Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1925)
- Date
- 1925-08-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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20. August 1925 D e r Israelit Nr. 34 Seite 5 prr<$pon<ltttzeit « ßacbricbu» V«»»tsch«r Reich Aufruf! Frankfurt a. M., 14. August. Ein Wirbelsturm von verheerender Wirkung hat den löstlichen Teil Hollands heimgesucht, zahlreiche Woh- Immgen, darunter ein ganzes Dorf, vernichtet und I Tausenden von Familien schweren Schaden zugefügt, sviele Existenzen gänzlich ruiniert. Bei aller Not im eigenen Kreise wird es gewiß vielen lunferer Glaubensgenossen Bedürfnis sein, bei diesem An- Ilaß ihre brüderliche Sympathie gegenüber dem hollän- Idischen Volke zu bezeigen, in dessen Mitte die Juden alle iZeit eine freundliche Heimstätte, Gleichberechtigung und kAnerkennung gefunden haben. Noch ist auch die werktätige Hilfe nicht vergessen, die Holland während des Krieges zahlreichen deutschen Kindern erwiesen hat. Wir sind gerne bereit, Spenden entgegenzunehmen |uni> an die holländische Sammelstelle weiterzuleiten. Et- | waige Zuwendungen wolle man auf Postscheckkonto 19802! Frankfurt a. M. unter deutlicher Angabe der Bestimmung j des Betrages überweisen. Lin Erfolg der Orthodoxie, i. E. B. Berlin, 15. August. Cs ist fürwahr jetzt leider nicht an der Zeit und an den Zeiten, laute Feste zu feiern und Jubelhymnen anzustimmen. Allzuschwer lastet die Not des Tages auf den Herzen und den Sinnen, um jene aller Erdenschwere ledige Stimmung aufleben zu lassen, die zum Vollgenuß frohen Erlebens erste Voraussetzung ist. Stände es anders damit: unsere Gemeinde, die Adaß Jisroel, hätte allen Anlaß gehabt, den fünfundzwanzigsten Juli dieses Jahres als einen glückhaften, „guten" Tag zu begehen und in eindrucksvoller Feier als einen Merktag für künftige Geschlechter aus dem Alltag des Lebens würdig herauszuheben. Was diesen Tag von allen anderen Tagen unterscheidet? Nun, unter dem Datum des 25. Juli d. Js. ging dem Vorstand der Israelitischen Synagogengemeinde (Adaß Jisroel) ein Anschreiben des Provinzial- Schulkollegiums der Provinz Brandenburg und von Berlin zu, des Inhaltes, daß ihm der Herr Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die Ermächtigung erteilt habe, die von dem Vorstand durch Eingabe vorn 24. September 1924 nachgesuchte Genehmigung zur Errichtung einer privaten höheren Lehranstalt für Knaben sowie einer solchen für Mädchen auszusprechen. Auch mit dem Vorschläge betr. des Konzessionsträgers sei das Provinzial-Schulkollegium einverstanden und empfehle zur Klärung der hieraus sich ergebenden Fragen mündliche Verhandlungen mit dem Sachbearbeiter der Behörde. Damit ist das bisher tolerierte höhere Schulwerk der Adaß Jisroel zu einem konzessionierten mit allen dessen Rechten erhoben und ihr Realgymnasium sowie ihr Lyzeum als private höhere Lehranstalt im Sinne der Verfassung behördlich anerkannt. Der Kreis der Männer innerhalb unserer Gemeinde ist nicht allzu groß, der diesen Erfolg in seiner ganzen Größe, in seiner reichen Bedeutungsfülle für Gemeinde, Schule und Haus zu würdigen im Stande ist. Desto besser wird diese Bedeutung an denjenigen Stellen ernannt und von den entsprechenden Empfindungen be- Wochenkalender. vom 22.-29. Aug. 1928. / 2.-9. Elul 8888. Samstag Aug. 22 D’ÜSIW 2 Sonntag 23 3 Montag 24 4 Dienstag 25 5 Mittwoch 26 6 Donnerstag 27 7 Freitag 28 8 Samstag 29 N2N '2 9 gleitet werden, die als „gute Freunde" der Adaß Jisroel in all den Jahren nervenzerstörenden Ringens um die Konzession der Schulen nicht müde wurden, den Mißerfolg dieser Bestrebungen uns und anderen vorherzusagen und mit unerbetenen Ratschlägen die unheilvollen Folgen unserer Großmannssucht zu korrigieren sich bemüßigt fanden. Daß diesen hämischen und höhnischen Kritiken, dieser Minierarbeit in unserer Gemeinde, bei den Eltern unserer Schüler und den Freunden unseres Schulwerkes jetzt ein Ziel gesetzt scheint, ist ebenfalls als Erfolg zu buchen; den wir aber nicht allzuhoch beziffern, weil diese Freundlichkeiten auch vordem nicht im Stande waren, uns in unserem Vorhaben zu irritieren. Gerade denjenigen Kreisen aber, die es recht eigentlich angeht, soll und muh es bei dieser Gelegenheit vor Augen geführt werden, daß der Erfolg, den die unermüdliche Arbeit unserer Wortführer, vor allen unseres Rabbiners Dr. Efra Munk *>'o, dank der göttlichen Hilfe nun errungen hat, einen Wendepunkt im Leben unseres Schulwerkes bedeutet, der zu erhöhter Pflichterfüllung und gesteigerter Opferwilligkeit für dieses Werk, das in den wenigen Jahren seines Bestehens uns allen bereits ans Herz gewachsen ist, dringend und zwingend mahnt. Gerade ihnen, so paradox es klingt, muß gewünscht werden, daß sie mit der gleichen Jnteressenahme wie unsere oben geschilderten Freunde die Schulen auf ihrem Wege begleiten und dieses Interesse durch die Tat, nicht nur durch den Rat, auch in die Erscheinung treten lassen. Daß jedes Mitglied begreifen und einfehen lerne, wie eng und innig der Bestand, das zukünftige Schicksal unserer Gemeinde mit dem Gedeihen und Aufblühen unserer Schulen verknüpft ist, denen die schwere, aber schöne Aufgabe zusällt, in dem Um und Drum einer mechanisierten, entgötterten Zeit- und Geisteswelt in die Herzen ihrer empfänglichen Jungmenschenbevölkerung die Ideale unserer Thauroh und ihre Kenntnis in voller Reine einzupflanzen und einzusenken. Wenn es nötig erscheint, diese Selbstverständlichkeit hier erst noch als Forderung zu erheben, so soll doch nicht verkannt werden, daß ein Teil der Schuld hieran auch bei der Adaß Jisroel selbst zu suchen ist. Ein Fehler freilich ihrer Tugend, der vor dem Forum der objektiv urteilenden Oeffentlichkeit ihr darum nicht allzuschwer angerechnet werden dürste. Die Kunst der miss en scene, das Regietalent, das die Perspektiven der Hintergründe so zu meistern versteht, daß die Lichtesfekte das Kleine umspielen und in größeren Linien hervortreten lassen, diese Kunst, der so manche Tagesgröße ihr Sein dankt, und die oft genug Bagatellen zum Rang großwertiger Geschehnisse erhöht, geht der Adaß Jisroel ab. Aber mehr noch! Wir brauchten ja gar nicht jene Exzesse der Marktschreierei mitzumachen, könnten gewiß das Tamtam der so beliebten Reklametrommel aus unserem Konzert streichen; aber was wir nicht sollten und im wohlverstandenen Gemeindeinteresse auch gar nicht dürften, das ist die geradezu ängstliche Scheu, die wir vor jeder Berührung mit der Oeffentlichkeit so stark empfinden, daß wir sogar eher geneigt sind, unser Licht unter den Scheffel zu stellen, als es nach außen leuchten zu sehen. Unsere demokratische Zeit aber fordert für jedermann die Möglichkeit einer Teilnahme an dem Leben und Streben seiner Gemeinschaft; und dazu ist es erforderlich und geboten, daß weiten Kreisen, jedem, der den Wunsch danach hat, die Kenntnis, von den Vorgängen in seiner Kehilla, der er als dienendes Glied angehört, zugänglich gemacht wird. Der Wendepunkt, den der neue Erfolg unseres Schulwerkes für unsere Gemeinde bezeichnet, darf daher als Anlaß zu einer Neuorientierung in unserem Nachrichtenwesen willkommen geheißen werden. Ohne Schönfärberei zu treiben, ohne in Selbstbespiegelung sich selbst zu verlieren, kann und muß der Weg gefunden werden, den Mitgliedern unserer Gemeinde, und darüber hinaus der jüdischen Oeffentlichkeit, den Nachweis zu liefern, daß die Adaß Jisroel ihre Mission zu erfüllen hat, die nur sie erfüllen kann, und daß sie alle ihre Kraft an diese Aufgabe zu setzen entschlossen und willens ist. Dann, dann aber auch mit vollstem Recht, darf sie auch von dem letzten Mitglied fordern, daß es ihre Sache zu der seinen macht, ihre Erfolge als eigene bewertet und bis an die Grenze des Könnens selbst Opfer für sie zu bringen keine Minute zögert. Diese Anspannung der Opferwilligken ois zum Aeußersten für die jüngste ihrer Institutionen, für das Schulwerk der Adaß Jisroel, tut aber bitter not, gerade weil die Schwere der Zeiten, die materielle Depossedierung ehemals leistungsfähigster Mitgliederschichten den Ertrag der natürlichen Hilfsmittel auf ein Minimum herabgedrückt hat. So möge denn der im Folgenden gegebene kurze Abriß der bisherigen Geschichte unseres Schulwerkes, die Schilderung der Schwierigkeiten und Hemmungen, die es zu überwinden galt, die Würdigung der Erfolge, die es errang, der Segenssaat, die ihm auszustreuen vergönnt war und allstündlich gegeben ist, in den Kreisen, die es zu hören geneigt sind, lebendige Teilnahme an diesem heiligen Werke wecken und nach alter Vätersitte die Opferwilligkeit zur Opserfreudigkeit steigern. Jüdische Tuberkulosenfürsorge. Berlin, 12. August. Von der Jüdischen Tuberkulosefürsorge (Arbeitsgemeinschaft gebildet aus der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Großloge für Deutschland, Jüd. Frauenbund, Zionistische Vereinigung für Deutschland, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund) wird uns mitgeteilt: Die Vorarbeiten zur Errichtung einerTuberkulosen-Heilstätte sind noch zu keinem Abschluß gelangt. Es werden Verhandlungen betreffs eines Erholungsheims für tuberkulös gefährdete Kinder geführt (im Schwarzwald und an der Nordsee) und vor allem sind Bestrebungen im Gange, um im Schwarzwald die Konzession für eine Tuberkulosen-Heilstätte zu erlangen. Eine Enquete, die die Z. W. St. im Auftrag der „Jüdischen Tuberkulosenfürsorge" eingeleitet hat, ergab, daß in den letzten Jahren tuberkulöse Kinder verschiedener jüdischer Gemeinden nicht verschickt werden konnten, weil keine rituell geführte Tuberkulosen-Heilstätte für Kinder besteht. Bei der Unterbringung tuberkulös kranker Frauen spielte nach den allerdings ziemlich lückenhaften Ergebnissen der Enquete nur der Geldmangel, aber nicht das Fehlen einer Heilstätte eine Rolle. (Das Heim in Nordrach gibt an, noch niemals aus Platzmangel Fälle abgelehnt zu haben.) Nach diesen Ergebnissen soll die erste von der „Jüdischen Tuberkulosenfürsorge" zu errichtende Heilstätte für tuberkulös kranke Kinder und Jugendliche eingerichtet werden. Wir bitten aber Gemeinden und Vereine, die andere diesbezügliche Erfahrungen in ihrer Praxis gemacht haben, der Jüdischen Tuberkulosenfürsorge Berlin, Rosenstrahe 2/4, Mitteilung zu geben. Jüdische Optanten im Flüchtlingslager Schneidemühl. Berlin, 15. August. Zwei Vertreterinnen der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden besuchten dieser Tage das Flüchtlingslager in Schneidemühl, um sich an Ort und Stelle über das Los der jüdischen Flüchtlinge zu orientieren und die notwendigen Fürsorgemaßnahmen in die Wege zu leiten. Unter den zirka 5000 Vertriebenen befinden sich etwa 90 Juden. Meistens sind es Familien mit größeren Kindern, die in Polen als Handwerksmeister oder Kleingewerbetreibende gearbeitet haben. Die Jüdische Gemeinde in Schneidemühl und der dortige Frauenverein haben sich in ganz vorbildlicher Weise der unglücklichen jüdischen Glaubensgenossen angenommen. Es ist für sie in der Loge ein guter koscherer Mittagstisch eingerichtet worden. Auch sonst steht die Gemeinde, der Frauenverein und andere Organisationen jedem Einzelnen mit Rat und Tat zur Seite. Die Unterkunft in dem Massenlager selbst ist außerordentlich primitiv und in jeder Hinsicht unerfreulich. Es muß daher unser aller Bestreben sein, die Menschen so schnell als möglich aus ihrer unglücklichen Lage zu befreien und ihnen wieder zu Wohnung und Existenz zu verhelfen. Alle jüdischen Gemeinden in Deutschland müssen es sich angelegen sein lassen, einigen Familien durch schnelles Eingreifen zu helfen. Es werden offene Stellen gesucht für einige gut ausgebildete Kaufleute, einige Pelz- und Rauchwarenhändler, einige jüngere Hausmädchen und weibliches Büropersonal. Zuschriften in dieser Angelegenheit erbittet die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Berlin E. 2, Rosenstraße 2/4. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Düsseldorf, 7. August. Die diesjährige ordentliche Hauptversammlung, die in Form einer Rheinland-Kundgebung vor sich gehen wird, findet vom 5. bis 7. September statt. Die Tagung beginnt mit einer großen Veranstaltung in Worms, der Stätte ältester jüdischer Vergangenheit im Rheinland. Eine Sonderdampferfahrt, bei der sämtliche am Rhein