Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1925)
- Date
- 1925-09-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 Nr. 36 Der Israelit 3. September 1925 .Grab umfaßt zwölf der Besten, die „geliebt waren in ihrem Leben und sich im Tode nicht trennten." Hier bleibt der Blick haften an zwei rohen nebeneinander schief aus dem Gras und Geröll ragenden Steinen (siehe Bild 5). Der eine erzählt in kurzen Worten und lapidarer klingen aus dieser Gruft. Das Singen unzähliger jüdischer Gotteshäuser auf dem Erdenrund, die dieser Meister des Minhag und Nigun Gott in Hymnen und Liedern ohne Worte zu loben gelehrt hat. Und andere und wieder andere, jedes Grab ein Kapitel, eine Welt, eine solange wir das Erbe der Großen verwalten dürfen. Hier aber wuchert Geröll und treiben wilde Ranken.'in die Höhe auf steiniger öder Erde. — Ich gehe zur alten Synagoge. Die Äußenansicht ist alt (siehe Bild 6), ergreifend. Alte Bilder aus Worms Die Mauer des Rabbi Jehudo ha-chossid Bilder aus Worms Inneres der Raschi-Kapelle Schrift vom großen Toten, den dieser Grabhügel birgt, Rabbi Meier von Rothenburg. Kein Wort von seiner Lebenstragödie, nichts von Qual und Anklage und Gefängnismauern. Nur Namen und Datum des Todes und der späteren Bestattung. Und dicht daneben etwas tiefer gesenkt der Grabstein des Mannes, der vierzehn Jahre nach dem Tode des Maharam Leben und Vermögen einsetzte, um den großen Toten hier in heiliger Erde zu bestatten, Alexander Sützkind aus Wimpfen. Nur eines bat sich dieser Wohltäter zum Lohne aus: eine letzte Ruhestätte in der Nähe des Rabbi. Sein Stein erzählt in winzigen Zeilen ohne jegliche Geste diese Heldentat. Er steht etwas tiefer, neigt sich leicht zum vorderen Stein und wieder wie in Ehrfurcht zurück. So dürste das Verhältnis des tätigen reichen Mannes zu dem Geistesfürsten gewesen sein. Davor ein kleinerer Stein mit ziemlich verwitterter Schrift. Man entziffert mit Mühe dpn Namen Baruch b e n Meier. Es ist. der Vater des großen Maharam von Rotenburg. Ein anderer Grabhügel umschließt, nach der schwer leserlichen Schrift des Steines die Gebeine des Rabbi Jacob M o e l l e n, des „Maharil". Es ist. als ginge ein Singen und Periode jüdischer Geschichte, ein Zeuge jüdischer Glanz- und Leidenszeit zugleich. Hinter den wilden Laubbäumen an der Jnnenmauer senkt sich die Sonne. Die Zinnen des Domes im Hintergründe leuchten blutig rot. Eine Kirchenglocke fetzt hell und werbend ein. Es Bild 7 und Bild 8). Bilder aus Worms, Partie aus dem alten molschen Friedhof ist nicht bloße Wehmut, mit der ich dieses alte heilige Gräberfeld verlasse, es ist Stolz und Weihe und das beglückende Bewußtsein mit dabei, daß wir diesen Männern noch andere Denkmäler gesetzt, anderswo, überall, die nicht verwittern und deren Schrift nie verwischt wird, graue Mauern, schief gedehntes Dach eines spätgotischen Bauernhauses, niedere Eingänge durch schwereiserne Kuppeltüren. Kleinscheibige, viereckige Doppelfenster. Ueber dem Haupteingang eine Tafel. Drinnen ist alter Reichtum (siehe Viele mächtige Messing- . kandelaber mit gekrönten Adlerfiguren an der Spitze. Kostbares Brokat am Heiligenschein. Ein alter silberner Leuchter im: Männerraum . (siehe Bild 9) . 'fesselt den Blick. Eine Hroße Anzahl herrlicher Schätze hat in dem jüngsthin eröffneten Jüdischen M us e u m ihr Alters- und Versorgungsheim gefunden. Und da oben, sagt mir der 'Kastellan, auf die bleigrauen Gi.terstäbe hinweisend, ist die O r g e l. Ich erschrecke, ich hatte sie im Halbdunkel des geweihten Raumes gar nicht bemerkt. Raschi, Maharam von Rotenburg, Maharil und —Orgel! — Orgeltöne brausten damals, als die Dominikaner die Juden in Dom und Kirche zerrten. Glockengeläute durchzitterte die Lust und von drüben kam das Gebrause der Orgelpfeifen herüber, als sie sich hier in diesem .alten Hause mit ihren Kindern versammelten zu ihren letzten Gebeten, zu ihrer letzten Vorbereitung für die H e i l i g u n g des göttlichen Namens. Und sie schlossen'die