Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1925)
- Date
- 1925-09-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8 Nr. 36 D er 3 sraelit 3. September 1925 Freitagabend war das neue „Lecho daudi" ein Ereignis, und vor Sabbatausgang stritt man heftig über die „drei Sterne".„Szanale hat zu bestimmen, er bringt die Nacht mit sich, ist ja Parnes. ..." Nach Sabbatausgang war man bis in die späte Nachtstunde im „Laienhose", dem jüdischen Gasthose, bei Bier und Kartenspiel, vielleicht auch um einen Vortrag des Lehrers vereinigt. In der Morgenfrühe des Sonntags zogen wieder die Männer zur Station — der Königstraum einer Gemeinde war verflossen. ... Zu den Hohen Feiertagen glich die Gemeinde einem starkbesuchten Wallfahrtsorte. „Wie die Taube in ihren Schlag" kehrten all die Einsiedler in den umliegenden Dörfern, aber auch die aus diesem Tale stammenden Städter zur Muttergemeinde zurück, um in ihren Armen sich in den heiligen Tagen auszuruhen, auszuweinen. Keiner hätte gewagt, am Rofchhafchonoabend die Synagoge zu betreten, ohne erst am Tage seinen Steuerobolus für die Gemeinde im Lehrerhause abzuliefern. Viele blieben über Sukkaus, da sich vor jedem Hause auf offener Straße, oft in phantastischer Zusammenstellung, eine Lattenhütte auftat. Am Simchasthoraabend spielte eine Bauernkapelle vor der Synagoge eidgenössische Nationalweisen und Jungen schossen Feuerwerk ab. Am Purim bewegte sich ein jüdischer Kostüm- und Maskenzug zu den Klängen der Blasinstrumente, gefolgt' vom ganzen Dorfe, durch die Dorfstraße bis zur „H:one", wo das Ballkomitee die Gäste empfing. Eine Fräuenvereinigung half überall, wo zu helfen war, „nähte" bei Todesfällen, sammelte für besondere Anlässe, ließ sich vom Herrn Lehrer Vorträge halten über „Wahltätigkeit" oder „Frauenrecht" und trank viel Kaffee beim „Iahreskränzchen" im „Laien". Nichts fehlte, nicht einmal der Schabbosgoi und der Gemeindenarr .... „Es war einmal" — so fängt auch dieses Märchen an. . . . Dieselben Aecker, dieselben Wiesen. Nur daß der jüdische Acker hier keine Saaten und keine Frucht mehr zeigt. ... Die Surbtal bahn, die über die zwei jüdischen Dorfgemeinden führen sollte, war, wie ich vor bald einem Vierteljahrhundert dahinkam, im Plane in allen Teilen fertiggestellt, bis auf die E i n w e i h u n g s r e d e, die ich im Namen der jüdischen Gemeinde halten sollte. . . . Die Rede blieb ungehalten, die Schienen wurden bis auf den heutigen Tag nicht gelegt. Und der Autobus, der mich jetzt in einer guten halben Stunde durch das ganze Tal von Baden aus führt, fuhr damals noch nicht. Da sagten die Jüngeren: „Kommt nicht die Bahn zu uns, so gehen wir zur Bahn." Die Eisenstränge, die von Waldshut nach Turgi durch die nächsten Stationen laufen, liegen eine gute Stunde vom Orte entfernt. Sie führten die jüngere Generation hinaus, sie kam nicht wieder. Indes die Alten, einer nach dem andern, die Chaussee nach L e n g n a u hinausgefahren wurden, wo sich das große Gräberfeld von altersher erhebt. Das ist die Geschichte vom Untergang einer Landgemeinde, vieler Landgemeinden.- Eine halbe Stunde später sitzen wir auf der kleinen Holzveranda, hier Laube genannt, im sauberen Häuschen N e u b e r g e r s , der in L e n g n a u seines Lehreramies waltet und blicken gerade hinaus auf die in der Nächmittagsfonne brütende Wiese. Links in einiger Ferne ragen Steine des alten Friedhofes, des einzigen gemeinsamen Punktes, an dem sich die beiden Gemeinden trafen und treffen. Rechts schaut aus dem Gebüsch über die bretterumzäunten Krautgärten aus nächster Nähe die stattliche Fassade des Altersafyles, das die letzten Menschenruinen der beiden Gemeinden ausgenommen und in Liebe behütet. L e n g n a u , früher kleiner an Zahl und ganz von dem rührigen Endingen überschattet, hat sich im Verhältnis besser gehalten, dank dem bestens geleiteten Altersasyl, das noch letztes glimmendes jüdisches Leben birgt. Wie in Endingen, ist auch hier die prächttge Synagoge die ganze Woche geschlossen. Aber es wird täglich mit Minjan gebetet im Altersasyl, allsabbatlich auch noch gelernt. Unser Neuberger müht sich redlich, noch aus Ruinen letzte Reste jüdischen Lebens zu zaubern. In der guten Stube des Lehrers wartet, indes wir in der Laube beim Tee aus alten Zeiten plaudern, das Kind. Es ist die derzeitige Re li g i o n s f ch u l e Lengnaus. In Endingen, wo zu meiner Zeit etwa 60 bis 70 Kinder in vier Klaffen täglich religiöse Unterweisung erhielten, dürfte heute gar kein Kind mehr warten.... Auf der einen Seite das A l t e r s a f y l, auf der anderen in einiger Entfernung der alte Friedhof — das ist das heutige jüdische Surbtal. Tags darauf sitze ich in der hübschen geräumigen Synagoge dos aufstrebenden Baden auf den Stufen zur „Heiligen Lade" neben einem Herrn aus Fulda, der, stimmbegabt und sangfroh, die Fuldaer Trauermelodien in den Raum hinausschmettert. Es ist der neunte Aw. Auch ich komme wiederholt daran und darf laute Klagen anstimmen über „den Berg Zion, der verwüstet ist, wehe!" Im Geiste füge ich den Kinaus noch ein. Klagelied an — über die Zerstörung heiligen jüdischen Lebens an den Ufern der Eurb. ... X. Züricher Trost. Im Reiche des jüdischen Geistes geht die Sonnen nicht unter. Irgendwo erstrahlt sie, die liebe Sonne, wenn sie sich hier gesenkt, mit neuer Kraft. Hier braucht man nicht einmal weit zu suchen. Der „Trostsabbat" in Zürich, der für mich auf die Surbtaler Trauertage folgte, zeigte, daß das jüdische Leben in der Schweiz im allgemeinen doch tiefe Wurzeln in den letzten Jahren geschlagen hat. Daß sich die Stadt auf den Trümmern der Landgemeinde aufbaut, ist nicht allein eine schweizerische Erscheinung. Danken wir dem Himmel, daß sich in den Städten. auch hier geistige Zentren herausgebildet haben, in denen letzte versprengte Reste vom Lande doch noch ihr Sammelbecken finden. Im letzten Jahrzehnt hat sich die. schweizerische Judenheit um drei oder vier prachtvolle Synagogen bereichert. Das kleine, dunkle Bethaus auf dem Schloßberg zu Baden ist einer modernen, geräumigen, schönen Synagoge im neuen Kuroiertel gewichen. In. Luzern prangt ein prächtiges Gotteshaus wie im ewigen Feftgewande. Was sich aber in Zürich mit der neuen Synagoge der R e l i g i o n s g e f.e ll s ch a s t dem Äuge des Fremden bietet, ist ein Wunder der Technik, der Architektur, aber auch ein Wunder der nie versagenden jüdischen Liebe und Opferkraft. Schon von außen präsentiert sich der Monumentalbau, hoch aufgerichtet auf einem Hügel und in hellen Farben gehalten, in ragender Würde und Schönheit. Man steigt ein Dutzend Steinstufen wie die Freitreppe eines Königspalastes hinauf und das Auge fällt auf das liebliche Grün des den Bau umkreisenden wohlgepflegten Gartens. Dann tritt man durch die geräumigen Vorhasien in den dunkel abgetönten Jnnenraum, in dem alles auf das Aesthetifche, Vornehme und Praktische angelegt ist. Von der Ostwänd winken sinnige Ornamente und goldfarbige Embleme auf kostbaren Stoffen. In der Mitte erhebt sich, den ganzen Raum beherrschend, der Almemor mit den leuchtenden Kandelabern und bunten Teppichgeweben auf Stufen und Boden. Neu und sauber blinken die bequemen Bänke und Pulte. . Der Gottesdienst ist in diesen Wochen zwischen Trauer und Trost, da Kantoren und Oberkantoren irgendwo weit von der Gemeinde von ihren Strapazen ausruhen, überall mehr oder weniger verwaist. Am Vorbeterpult steht am Freitagabend und am Sabbat, ein Mitglied mit viel Würde und Routine. Der Baumeister dieser Synagoge hat gewißlich in der Friedberger Anlage zu Frankfurt am Main manches abgeguckt. Aber auch der Gottesdienst heimelt den Frankfurter an. Es ist unverkennbar Friesländerimitation, bis auf die Geste, mit der der Laienvorbeter fein Gebetbuch auft und zuschlägt.Ein Chor, von jungen Männern der Gemeinde zusammengesetzt und von einem jungen, stimmbegabten und sangfrohen Mitglieds ehrenamtlich geleitet, packt seine besten Nummern aus, dem „Trvstfabbat" zu Ehren. Nach Schul am Sabbatvormittag zeigt keiner Eile. Frauen und Mädchen kommen die Paralleltreppe herunter. Letztere in sommerlichen, farbenfrohen Kleidern. Viel mehr Bubiköpfe als Aermel .... Innen trennt ein dichtes Gitter zwischen oben und unten. Draußen aber ist der Ausblick frei und Ansammlungen sind polizeilich verboten. Darum bleibt man gern in großer Ansammlung stehen. Alles wie bei uns daheim. ... Am Nachmittag wird in den unteren Räumen der Synagoge, die eine Fülle von Zweckmäßigkeiten und religiösen Notwendigkeiten bergen, gelernt. Männliche Zugend sammelt sich zu einem Vortrag. In einem anderen Raume sitzen ältere Herren bei einem Gemoroschiur um den Herrn Rabbiner. Von drüben dringen lebhafte hohe Stimmen temperamentvoller Mädchen. Dort tagt die Mädchengruppe der Agudas Jisroel. Das jüdische Leben ist im lebendigen Fluß. Man atmet nach dem. großen Abstieg wieder geistige Höhenluft. ... . - Wahrlich ein würdiger Abschluß des . Gänzen, dieser Z ü r i ch e r „T r o st s a b b a t! ... * Eine jüdische Kolonie in China. Die Jüdische Telegraphen-Agentur brachte vor kurzem die Nachricht, daß der dänische .Forschungsreisende Dr. Holm das Denkmal der nestoranischen Christen, in Hsinganfu nach Europa (Rom) überführt'und nach seiner Rückkehr aus China über die Auffindung einer alten jüdischen Kolonie in Kaifongfu (am Hoangho in der Provinz Honan) berichtet hat. Der bekannte China- Forscher Oberst Gudowius berichtet nun über die Gerichte der jüdischen Siedlung in China folgendes: Das Bestehen der Jüdischen Gemeinde in Kaifongfu war bekannt. Sie/, bildet den Rest einer einst großen jüdischen Kolonie.'Hach jüdischer Ueberlieferung und den Forschungen der chinesischen Jefuitenmission müssen die ersten Juden um 70 n. übl. Ztr. auf dem Landwege über Samarkand eingewandert sein — anscheinend aus Perlen, worauf zahlreiche persische Worte in ihrer Sprache und Literatur, sowie vielfache Anklänge an persische Gebete in ihren Gebetbüchern schließen ließen. Während des Mittelalters breiteten sie sich sehr aus; es gab zahlreiche Gemeinden im ganzenLieich, deren religiöser und geistiger Mittelpunkt sich in Kaifongfu befand. Dort wurde irn 12. Jahrhundert eine Synagoge erbaut, die später noch mehrfach vergrößert worden ist. Verschiedene der berühmten Reisenden des Mittelalters, z. B. der Araberr Jbn Batuta und der Venezianer Marco Polo, berichteten über die chinesischen Juden, über ihre beträchtliche Zahl, ihren Wohlstand und zeitweisen politischen Einfluß. Noch im 18. Jahrhundert gab es eine Menge jüdischer Gemeinden— außer in Kaifongfu/ auch in Hangchou, Mngpo und anderen. Städterr Südchmäs. - Bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts war ihre Existenz — trotz der Reifebefchreibung Marco Polos — dem europäischen Judentum unbekannt. Erst durch die eingehenden Berichte der Jesuiten, hie sich von Anfang an aus wissenschaftlichen Gründen für die jüdischen Gemeinden interessierten, drang die Kunde nach Europa. Verschiedene namhafte Jesuiten haben im 17. und ls! Jahrhundert Kaifongfu besucht, um sich über die dortigen Juden, ihren Glauben, Kult und Sitten zu orientieren, und sind mit ihnen in geistigen Verkehr getreten. Avs ihren Berichten ergab sich, daß die Juden nur noch geringfügige Kenntnisse im Hebräischen besaßen, trotzdem sie noch im Besitz zahlreicher hebräischer Urkunden waren; auch die Lehren und Erzählungen des Alten Testaments waren vielfach in Vergessenheit geraten — ihr Kult allerdings war unverändert geblieben. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fetzte ein immer stärker werdender Verfall der jüdischen Gemeinden ein, was wohl in der Hauptsache auf die Verarmung der Gemeinde in Kaifongfu, ihres geistigen und kultischen Mittelpunktes, zurückzuführen ist. Die Lockerung des geistigen Zusammenhanges hatte die religiöse und schließlich auch rassemäßige Aufsaugung des Judentums durch das Chmefentum zur Folge. Die gänzlich verarmte und zahlenmäßig auf wenige Hundert Juden zusammengeschrumpfte Gemeinde; in Kaifongfu verzichtete nach der letzten großen UeberschwemmuNg 1849 und den furchtbaren Verheerungen des Jaiping-Aufstandes, auf einen Wiederaufbau der Synagoge, deren Platz nur noch durch einen, das jüdische Besitzrecht anzeigenden Gedenkstein bezeichnet wurde. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen namhafter abendländischer Juden, mit der jüdischen Gemeinde in Kaifongfu in Verbindung zu treten, kam es 1900 in Kaifongfu in einer Gesellschaft zur Rettung der chinesischen Juden, der es 1901 gelang, eine Anzahl jüdische Männer aus Kaifongfu nach Schanghai zu ziehen. Das Schicksal der jüdischen Kolonie in China ist nicht nur in religiöser Beziehung, sondern auch raffenbiologisch interessant und bedeutungsvoll. Alle fremden Völkerbestandteile in China — ob sie nun auf friedlichem. Wege eingewandert oder als Eroberer gewaltsam eingedrungen — sind, sobald eine Rasftnvermischung eintrat, dem Chinesentum erlegen und von ihm fast spurlos aufgefogen worden. Selbst die rassezähen Juden bilden keine Ausnahme: die Bilder der nach Schanghai gekommenen Kaifongfuer Juden, die äußerlich völlige Chinesen geworden waren bis auf die Zöpftrachtzeigen nur bei einem einzigen noch einige jüdische Rassenmerkmale. Es ist ausschließlich Sache der Leser, die im Inseraten teil enthaltenen Empfehlungen ritueller Maren oder sonstige Angaben retigionsgefehlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. utvilu JUdkeusJMiiUec CAFE HANSELMANN KAISERGARTEN gegenüber dem Opernhaus Künstler-Konzerte 4—12 Uhr Helle Schaufenster sind die besten Kuhdenwerber Kostenlose fachmännische Beratung J. Gischler, elektrische Anlagen Gr. Bockenheimerstr, 52—56, Tel. Hansa 5079 Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilleton S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. SB.:.«. Schachnowitz, ebenda. — Verlag „Israelit", G.m.b.K., Frankfurt a.M. Druck Hermon Verlags-Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M.