Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1925)
- Date
- 1925-09-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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10. Der Israeli: Nr. 37 Seite 3 Wochenrundschau. Nach dem Zionistenkongreß. Wie man auch zum Zionismus stehen möge — jeder Jude, dem Erez Jisroel mit seinen in wunderbarem Vorsehungswalten neu geweckten Möglichkeiten ein zentraler Gegenstand des Denkens und des praktischen Wollens ist, wird von den auf dem Kongreß zutage tretenden Strömungen und den Ergebnissen ihrer Kämpfe untereinander Kenntnis nehmen müssen. Versuchen wir die wichtigsten dieser Ergebnisse kurz zusammenzufassen. In politischer Hinsicht hat der Kongreß bei aller platonischen Sympathie, deren die Radikalen um Jabotinski teilhaft wurden, wie uns scheint, doch die unbedingte Üeberlegenheit der Weizmannschen Politik, die nicht mit Wünschen und Theoremen, sondern mit politischen Tatsachen rechnet, erwiesen. Ja, noch mehr: der Sinn der Balfour-Erklärung als neuer staatsrechtlicher Theorie enthüllt sich allmählich auch denen, die sich lange genug die Augen vor der grade dem Zionismus peinlichen Wahrheit verbunden haben. Das Organ der deutschen Zionisten hat als erstes und einziges vor kurzem den Mut gehabt, diese Wahrheit auszusprechen: es soll in Palästina ein binationales Staatswesen erstehen, in dem Araber und Juden ihre „nationale Heimstätte" erblicken, Araber und Juden Staatsvölker find. Natürlich kommt es praktisch nun doch darauf an. wer die Mehrheit hat, aber prinzipiell sind Araber und Juden staatsrechtlich gleichberechtigt. Herr Äabotinsky wird lediglich Verwirrung und Unheil anrichten, praktisch aber nicht das Allergeringste erreichen, wenn er mit seinen Reden gegen die eiserne Mauer dieser staatsrechtlichen Theorie, das äußerste übrigens, was England nach Lage der Sache gewähren tonnte, anrennt. Die Frage der I e w i s h Agency ist ebenfalls im Sinne der Anträge Weizmanns entschieden worden. Wir können uns allerdings nicht denken, daß die amerikanischen und europäischen Nichtzionisten sich auf die geradezu ungeheuerliche Zumutung einlassen werden, daß der. Wortlaut von § 4 des Mandats unverändert, d. h. also die Zionistische Organisation staatsrechtlich und politisch alleinige Jewish Agency nicht imstande, den herrlich gelegenen Kurort mit seiner romantischen Schönheit zu beein trächtigen. Ein besonderer Vorzug Wiesbadens ist es. daß die Saison durch das warme Klima länger als irgendwo, und wenn die Witterung schon anderswo stark »tzlichezt", kann man immer noch hier einen schönen Strohsommer mitmachen. selbst der Herbstwind scheint durch den Elul und rdtfn ir?k->-Schaufor hier nicht so stark zu blasen und wer selbst in der bedauernswerten Lage ist, wegen seines Leidens »auf Dreien" gehen zu müssen, kann den dritten Vn3) nirgends angenehmer verbringen als hier, umsomehr als ja für geistige Anregung reichlich gesorgt ist. Lernen kann man vor und nach dem Kochbrunnen aus dem rnwx morgens und abends nach Schul, an größeren Schiurim fehlt, es auch nicht unter allerhand und ohne Flaggen:, Agudoh — neutral und — selbst Misrachi. Am nap kann man sich an Droschaus und Schiurim aus dem Munde des alten und jungen Raw erbauen — und die sich morgens —wie überall — langsam füllende Schul zeigt wohl, daß sich auch im besetzten Gebiet s e hr ru h i g schlafen läßt, und wenn wir auch nirgends noch den vollen paa (Frieden im Lande) haben, mn» pn onarwi (Ihr werdet ruhen, ohne daß Euch jemand stört 3. B. M. 26.6) ist eine Brochoh. die wir auch hier genießen. Also nicht so große Angst vor der besetzten Zone, wer seiner Gesundheit oder Ueberanstrengung zu Liebe das einzigartige Taunusbad aussuchen will, lasse sich nicht von Aengstlichen und Angstmachern abschrecken und verhelfe ihm wieder zu seinem alten, wohlverdienten Rus, er wird körperlich und seelisch gestärkt wieder heimkehren. •') Suttausfest. bleibt, der neugebildete Council somit ein völlig anonymes, gänzlich von der Gnade des Zionismus abhängiges Dasein führt. Auf wirtschaftlichem Gebiet zeigt sich trotz einer immerhin nun doch schon sünfundzwanzigjährigen Erfahrung ein wahres Chaos von Meinungen, zumal die „vierte Alija", der ungeheure Zustrom des kleinbürgerlichen Elements, die bisherige Vormacht des wirtschaftlichen Sozialismus und die darauf aufgebauten R upp in scheu Siedlungstheorien aufs schwerste erschüttert hat. Es muß billiger, rascher und viel seitiger kolonisiert werden — die Note zwingt dazu, einerlei, ob nun die wohl zu Unrecht verspottete „Gemüse-Philosophie" Soskins oder die Industrialisierungs-Pläne .oder beide zusammen das Heil bringen werden. Das erstarkende Selbstbewußtsein der bürgerlichen Kreise, eine Frucht der Einwanderungsziffern der letzten 9 Monate, führte zu scharfen Zusammenstößen mit den Arbeiterparteien, die sich in ihrer bisherigen Monopolstellung bedroht sehen. Wir fürchten, daß diese Redekämpfe das Vorspiel zu viel schwereren sozial-politischen Kämpfen in Erez Jisroel selbst bilden werden. Die Orthodoxie wird sich davor hüten müssen, dabei eine einseitig bürgerlich orientierte, arbeiterfeindliche Haltung einzunehmen, denn es liegt nicht der geringste Anlaß vor, die erfreulichen Ansätze zu einer bewußt orthodoxen Arbeiterbewegung zu gefährden. Politik und Wirtschaft gaben dem Kongreß naturgemäß das Gepräge. Das Geistige, Re--! ligiou und Kulturelle, traten zurück. Für die Zioinisten bedeutet auf kulturellem Gebiete die Er-! Öffnung der Jerusalemer Universität das höchste Symbol ihres Triumphes über bas; [ alte Erez Jisroel, des Sieges der autonomen I Menschenvernunft über den Geist der göttlichen! Offenbarung, wie ihn das geschichtliche, in „Agudas Jisroel" heute zu neuem Leben er-i stehende jüdische Volk repräsentiert. Der Kongreß hat einen kräftigen Schritt vorwärts zur Klarheit getan, indem er nach der starten Dosis von Heuchelei, die bisher die ganze Geschichte der Universität kennzeichnete, folgende Resolution faßte: „Der Kongreß begrüßt die Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem und sieht in ihr ein epochales Ereignis in dem historischen Prozesse der Renaissance der hebräischen Sprache und Kultur. Die hebräische Universität in Jerusalem soll in allen ihren Abteilungen und Instituten auf dem Prinzip der unbeschränkten Lehrfrei- Der leichtsinnige Königssohn. Von Lhajim Bloch in Wien. Es war Gepflogenheit des berühmten Rabbi Meschulem Jsachar von Stanislau, in der Selichot-Nacht des „Sechor Bris" eine Rede an die Menge zu halten, und sie zur Buße, Reue und Einkehr zu ermahnen. Als er einst zur Stelle „Höre unsere Stimme, Herr, unser Gott!" kam, öffnete er die Vundeslade und leitete das Gebet mit folgendem Gleichnis ein: „Es war einmal ein König, der einen einzigen Sohn hatte, dem er sehr liebte. Der Sohn wuchs zu einem wohl geratenen, tüchtigen Menschen heran und sein Vater verehelichte ihn mit einer Königstochter, die mit allen weiblichen Tugenden und Vorzügen begabt war. Des Königs Bestreben war, daß fein Sohn sich feines hohen Standes würdig benehme, .um der Krone wert zu werden, die er einst übernehmen sollte. Doch der Sohn wendete sich bald von der richtigen Bahn ab, geriet in schlechte Gesellschaft, verbrachte seine Zeit mit eitlem Getändel, betrog auch seine edle junge Gemahlin mit einem Weibe aus einer anderen Nation und niederer Abstammung, das wohl äußere Schönheit, aber keinen edlen Wesenszug befaß. Als der König dies sah, war er von solchem Zorn gegen seinen Sohn erfüllt, daß er ihn vom Hofe und schließlich auch aus dem Lande verbannte. Der leichsinnige Prinz wanderte mehrere Jahre umher und wurde zum gewöhnlichen Landstreicher, seine Kleider, die er noch vom Hofe hatte, wurden allmählich schäbig und man erkannte an seiner Führung nicht mehr, daß er ein vornehmer Herr vom königlichen Geblüte war. Als Not und Elend immer größer wurden, erinnerte er sich seiner hohen Abstammung und es überkam ihn heftige Neue. Er entschloß sich in die Heimat zurückgukehren und fernen Vater um Verzeihung zu bitten. Da er vor heit aufgebaut werden, wobei die verschiedenen geistigen Strömungen im jüdischen Volk ihren vollen Ausdruck finden müssen. Auf der Basis dieses Prinzips soll der Ausbau des j u d a i st i s ch e n Instituts, welches die Gesamtheit des jüdischen Lebens in Vergangenheit und Gegenwart zu umfassen hat, entscheidend bestimmt sein von dem Bestreben, das Institut unter Wahrung seines wissenschaftlichen Charakters zu einem vollen Ausdruck des jüdischen Geistes zu gestalten, wie er sich in den großen Kulturbüchern der jüdischen Vergangenheit und den schöpferischen Kräften der Gegenwart manifestiert." Diese Resolution sagt das heraus, was wir von Anfang an als aus dem Begriffe der „Universität" folgend immer als selbstverständlich bezeichnet hatten: daß dieses von den Herren Oberrabbinen Kuk, Hertz und Levy in bewunderungswürdiger Naivität eingesegnete Institut in „unbeschränkter Lehrfreiheit" der äußersten Leugnung Gottes und seiner Thora eine ebenso gesicherte Heimstätte gewähren wird und notwendigerweise gewähren muß wie dem Gegenteil. Was tat „Misrachi" gegenüber dieser erschütternden Erkenntnis? Ein Amendement, das in seinem Namen Rabbiner llziel stellte — wir kennen im Augenblick den Wortlaut noch nicht — verfiel der Ablehnung. Herr Dr. A. Barth verlas darauf eine Protesterklärung, und der „Misrachi" verließ demonstrativ den Kongreßsaal. Es bedurfte aber nur eines kleinen Schlafpulvers in Gestalt der beruhigenden Erklärung, daß die vom Kongreß angenommene Resolution nicht „gegen die Religion" gerichtet sei. um die ausgewanderten Misrachisten wieder reumütig in den Schoß der ecclesia zionistica 3urild3uflibren. . Jede kritische Würdigung dieser Art von Politik würde den Eindruck nur ab schwächen, den sie auf jeden unbefangenen Beurteiler ausüben muß. Wir sind begierig, wie lange diejenigen Elemente im Misrachi, denen jT'mn keine poli-! tische Spielmarke, sondern heiliger Ernst ist, sich dieses Hin- und Herschaukeln nc^h gefallen lassen werden. Man wünschte sich ei..en Elijahu herbei, der die alten Donnerworle erneuerte: *n an a'g'vvn 'nw v'nvis aan 'nv nv .p-inn la'? *?yan vxi v-mrr id1? Die Verwirklichung des Ideals einer einheitlich geschlossenen, absolut felbstständigen Orthodoxie bei voller Wahrung des notwendigen Maßes außenpolitischer Einheit wäre zum Greifen nahe, wenn die gesund gebliebe'nen Teile der seinen Vater geführt wurde, fiel er ihm zu Füßen, weinte und flehte, daß er seine Fehler vergebe. Doch der König erkannte seinen Sohn nicht und befahl den Dienern, ihn hinauszuführen. Da schrie der Prinz: „Vater! Wenn du mich an meinem Antlitz nicht erkennst, weil dies unkenntlich geworden, dann erkenne mich an meiner Stimme!" Dasselbe Verhältnis besteht zwischen dem Volke Israels und unserem himmlischen Vater. Gott hat uns unter allen Völkern erwählt und mit seiner Tochter, der Thora, vermählt. Doch mir wendeten uns von ihr ab, lernten fremde Sitten und Brauche und wurden darum aus unserem Lande vertrieben. Während der langen Verbannung veränderte sich unser Antlitz bis zur Unkenntlichkeit. Daher kommen wir in den „furchtbaren" Tagen und rufen: „Vater! Höre unsere Stimme, es ist die Stimme der Nachkommen Abrahams, Jizchaks und Jakobs; gedenk des Bundes und erbarme dich unser." Reichtum. Von Hermann SeckLach. j Der Sommer in seiner Vollendung-. Das satte! Grün der Bäume hängt prall herab, und die Sonne > schimmert heiß durch die Aeste, auf denen die Voglein j ihre Liebeslieder nur dann und wann noch erklingen i lassen. In einem jüdischen Krankenhaus liegt ein junges Mädchen, gelähmt und hilflos. Ihr Blick schweift hinaus in den Garten der Anstalt, und sie sieht die Allmacht Gottes, die sich draußen offenbart. Ach, wie herrlich ist es doch für den, der die wundervolle, erhabene Gottesnatur in ihrer ganzen Schönheit auf sich wirken lassen kann. „Ihr Menschen, die ihr in den Bergen wandert, oder von des Meeres brausenden Wellen euch umtosen läßt.