Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1925)
- Date
- 1925-09-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450372--72474-2529850- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
■ Vv•/'*. -v.: vtllsgt Rr. 36 142$ Aus den Messiaserzählungen. ' ■ (Fortsetzung.) Zu Tode ermüdet, setzte sich Rabbi Chajim zu Boden. ^Inzwischen senkte sich der Tag, die Sonne neigte sich hinter den Bäumen. Da hörte plötzlich Rabbi Chajim Schritte hinter sich und Menschenstimmen. Seine letzte Kraft zusammennehmend, rief er:. „Rettet, Menschen, zur Hilfe!" Rabbi Chajim konnte nun hören, wie zwei Menschen miteinander sprachen: „Vater, es ist mir, als hätte ich eiüe Menschen stimme gehört." Darauf der Andere: „Es ist nur Täuschung." Der erstere bestand aber auf seiner Wahrnehmung und rief laut ins Gelände: „Wo bist Du?" „Am Rande des Feldes zwischen den Aehren," schrie Rabbi Chajim mit Aufbietung der letzten Kraft. . Bald näherten sich die Beiden feiner Lagerstätte, es waren Vater und Sohn, zwei Riesen, so dah sich Rabbi Chajim selbst wie eine Mücke vorkam. Er hörte, wie der Sohn züm Vater sprach: . „Sieh nur, Vater, dieses Geschöpflein, es hat Menschenantlitz, ist äber zwanzigmal kleiner wie unser Zwerglein daheim." Die Männer lachten, nahmen Rabbi Chajim in die Hand, in der er ganz bequem sitzen tonnte und brachten ihn in ihre Behausung. Dort wurde er ob seiner Kleinheit und Winzigteit von allen sehr bestaunt. Man bemitleidete und bewirtete ihn. Und nachdem Rabbi Chajim genügend gekräfligt war, erzählte er den Riesen, wer und woher ev sei mb zu welchem heiligen Zwecke er die Reise über den Sambatjon unternommen hatte. - Am zweiten Tag nahm der Hauswirt, Rabbi Gabriel nannte er sich, seinen kleinen Gast mit ins Gotteshaus, wo er der versammelten Gemeinde die Geschichte noch einmal erzählen muhte. Am gleichen Tag war grohe Versammlung im Gotteshause. Es waren lauter Riesen von gewaltiger Kraft. und Gröhe und Leibesumfang. Rabbi Chajim muhte ihnen aus der Heimat berichten und sie aüs der heiligen Thora belehren. Obwohl er mit lauter Stimme fast schrie, gelangte doch seine Stimme nicht bis zu den 'Ohren der Riesenhörer. Rabbi Chajim wurde in die Höhe gehoben, sprach dann in die Ohren eines der Männer, der es in die Gemeinde hörbar bis zur letzten Ecke hinausschrie: Rabbi Chajims Vortrag schloh mit folgenden Worten: „Es sind nun bald zweitausend Jahre, dah wir aus unserm Lande vertrieben sind. Es ist wohl an der Zeit, dah wir nach Zion zurücktehren. Machet euch auf, Brüder, erwachet! Ihr, die Helden, die Riesen, Ihr sollt dem Volte voranschreiten. Es sei genug des Leides in der Golusverbannung." Nach einigem Schweigen und nachdenklichen Ueberlegen erhob sich der Rabbi der Riesengemeinde und nahm das Wort, und Rabbi Chajim hatte das Gefühl, als drangen die Worte durch die ganze Zerstreuung bis in die letzte Ecke des Erdenrundes, wo Juden leben und leiden: „Wir hörten Deine Worte, und sie gingen uns tief ans Herz. Allein, wisse, Vertreter unserer kleineren schwächeren Brüder, die Ueber> lieferüng, diei uns' von Vätern und Vätersvätern von ehedem geworden ist," besagt, dah, wenn die Stunde der Erlösung geschlagen, das Stürmen der Steinwogen auf' dem Sabatjonmeere iah aufhören würde, auf dah unsere Ohren die iPosaune des Moschiach hören und seinen lauten Sammelrus: „Zurück, Kinder, ins Heimatgebiet!" Nun ist es wahr, dah in den letzten Jahren die Geräusche immer mehr an Kraft verlieren, die Steine, die das Meer absondert, sich an Gewicht verkleinern, an Zahl vermindern. Das ist uns Zeichen, dah der Tag der Erlösung nicht mehr fern ist. Noch ist er aber nicht da, denn es rauscht und stürmt noch. Gehe. Bruder, zu den B.Ädern in die Länder btt, Zerstreuung und erzähle ihnen, wie sich die Geräusche vermindern, auf dah sie wissen, das Ende ist nahe — — —" . Nach Verlauf eines Monats verlieh Rabbi Chajim an einem F.eitagmittag das Land der „zehn Stämme" und kehrte nach seiner Heimatstadt Safed zurück. Dort erzählte er alles, was er gesehen und gehört ' und erlebt hatte. Er überlebte aber diesen Vorgang nicht sehr lange. Bald darauf starb er und wurde unter grohen Ehrungen in der heiligen Erde bestattet. Bis auf den heutigen Tag ist aber das Andenken Rabbi Chajims in der heiligen Stadt Safed lebendig und von Vater an Sohn werden die Erlebnisse dieses Frommen jenseits des Sambatjons weitergegeben. H. Das Grab des König David. Zwei Söhne hatte Rabbi Ahron, Schimi hieh der ältere, der jüngere Iosi. Vater Ahron zeichnete sich durch große Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Gastfreundschaft aus. Kein Fremder durfte die Stadt verlassen, ohne im Hause Ahrons gespeist und genächtigt zu haben. Des öfteren sahen abends viele Gäste aus fernen Ländern um den reichgedeckten Tisch im Hause Ahrons und erzählten vom jüdischen Leben in ihrer Heimat. Die beiden Söhne Schimi und Iosi sahen dabei mit gespitzten Ohren und offenen Herzen und nahmen alles auf, was sie aus dem Leben ihrer Brüder in der weiten Welt vernahmen. Eines Tages bewirtete Rabbi Ahron in seinem Hause einen ehrbaren Gast aus Jerusalem, einen Mann, der sein Leben lang in der heiligen Stadt weilte und sich nur in der heiligen Sprache verständigte. Ganz besondere Liebe und Gastlichkeit wurden diesem Manne erwiesen, und alle Bewohner der Stadt versammelten sich bei Rabbi Ahron, um aus dem Munde des Fremden über, die Dinge in der heiligen Stadt zu erfahren. Schimi und Iosi hörten zitternden Herzens all die Wundererzählungen über die Westmauer, den letzten heiligen Rest des Tempels, nachdem dieser vom Titus zerstört worden ist. Auch vom Grabe Rahels liehen sie sich gern erzählen, das auf dem Wege zwischen Bethel und Efrath sich erhebt und zu dem aus allen Ecken und Enden der Welt Menschen hinpilgern, um dort zu beten. Ganz besonders gefangen nahm das Herz der Jungen die Erzählung über das Grab des Königs David. Dieses Grabmal bildet das Wunder aller Wunder. Es befindet sich in einer sehr tiefen Höhle. Aus silbernem Bette liegt König David, wie im Schlafe. Lichtstrahlen entströmen seinem Gesichte. -Bestrickender Duft ist ringsherum. Zu Köpfen hängt eine Harfe, die Harfe, auf der er spielte, als er seine Psalmen sang, auf der er auch später spielen wird vor Moschiach, Herkommen wird, um Israels Söhne zu erlösen. Die Jungen hörten es, und ihr Herz schlug hoch, ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Wo liegt das Grabmal von König David?" Der East erwiderte: „Es weih keiner genau, wo sich Davids Grab befindet." (Schluß folgt.) Auf der Höhe. Ferienbriefe aus der Schweiz von —tz. IX. Im Surbtale. Als wir abends „tief unten" in Baden anlangten, fanden wir das hübsche aargauische Städtchen an der Limat, geschmückt mit Wappen, Wimpeln Und Guirlanden, die sich protzig kleinbürgerlich von Straßenseite zu Straßenseite schlangen und vom langen Hängen schon ein bißchen müde und verschlissen aussahen. Ganz unten hinter dem Bahnhofe war in entzückend malerischen Hallen eine Gewerbeausstellung des Kantons Aargau untergebracht, die vom Kunstsinn und Gewerbefleiß dieses urdeutschen Stammes der Nordostschweiz in Farben und Formen und Konstruktionen Zeugnis ablegte. Viel Landvolk strömte tagein tagaus ins Städtchen, um sich in diesen Erzeugnissen seines eigenen Geistes und feiner emsigen Hand zu spiegeln. Da legte das saubere Städtchen, das überdies durch feine Lage und feine Thermalbäder auch ein wenig Weltbad spielt, reichen bunten Schmuck an. Und es gefällt sich darin so gut, daß es ihn gar nicht mehr oblegen mag. Da nun zweifelsfrei feststand, daß die Fahnen und Wimpeln und Guirlanden nicht meinem Empfange galten, setzte ich mich noch am gleichen Tage in den Post- Autobus und fuhr ins Surbtal hinaus, diesesmal nicht nach Endingen, sondern nach der anderen der zwei alten Muttergemeinden der Schweiz, Lengnau. Zwischen sonnenoergoldeten, lieblichen Wiesen geht der Weg, auf denen das Heu bereits zum drittenmale in die Höhe schießt. Auf den Aeckern steht die gelbe Frucht schnittreif. Hie und da türmen sich schon die Aehrenhaufen, dicker, größer, üppiger als auf dem wenigen ärmlichen Ackerlands im Gebirge. Ein Bauer legt mit langer Heugabel Fruchthügel um, daß sie vom Regen der Nacht trocknen. -Es hat sich nichts geändert in diesem Tale. Achtzehnmal siel die goldene Aehre unter der Hand des Schnitters, seitdem ich das Tal verlassen. Manchen lieben Freund batte inzwischen der andere Schnitter hinweggerasst. Die Felder blühen und welken Jahr für Jahr und die Surb rauscht und raunt, als wollte sie mir alles von der Zwischenzeit erzählen. . . . Einstens war dieser Boden, Sitz der zwei jüdischen Muttergemeinden der Schweiz mit autonomem Gemeinderechte, Schauplatz schwerer Kulturkämpfe. Die Reformflut hätte auch nach diesem stillen Crdenrvinkel hinübergegriffen und hohe Wellen geschlagen. Es war in den sechziger und siebenziger Jahren, in den Flitterjahren der Emanzipation — der jüngsten in Mittel¬ und Westeuropa —, da die junge Freiheit einem kleinen Kulturkreise zu Kopse gestiegen war. Mit dem Traume — von der absoluten sozialen und gesellschaftlichen Freiheit — war auch bald der Spuk zu Ende. Der alte, gute Geist siegte.- Noch vor oierundzwanzig Jahren« da ich beim leisen Aufblühen der Kornblumen zum ersten Male dieses Gefilde betrat, ergoß sich hier der Strom des jüdischen Lebens wie aus sonnigen Höhen. In Endingen ragte — und ragt noch — eine massive Synagoge über die Häusergruppe des Dorfes mit Uhrglocken, die von der Kuppel dieses einzigen Gotteshauses am Platze herab — katholische und protestantische Kirche sammeln die Gläubigen der anderen Konfessionen in nebenanliegenden Dörfern — den Bauern die Zeit kündeten. Einige und achtzig jüdische Familien wohnten in einfachen Giebelhäuschen, deren Dielen und Stiegen am Freitag spiegelblank geputzt waren. In keinem dieser Häuschen wurde nur im Geringsten der Sabbat verletzt, in jedem konnte auch der Gewissenhafteste bedenkenlos essen. An den Wochentagen waren die Männer alle bis aus die einigen Außenseiter des Lebens, ein paar Greise und von der Gemeinde verpflegten Tölpel, weit weg im „Welschland", irn Bernrschen, wo sie dem Viehhandel nachgingen, zum Teile auch ihre Ställe hatten, und sich fünf Tage in der Woche von Brot und Bier und einem Stückchen harter heimischer Wurst ernährten. Am Donnerstag abend schon sammelten sich die Verstreuten aus allen Gegenden, über Siggenthal und Dettingen kommend, im Heimatdorfe. Der Viehrock wurde abgelegt, und mit ihm alles, was drückte. Der Mensch begann, der Prinz... Die Frauen daheim, die die Woche über fast ausschließlich von gewärmtem Kassee und gerösteten Erdäpfeln gelebt hatten, fingen an zu kochen, zu backen, für die Männer, für den Sabbat... Am Freitagmorgen in aller Frühe schon rauchten alle Schornsteine. Aus allen Häusern drang der Duft der frischen „Zwiebeldünnen" und des frischgebackenen Brotes. Die Synagoge, die Woche über spärlich besucht, war am Freitag morgen schon gut gefüllt. Sorglos und zufrieden standen die Männer nach dem guten „Dünnenfrühstück" in Gruppen vor dem „Hirschen" oder der „Krone", die Pfeife im Munde, in Hemdsärmeln im Sommer, in bunten Westen im Winter, und diskutierten über alle Vorfälle in der Welt und der Gemeinde. Zuweilen läuteten Freitag vormittag die Glocken im Rathause, das die jüdische Gemeinde gemeinsam mit der politischen hatte, und riefen zur Gemeindeversammlung, die cnan nur am Freitag bei Anwesenheit der Männer abhalten konnte. Es^ gab Schiurim, ..Lernen und öffentliche Vorträge, ffiTififc Gemeindestube' und Schulraum zu klein waren.