Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1925)
- Date
- 1925-09-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Rr. 37 eröffnet. Eine Reihe glänzender Namen in der rabbinischen Welt' Deutschlands, Ungarns und Amerikas kann der Bericht aufführen, die ihre rabbinische Ausbildung zum Teile oder ganz an der hiesigen Ieschiwa genossen haben. Die heutige Lehroerfassung der Ieschiwa trägt dem erweiterten Betrieb, bis zum gewissen Grade auch den Zeitverhältnissen Rechnung, ist aber organisch atts den Gesichtspunkten herausgewachsen. unter denen die Ieschiwa vor 35 Jahren begründet wurde. Drei Dozenten, angesehene Gelehrte und bewährte Talmudpädagogen, sind im Hauptamts neben dem Herrn Rabbiner als oberstem Leiter und dessen Sohn, Herrn Rabbiner Dr. Josef Breuer, der dem Vater zur Seite steht, an der Ieschiwa tätig. In der richtigen Erkenntnis, daß die Arbeit von unten herauf beginnen muh, sind der Ieschiwa Schiurim für Schüler angegliedert, die Hunderte von schulpflichtigen Knaben umfassen und für die neun Herren, bewandert in der Materie und geübt im Lehrgeschäfte, ihre Zeit und Kraft einsetzen. Dieses rege Thoraleben spielt sich in schönen, hellen und gesunden Räumen ab. Ein großer Hörsaal und vier kleinere Lehrräume sind den ganzen Tag bis in die späten Abendstunden mi^ Lernenden angefüllt. Die Räume reichen zuweilen für die Schiurim der Schülergruppen nicht aus, so daß noch die Nebenräume der Synagoge dazu genommen werden müssen. 52 Bachurim besuchen z. Zt. die Haupijeschiwa, 24 davon sind Söhne von Frankfurter Familien, 12 kommen aus anderen Teilen Deutschlands. Der Rest verteilt sich auf verschiedene Länder, die Schweiz, Ungarn, auch Polen und Litauen. Soweit das äußere Bild in der Gegenwart, ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtbild, das die Listen und Tabellen des Berichtes aus Neuzeit und früheren Jahren entwerfen. Aber über dieses Zahlen- und Datenmaterial hinaus ist in dieser Schrift auch etwas von der Seele der Anstalt enthalten: man fühlt sich bei der Lektüre von dem Geiste warm angehaucht, aus dem das Ganze entstanden und der es von Anfang an bis zur Stunde beseelt hat. Die an der Spitze wiedergegebene Sugja über eine bedeutsame halachische Frage zeigt die Lehrmethode vielleicht noch besser und drastischer, als es die folgenden Aufsätze über Programm und Lehrverfassung zu tun vermögen. In einer niedergeschriebenen Ansprache des Herrn Rabbiners unter dem Titel „Sebulun und Isachar" ist noch viel mehr über die heilige Pflicht der Gemeinde und aller gesetzestreuen Juden, der Thora eine Stütze zu sein, enthalten, _Der Israelit__ als in den zahlenmäßigen Berichten und Aufrufen des Kuratoriums. Und es wird auch der Geist von Samson Rafael Hirsch ^»"27 heraufbeschworen, der, wenn nicht der Vater, so doch der Großvater dieser Ieschiwa und des sich um sie konzentrierenden wied verblühten Thoralernens in Deutschland ist. Es spricht nicht grade von tiefem Verständnis für das große Wollen Samson Rafael Hirschs, wenn von mancher Seite behauptet wird, Frankfurt als Ieschiwastadt sei über die Pläne des ersten Rabbiners hinausgewachsen, der in seinem rabbinischen Wirken sein Augenmerk mehr auf den Ausbau der religiösen Institutionen und in seinem literarischen mehr auf Verbreitung und Vertiefung jüdischer Lebensanschauung im Ganzen gerichtet hätte: der sich auch in seiner Wirkungszeit mit einer frommen Gemeinde ohne Ieschiwa beschieden hätte. Cs spricht aus solcher Meinung ein völliges Verkennen der Ideen und des Zukunftswerkes Rabbiner Hirschs. Ein Mann, der geschrieben hat: „Nicht ni'vid ”>nn» nicht Stätten des Gebetes: D'tzm» ■’r» die Stätten der Thorapflege sind Israels heiligste Heiligtümer" (G. Schr. III, 105); der ferner erkennt (G. Schr. II, 242), daß man „mit dem Gesetz gebrochen hat, sobald man mit dem Lernen bricht"; der die herrlichen Worte schreibt (G. Schr. V. 264): „Träte Moses heute in den Kreis unserer Gemeinden, er suchte zuerst unsere Kinder auf, und hielte den ersten besten Iudenknaben auf der Straße an mit der Frage: T’jpioo 'b pivs"; der es an anderer Stelle (G. Schr. I, 247) offen ausspricht: „Heber die Gemeinde, in welcher die Synagoge prangt, aber die Stätte der Thora vergebens gesucht wird, spricht zürnend der Gottesgeist: Israel vergißt seinen Schöpfer und bauet Tempel —", ein Mann, der dieses und viel ähnliches gesagt und geschrieben hat, kann sich unmöglich seine Gemeinde für die Dauer ohne Pflanzstätte der Thora gedacht haben. Aber mit dem Gesetze des Gegebenen und der Kunst des Möglichen mußte auch ein Führer von der Genialität eines Samson Rafael Hirsch rechnen. Man kann nicht mit Dach und Fassade ansangen, wo Grund und Fundament abgebrannt sind. Der aus der Not des Darbens Erlöste stürzt sich zunächst auf das Brot, bevor er Zeit und Muße findet, für die höheren Bedürfnisse seines Lebens zu sorgen. Hirsch verließ um die Mitte des 19. Jahrhunderts seine rabbinissche Fürstenstellung und kam nach Frankfurt, um das verwüstete Fundament zu bauen. Das tägliche geistige Brot, Synagoge, Mikwah, Schechita und, das unentbehrlichste. __ 10. September 1925 die Schule war den Frankfurter Treugebliebenen vorenthalten oder verfälscht und verleidet. Es galt, von unten herauf mit den primitivsten Mitteln, mit der lohenden Begeisterung einer kleinen Schar um ihren genialen Führer als Hauptaktivum, zu bauen. Das Werk ist geglückt. Das Fundament war mit Synagoge, zwei Schulen und allen anderen Institutionen, später auch mit der Sicherung gegen Gewissenszwang vermittelst der unberechtigten Steuerhoheit einer Gemeinde, die bislang alle religiösen Möglichkeiten den Frommen verweigert hatte, das Fundament so fest und unerschütterlich wie möglich errichtet. — Wie % S. R. Hirsch übrigens auch dieses höhere Ziel vor dem Geistesauge gestanden hat. sagt er deutlich genug in seinem Statutenentwurfe für die Israelitische Religionsgesellschaft: „Gleich bei der Gründung der Unterrichtsanstalt der Kehilath Jeschurun ward es als Aufgabe erkannt und als letztes Ziel ausgesprochen, unter göttlichem Beistände diese Anstalt in der Weise auszubauen, daß sie in ihrer vollendeten Entwicklung zugleich eine Bildungsanstalt für Lehrer und Rabbiner und überhaupt eine Pflegestätte für die Pflege der Wissenschaft der Thora m allgemeinen werde, und hat daher eine zur geeigneten Zeit entsprechende Verwirklichung dieses Zweckes dem Vorstand ein angelegentliches Augenmerk zu sein — —". — Die Verwirklichung dieses Zweckes und weiter zu bauen auf der geschaffenen Grundlage blieb der zweiten Generation Vorbehalten. Und der kongeniale Nachfolger Hirschs erfaßte den großen Plan seines Vorgängers wie seine eigene Aufgabe sofort, als er daran ging, auf dem Vorgefundenen festen Grund den nun reifen und erforderlichen Weiterbau in der Form einer großen Ieschiwa aufzurichten.. Der Erfolg zeugt nicht allein von der Arbeit des Begründers, sondern auch von dem soliden Unterbau, auf dem unsere Ieschiwa steht, vom Lebensweise Rabbiner Hirschs. Möge die Schrift Freudentunde in die Welt hinaus und in die Herzen derer tragen, die oft glaubten, an der jüdischen Zukunft in Deutschland verzweifeln zu müssen, möge sie neue Freunde und Gönner dieser Lebensinstitution des deutschen Judentums werben und möge sie in den Herzen vieler unserer suchenden Jugend die Liebe zum Lernen entzünden und — ihnen den Weg zur Quelle weisen. Zum Targum Onkelos. Herr Dr. Winkler findet es in seinem polemischen Artikel „zum Tode von pan pnK“ Nr. 35 des „Israelit" merkwürdig, daß R. Nathan Adler in feinem Targum-Kommentar ru’iw des Wilnaer Ehumeich zu dem „Fehler" schweige, den der Text dieser Targum-Ausgabe aufweise, wo lan't 4. Buch Moses 20. 29 mit ly'mnxi übersetzt ist. Aber diese Merkwürdigkeit erklärt sich ganz einfach damit, daß der Targumtext, der R. Nathan Adler vorlag, und den er kommentierte, nicht immer identisch ist mit dem in der Wilnaer Ausgabe abgedruckten Text. Ein deutlicher Beweis für diese interessante Tatsache ist der Umstand, daß z. B. der nib nrm hervorhebt, Onkelos übersetze 1^ nw> na -i. B. Moses 15. 34 mit nb jmyn na statt es zu übersetzen nayan na Ab* während der vorliegende Text der Wilnaer Ausgabeausdrücklich sagt nb na;irp n». , r Wenn Herr Dr. Winkler die Uebersetzung iX'Mnni für den ..Fehler ' einer ..übereifrigen Hand" erklärt, so ist er im Sntum, denn in Midrasch *mai nnn zur Stelle heißt es ausdrücklich nBwn unji n?n")3' was übrigens identisch ist mit der Erklärung, die Raschi in /« nawn wjn giebtf: I^n> Kaatz-Hinvendurg O. S. Kleines Feuilleton. Wiesbadener Brief. Wer seit einigen Jahrzednten Gelegenheit nahm, Sommers oder Winters einige Zeit in dem herrlich gelegenen Wiesbaden zuzubringen. der konnte erleben, daß mit der Erholung und Auffrischung des Körpers nicht immer eine Abstumpfung des Geistes Hand in Hand gehen müsse, daß man sich nur dort erholen könne, wo man von nmr? zu npV kein Minjon habe, wo man aller geistigen Anregung durch trmsw und dergleichen ledig sei. daß vielmehr nach der zwiefachen Natur des Menschen auch die nawa zu ihrem Recht kommen müsse, wenn die körperliche Erholung gelingen soll. So war denn die vor 55 Iahren unter den Auspizien des großen Rabbiner Hirsch b"M von dem ehrwürdigen 21 Dr. Kahn ->»2 mit einigen begeisterten Gesinnungsgenossen gegründete n^np ein Sammelpunkt von ünrp aus Rah und Fern, die die gottbegnadete landschaftlichen Schönheiten, verbunden mit heilkräftigen Wirkungen, innerhalb eines echt jüdischen Milieus auf einige Zeit der Muße —, wer es sich leisten konnte, das ganze Jahr —, genießen wollten. Wesentlich zurück ging dies mit dem alles durcheinander wühlenden unseligen Krieg, der besonders die Zufuhr vom Osten abschnitt, und ein böses Verhängnis wollte es. daß der Ort mit Kriegsende in das »besetzte Gebiet» stel, eine Bezeichnung, die für viele — teils mit Anrecht einen so schreckhaften Beigeschmack hat — für manche bedeutet es bald so viel als Kriegsschauplatz, besonders für die, welche so glücklich waren, letzteren nicht gesehen zu haben. Wir vermuten sogar, daß diese mehr oder weniaer suggerierte Furcht bei unseren Glaubensgenossen besonders stark besteht — Gottlob ist sie von unseren Gegnern, den Anstiftern der berüchtigten Iudenzählung noch nicht entdeckt wo! den - denn sonst wäre es unerklärlich, daß bei der wöchentlich um 2—4000 anwachsenden Fremdenzahl — bis heute seit Januar ca- 80 000 in unseren Kreisen immer noch die Anschauung oft gehört wird, als wäre das besetzte Gebiet als Kurort für uns fast indiskutabel. Es möchte uns fast scheinen, und von mancher eingeweihten Seite wird es uns bestätigt, daß es hauptsächlich die Konkurrenz im unbesetzten Gebiet ist. die beim Publikum die Angst vor unserem Gegner nährt. Es ist nachgewiesen, daß seit Jahren niemand von der Besatzung irgendwie belästigt wurde- Und wenn man in manchen Gegenden unseres Reiches — besonders im Süden — über Rischus zu klagen hatte, so ist es hier an unserem Platze eher besser als schlimmer im Verhältnis zu anderen Orten. Bleibt nur die eine Schwierigkeit mit dem Paß*) loorchim, an das mancher etwa im allsabbatlichen *p2P w denkt, die auch Heute bis zu einem Personalausweis erleichtert, und sofern dieser in Ordnung, gar keinen Grund zur Nervosität bietet; empfehlen ja schon unsere Chachomim ns2) zu haben. Es scheint überhaupt die Besatzung, die freilich keine angenehme Beigabe ist, von außen her in den schwärzesten Farben gemalt worden zu sein, und die hie und da auftauchenden sind wahrlich 0 wörtlich Brot, bekannte Stelle tm -i-,2v '» des Schabbos. -) ursprünglich Brot in der Tasche, das schon teilweise den Hunger stillt.