Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1925-08-13 · Heft 33 (13.8.1925) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 33 (13.8.1925)
Date
1925-08-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450337-2450369--72431-2529803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 Seite 3 13. August 1925 D e r 3 s r a elH B!ütt er wird, dagegen ist dieses von der demnächst von der Aguda zu eröffnenden sefardischen Mädchenschule in Jerusalem vorauszusetzen. Wenn die Kolonisationsarbeit sich, abgesehen von der Konkurrenz beim Bodenkaufvon Politik fernhalten kann, so ist es kaum anzunehmen, daß auf dem Erziehungsgebiete die Lehrer in den Agudaschulen auf politische Beeinflussung ihrer Schüler verzichten und nicht die Gelegenheit wahrnehmen, den Kleinen, alles was mit Zionismus zusammenhängl, verhaßt zu machen. In der Praxis hat es sich auch gezeigt, daß einige kleinliche Lehrer täglich über den Zionismus herfallen mit übertriebenen Anklagen und Anschuldigungen. Die Zionistische Organisation hatte durch Verschulde^ des Misrachi, der die Agudas Jisroel befehdet, bis heute nicht gewagt, in Verhandlungen mit der Aguda einzutreten, und auch die heutigen Verhandlungen find Misrachi, der danach strebt, im Namen der Thora innerhalb der Zionistischen Organisation allein das Wort zu führen, ein Dorn im Auge. Es erhellt dieses daraus, daß während die 'Presse im allgemeinen die Verhandlungen rein objektiv verfolgte oder sich überhaupt eines Urteiles enthielt, um den Verhandlungen volle Freiheit zu lassen und sie nicht durch Geschrei im Namen der Religion auf der einen, des bedrohten Zionismus auf der anderen Seite zu stören, gerade die Organe des Misrachi im Auslande die Verhandlungen verurteilen und ihnen Hindernisse in den Weg zu legen versuchen. Es muß offen gesagt werden: Die Kluft zwischen Aguda und der religiösen Mittelpartei ist weit größer als die zwischen Aguda und den Freigesinnten, dieweil Agudas Jisroel sich nicht abfinden kann mit der Vormundschaft, die sich Misrachi sowohl über die Religion wie über den Nationalismus anmaßt. Haß verwirrt die Sinne, und solange sich der Kampf auf der ganzen Linie ausdehnte, machte die Aguda keinen Unterschied zwischen dem Sekre- . tär des Oberrabbinates auf der einen und Weizmann und Ussischkin aus der anderen Seite. Es genügte ihr, daß sie Zionisten waren, um sie alle im Namen der Mizwa zu bekämpfen. Mit dieser Taktik büßte die Aguda viele Sympathien auch innerhalb ihrer eigenen Kreise in der großen Welt ein, und es ergaben sich von selbst aus diesem inneren Kampfe Kriecherei und Demütigung vor den herrschenden Instanzen. Anbiederungen von der Art: „Wir sind die Braven und die anderen die Verräter" bringen nur Schmach über die so Handelnden. Solche Verleumdungen hörten auch in letzterer Zeit nicht auf. 2500 Schüler der Agudas Jisroel bekommen dieses tagtäglich (sicherlich ohne Wissen und Wollen der obersten Leitung der Weltaguda) von ihren kleinlichen Lehrern zu hören, so daß sie nicht mehr das Böse vom Guten zu unterscheiden wissen. Aus diesem Grunde ist der Waffenstillstand, der in letzter Zeit proklamiert wurde, sehr zu begrüßen. Nach den Berichten, die zu uns durchsickern, sieht eine Vereinbarung zwischen der Zionistischen Organisation und der Agrckra, auf der Grundlage der Bildung gemeinsamer Ausschüsse in Erez Jisroel, ihrer Unterzeichnung entgegen. Diese Ausschüsse sollen in gegenseitiger Verständigung arbeiten bezüglich aller Forderungen an die Regierung und unserer Stellung nach außen. Auf diese Weise wird erreicht, daß die Vertreter des Jischuw, die bei der Regierung vorstellig werden, im Sinne und im Namen aller Vevölkerungsteile ohne Unterschied von Gemeinde und Partei reden und handeln können. In internen Angelegenheiten mag jede Gruppe dfe Freiheit haben, ihre Angelegenheiten nach den Wünschen ihrer Mitglieder zu ordnen, mögen die einen extrem orthodox und die anderen gemäßigt prthadox sein. wäre verfrüht, jetzt schon über das Abkommen, bevor es uns in all seinen Ausführungsbestimmungen vorliegt, zu urteilen. Allein das Grundprinzip, die jüdische Gemeinschaft in Erez Jisroel zu einer Einheitsfront nach außen zu sammeln, muß die Unterstützung der gesamten Bevölkerung finden, vom radikal linken bis zum rechten Flügel. Wir hoffen, daß die Verhandlungen von Erfolg begleitet.sind und uns die Einheit bringen, die uns zurzeit so dringend nötig ist. Misrachi und Aguda. In der Wiener „Jüdischen Presse" veröffentlicht ein offenbar sorgfältig beobachtender Politiker im Rahmen einer Artikelserie über die gegenwärtige Lage die folgenden Darlegungen, die gerade in Verbindung mit dem „Doar Hajom"- Artikel und im teilweisen Gegensatz zu ihm Beachtung verdienen. „Man kann bei der zionistisch-agudistischen Verständigung Misrachi nicht außeracht lassen. Nun, die Ereignisse im Misrachi lassen es hoffen, daß er nicht nur kein Hindernis, sondern gerade im Gegenteil die Brücke zur Verständigung sein wird. Denn einen großen Erfolg, wir möchten fast sagen einen vollkommenen Sieg der Ägudaidee bedeutet heute in unseren Augen die innere Umwandlung des Misrachi. Wir wollen da auf Einzelheiten nicht eingehen. Es ist in diesem Zusammenhänge ganz belanglos, ob Misrachi bei irgendeinem Anlasse die Zionistische Exekutive zur Beschlußfassung in. bezug auf Heilighaltung der Thoragesetze und jüdischen Gebräuche zwingt; ob er in der Frage des Frauenwahlrechtes in Erez Jisroel mehr oder minder rigoros ist; ob der Aus tritt aus dem jüdischen Nationalrat in Palästina Demonstration oder ernster konsequenter Entschluß ist. All dies ist nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Daß aber Misrachi erkannt hat, daß die Politik, die er zwanzig Jahre hindurch befolgt hat, nicht zum Erfolge führen kann, und daß die Erkenntnis dieses Mißerfolges die Jungmis rachisten bestimmt, den Prozeß der Verselbständigung mit allen Kräften zu betreiben, dies ist ein Erfolg der Aguda, der nicht hoch genug einge schätzt werden kann. Welche Politik hat Misrachi während der ersten zwanzig Jahre seines Bestandes befolgt? Man kann diese Politik nicht zutreffender charakterisieren als es Theodor Herz! in seinem Tagebuche (Seite 105, 2. Band) mit folgenden Worten tut: „Während des Kongresses bestand ich auch einen geheimen Kampf mit den Rabbinern von der schwärzesten Couleur, die gekommen waren, um sich der Bewegung anzufchließen. Sie wollten Zugeständnisse, die ich verweigerte. Ich fühlte, daß sie sich verloren geben und noch aus ihrer Niederlage herausschlagen wollten, was möglich ist. Als ich ihnen keine Konzessionen machte, gingen sie ohne solche mit." Misrachi hat diese Rolle während zwanzig Jahre getreulich beibehalten. So schreibt der Misrachiführer Dr. Feldmann in Nr. 17 des Warschauer offiziellen Misrachiorganes „Das Jüdische Leben", daß- Misrachi während zwanzig Jahre die Rolle des Rabbiners in der zionistischen Organisation gespielt hat, jenes Rabbiners, der seine Aufgabe darin erschöpft, Moral zu predigen. Mit dem Erfolge, wie Dr. Feldman selbst melancholisch bemerkt, der im allgemeinen den Moralpredigten der Rabbiner gegönnt ist. Im besten Falle hört man sie an, im seltensten befolgt man sie. Ferner hat Misrachi noch die Aufgabe gehabt, als Inkassant der zionistischen Organisation,' anscheinlich als Gegenleistung, weil man dort die Moralpredigten angehört hat, Geld zu sammeln. Diese Situation ist nun für den Jungmisrachisten infolge eines radikalen psychischen Umschwunges fast unerträglich geworden. Dr. Feldmann selbst führt in den angeführten Artikel aus, daß Misrachi fast in bezug auf alle jüdischen Probleme im prinzipiellen Gegensatz. zu der zionistischen Organisation steht, und er kommt zu dem bemerkenswerten Schluß, daß Misrachi von der Aguda sich nur darin unterscheidet, daß Misrachi nach außenhin, getragen vom jüdischen Solidaritätsgefühl, unter allen Umständen eine jüdische Einheitsfront haben will. Es ist hixx nicht der Platz, mit der Frage sich zu beschäftigen, ob die oben geschilderten Gedankengänge nicht mit zwingender Notwendigkeit ergeben, daß jene, die sich in allen innerjüdischen Prinzipien einig fühlen, in einer Organisation sich vereinigen; ob es nicht aller Vernunft, allen historischen Belehrungen widerspricht, daß Menschen und Organisationen, die in allen Wesenspunkten den gleichen Zielen zustreben, mit Rücksicht auf außenpolitische Erwägungen sich voneinander durch Schaffung von wesensfremden Verbänden trennen? Wir wollen uns — wie gesagt — nicht mit diesen Fragen beschäftigen. Wesentlich für uns in diesem Zusammenhänge ist die Tatsache, daß die Jungmisrachisten in den jüngsten Jahren mit zielbewußter Energie durch die Schaffung selbständiger Institutionen ihre Selbständigkeit, ihre bisher nicht vorhandene Autonomie vorbereiten. Es ist selbstverständlich, daß in der gehässigen Atmosphäre, die leider — wie wir zugestehen — intra et extra muros mit großer Beflissenheit künstlich produziert wird, diesen Tatsachen nicht die nötige Beachtung geschenkt wird. Wenn man aber die zionistischen, besonders die linksorientierten Zeitungen liest, so merkt man es bald, daß infolge der misrachistischen Versuche, sich zu verselbständigen, Misrachi fast mit der gleichen Gehässigkeit wie die Aguda behandelt wird. In den wüsten Angriffen der linksorientierten Zionisten wird Misrachi sicher nur eine Bestätigung der Richtigkeit des neuerlich eingeschlagenen Weges erblicken. Wenn wir nun nach den Gründen forschen, wieso denn Misrachi auf einmal die während langer Jahre befolgte Politik geändert hat, wieso die Erkenntnis,, daß der frühere Weg falsch war, mit Zwingender Notwendigkeit sich der jungen Generation aufdrängte, so haben wir darauf bloß eine hinreichende Antwort: Die Aguda. Seit dem Jahre 1911, wo führende Misrachisten, als Antwort auf den Kongreßbeschluß, nach welchem die zionistische Organisation auch Kulturarbeit zu leisten hat, aus der Organisation ausgetreten sind und die Gründung einer selbständigen unabhängigen Organisation, der Aguda nämlich, beschleunigten, hat die tiefe Einwirkung der Aguda auf die Misrachisten und ihre Organisation nie auigrhört. Die dichten Wolken der Gehässigkeit ließen nur nicht die gesunde Entwicklung bereits i' Keime erkennen. Heute steht es aber fest, daß die aktivsten Mitglieder des Misrachi es als ihre Lebenswahrheit erkannt haben, daß sie nicht nur in kultureller Beziehung selbständig sein müßten, sondern auf allen Gebieten, auch des wirtschaftlichen und sozialen Lebens dies anstreben müssen. Sonst würden sie nie eine ernste Rolle, die einer großen Partei gebührt, spielen können. Selbstverständlich aus politischem, besonders aber auf außenpolitischem Gebiete, wollen sie noch die unbedingte Einheit behalten. Es scheint so, als ob sie in diesem Punkte, in diametralem Gegensatz zu der Aguda stünden. Wir glauben, daß dies bloß ein trügerischer Schein ist, denn Agudas Jisroel hat nicht den Ehrgeiz, auf politischem Gebiete und besonders nach außenhin, immer selbständig im Gegensatz zu der zionistischen Organisation oder neben ihr aufzutreten. Sicherlich, Agudas Jisroel hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß sie der zionistischen oder irgendeiner anderen Organisation allein nicht das Recht zubilligt, vor den Mächten der Welt und vor nichtjüdischen politischen Faktoren, das Judentum zu vertreten, und besonders dann nicht, wenn man aus dieser politischen Arbeit Rechte ableitet, die dann zu ungunsten der thoratreuen Judenheit gebraucht werden. Ebenso sicher ist es aber auch, daß Agudas Jisroel das gesonderte Auftreten nach außen, immer nur aus Not getätigt hat, das in keiner Zeit eine Tugend in ihren Augen geworden ist. Es hat sogar die Geschichte der jüngsten Vergangenheit gezeigt, daß Hand in Hand mit der inneren Erstarkung der Aguda die Geneigtheit zunahm, nach außenhin gemeinsam aufzutreten. Die Separation hat im Selbsterhaltungstrieb des Schwachen ihre triftigste Begründung. Nach diesen Voraussetzungen kann jeder thoratreue Jude zukunstsfroh den kommenden Ereignissen entgegenehen. Der von den Besten der Orthodoxie stets zehegte Wunsch, die versprengten Teile der thorai reuen Judenheit in einer Organisation zu vereinen, kommt. Dieser Wunsch arbeitet unaufhaltsam, er ringt sich durch. Die Vereinigung wird

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.