Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1925)
- Date
- 1925-09-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Sk. 36 D e r 3 s r a e l i t 3, September 1925 Hauptsache wohl deshalb, um die dortige jüdische Bevölkerung in den Genuß der Krankenversorgung zu bringen. Eine finanzielle Belastung der Organisation dürfte aus der Versicherungsnahme der ländlichen Bevölkerung wohl kaum entstehen, da in diesen Kreisen zumeist recht günstige Gesundhei!sverhältnisfe vorherrschen. Zum Schlüsse dieser Darlegungen möge nicht unerwähnt bleiben, daß die in dem vorliegenden Plane angestrebte Sanierung der Heil- und Pflegeanstalten und der übrigen Krankenversorgung unmittelbar einer Sanierung eines erheblichen Teiles der jüdischen Bevölkerung in Deutschland gleichkommt. Ls dürfte einleuchtend sein, daß die Auswirkungen dieser Umstände auch für eine Verbesserung der allgemeinenwirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen berechtigte günstige Erwartungen zulassen. aus resultierenden Teuerung wieder Oberwasser verspürt. In Wahrheit ist durch die Politik des Landbundes und der rechten Parteien die ungeheure Teuerung erzeugt worden, die die Regierung zwar bekämpfen will, die aber jetzt schon von der Bevölkerung getragen werden muß. Die Völkischen wollen nun dafür sorgen, daß die Erbitterung der breitesten Volksschichten sich nicht gegen den Landbund und seine Gefolgschaft entlädt, sondern auf die Franzosen und Engländer, also auf das Ausland, abgelsnkt wird, daß ferner aber auch im Inneren für die Teuerungspolitik des Landbundes die Prügelknaben gefunden werden. Die Zeitung schließt: „Ganz leicht wird den Völkischen der Weg zu diesem Ziele heutzutage ja nicht mehr fallen; denn die Bevölkerung ist inzwischen sehr viel kritischer geworden, und fällt nicht auf jedes Täuschungsmanöver der Völkischen herein." Möge sie recht behalten. Mochenrundschau. Zentrum^und deutscher Katholikentag. Ls hat Verstimmung und Beunruhigung in demokratischen und jüdischen Kreisen hervorgerufen, daß das Zentrum, bislang in einem Block mit den republikanischen Parteien vereinigt, in einigen politischen Fragen der letzten Zeit — so bei der Annahme des Zollgesetzes — nach rechts hinüberschwenkte. Was die tieferen Beweggründe zu dieser politischen Kursänderung immer gewesen sein mögen, die geistige Stiuktur des deutschen Katholizismus,- seine aus Recht und Glauben gegründete Ideologie scheint glücklicherweise davon nicht berührt zu sein. Das zeigt evident der diese Woche in Stuttgart zu Ende gegangene Katholikentag. Es ist dort, wie immer aus diesen Tagungen, so manches schöne Wort gefallen, das in seinem politischen wie geistigen Gehalte auch für jüdische Ohren einen guten Klang hat. Beharrlich stehen die Katholiken auf dem Boden des Rechtes und der religiösen Toleranz. In einer Versammlung der Katholischen Schulorganisation gab Reichskanzler a. D. Dr. M a r X, der Begründer und Leiter dieser Organisation ist, eine programmatische Erklärung zur Schulfrage ab, in der er ein Staats sch ul mono pol entschieden ablehnte. In Verbindung damit wurde auf seinen Antrag die kategorische Forderung auf Schutz der konfessionellen Minderheiten ausgesprochen. Damit bekannte sich der deutsche Katholizismus noch einmal offen zur alten Tradition von Windhorst und Lieber. Es ist auch für uns Juden bedauerlich, daß eine der festesten Stützen dieser liberalen Zentrumspolitik mit dem Austritt Dr. W i r t h s aus der Zentrumsfraktion ihr genommen wird. Sind es aber rein politische Differenzen, die zu diesem Austritte geführt haben, so darf man hoffen, daß Dr. Wirth, dem wir sein mutiges Eintreten für das jüdische Recht während seiner Kanzlerperiode nie vergessen werden, der alte Zentrumsmann bleibt. Wenn auch außerhalb der Fraktion, so wird doch in der Partei Wirth seinen Einfluß für die Stärkung des liberalen Flügels einsetzen, der den guten Geist, der das Zentrum bisher beseelte, ihm auch für alle Zukunft sichert. Neue Feldzugspläne der Antisemiten. Das „8 Uhr-Abendblatt" der „Nationalzeitung" weiß über eine gesteigerte völkische Propaganda zu berichten. Finanziert wird dieser neue Feldzug vom „Landbund", der mit der Annahme der Zollvorlage und der dar- 5iofcfi~fia~/cfiono- S(fickio&n|cfie Können in drei Größen veröffentlicht werden: Größe 110 Zeilen Ispaltig zu Mk 4. — Größe H15 Zeilen Ispaltig zu Mk. 6.- Größe III10 Zeilen 2spaltig zu Mk. 8.— Die Beträge wolle man aus Postscheckkonto Nr. 19802 überweisen, den Text durch Postkarte einsenden. Texte, die bis zum 13. September morgens in unserem Besitze sind, werden in der Rosch-ha-schono-Nummer, später eintreffende in der darauffolgenden veröffentlicht. Wer seine Glückwünsche zu Gunsten von Erez Israel avzutösen wünscht, wolle dem nach Belieben sestzusetzenden Ablösungsbetrag eine Gebühr von 90Pfennig für die Veröffentlichung von Namen und Wohnort im Samrnetinserat beifügen. Frankfurt a. M., 20. August 1925. Verlag äer „Israelit" 6. in. v. y Die Haarverhüllung. Von Lotte Popper-Lewinsky in Hamburg. Dreierlei Pflichten sind es, die das Mädchen durch die nsin als jüdische Frau auf sich nimmt: die Pflicht des Kaschruth, der Ehegesetze und der Haarverhüllung. Dabei bezieht sich die erste auf ihre Tätigkeit im eignen Haushalt, die zweite auf ihr Verhältnis zum Ehemann, die dritte auf ihr Verhalten außerhalb des Hauses. Denn mit dem bloßen Auseinanderhalten von milchding und fleischding ist der Din. des Kaschruth nicht erfüllt, hinzu kommt das Vorbereiten des Schabbos, der Feiertage, Bereitsein zur Gastfreundschaft und noch viel Kleines, das alles im Ganzen erst den „koscheren" Haushalt ausmacht. Ebenso erschöpfen sich die Ehegesetze nicht im Absondern während bestimmter Tage und in der vielmehr wollen und sollen sie einen gewissen Ton im Zusammenleben beider Ehegatten schaffen, der selbst sich nicht in Formeln bringen läßt, der den Gedanken des fiUPis in erster Linie verwirklicht. Nicht ohne Grund steht die Forderung der Haarverhüllung in der Di2ir>2 mm rtitt dem Verbot des Spinnens auf der Straße (weil beim Spinnen die Arme bloß sind) und dem des Schwätzens auf dem Markt zusammen. Hieraus geht deutlich hervor, was von einer jüdischen Frau verlangt wird: Züchtigkeit, Keuschheit, Zurückhaltung. Gerade in der Jetztzeit, da die Frauenkleidung vielfach jeden Anstandes spottet und das Gebühren der Frauen in der Oeffentlichkeit häufig alles andere als würdevoll ist, gerührt dieser dritten Pflicht der Haarverhüllung vor allen Dingen Beachtung. Demgegenüber hört man jetzt oft auch in 'onst gesetzestreuen Kreisen die Ansicht vertreten, m: die; Haärverhullung ein' . überwundener Standpunkt sei, eine orientalische Sitte, die wohl im Morgenland unter ganz andern Lebensoerhältnfssen und Temperamenten ihre Berechtigung hatte, die aber heute und bei uns Um so mehr überlebt sei, als die Männer durch die Mode sozusagen immun gegen Frauenreize geworden seien, und man keine Ursache mehr habe, sein Haar zu verbergen. Daß die Geschichte mit der Immunität nicht so stimmt, lehrt ein kurzer Blick auf die moderne Romanliteratur, die Kinostücke, die Operetten und Revuen. Mann und Frau sind seit Adam und Loa dieselben, und auf jeden normalen Mann wirkt das Weibliche und besonders das Haar als sekundäres Geschlechtsmerkmal. Deshalb gilt das Gebot der Haarverhüllung ebenso heute wie vor lausend Jahren und heute erst recht, wo der Mann durchaus nicht immun gegen Frauenreize ist, sondern vielmehr empfänglicher für sie und weniger gezügelt. Ebenso ergibt sich aus dem eben Gesagten die — man sollte meinen— selbstverständliche Pflicht für die jüdische Frau, auch in Kleidung und Benehmen die Gebräuche der andersgläubigen oder jüdisch assimilierten Umwelt nicht mitzumachen. Leider aber sieht man scheiteltragende Frauen mit kurzen Röcken, ärmellosen Kleidern, tiefem Halsausschnitt, ein modernes Gesellschaftsleben oder seichtes Badetreiben mitmachend. Ja, da sah ich kürzlich eine, die trug eine Perücke mit — Bubikopfschnitt! Nun scheint mir die Wurzel alles Uebels in der Art des heute üblich gewordenen Scheitels überhaupt zu liegen. Was tut man denn, wenn man heiratet? Man läßt sich eine Perücke arbeiten, die schön frisiert ist, einem gut steht, häufig besser als die schlechte Mädchensrisur. und vor allem — das ist die Hauptsache — nicht erkennen läßt, daß sie überhaupt eine Perücke ist. Man geht immer mit einem modern frisierten Kopf herum und zieht sich dementsprechend der Mode nach an. Damit will ich nicht sagen, daß es nicht Frauen gibt, die einen Scheitel tragen und doch in ihrer Kleidung Grenzen zu wahren wissen. Aber in bedauerlicher Weise nicht allzu seltenen Fällen ist es so, wie ich oben schrieb, und wird nicht eher anders werden, bis man dis moderne Perücke endgültig perhorresziert. Denn das muß einmal deutlich ausgesprochen werden: die heute übliche Perücke erfüllt zwar den Wortlaut, nicht aber den Sinn des Gesetzes. Denn wenn ich mein Haar verhüllen soll, kann das nicht bedeuten, daß ich mir fremdes aufsetze, das wohl mein eigenes bedeckt, aber als fremdes nicht zu erkennen ist. Nun muß man zugsben, daß der sogenannte „Scheitel" des vorigen Jahrhunderts alles andre als ästhetisch wirkt, Lind so erklärt sich der Abscheu der jüdischen Frauen gegen diesen „Kopfputz" und als Reaktion darauf einerseits die moderne Perücke, andererseits die Nichtbeachtung des Dins in weiten Kreisen. Aber auch der p — mit gewissem Recht — in Ungnade gefallene „Scheitel" ist durchaus nicht die einzig richtige Erfüllung des Gesetzes. Man soll sich ja . durch die Haarverhüllung nicht entstellen; heißt es doch ausdrücklich in der heiligen Schrift, daß die Ehefrau sich für ihren Mann immer 'chmücken soll, und eine mit so einem Scheitel „verzierte" Frau ist gerade kein augenerfreuender Anblick. Was tun? Was für Wege gibt es, das Gesetz dem Wort und Sinn nach zu erfüllen? Vielleicht , kann ich hier aus meiner Erfahrung Suchenden einige Fingerzeige geben — ohne behaupten zu wollen> daß das die einzigen Möglichkeiten sind —, damit Findige zur Produktivität auf diesem Gebiet unregen und mancher ergebnislos Forschenden aus ihren Skrupeln helfen. Denn zunächst U tzs und bleibt es ein schwerer Schritt, zu dem man sich durch diensin verpflichtet: sein Haar, das man in natürlicher Mädcheneitelkeit gern gepflegt, zur Schau trug, einen Kopf, um den man jugendlich frisch Sonne und Wind spielen ließ, zu' verhüllen.