Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1925)
- Date
- 1925-08-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450337-2450368--72403-2529774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 32 Der Israelit 6. August 1925 Diese rätselhafte Bemerkung erklärt mein Großvater und Lehrer, der Verfasser des nn?>Vx vij?^' auf folgende Weise: Zu dem Verse: wa nwa j?iay zmn nxnai nai pan nxm „Und besieht der Priester den Schaden usw. und das Ansehen des Schadens ist tiefer als die Hand seines Fleisches" — bemerkt :v'ttn Vxn ja npas? nan nxnaa xm pay ja!? nana ^a „Jede weiße Forbe erscheint tief, wie der Schein der Sonne tiefer zu sein scheint als der Schatten." Hieraus ist ersichtlich, daß jede helle Farbe tiefliegender zu sein scheint als das Dunkle. Nun meint unser Midrasch folgendes: i^va niai^a nmnn nx nxm ’a anx^> rnx Heil dem Menschen, dem die Thora weiß wie der Schnee vorkommt, d. h. der es begreift, daß die Vorschriften der Thora einen tieferen Sinn haben, so daß dieser tiefere Sinn wie der Schein der Sonne neben dem Schatten sich zu dem einfachen Eesetzesbuchstaben verhält. Dieses selbige Verhältnis finden wir auch in bezug auf das göttliche Wesen. Die Idee Gottes ist der erhabenste Begriff der denkenden Vernunft, das höchste Ziel menschlichen Denkens und Forschen-. Sie ist Ausgangswie Mittelpunkt, nicht nur aller Religionsphilosophie, sondern aller Philosophie überhaupt: denn so wie Gott als das Höchste im Seienden bezeichnet werden muß, so ist auch die Betrachtung über Gott die höchste Blüte eben derjenigen Wissenschaft, welche mit den letzten Gründern des Seienden sich zu befassen, als ihre Aufgabe bezeichnet. Doch was ist Gott und wie haben wir ihn uns zu denken? Die Philosophie verharrt in demütigem Schkveigen vor dieser Frage: im Bewußtsein ihrer Ohnmacht tritt sie ehrfurchtsvoll, schüchtern zurück. Sie kann nur denken, erforschen und beweisen, daß Gott ist, nicht w a s er ist. irnna xV nab inw» xbx pwi xb(More Nebuchim I, 58.) i'n".n ■nnsrp i*?x „Wüßte ich, was Gott ist, dann wäre ich selber Gott!" war der schöne und sinnige Ausspruch eines Weisen. : (Ikkarim II, 30.) lA'wnb “wax 'xv ‘parr uaa na wbam pna x1?^ p snw na n'ban Dann naxaa „Das Höchste, was wir von Gott zu erkennen im Stande sind, ist, daß wir ihn eben nicht kennen."^) (Ibid.) And so lehrt auch die Thora: ’ixn1 xb ’a mi anxn „Denn es sieht mich der Mensch nicht und lebt." Dies war die Antwort Gottes auf die Bitte Mosis: yma nx xi •’axnndaß Gott 3) Vergleiche hiermit Dr. A. Schmiedel, Studien über jüdische rc. Religionsphilosophie, S. 3. ihm eine direkte Erkenntnis seines Wesens, aus' welchör dann die Erkenntnis seiner Wege sich von selbst ergibt, gewähre.4 5) — Des ferneren heißt es auch: xb ’a' aa'nwai!? mxaSfannaum aima na^x xn nan ava nnan i?a anmn „So hütet denn euch für eure. Seelen! Denn ihr habt keinerlei Gestalt gesehen an dem Tage, da Gott zu euch zu. Ghoreb mitten aus dem Feuer sprach." Wir sollten uns die Begriffsreinheit und die Ueberzeugungsgewißheit von der übersinnlichen und doch einzig hohen realen und persönlichen Wesenhaftigkeit- Gottes, des unsichtbaren Einen, durch keinerlei Einreihung in den Kreis sinnlicher Existenzen rauben oder auch nur trüben lassen." (Hirsch, zu V, 4, 15.) Und doch finden wir, wie selbst die Thora, die — wie wir eben gesehen — unstreitig die reinste, vollendetste Immaterialität Gottes lehrt, ja diese so wiederholt und so nachdrücklich betont, daß neben der Einheit auch die Immaterialität Gottes eben ein Hauptkciterium ihrer Lehre wurde, sich genötigt sieht, da sie zu Menschen spricht, auch in vermenschlichenden Ausdrücken von Gott zu reden. Weil eben die Sprache selbst übersinnliche Begriffe nicht anders als eben nur nach sinnlichen Vorstellungen zu bezeichnen vermag, so kann sie selbst von dem übersinnlichsten, abstraktesten, reingeistigsten Begriff, den der menschliche Geist zu denken imstande ist, von dem erhabenen Begriffe Gott, auch nicht anders als anthropomorphistisch und anthropopathisch reden. ^jDaher finden wir die Ausdrücke: tfaxx rn n* ' .n ’rs? -a'^x Hand Gottes, Augen Gottes, Finger Gottes usw. Wir aber dürfen hierunter bloß die entsprechenden Manifestationen des göttlichen Wesens, wie z. B. Strafe'Gottes, Waltung oder Vorsehung Gottes usw. verstehen. Und so schreibt schon der große Maimvnides in seinem More (l, 46): „Unsere Weisen haben eine allgemeine Sentenz aufgestellt, die jede falsche Auffassung der biblischen Anthropomorphismen zurückweist.-Diese allgemeine Sentenz befindet sich in Bereschith Rabbah cap. 27 und lautet: nnix ■panap a'X'ai Vw jna Vttä nnsi^ „Groß war die Kraft der Propheten, sie verbildlichten den Schöpfer durch das von ihm Geschaffene." — Maimonides führt jedoch sehr häufig noch einen anderen talmudischen Satz als Belegstelle dafür an, daß schon die alten Lehrer die biblischen Anthropomorphismen sehr richtig als bloß figürliche Andeutungen und Hinweise erkannt hatten — und zwar den im 4) Hirsch zu M. II. 33,20. 5) Vergleiche hiermit Schmiedel w. o. S. 239 und S. 245. Talmud recht ofk wiederkehrendm Ausdruck: .nnat anx *>:a jw*?a: nmn „Die' Thora redet * nach der Sprache der Menschen."^) (Schluß folgt.) Wochenrundschau. </j>' ■ Die Wirtschaftsarbeit im Osten. Wir haben an Dieser Stelle vor kurzem auf die dreifache Aufgabe der politisch-wirtschaftlichen Aufbauarbeit für die breitesten Schichten der jüdischen Volksmassen im Osten hingewiesen, deren ökonomische Verelendung sowohl den Abfluß eines Teiles der Bevölkerung nach Amerika, als Die Ueberführung 'der Verbleibenden in p r o d u k t i v e Berufe neben der gewiß ideell an erster Stelle stehenden Erez Iisroel - Emigration -erfordert. Keiner der drei Wege, kann für sich alMn helfen. Inzwischen ist es zwischen den Vertretern des Zionismus, der naturgemäß alle finanziellen Hilfsquellen in den Dienst des Palästinawerkes stellen will und den Befürwortern der großen amerikanischen Fünfzehn Millionen Dollar-Aktion für die Krim-Kolonisation zu einem Konflikte gekommen, in den auch Weizmann verwickelt wurde. Das scheint uns bedauerlich. Die Welt, auch die jüdische Welt, ist groß und letzten . Endes leistungsfähig genug, um beiden Zwecken gerecht zu werden und es gibt vor allem zweifellos weite Kreise, die für Erez Iisroel überhaupt nicht zu gewinnen sind, wohl aber für die ihnen näherliegende und an sich rascher rentierende Ansiedlungsarbeit in Rußland. Es wird in diesem Zusammenhang interessieren, die Anschauungen zu hören, die Felix Marburg und David Brown, die Initiatoren der Kampagne in Amerika vor Zeitungsvertretern darlegten. Marburg führte aus, die Aufgabe des Joint in Rußland sei nicht, Propaganda für Kolonisation unter den Juden zu machen, denn die Bewegung für Landansiedlung ist unter den russischen Juden selbst entstanden und nahm elementare Formen an. Die Aufgabe des Joint ist es, diese Bewegung zu unterstützen. Angesichts der jetzigen Lage der Juden in Rußland ist eine Landansiedlung die einzige Lösung. Mr. <5. Mischnah-Kom. Sanhedrin 10,a. — Jesode hatora 1.9 und 12. — More , 26, . 33, 46, 59. Trost. Don Rabbiner Dr. W. Lewin in Kamönrg. Nach den dumpfen, ernsten Klängen der Klage und Trauer, der Warnung und Zurechtweisung läßt sich uns jetzt an sieben Sabbaten der Prophet des Trostes vernehmen, um uns aufzurichten und dem Lichte der Hoffnung und Zuversicht entgegenzuführen: ivx -upn epn2 i»mn o’pEm-ai oanmK '22« 12 •nnmrv Einer Mutter gleich, die ihren Sohn tröstet, will ich auch trösten, — daß itjv um Jeruscholaim getröstet werdet." Gotte.-- Zorn ist seine Liebe, seine Strafe birgt den Keim der Besserung und Heilung. Zu dieser Erkenntnis sollen wir uns während der „drei Wochen" durchgerungen haben. Daß wir trotz Zerstreuung und Golusleiden nicht untergangen sind, uns nicht fortschwemmen ließen von den brandenden Wogen und schäumenden Fluten mannigfacher Gefahren und Versuchungen, die uns immer wieder bedrohten, das ist die Bürgschaft für die Ewigkeit unseres Volkes, das ist auch die große Verpflichtung, die auf uns ruht, in Wort und Tat anzuerkennen: 'ivn vom ii-2 nb ,2 nb '2 „Gnade des Allliebenden ist es, daß wir nicht geschwunden, daß nicht ausgehört hat sein Erbarmen." Israel, die Schöpfung der Liebe und Gnade Gottes, ist in feinem Dafein und Bestand das Zeugnis seiner unermeßlichen Weisheit und unbegrenzten Fürsorge. Zum Lehrer der Menschheit, zum Licht der Welt bestimmt, hat Israel durch seine am Sinai überkommene Bestimmung im Heiligtum der Menschheit den Altar der Sitte und Moral gebaut, ist aber nicht auch seine Geschichte eine wundersame Verdolmetschung seines Priestertums, wie es getreu der Weisung seines Propheten: nran np-tsn „Pflicht fei dein Szepter", unentwegt getragen und geduldet in Hingebung und Treue, ein Beispiel und Vorbild für Opfermut und Glaubensinnigkeit, für innere Kraft und Würde und eine ewige Mahnung an den,der nicht nur in den Hinimeln droben waltet, sondern auch die Geschichte das Weltgericht werden läßt? Ein treffendes Midraschwort besagt: vrrw» ,i"2p w» smai im nrn abwi o'p'wn 7« „Wenn er auch v"2pn(sür eine Weile) die Frommen auf Erden preisgibt, so erbarmt er sich ihrer wieder." Darin offenbart sich die ewige Liebe Gottes zu Israel und das ist unser Trost, daß die Leiden UNS stählten und uns immer den Weg der Rückkehr zur Pflicht und Aufgabe bahnten. Unsere Vergangenheit, so viel sie auch von Kämpfen und Nöten zu berichten weiß, kündet doch auch von wunderbarer Entsagung und Opferwilligkeit, wie Israel feine geschichtliche Sendung als die Verwirklichung des Prophetenwortes erfaßt hat: us D’tnai» pni-i maai» »m &b '2 by •>!> 'n r'i - p*>i mvi-s« vnnon «V ■En2N Ni» '2 V7ÖB» p b? Meinen Rücken gab ich preis, denen, die mich schlugen und meine Wangen meinen Peinigern, mein Angesicht habe ich nicht zurückgezogen vor Schmähungen/ ja vor Speichelwurf —, stand doch der Herr, der Allliebende mir bei! — darum bin ich nichtzu Schanden geworden — deshalb habe ich mein Angesicht hart wie Kiesel gemacht, ich wußte es immer, daß ich nicht beschämt dastehen werde. Welches Blatt wir auch in dem Buche unserer Geschichte ausschlagen mögen, immer von neuem lesen wir die Deutung dieser jesajanischen Heilsverkündigung. Niemals ging uns die Sonne der göttlichen Gnade unter, ohne daß sie uns wieder an anderer Stelle aufleuchtete. Immer tauchte ein neuer Sammelpunkt auf für Israels bedrückte und verfolgte Kinder, und ein neues geistiges Zentrum bildete sich, wenn hervorragende Pflanzstätten der Thora und Gottesfurcht der Verödung anheimsielen. Ohne anmaßend und dünkelhaft zu erscheinen, dürfen wir ruhig jedes große- Weltgeschehen im Wandel der Zeiten und in der Flucht der Geschlechter als Ursache oder Auswirkung unseres geschichtlichen Seins und Werdens deuten. Vielleicht deutet diesen Gedanken jenes Wort an: pp22 uvina nnrw by tm ->2 psav -i^rni» nn imiaaw ■pjnr» m nroi»» bv ,,R. Simeon b. Aba hat erklärt: Aus der Tatsache, daß auch im Wandel der Völker und Reiche, von denen immer eines das andere ablöste, du uns jung und frisch erhalten, schöpfen wir die frohe Gewißheit, daß. du uns in deiner unendlichen Liebe und Treue erlösen wirst..." Nicht Seher pnd Propheten sind wir, um das letzte furchtbare Völkerringen nach Sinn und Wesen deuten zu können. Das Friedensfehnen aber, das nach dem unsäglichen Menschenmorden des Krieges sich vermehrt und gesteigert bei den Besten und Edelsten zeigt, der Völkerbund als unmittelbare Folge des Weltbrandes und das Streben nach seiner Erweiterung und Ausgestaltung, dies dürfen wir doch sicher als einen Triumph unserer Propheten buchen. Aber auch das, was Unsere Gemeinschaft unmittelbar erfahren, daß man in vielen Punkten unser Ergehen und unsere Stellung mit in den .Krem der Berechnungen, zieht, .ist doch wohl als eiye. Folgeerscheinung der letzten geschichtlichen Ereignisse zu werten. Wenn auch noch nicht alles sich klar abhsbt und vieles noch wie von einem Wolkenschleier verhüllt erscheint, so