die Pflichten gegen die Gesamtheit. So werden wir der Segnungen des heiligen Tages ganz teilhaftig und erfahren es zu unserem Heile: »'.11N.1 V11 nx p’ai?» .1,71X1 ,1^3711 .131VM Reue. Gebet und Liebeswirken find unsere Fürsprecher und rettenden Engel am Tage der Not". kleines Feuilleton. »Die Fürstin van Marokko". Im „Wilnaer Abendkurier" lesen wir folgende interessante Geschichte: Reisel P e r l i t s ch k e aus Ceszonow in Galizien wanderte vor 15 Jahren als blühende Siebzehnjährige zu ihren Verwandten nach Amerika aus. Auf dom Schiff absr verliebte sich in sie ein reicber Kaufmann aus Argentinien und nahm sie mu sich nach Vuenes Aires, um sie dort zu heiraten. Dre ersten Briefe des Mädchens an ihre Eltern lauteten sehr glücklich. Aber unvermittelt bekamen die Eltern eines Tages eine Postkarte mit den kurzen Worten: „Retter mich, ich bin in Kairo!" iisf h'Ki '.l,-". -!'