Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1925)
- Date
- 1925-08-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 35 Der Isr ne 11 l warum sollten wir ein Hehl daraus machen, daß die Absorbierung der Kräfte so vieler gesetzes- Ireuen Persönlichkeiten, wie sie der Misrachi umfaßt, durch eine wesensfremde Organisation eine der schmerzlichsten Wunden ist, an denen der Gesamtkörper der thoratreuen Iudenheit krankt. Als vor dreizehn Jahren „Agudas Iisroel" ins Leben trat, durfte sie hoffen, daß diese Wunde durch den damals bevorstehenden Austritt des „Misrachi" aus der zionistischen Organisation sich schließen, die geeinte Orthodoxie in innerer und äußerer Harmonie dastehen und damit auch der erste Schritt zum einheitlichen Wiederaufbau des ganzen jüdischen Volkes auf dem Grunde der Thora geschehen sein werde. Die Hoffnung trog. Der verhängnisvolle Irrtum, durch ein künstliches Fraktionsdasein die Thora retten und den Zionismus von innen überwinden zu können, siegte bei der Mehrheit der Misrachisten. Sie blieben organisierte Zionisten, und „Agudas Iisroel" mußte ihre bessere Erkenntnis von der rechten Organisation des Gottesvolkes leider ohne die in der zionistischen Umklammerung befindlichen jüdischen Brüder durch die Zeiten tragen. Seitdem ist in Deutschland durch den Ausbau der ursprünglich ganz praktisch gerichteten gememdeorthodoxen Tendenzen zu einer förmlichen Ideologie und ihre Verfestigung und offensive Vertretung in der „Achduth" dem wahren jüdischen Einheitsgedanken, der Einheit der Thora, eine weitere schwere Wunde geschlagen worden, die in der letzten Zeit sogar stärkere Steigung zur Sepsis zeigt als die misrachistische. Wohin wir treiben, wenn es so weiter geht, zeigt die Misrachikonferenz in Wien. Während dort auf der einen Seite von Dr. Feldmann aus Warschau Erkenntnisse vorgetragen wurden, die bei richtiger Wertung geradewegs ins Lager der Aguda führen müßten, trat merkwürdigerweise auf deutscher Seite eine geradezu erschütternde Annäherung an die Gedankengänge der liberalen und Breslauer Schule zutage. Fast scheint es, als ob die neue Achduthlehre, die es als eine Art xn'',mxi nwsr ms» betrachtet, um jeden Preis einen inneren geistigen Gegensatz zur alten Orthodoxie der Aguda herauszuarbeiten (man hat dieser ms» neuerdings den hübschen Namen „Selbstkritik der Orthodoxie" gegeben) in den Seelen der Herren Barth und Genossen schon ganz beträchtliche Verheerungen angerichtet habe. Wie soll man es sonst psychologisch erklären, daß ein Enkel Israel Hildesheimers, der im praktischen Leben die Vorschriften des "piy zweifellos gewissenhaft beobachtet, diesen selben “pi? ■jn'w vor versammelter Misrachi-Mannschaft als „ G o l u sprodukt" bezeichnet, ohne zu merken, daß er damit die gesamte.12 bviv min preisgibt und ein modernes Karäertum predigt, dem das Schicksal des alten sicher wäre! Wir haben bereits aus Anlaß der uns aufgezwungenen Polemik mit Herrn Dr. Kaatz in Hindenburg kurz dargelegt, was die traditionstreue Iudenheit seit Jahrhunderten unter dem Ausdruck „ S ch u l ch a n A r u ch " versteht: den Gesamtkomplex der zur Regelung des praktischen Einzel- und Gemeinschaftslebens konkretisierten Halacha vom *p bis aut & naicm des letzten pinx* Das muß auch Herr Barth wissen. Wenn er trotzdem — es scheint bald Mode zu werden — in zionistischer Befreierstimmung dem Gesetz das Stigma der „mittelalterlichen" Enge und Beschränktheit aufzudrücken wagt und zu den Propheten und Psalmisten, vielleicht noch zum „Mosaismus" zurückruft, so müssen wir zu seinen Gunsten, annehmen, daß nicht etwa eine bewußte Abkehr von nrax ’ips?' sondern lediglich die Frontstellung gegen die verhaßte Agudaorthodorie, die unter dem Zeichen des "piy jfrtw kämpft, ihn zu dieser Entgleisung verführt hat. Aber diese Entgleisung, wenn ihr auch die Herren Farbstein und Meir, Berlin, sofort in Worten der Entrüstung entgegentraten, beleuchtet wie ein Fanal den Abgrund, dem der Misrachi und alle diejenigen Gruppen entgegentreiben, die in Ueberschätzung der eigenen geistigen Widerstandskraft sich den Organisationen der Leugnung und des Abfalls unterordnen und sich um deswillen getrennt haben von ihrem natürlichen Mutterboden, dem auf dem Grunde der p"rnn allein organisierten ^»xuzp bb^\ Wann wird die Stunde der Heimkehr Heraufziehen? Die Anklage des Anwalts. Zur gleichen Zeit, da in Wien die Vertreter des Weltzionismus über den Aufbau Palästinas beraten und im Nebel der Begeisterung manches Auge für die nackten Tatsachen getrübt wird, sei doppelt der Beachtung empfohlen, was ein offizielles zionistisches Organ, „Haarez" in Tel-Awiw, in seiner Nummer 1813 über das jüdische Leben in dieser aufstrebenden jüdischen Stadt, Symbol und Vorbild allen Aufbaues in Palästina, schreibt: „Eine Stadt ohne Tradition, losgelöst von allen nationalen und religiösen Bindungen, das ist unser Tel-Awiw. Diese Stadt hat autonome Zum Tode von jnsn pnx- Von Rabbiner Dr. Winkler in Kopenhagen. Von der Reise zmückgekehrt, ist es mir jetzt erst möglich, auf die in Nr. 29 unter der obigen Aeberschrift erschienenen Bemerkungen, welche die von mir als rätselhaft bezeichnete Auslegung Rafchis zu 'x nwn wxi - ixi"i) zu erklären versuchen, näher einzugehen: 1. Herr Dr. P. Jakob Kohn führt zunächst aus dem rwxa xnp '0 eine ausführliche Abhandlung über das Wesen des npn *?X an, die mit der eigentlichen Frage gar nichts zu tun hat, um schließlich darzutun. daß Rafchi deswegen ixt'I ..sie wurden gesehen" erklärt, damit man nicht «irrtümliche „sie haben sich gefürchtet" übersetze. «Deutlicher und besser", so schließt Herr Dr. Kohn, „kann Raschis Absicht wohl kaum erklärt werden". — Ich suche vergebens die „Erklärung-: warum soll die Ueberfetzung, .sie haben sich gefürchtet", ein „Irrtum" sein? Die Auffassung des -o in pnx sm '2 als Begründung wäre doch auch dieser Auslegung vollkommen gewahrt geblieben! Das ist es doch gerade, was ich als rätselhaft bezeichnete! 2. Was Herr Rabbiner Dr. Weinberg in Raschis Wort hineindeutet, ist seine Privatanstcht; dagegen muß ich zum zweiten Teil seiner Ausführungen bemerken, daß er meine Einwendung, gegen die er so umständlich polemisiert, von Grund aus falsch verstanden hat: Ich kritisierte die Anwendung des Wortes nrx für „einige" nicht, wie er meint, weil es ein Fragefürwort „welche" bedeute, sondern weil es eine Singularform ist und daher nicht als Plural gebraucht werden darf. Seine philologischen Exkursionen, die er dort macht, sind somit völlig gegenstandslos, und wenn er empfiehlt, ..unbedenklich auch weiterhin „einige" mit m'X wiederzugeben", so finde ich das sogar sehr bedenklich, weil es grundfalsch ist,' denn wenn der Singular m. npX' f. ipx heißt, muß natürlich der Plural i^rr-'« lauten! — 3. Herrn Jakob Teßlers Erklärung setzt Worte im Gmorotext (ixi"i im»i xVx ixi'i *rx) und in Raschi Cformp viV» 1X1') voraus, die gar nicht Vorkommen. Raschi erwähnt ja das Wort „Furcht" überhaupt nicht. Herr Teßler führt Ji'Jsm gerade als Beweis gegen sich selbst an. 4. Herr Emil Breslauer zitiert (in einem Privatschreiben) eine Stelle aus einem nx 'ö' worin es heißt, daß wenn Raschi und Tossasos nicht ixi"l von «sehen" ableiteten, man es sehr gut mit „sie fürchteten" übersetzen könnte. Die weiteren Ausführungen des iin 'YixB' Raschis Deutungen zu begründen, sind überaus dunkel und garadezu unverständlich. — Zum Schluß möchte ich noch auf einen Fehler im Targum Onkelos zu unserem Schristwort Hinweisen. die sich in der Wilnaer Ehumesch-Ausgabe mit dem 1;^ nrni PiVfi findet: Dort heißt es nämlich pnx fr» xm - iX'MflXi — Merkwürdigerweise schweigt der ul» juma dazu. Diese Lesart ist aber ein offenbarer Fehler, den eine übereifrige Hand aus Grund der mißverstandenen Worte Raschis in _-_ 27. August 1925 Freiheit, nur daß diese Freiheit eine sehr billige Auslegung bekommt. Und in Vielem —schämen wir uns nicht, es einzugestehen —, sieht es in dieser volkreichen jüdischen Stadt schlimmer aus als in der entlegensten Ecke der jüdischen Zerstreuung. Was der Niedrigste der Niedrigen dort öffentlich nicht wagen dürfte, können sich hier Männer leisten, die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen. Es ist tief zu bedauern, daß diese, anstatt mit etwas Takt und Kultur und nationaler Solidarität sich Popularität zu verschaffen, durch ihr Benehmen andauernd zu Protest herausfordern. Und noch beschämender, daß wir dabei immer und immer wieder auf Nichtjuden als vorbildliche Muster Hinweisen müssen. Kein Engländer, auch kein Franzose, kein Italiener und kein Deutscher würde es. über sich bringen, die nationalen Gefühle seiner Gemeinschaft so zu verletzten, wie es hier im nationalen Tel-Awiw geschieht. So erlebten wir dieses Jahr am neunten Aw, daß alle Restaurationen, und Cafehäuser in den belebten Straßen Tel-Awiws am Abend zur Zeit der niä'" weit geöffnet und von taktlosen Menschen besetzt waren, die öffentlich aßen und tranken. Die Eisstände verabreichten ihre kalten Leckereien wie an jedem Abend. Wie traurig war es zu sehen, daß im sogenannten „Rosenfeld-Viertel" am Strande sich die Herrschaften geputzt und in festlicher Stimmung bewegten und russische Lieder sangen. Wir sind, der liebe Gott weiß es, keine bösen Menschen und ganz und gar keine Fanatiker, die Anderen die Frömmigkeit aufzwingen wollten. 'Ist es aber zuviel verlangt von den Cafebesitzern, von den Ausschänken und den Jünglingen und Jungfrauen Tel-Awiws, wenn wir sie um etwas mehr Selbstachtung, mehr Takt, mehr Rücksichtnahme auf die Gefühle Anderer bitten? Sie möchten nur bedenken, daß sie sich nicht in Tarnow oder in Odessa befinden, daß hier im Lande wir mehr als anderswo mit unsren Fest- und Gedenktagen eng verwurzelt sind, daß es hier um keine religiöse Frage (?) geht, sondern um Volksüberlieferungen, die man nicht verletzen kann, ohne überhaupt mit der Kultur zu brechen. Sie mögen bedenken, daß Moschiach noch nicht gekommen, die Erlösung noch nicht so vollzogen ist, daß der Tischobeaw seine Bedeutung verloren hätte. All dieses sollten sie beachten. Allein, auch die Stadtverwaltung Tel- Awiws hätte manches zu bedenken. Etwa dieses: So wichtig es ist, mit einem Erlaß zum Heraushängen von blauweißen Fahnen bei der Ankunft eines hohen Gastes aufzufordern, so wichtig den Targumtext hineingetragen hat. Gegen solche Textverdrehung die Worte aus dem n^xa j^p ins Feld zu führen, wäre richtig angebracht gewesen. Uleines Feuilleton. Die Ausgrabung des Absalom-Denkmals. Von Dr. Worfgang v. Weist. Jerusalem, im Juni. Eine der interessantesten Fragen der Archäologie Jerusalems ist nun durch die Grabungen Professor Slousch, des Leiters der jüdischen Palästina-Forschungs-Gesellschast. ihrer Lösung um einen großen Schritt näher gebracht worden: die Frage nach der Entstehungszeit des eigenartigen Monuments - im Tale Kidron, das der Volksmund als jenes Denkmal bezeichnet, das der rebellische Lieblingssohl' König Davids, der langlockige Absalom sich noch bei seinen Lebzeiten errichten ließ. Die Juden glauben steif und fest, daß die „Jad Abschalom". wie das Monument auf hebräisch heißt, die Grabstätte des Verräters ist. In der Vorderwand des Gemäuers befindet sich ein Loch, durch das die Juden bis auf den heutigen Tag Steine ins Innere des Grabmals schleudern. Dieses Steinwerfen hat nichts mit der frommen jüdischen Sitte zu tun, Steine auf das Grab eines teuren Toten zu legen; im Gegenteil: es bedeutet, daß bis auf den heutigen Tag der Hatz gegen den Rebellen gegen