Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1925)
- Date
- 1925-09-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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=yillllllllllllllllllllli!iiiiiiiiiiiiiiiiiiininmiiinwiwiniiitniifii A rier In der Stadt Raschis. (Mit neun Bildern.) Ein eigener Reiz umgibt die paar Mittelstädte am Rhein. Hinter den neuen Hauptstraßen liegt das Gewinkel der engen Gassen, unterbrochen von Vierecken und freien Plätzen mit monumentalem Brunnen im Mittelpunkte. Alles atmet . Geschichte. Rundtürme, Zinnen und Kuppeln erheben sich über reichgeschmückte Portale. An alten Kirchenmauern rankt sich üppiges Weinlaub. Hier hat vor- und aufwärtsstrebende Menschengeschichte überall ihre Spuren hinterlassen. Auf ihrem Marsche hatten die früheren Menschen keine anderen Wegweiser^als den Lauf der Ströme und Flüsse. wurden die blühenden Gestade zu beiden Seiten des Rheinstromes allezeit Schauplatz grober und grausiger Geschehnisse. Jüdische Geschichte war immer eng verquickt mit der groben Menschengeschichte. Wie 2udenleid ja immer nur ein weiter Bezirk des Weltschmerzes ist. Ein Symbol für diese Leidensgemeinschaft in alten Quadern erleben wir in Worms in den alten jüdischen Denkmälern neben dem Dome und den spätgotischen Kirchen und Burgen, in denen Bischöfe über Tod und Leben geboten, Kaiser und Könige die Krone erhalten, Reichstage getagt haben. Direkt gegenüber dem Dome liegt der alte jüdische Friedhof mit den verwitterten eingesenklen Steinen, die in verwischter Schrift von gehobenem Leben und heiligem Tode sprechen. Was bedeutet das heutige Worms, die neue hübsche Hunderttausendstadt mit den hellen Straßenanlagen, hübschen Promenaden und uniform nach Bauplan errichteten Zügen von Wohn- und Geschäftshäusern im Vergleich zu unserem Worms, zum „ W i r m a i s o " des Raschi und des Iehuda Hachassio? Wirmaiso! Wehmütige Kinausmelodien erklingen in der Seele. Doch, man wird dem alten lieben Namen historisch nicht gerecht, wenn man ihn nur in Verbindung mit Leid und Iammer ausspricht. Das Wort bedeutet noch viel mehr Blüte, Größe, Kraft. Die tausend Iahre jüdischer Geschichte waren auch am Rheine nicht anhaltend in Leid getaucht. Wer sprach überhaupt in alter Zeit so viel von Leid und Not? Wo ist in Raschi oder in den „Tossefoth" nur ein Wort von den todbringenden Horden mit dem Kreuze zu lesen? Wo in den Glossen und Responsen des Rabbi Meir von Rothenburg nur eine Spur von Moder der Gefängnisse? Der Tossofisten „Kosche" gilt nicht dem schweren Leben, und ihr „Temo" ist nicht Staunen über eine aus den Fugen gehende Welt. Tausend Iahre Leid haben uns ein paar winzige, dünne Kinaus- und Slichausbüchlein gebracht. Indeb, gleiche tausend Iahre Leben, Blüte und Kraft haben uns Folianten gegeben, für die alle Regale der Bibliotheken nicht ausreichen, denen gegenüber auch alle geraden und eingedrückten Mauern, auch die Leichensteine zu Worms, zusammenschrumpfen. Wer spricht von Leid^ von Not und schlechten Bilder aus Worms Das Raschi-Tor Zeiten? Raschi gewiß nicht. Höchstens der Kastellan an der Raschikapelle, der über schlechten Besuch und dementsprechend verminderte Trinkgelder klagt. Ich ziehe durch das Raschitor (siehe Bild 1), in dem die Stadt in der Nähe der Synagoge ein Denkmal ihrem groben, jüdischen Adoptivsöhne errichtet hat. Durch zwei Pforten wälzt sich reger Stadtverkehr. Ein kaltes, starres Denkmal im Vergleich zu den anderen lebendigen Denkmälern, die in kleiner, krauser Schrift Raschis Namen tragen .. . Dann stehe ich vor der Mauernische (Bild 2). von der man gegen ein Trinkgeld erfährt, daß sie durch ein Wunder entstanden sei, um Raschis Mutter aufzunehmen, als sie hier, das Kind unter dem Herzen, von einem Wagen in die Mauer gedrückt wurde. Das Wunder in Ehren! Aber Raschis Mutter war nie in Worms und der kleine Salomo Izchaki kam in Troyes zur Welt. Darum lasse ich mir gegen ein zweites Trinkgeld die gleiche hübsche Geschichte von der Mutter des R. Iehuda Hachass id erzählen und denke dabei, wie oft schon unser Volk mit dem Lichtkeime unter dem Herzen harte Mauern eingedrückt hat, wenn es in engen Gassen bis zum Erdrücken und Ersticken an die Wand getrieben wurde ..." Und nun bin ich in der Raschikapelle drinnen. (Siehe Bild 3.) Wenn ich nur den Historiker draußen lassen könnte! Was hat er auch da zu suchen, wo Pietät und Liebe und Phantasie ihre Blumenkränze winden und alles kahle Gestein geschichtlichen Gewordenseins von oben bis unten mit dem Epheu der Legende belegen und bedecken? Was will er mir da erzählen von einem Dawid ben Izchok Iossef Oppenheim, der 1624 den Anbau als Lehrhaus an der alten Synagoge errichtet hat. wer bat ihn um den Dienst, mir Geschichtsirrtümer zu korrigieren? Ich will hier, wie lausend Andere vor und nach mir jahrein, jahraus, in der Raschikapelle sein. Und der ehrwürdige S t e i n st u h l mit der hohen, steilen Steinlehne — den übrigens auch der Historiker immer als den Raschis gelten läßt — erfüllt mich mit Beben der Ehrfurcht. Ich wage nicht, ihn zu berühren. Er ist kurz, knapp und prägnant gemeißelt — Raschistil. Es ist überwältigend, zu denken: Hier auf diesem Stein hat Raschi vor seinen Schülern gesessen ... Die Andreasgasse entlang gelangen wir durch eine verwitterte, stellenweise auch verfallene Mauer auf den alten Friedhof. (Siehe Bild 4.) Es ist nicht leicht, sich in diesen Gräberfeldern, wo die verschlungenen und halb verwischten Wege von Bäumen, üppigem Laub und wilden Ranken umsäumt und verstellt sind, zurechtzufinden. Man zeigt uns das älteste Grabdenkmal aus dem Iahre 1077, das des Rabbi Iakob Bachur, dann ein Massengrab von Märtyrern aus der Zeit, von der die Kino von Wirmaiso in unserem Klagebuch des neunten Am kündet. Es waren deren mehr in jenen Schreckensjahren 4866. (unn). Aber dieses