Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1925)
- Date
- 1925-08-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Seile 3 e. August 1925 _ SrollM schilderte die Eindrücke seiner Rutzlandreile und skizzierte den Plan der Kolonisation. Zwecks Ansiedlung einer Familie seien 750 Dollar erforderlich. Von dieser Summe mutz die Siedlerfamilie 200 Dollar aus eigenem mitbringen, 200 Dollar leistet die russische Regierung, die auch das Land unentgeltlich zur Verfügung stellt, die restlichen 350 Dollar mutz Joint aufbringen. Leine Behörde darf sich in die inneren Verhältnisse der Kolonisationsarbeit mimischen, Joint hat vollständig freie Hand. Es besteht keinerlei Gefahr, datz die Lommunisten Einfluß gewinnen und den Plan schädigen. Mr. Brown sagte weiter, 80 % der russischen Juden würden freilich Palästina vorziehen, , allein-die Losten der Heber.siedlung nach der! Ansiedlung in Palästina seien zu grotz, als datz düs eine Massenlösung werden könnte. Es wäre kein Glück für Palästina, grotze Massen ins Land zu bringen, bevor das Land für deren Aufnahme vorbereitet worden ist. Auf die lautgcwordene Befürchtung, datz die Lolonistenkinder dem Judentum entfremdet werden könnten, weil die Sowjetregierung Re igionsunterricht verbietet, erwiderte Mr. Brown, die Praxis habe gezeigt. datz auch die Regierung nicht die Macht habe, das religiöse Leben zu unterdrücken. In den Lolonien z.B. b e st e h e n j ü d i sche S chulen u nd a n d e n Sab baitagen wird nicht g>e arbeitet. Auch wir möchten glauben, datz in geschlossenen. Landsiedlungen das religiöse Gemeinschaftsleben auf die Dauer nicht unterbunden werden kann. Erez Jisroel aber wird von einer landwirtschaftlich vorgebildeten jüdisch-russischen Jugend dereinst ganz andere Vorteile haben, als von einer Ueberschwemmung durch städtische Massen, die das Land nicht aufnehmen und wirtschaftlich gar nicht mit einem Male verdauen kann. Auch außerhalb Sowjetrutzlauds, beispielsweise in Litauen, geht es nicht an, alles auf die eine Larte „Erez Jisroel" zu setzen. Der Newyorker Richter Jacob Pauken hat einem Jl T. A.-Vertreter über die Eindrücke, die er auf einer Reise durch Litauen soeben empfing, folgende beachtenswerte Mitteilungen gemacht: „Einerseits ist es unglaublich, daß Menschen.so leben können, wie der litauische Jude im Durchschnitt, lebt. Andererseits ein Lichtstrahl: der Enthusiasmus der intellektuellen Juden Litauens für soziale Aktionen. Mein Eindruck ist: in Litauen wie in benachbarten Ländern werden die Juden allmählich eine bodenständige Industrie entwickeln, die in diesen Ländern heute noch fehlt. In Litauen gibt es ungeheuer viel Flachs, welcher in der Leinenindustrie verwendet werden kann. Ebenso gibt es dort sehr viel Holz, insbesondere Eiche, das die Basis für eine gute Möbelindustrie schafft. Auch eine Schuhfabrikation kann sich im Lande entwickeln, wodurch ein Der Israelit Zustand beendet werden wird, wo Felle und Leder ausgeführt und fertige Schuhe in das Land importiert werden. Dis Lösung der ökonomischen Judensrage wird auch die politische Gleichberechtigung nach sich ziehen. In der Einführung der Juden in die Produktion der betreffenden Länder sehen wir Amerikaner eine Lösung der Judenprobleme." Eine „Lösung des Judenproblems" erblicken wir zwar in der Industrialisierung der litauischen Juden keineswegs — aber die Rettung einiger Hunderttausende wertvollster jüdischer Seelen vom" Ruin ist — auch ohne sonstige Lösung weltgeschichtlicher Probleme — des Schweißes des Edlen wert. Gold und Geist. Zu den unter dieser Ueberschrift vor einem Monat von uns veröffentlichten Glossen über die Subventionierung gesetzestreuer Anstalten durch Berliner Jüdische Gemeinde und Berliner Landesverband äußert sich das Vorstandsmitglied Bruno Galewski im Achduth-O'rgan in einer Weise, die uns veranlaßt, auf den Gegenstand zurückzukommen. Herr Galewski, von dem seine Freunde behaupten, es liege ihm an angenehmeren Beziehungen zwischen selbständiger und Gemeinde-Orthodoxie, scheint dennoch so sehr im Parteikampf zu stehen, datz ihm bei der Beurteilung gegnerischer Aeutzerungen starke Irrtümer unterlaufen. Er behauptet zunächst, wir hätten die Veröffentlichung seiner Zuschrift a b g e - lehnt und nur zwei Sätze') daraus, in umredigierter Form bringen wollen. Das Gegenteil ist richtig. Wir erklärten uns schriftlich bereit, die ganze Zuschrift unverkürzt zu veröffentlichen mit Ausnahme zweier Sätze, die wir wegen ihres persönlichen Charakters umzuändern wünschten. Des weiteren erblickt Herr Galewski in unserer Darstellung die „schwere V e rtnrdj tigung der Läuflich keil" gegenüber den beteiligten gesetzestreuen Institutionen. Wie man sich doch irren kann. . Wir hatten geschrieben: „Das Seminar kann beruhigt fein — der Verband braudjt die Subvention in seinem Budget noch viel, viel nötiger als die leere Seminarkasse die dreißigtausend Reichsmark, denn wie sollte sonst die unentbehrliche politische Fiktion aufrecht erhalten werden, daß der Verband nicht nur die radikale Vibelkritik und die religiöse Coolutionslehre, sondern auch die orthodoxe „Nüance" des Judentums mitvertrete. Wir registrieren mit Befriedigung, daß ungeachtet dieser Subvention zum mindesten das Dozentenkollegium, also die geistige Repräsentanz des Seminars, im Rate des Verbandes nach der Ablehnung Rabbiner Dr. Weinbergs nicht vertreten ist. *) Nach Redaktionsschluß erhalten wir eine Zuschrift' des Herrn Galewski, worin er mitteilt, daß diese Wendung auf einem Irrtum des Blattes beruhe, sowie daß ihm jede polemische Tendenz ferngelegen habe. Wir möchten hoffen, daß die ungeheuerste Gefahr jeder solchen Verbandsbildung — die Unterhöhlung aller Prinzipientreuo durch das gleißende Gold, mit dem beispielsweise die Berliner Jüdische Gemeinde die selbständigen Synagogenvereine und ihre Rabbiner allmählich aufkauft — daß diese Gefahr keine allzugrotzen Dimensionen annehmen möge. Geistesstolz vor Parnoffim- Thronen ist es, den wir brauchen!" Wenn Herr Galewski zur Widerlegung dieser unserer Anschauungen u. a. feststellt, datz die Subvention, die jetzt der Landesverband bewilligte, von der Berliner Jüdischen Gemeinde seit Jahren schon gezahlt wurde, ohne datz vom Seminar irgendwelche „Erklärungen oder Zusicherungen vorausgesetzt" worden seien, wenn er beteuert, die Subventionen an die Synagogenvereine seien keine „Bestechungssummen", sondern entsprängen „sachlichen Erwägungen" und bedingten keine Jngerenz der Gemeinde in den Ritus, so bedeutet das — Herr Galewski verzeihe — einen starken Mangel an Verständnis für die Tendenz unsrer Bemerkungen. Wir haben und hatten es nicht mit den äußeren Tagesereignissen an sich, sondern mit ihrer Wertung als Symptome und Wegzeichen für künftige Entwicklungen zu tun. Nichts lag uns ferner als der Gedanke, datz die Berliner- Jüdische Gemeinde „Bestechungssummen" zur Herbeiführung irgendwelcher „Erklärungen oder Zusicherungen" oder zur Einführung liberaler Reformen zahlen will, oder daß irgend ein Synagogenvereinsrabbiner „käuflich" sei. So grob ' und plump vollziehen sich rein psychologische Entwicklungen nicht. Was wir feststellten und gar nicht oft genug wiederholen können, das ist die ungeheure Bedrohung der inneren geistigen Unabhängigkeit der Orthodoxie durch ihre organisatorische oder finanzielle Verknüpfung mit jenen Lörperschaften. deren innerstes Wesen die religiöse Neutralität, d. h. die Gleichgültigkeit gegen Wahrheit und Lüge auf jüdisch-religiösem Gebiete ist. Das aufrechte religiöse Betennertum, das dem überlieferten Judentum heute mehr als je notlut, verträgt sich nicht mit der schweigenden oder ausdrücklichen Duldung der Leugnung und des Abfalls als gleichberechtigter Richtung innerhalb des Judentums. Wenn nun zu der täglichen Gewöhnung an diese Gleichberechtigung auch noch das natürliche menschliche Gefühl der Dankbarkeit tritt, dann wächst die Gefahr der seelischen Assimilation, von der die Gemeindeorthodoxie an sich ihrer Natur nach bedroht ist, ins Ungemessene. ist doch die Einwirkung-der letzten gewaltigen Ereignisse auf unser jüdisches Schicksal gar nicht zu verkennen. Es wäre aber verfehlt und zeugte von mangelnder Deutungsfähigkeit unserer Geschichte,, sähen wir die Wende in der Erez Israel-Frage nicht erst am Anfänge ihrer Entwicklung. Schön heißt es im Midrasch unter dem Bilde eines Gleichnisses. „Ein König zieht, umgeben von einem Stab höherer und höchster Beamten, in eine Stadt ein. Dienstbeflissen wie sie sind, bitten die Untertanen, ein jeder von ihnen einen andern zu Gaste. Da ist aber ein kluger, weiser Mann. Der erbittet sich den König selbst. Dessen Diener, meint er, wechseln je nach Belieben des Fürsten, der König jedoch ist beständig . . ."!Eir, verstehen wohl den Sinn dieses Weisheitswortes. Bitten auch wir den König zu uns. Mögen die Völker in unseren Tagen ihre Schlüsse aus ihren Erlebnissen ziehen. Wir, Israels Kinder, das qVij? w, das Volk der Ewigkeit, sollten uns das zu eigen machen, was unsere Geschichte uns lehrt und das'neue Erleben uns mir bestätigt: unfern Glauben als Quelle unserer Kraft und unseres Trostes, unfern Glauben mit all seiner Bes ligung Und - Verpflichtung — unfern Glauben an die liebe Gottes wie an die Macht unserer heiligen Lehre. So werden.wir der Gottesknecht, der mit dem Propheten sprechen darf: - . -'fuiDa mro? ab •>3:si prr ’V rrns 'n "i« Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet, und ich habe ->licht widerstrebt und bin nicht zurückgewichen." kleines Feuilleton. (Die Gesamtzahl der Juden in der ganzen Welt: 14 830 832.) In der demnächst erscheinendenNummer 5 der..Blätter für Demographie. Statistik und Wirtschaftskunde der Juden" veröffentlicht der bekannte jüdische Statistiker Jakob Letschinsky grundlegende Untersuchungen über die Zahl der Juden in allen Ländern der Welt. Laut den letzten Volkszählungen, von denen mehrere freilich einige Jahre zurückliegen, wurden in den verschiedenen Erdteilen und Ländern die folgenden Zahlen ermittelt: (Die eingeklammerten Ziffern geben die Jahreszahl der letzten Volkszählung, sowie den Prozentsatz zu der Gesamtbevölkerung an.) I. Europa: Polen (192t) 2.829.436 (10,4° 0); europäisches Rußland (1920) 2.626.667 (2,8%); Ukraine (1920) 1.772.469 (6,9%); Sonstiges Rußland (1920) 854.188 (l,2%i; Rumänien (1919) 831.344 (4.8%); Deutschland (1919) - 575.000 (1%) Ungarn (1920) 473.310 (2.8%); Tschechoslowakei (1921) 354.342 (2,6%); England und Irland (192!) 266.000 (0,7%); Oesterreich (1924) 300.000 (4.6%): Litauen (1923) 155.126 (7,6%); Frankreich (1921) i 50.000 (0,4%); Holland (1920) 115.229 (1,7%); Griechenland (1920) 110.000 (2,2%); Lettland 1920) 79.644 (5%); Europ. Türkei (1922) 85.000 (4,5%); Jugoslawien (1921) 64 221 (0.5%); Belgien (i920) 50000 (0,7%); Bulgarien (1920) 46.600 (0.9%); Italien (1921) 45000 (0,1%); Schweiz (1920) 20.955 (0.5%); Schweden (1920) 6.474 (0,1%); Dänemark (1921) 0.924 i0,2%); Estland (1922) 4.639 (0.4%); Spanien (1919) 4.000 (0,02); Danzig (1919) 4.000 (0.1%); Portugal (1920) 2.000 (0,03%); Finnland (1920) 1.618 (0,05%); Norwegen (i920) 1.457 (0,05%); Gibraltar (1921) 1.300 (7.6%); Luxembourg (1922) 1.270 (0,5%). II. Asien HAsiat. Rußland (1920) 177.813 (0,5%); Sibirien (1920) 32.731.(0,4%); Turkestan (1920) 20.000 (0.8%); Kaukasus usw. (1920) 53.082 (0,3%); Republik des Fernen Ostens (1921) 60.000 (3,8%); Mesopotamien (1924) 87.488 (3,1%); Palästina (1922) 83.794 (11,1%); Asiat. Türkei (1922) 70.000 (0,8%); Persien (1922) 55.000 (0,7%); Syrien und Libanon (1922) 35 000 (1%); Arabien (1920) 25.000 (05%); Indien (1921) 21.788 (0,0%); Buchara und China (1920s 20.060 (0.6%); Afganistan (1922) 18/00 (0.8%); China und Japan (1920) 6.090 (0,0%); Aden und Perim (1921) 3-749 (6,8%). III. Afrika: Brit. Süd-Afrika (1921) 62.103 (0,8%); Transvaal (1921) 33 515 (1,6%); Kapland (1921) 21.2 2 (0,8%); Franzöf. Marokko (1919) 84.302 (1.6%); Span. Marokko (1922) 18.000 (3%); Algerien (1921) 73.967 (1.8%); Aegypten (1917) 59.581 (0.5%); Abessynien <1920) 50.000 (0,5%); Tunis (1921) 47.641 (2,8%); Tripolis (1918) 18.660 (2.4%); Tanger (1922) 12.000 (2.%). IV. Amerika: Vereinigte Staaten (1920) 3.600.000 [3%]; Kanada [1921] 126.196 [1,3%]; Argentinien [1921] 100.000 [1,4%]; Mexiko [1921] 20.000 [0,1%]; Kuba [1922] 5 000 [0.2%]: Chile [1920] 3.300 [0,1%1; Brasilien [1920] 27.000 [0.1%]; Surinam und Curaeao [1921] 1.343 [0,70/0]; Jamtka [1921] 1,260 [0.1%]. V. Australien: Reu-Süd-Wales [1921] 10.150 (0.5%]; Victoria [1921] 7.677 [0.5%]; Reu-Seeland [1921] .2.380 [0,2%]; West-Australien [1921] 1.919 [0.6%]; Queensland [1921] 1.003 [0,l%]; Süd-Australien [1921] 743 10.2%]; Tasmanien [1921] 130 [0.1%]. Cs leben demnach in Europa 9.232.576 Juden, d. s. 2.10/y tztzx Gesamtbevölkerung; in Asten 596 622