Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-08-27 · Heft 35 (27.8.1925) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 35 (27.8.1925)
Date
1925-08-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450371--72465-2529840
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

27. August 1925 Aeher die Ursachen des religiösen Verfalls in den Landgemeinden und Vorschläge zum religiösen Aufflieg. Bon Lehrer Moses Elsemann in Hamburg. Wir stellen hiermit das Problem der jüdischen Landbevölkerung, eng verbunden mit der jüdischen Zukunft in Deutschland überhaupt, zur Diskussion. Wir hoffen, daß der Aussatz des Herrn Lehrer Eisemann einen lebhaften Meinungsaustausch Hervorrufen wird, an dem sich vor allem die jüdische Landbevölkerung selber, für die diese Frage von höchstem Interesse ist, stark beteiligt. Das Landesdirektorium des Keren .Hathora in Deutschland. Oberrabbiner Dr. Spitzer. I. Seit einigen Jahrzehnten wächst in Deutschland die Landflucht unaufhörlich. Die Groß- .stadt verschlingt den Zufluß der frischen Kraft und gibt ihm das eigene Gepräge. Die ländliche jüdische Bevölkerung schloß sich dieser Bewegung, . wenn auch aus besonderen Ursachen, stark an. Klaffende Lücken wurden den kleinen jüdischen Gemeindekörpern gerissen, die sich nie wieder 'schlossen, weil die jüdische Familie meistens ganz geschlossen abwanderte, während die nichtjüdische Familie nur einzelne Glieder an die Großstadt abgab. Ideelle und materielle Ursachen bestimmten den Landjuden zur Abwanderung. Nur teilweise waren die Juden auf dem Lande grundbesitzend und deshalb seßhaft geworden. Sie vermittelten hauptsächlich den Austausch der ländlichen und städtischen Produk.ion. Allmählich wurde diese Nährquelle durch Konkurrenz geschwächt. Man trennte sich davon, zog mit gemischten Gefühlen stadtwärts und mußte dort unausbleiblich eine Umschichtung erleben. Der Jude ist hochgradig anpassungsfähig, und so ging in der Stadt das Ländlich- Eigentümliche schnell verloren. Die neuen städtischen Berufssorgen hemmen oder verschließen dann für immer die Rückkehr zum Lande. Stark lockt aber auch den Landjuden die gesteigerte Bildungsmöglichkeit der Großstadt. Noch mehr bestimmte ihn dazu der zukünftige Werdegang seiner unerzogenen Kinder. Vielfach gaben Anreiz zum Wegzug zur Großstadt die auf dem Lande tätigen Beamten durch das eigene Beispiel. An und für sich ließ sich wenig gegen jene Ursachen zum Abzug in die Großstadt einwenden, wenn nicht unter jenem Vorgänge die jüdische Land- und Stadtgemeinde leiden müßten Jene schrumpfte zusammen und erkrankte in allen ihrem Einrichtungen, bis sie mit der bedauernswerten Auflösung endete, und die Stadtgemeinde erkannte nicht rechtzeitig, daß man auf dem Lande helfen muß, wenn nicht die ländliche, frische, auffüllende Quelle der Großstadt für immer versiegen sollte. Das Verlustkonto mußte, also auf beiden Seiten wachsen. Schon längst vor dem Abzug war dem Juden die Liebe zur ländlichen Kehillo geschwunden, denn was ihm der Vater und Großvater vom früheren, eifrigen, rührigen Lernen und frommen Betätigen erzählte, mutete ihn märchenhaft an. Die Landschule war ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen, weil der Gemeindevorstand vielfach unbcwährte Kräfte als Lehrer berief. Die Großgemeinde beherzigte zu spät die Mahnung, daß mindestens ein. Teil der durch den Landzufluß gewonnenen Geldkraft wieder an die Landgemeinde zurückfließen muß, wenn dort die Institutionen nicht für immer verfallen sollten. (Fortzug der Wohlhabenden in die Großgemeinde: wenn mehrere Steuerkräftige, die die Hauptlasten der Gemeinde trugen, abwanderten, wurde die Lehrerstelle unmöglich). Fast immer blieben nur die wirtschaftlich Schwachen in der Landgemeinde zurück, die nur noch mühsam die Institutionen erhielten und schließlich erlahmten, weil auch Herz und Sinn in der schule nicht das Rüstzeug zur Ausdauer und zum Opfern D e r I s r a e l i t _ Blätter_' empfangen hatten. Vor 40 Jahren gab es in Hessen noch Landgemeinden mit kaum 15' Haushaltungen, welche die Religionsschule pro Haushaltung jährlich 100 Mk. kostete. Das war damals sicherlich eine Kultussteuerleistung, die man nicht vielen. Mitgliedern der Großstadtgemeinde nachrühmen kann. Wohl muß erwähnt werden, daß schon damals einzelne große Führer der deutschen' Juden die geschilderte Gefahr erkannten und mit starkem Herzen für die Besserung schafften. Ich nenne nur die Namen Samson Raphael Hirsch, (Freie Vereinigung), Dr. Feilchenfeld (Seminar Düsseldorf) und dessen großen Nachfolger, Dr. Plato, Köln. Namentlich diesem Manne war die Sorge um die Landgemeinden Herzenssache geworden, er bevorzugte die geeigneten Kräfte vom Lande als Material zur Heranbildung zum Lehrer. Für P. war es feste Norm, daß der Landlehrer auch Chason und Schauchet sein müßte: diese Qualität mußte er besitzen, um den notwendigsten Ansprüchen der Landgemeinde dienen zu Wunen. Seine Persönlichkeit besaß das Vertrauen seiner Schüler und auch der Landgemeinde. Aus seinem eigenen Erleben gab er den jungen Lehrern Kraft und Begeisterung zum heiligen Werk in den Landgemeinden. Man muß konstatieren, daß das Werk jener großen Männer durch die Nachfahren nicht fortgesetzt und ausgestaltet wurde. Streckenweise verödeten die Landgemeinden. Gleichgültigkeit und Unwissenheit wurde dort Gemeingut, wo zuvor Hingabe und Sorge um Tauroh und Awaudo die Herzen erfüllten. Erst im letzten Jahrzehnt entschlossen sich verschiedene Vereinigungen zur Hilfsaktion. Durch die I Postscheck - Konto I Laadesorpisation: I Gruppenverband der R „Agudas Jisroel“ I in Deutschland, Halberstadt: I Nr. 1890t Berlin. I traurige wirtschaftliche Lage wird diese Tätigkeit sehr beengt. Man greift zu kleinen Mitteln: in Komiteesitzungen wird die Beglückung der Landgemeinden erörtert und beschlossen. Rabbiner und Wanderredner und Wanderlehrer erzählen in Gastrollen den Kleingemeinden umsonst von der notwendigen Erstarkung des Judentums auf dem Lande. Umsonst sind diese Anstrengungen, denn sie finden keine Resonanz bei den Landjuden, und es kann nicht anders sein, denn all dies Beginnen bleibt an der Oberfläche. Das Einzige, was die Landjuden bei jenen wohlgemeinten Bestrebungen im großen und ganzen erübrigen, ist die gute Meinung, mehr nicht. II. ♦min, s'rr dk Die Lösung des ganzen Problems beruht zweifelsohne sehr stark auf wirtschaftlichen Maßnahmen. Die Hauptnährguellen der Landjuden waren der Viehhandel und das gemischte Warengeschäft, und diese sind in andere Hände übergegangen. Die Bauernvereinigungen haben die Viehmärkte.hinweggefegt, und die Beschaffung des Jungviehs und den Tauschhandel größtenteils sich zu eigen gemacht. Nur spärlich wird noch der jüdische Viehhändler in Anspruch genommen. Mit dem Viehhandel war gewöhnlich auf dem Lande eine Schlächterei verbunden. An vielen Stellen war dieses Gewerbe fast aus- Nr. 17 Seite 3 I schließlich in jüdischen Händen. Tatsächlich wird es aber jetzt von anderen betrieben. Das gemischte Warengeschäft und der Hausierhandel sind durch starte nichtjüdische Konkurrenz ins Hintertreffen gekommen. Not tut die Neugründung von Existenzen, die sich dem Landleben naturgemäß einstigen: Züchtereien (Geflügel) Molkereien und gewerbliche Betriebe wü.den dem Landjuden neue Erhaltungsmöglichkeit und Freude am Landleben wieder beschaffen. Sie würden sich selbst retten und das ist die beste Hilfe. Freilich müssen anfänglich die Großstadtjuden unterstützend Eingreifen, sei es durch Kapitalbeteiligung oder in Beschaffung von Abnehmern jener Erzeugnisse. Die intime wirtschaftliche Verbindung zwischen Stadt- und Landjuden würde eine gesunde Unterlage zur geistigen und religiösen Annäherung von selbst ergeben. Solche Unternehmen und solche Verbindungen öffnen das Herz des Landjuden und stärken ihm wieder den Willen zur jüdischen Tat. Wohl existieren noch einzelne jüdische - gute Geschäftsbetriebe in den Landgemeinden, und gerade dieses Schaustück täuscht häufig den außenstehenden Beobachter über die Steuerkraft der Gemeinde. Der größte Teil der Stadljuden, einschließlich der Herren Wanderredner, kennen die Mühen und Sorgen des Landjuden nicht. Sie wissen nichts davon, was ihm den Atem raubt und die Flügel lahm macht. Ja, gewiß, in der Inflationszeit durchkostete er denselben Rausch, der auch den Stadtjuden umnebelte. An beiden Stellen ist die Ernüchterung eingetreten, und die graue, harte Wirklichkeit verlangt gebieterisch das gegenseitige Erkennen und Helfen. III. Cs wohnen 8 Zehntel der deutschen Juden in den Großgenreinden. An ihrer Nahrungsmittelversorgung müßte mindestens der auf dem Lande gebliebene jüdische Nest hochprozentig beteiiigt sein. Warum sollte es nicht möglich sein, daß auf den vorhandenen jüdischen Großgrundbesitzen Musterinstitute für Geflügelzucht und Meiereibetrieb ins Leben treten? Es ist doch bekannt, daß auf den genannten Gütern mit Umsicht und gutem Ergebnis gearbeitet wird. Würde man die Abwanderung der Landjuden auf die Güter lenken, um sich in Züchtereien und Molkereien Kenntnisse zu erwerben, so ergäben sich dann später von selbst Existenzmöglichkeit und ILeßhaf.igkeit auf dem Lande. Ganz besonders liegt diese Entwicklung sehr günstig im nächsten Umkreis der Großstädte. Es ist Tatsache, daß in Norddeutschland Gänsemästereien in der Nähe der Großstadt zu ganz großen Betrieben ausgewachsen sind. Ob sich ein solches Unternehmen im Einzelbesitz entwickelt oder durch Zusammenschluß geschaffen wird, ist für das angeregte Ziel gleichbedeutend. Seit langer Zeit werden aus Holland und Dänemark fette Hühner und anderes Geflügel allwöchentlich von den Grotzstadthändlern bezogen. Jene Züchtereien sind doch unbedingt auch hier möglich. Die Milch- und Bntterversorgung der Großgemeinden aus ländlich-jüdischen Betrieben würde dann auch die Großgemeinde von mancher Sorge befreien, wenn man es versteht, jene Versorgung richtig zu organisieren. An diese Betriebe schließen sich erfahrungsgemäß andere gewerbliche Erwerbsmöglichkeilen an. Die Hilfe der Stadtgemeinde muß natürlich bei der Einleitung jener Umstellung der Lcmdjuden tatkräftig einsetzen. Diese Hilfe wird auf dem Lande starken Eindruck machen, und Herz und Sinn auch zum ' religiösen Ausstieg vorbereiten. Die Forderung lautet: 1. Gründung der Muster- und Lehrinstitute für Molkereien, Geflügelzucht und Mästereien auf den bestehenden jüdischen Landgütern. 2. Mit diesen Instituten ist organisch der entsprechende Fach- und Religionsunterricht zu verbinden. 3. Die Beteiligung der Stadt- und Landgemeinden an der Begründung von Dar-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.