Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1925)
- Date
- 1925-08-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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20. August 1925 Nr. 34 Seite 3 Man wird natürlich in jedem Fall die besondere Lage des Kredilsuchenden berücksichtigen müssen- und die Berufsschichtungen der jüdischen Kreditnehmer in Frage ziehen. Der Weg muh aber immer der bleiben, daß eine Darlehnskasse keinerlei Unterstützungsinstitur werden kann. Die Kredite müssen im Uebrigen auf bestimmte Zeit befristet werden; auf keinen Fall dürfen die Kredite länger als ein Jahr laufen. Es wäre außerordentlich wünschenswert, wenn sich überall tatkräftige Männer fänden, die die Gründung von Darlehenskassen in die Hand nehmen. Die ungeheure Not in den betreffenden Schichten zwingt zu rascher Durchführung der aufgenommenen Pläne. Große Teile innerhalb der Gemeinden werden wohl ohne Weiteres die erforderlichen Maßnahmen unterstützen. Wochenrundschau. vr Anti-RaMinsmus Die zweitgrößte jüdische Gemeinde Polens, L o d z, ist zurzeit der Schauplatz wilder Kämpfe, die die ganze Verwaltungsarbeit lahmzulegen drohen. Man sollte es kaum für möglich halten, daß die Parteien der religiösen Linken zusammen mit den Zionisten aller Schattierungen und den sogenannten „Unparteiischen" (d. h. den nur durch den Haß gegen „Agudas Jisroel" mit der Linken geeinten Alexandrer Chassidim) lieber die Gemeinde auffliegen lassen, als einem rabbinischen Vertreter der Thora — wie das geltende Gesetz es verlangt — die Teilnahme an den Vorstandssitzungen zu gestgtten! Es gibt kaum einen überzeugenderen und zugleich schmerzlicheren Beweis für die Tiefe der sittlichen Verirrung, in die der leidenschaftliche Parteihaß die Menschen hineinsührt, als diesen erstaunlichen Block von Atheisten und Chassidim, Poale Zion und Misrachileuten, der in rührender Gemeinschaft seinen Anti-Rabbinismus betätigt. Aber es wohnen auch im gesitteten Westeuropa Leute, die sich neben den antirabbinistischen Gemeindegewaltigen von Lodz sehen lassen können. Vor zwei Monaten hat Reichspräsident von Hindenburg die Vertreter der drei Konfessionen empfangen, um deren Glückwünsche zum Amtsantritt entgegenzunehmen und Der I s r a e l t t sie seines Schutzes und Wohlwollens zu versichern. Man war schon damals einigermaßen befremdet, daß die jüdischen Staatsbürger bei diesem feierlichen Anlaß durch einen höchst ehrenwerten, aber zur konfessionellen Repräsentanz nichts weniger als berufenen jüdischen Kammergerichtsrat, den Vorsitzenden des Berliner Gemeindevorstandes, vertreten wurde. Jetzt überrascht das offenbar gut eingeweihte Hamburger „Familienblatt" seine Leser durch die Mitteilung, der Reichspräsident habe damals zwei Vertreter der deutschen Judenheit eingeladen, darunter einen Berliner Rabbiner, der also offenbar vom Vorstand — ausgeschaltet worden ist. Wir kennen den Namen des solchergestalt geehrten Rabbiners nicht und sehnen uns gewiß nicht danach, , die jüdische Religionsgemeinschaft im deutschen Reiche durch einen Nichtlinien-Nabbiner, das heißt für uns durch einen Geistlichen fremden Bekenntnisses, vertreten zu sehen — aber unsere Sympathie gilt dennoch Herrn Prof. Wölbe, wenn er in dem genannten Blatte sich über den beschämenden Vorgang wie folgt vernehmen läßt: „Der Berliner Gemeindevorsteher glaubte offenbar, ein Vorstand, und nun gar der Vorsitzende des gefchäftsführenden Ausschusses der preußischen Landesversammlung, sei an Würde und Bedeutung jedem geistlichen Vertreter des Judentums überlegen, der Rabbiner fei ein bezahlter Angestellter des Vorstandes und habe als solcher zwar Pflichten, aber keine Rechte. Wirkt etwa die Ausfassung nach, welche der verstorbene Vorsteher der Berliner jüdischen Gemeinde, Jacoby, vertrat, als er im Januar 1907 dem damals bei der Berliner Hauptgemeinde amtierenden Rabbiner Dr. Emil Cohn erklärte: „Sie sind bei uns in Brot und Lohn"? Oder erblickt die Berliner Gemeindeleitung in der Jüdischen Gemeinde eine Volksgemeinde, in welcher das Religiöse hinter dem Weltlichen, Verwaltungstechnischen zurücktreten und demgemäß der Nicht-Theologe — um nicht zu sagen: der Laie — zu bestimmen habe?" Herr Prof. Wölbe hat vollkommen recht, nur merkt er nicht, daß die Berliner Jüdische Gemeinde ihrem Wesen nach, wie wir so oft nachgewiesen haben, in der Tat eine Volksgemeinde mit verwaltungstechnischem Charakter ist, der keine Spur mehr der historischen religiösen Würde der alten jüdischen Kehilla innewohnt. Das würde sich nicht ändern, wenn die Berliner Jüdische Gemeinde, auch wie Herr Wölbe will, einen „Oberrabbiner" ernennen und ihn „im Namen der deutschen Juden" dem Reichsoberhaupte das Treugelöbnis ablegen lassen wollte. Gegen einen solchen „Oberrabbiner von Deutschland" möchten wir schon heute in aller Form protestieren, vielmehr auch hier wieder feststellen, daß entsprechend der gesetzlichen Doppelorganisation der Gemeindeverbände j e - der — rabbinische oder nichtrabbinische — „Vertreter", der nicht auf Grund freier Verständigung dieser Verbände ernannt ist, irgendwelcher Legitimation zur Vertretung der jüdischen Gesamtheit durchaus entbehrt. Es erschien ulls seiner Zeit nicht angemessen, unmittelbar nach der feierlichen Audienz gegen die Geschäftsführung ohne Auftrag deren sich Herr Kammergerichtsrat Wolff bei dieser Gelegenheit in sachlich einwandfreier Weise entledigte, Verwahrung einzulegen. Nachdem aber das norddeutsche Blatt die Frage des Anti-Rabbinismus der Berliner Gemeinde aufgerollt hat, war es unerläßlich, bei dieser Gelegenheit auch auf die Tatsache hinzuweisen, daß dieser Gemeinde jede Berechtigung dazu fehlt, die preußischen oder gar deutschen Juden vor der Regierung zu vertreten und damit den Stempel ihres eigenen Profan-Charakters der ganzen deutschen Judenheit, auch der Orthodoxie, aufzudrücken. Rumänischer Straß enzw sch e n fall Ein junger Mensch fragt auf der Straße höflich und bescheiden einen ihm unbekannten älteren Herrn nach einem Wege. Der Gefragte antwortete mit einem Faustschlag, den der Jüngere prompt mit Zinsen erwidert. Solche kleinen Zwischenfälle pflegen gelegentlich überall vorzukommen. Man nennt den Mann, der eine höflich verlangte Auskunft mit der Faust erteilt, einen kulturlosen Flegel, den anderen, der ebenso rasch zuschlägt, einen Hitzkopf und überläßt dann das Ganze dem wachhabenden Polizisten und dem Schöffengericht. In unserem Falle ist aber die Sache auf der Straße der rumänischen Stadt Jassy passiert. Der fragende Jüngling war ein Jude und der Gefragte der Antisemitenführer Professor C u z a. So ist es verständlich, daß aus dieser Straßenszene eine jüdische Affäre wird., eine Judenhetze, ein Pogrom, eine Staatsaktion, mit der sich Regierung und Parlament zu befassen haben. Kleine Rüpeleien ins Rumänische übertragen wachsen sich zu großen Staatsaffären aus, wenn sie einen Juden zu den Agierenden zählen. Das hatte der junge Herr L e r n e r nicht gelernt. Darum klirrte wieder jüdisches Fensterglas und floß jüdisches Blut. Der durch die Abwehrfaustschläge des Lerner ausgelöste antisemitische Racheseldzug beschränkte sich nicht auf Jassy, sondern griff auch auf andere Städte über, so auch auf das frühere russischrumänische Grenzdorf U n g h e n i. Juden wurden aus fahrenden Zügen geworfen, eine rumänische Spezialität. In Jassy selbst wurden aus einen Herrn Grünspan, bei dem Lerner angestellt ist, mehrere Schüsse abgegeben, die fehlprüsend und wägend uns selber richten und an unser Leben den Maßstab des Gotteswortes anlegen. Und auch das ist für uns die letzte und höchste Forderung: bv 12 mpi, daß wir lesen in ihm unaufhörlich, nib'bn 7ii22b besonders in den Nächten, sei es daß Not und Kammer die Tagcshelle uns verscheuchen, sei es, daß es in uns Nacht werden will. Im Gottesllchte schauen wir Licht, da zerfließen die Dünste und Nebel der Nacht und leuchtet hell und klar der neue Tag hervor. . . Das Königsgesetz werde die Norm für unser Leben. Dazu leite uns der Monat Elul. Hier liegt die Quelle unserer Kraft und die Gewähr, daß die Feste des Tischri uns zu oroßm jüdischen Erlebnissen werden und unserem religiösen Schaffen neue Kräfte zusühren. kleines Feuilleton. Tischo Beaw in Jerusalem. Wer die echte jüdische Trauer erfassen will, der mutz eine Tischo Beaw-Nacht an der Klagemauer zu Jerusalem miterleben. Von der frühesten Abendstunde bis in die tiefe Mitternacht zum neunten Aw sind alle Wege und dunklen Gassen, die zur Tränenmauer führen, überfüllt von Passanten, die alle das gleiche Aiel haben. Von dem engsten Viertel der Altstadt bis zu den Villenbewohnern aus der Peripherie ist in dieser Nacht alles in Bewegung. An der Mauer selbst zählt die Menge der in tiefer Trauer verharrenden Beter nach Tausei den. Menschen kommen und gehen, aber die Gemeinde wird nicht kleiner, die Trauermelodie nicht schwächer, die Tränen strömen weiter. Dieses Jahr sahen die alten Quadern so viele Besucher wie nie zuvor, und dieses Mal zeichnete sich das Ganze, das keine Demonstration, keine Kundgebung genannt werden kann. — da alles spontan aus aufrichtiger heiligster Stimmung geboren ist, — durch eine musterhafte Ordnung aus. Es feblten die Araber, die sonst mit Neckereien und Schikanen die Trauergottedienste der Nacht zu stören suchten, es fehlten auch die Touristen, die kalt und mit überlegenem Lächeln „das Getue" verfolgt n, es fehlten aber Gott fei Dank auch die eigenen Rohlinge, die in früheren Jahren einzeln an der Heiligen Stätte der Trauer es wagten, demonstratio au essen und zu trinken und weltlich nationale Lieder zu sinaen. Wie aus stilles Abkommen befleißiate sich Jeder heiliaer Ruhe und Würde und kein Mißton klang in diese ergreifendste nationale Trauer des jüdischen Volkes von Jerusalem. Die jüd'schen Wachtposten, die in geordneten Reiben die Mauer von innen und außen umringten, bildeten mehr eine Ehrenwache, denn eioe Schutztruvpe. Auch b?e englische Polizei war gut vertreten und wachte still und taktvoll über die Ordnung, die sich in der Hauptsache darauf beschränkte, die öu- und Ausaänge freizuhalten und lebensgefährliche Verkehrsstauungen zu verhindern. Der Tischo Beaw der karaiken. Die Karotten fasten bekanntlich nickt am 9. sondern am 10. Aw, obwobl sie den Namen Tiscbo Beaw beibehalten haben. Aus einen Widerspruch, kommt es bei diesen Halbjuden eben nicht mehr an Uebrigens fasten die Frömmeren außerdem auch am 7. Aw. Ein Mitarbeiter des „Doar Hajom", der die Karaitensynagoge in Jerusalem am 10. Aw besuchte, fand darin im ganzen drei Männer, von denen nur zwei Einheimische und einer aus Kairo war. Nach dem üblichen Mora engebete trug ein Greis mit klagendem Tone Kapitel aus Iecheskel vor, sodann hebräische Klagelieder, die von den üblichen vollkommen abweichen. Nach Beendigung der „Kinaus" lasen sie das Buch Hiob von Anfang bis zu Ende. Am Nachmittag versammelte stch die Dreimännergemeinde nochmals in ihrem Bethause, um Teile aus „Echoh" vorzulesen und mit einigen Trostsätzen aus den Propheten den Tag zu beschließen. sEin neuer kizzur.) Im Verlag von A. I. Hofmann, Frankfurt a. M erscheint in Lieferungen von je zwei Bogen (32 Seiten) ein neuer „Kizzur Schulchan Aruch" mit punktiertem Texte und deutscher llebersetzung von Dr. S. Bambb'ger, Hamburg. Schon wiederholt sind Versuche gen acht worden, den als Handbuch der täglichen Hälocha so out eingesührten. ja unentbehrlichen Kzzur populärer und mundgerecht auch für die Frauen und weniger Thorakundigen zu bcarbeiten. Diese Ausgabe wird den weitgehendsten Ansprüchen nach di.ser Richtung gerecht. Die uns vorliegende erste Lieferung zeigt säubere sorgfältige Ausführung sowohl im hebräischen Texte wie in der Uebertraoung. und eignet stch auch ganz besonders als Lehrstoff für die Mädchengruppen der Agudas Jisroel und anderer Vereine, die die Vermittlung jildstcker Pflichtenlehre an die Mitglieder znr Aufgabe haben. Der Preis ieder Lieferung ist auf Mk. 1.60 festgesetzt.