Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1925)
- Date
- 1925-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Sri lllerans arle E.B-fi. Die Hinterlassenschaft Hermann Cohens, des jüdischen Philosophen.'' Von Direktor Dr. Joseph Earlebach in Hamburg. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums hat ihrem Gründer ein herrliches Denktital gestiftet: in drei stattlichen Bänden lieh sie seine in Zeitschriften verstreuten, z. T. auch noch unveröffentlichte Aufsätze und Reden jüdischen Inhalts herausgeben. Kein Geringerer als Franz Rosenzweig, Cohens größter Schüler, schrieb dazu eine Einleitung und Würdigung der wissenschaftlichen und religionsphilosophischen Leistung seines Meisters, in die manche wundervolle Anekdote und intime Beleuchtung seiner Persönlichkeit, wie sie sich gab und wie sie wirkte, miteingeflochten ist. Die philosophische und zeitgeschichtliche Bedeutung dieser Arbeiten Cohens hat in der Vorrede Rosenzweigs solch klassischen Ausdruck gefunden. dah dem Rezensenten nichts hinzuzufügen übrig bleibt, (sie sind aus einem Guh, obwohl auch Cohen eine hochinteressante innere Entwicklung durchgemacht; sie haben einerlei Inhalt: die vernunftgemäßen Prinzipien des Judentums. Sie haben einerlei Stil: das feierliche Pathos philosophischer Selbstgewißheit. Ueberall gibt sich der ganze Mann, der niemals mehr oder weniger sein will als der Systematiker und Sachwalter der idealistischen Weltanschauung. Ueberall kennzeichnet ihn die absolute Bestimmtheit, die kategorische Entschiedenheit eines in grohartiger Einseitigkeit lehrenden, tiefüberzeugten Kathederphilosophen. Respektvoll beugen wir uns vor der Gedankengewalt und der sittlichen Persönlichkeit, die aus diesen Aufsätzen lebensvoll zu uns spricht. Nur weil die Kennzeichnung dieser Sammlung als „die jüdischen Schriften Cohens" sich darbietet, wollen wir es wagen, ein kurzes Wort über den jüdischen Standpunkt, aus dem sie geschrieben und den wir dazu einnehmen, auszusprechen. Schon einmal hat Jacob Rosenheim in seinen „Beiträgen zür Orientierung über das indische Geistesleben" die Antwort des historischen Judentums auf die Cohensche Deutung gegeben. Heute gehören Cohens Werke der Geschichte an, sie können leidenschaftlos betrachtet werden, denn die Zeitläufte, aus denen heraus sie z. %. geboren, liegen abgeschlossen hinter uns, liegen durchsichtig vor uns. Im reinen Aether der Gedanken haben wir uns mit ihnen auseinanderzusetzen. *) Hermann Cohens jüdische Schriften. Berlin 1924. ( Bände: „Ethische und religiöse Grundfragen", „Zur jüdischen Zeitgeschichte", „Zur jüdischen Religionsphilosophie und ihrer Geschichte". Vor Augen haben wir uns stets zu halten: Cohen ist Philosoph, nicht Rabbiner, nicht Theologe. Er will keinen Schulchan Aruch schreiben und keinen Kommentar zu Bibel und Talmud. Seine Problemstellung ist einzig die philosophische, die der souveränen menschlichen Ratio als des einzigen Handwerkzeugs des Philosophen. Das Judentum als Religion der Vernunft, ist das einzige, was er Herausstellen will, was er sucht. Hierin liegt, wie seine Schranke, so auch seine Größe, sein Verdienst. Hier hat er dem Gotte Israels, dem einzigen Gotte, die Ehre gegeben vor Freund und Feind, hier hat er die Weltauffassung der Propheten verherrlicht im Reiche der Denker. Möchten nur unsre Freigeister seine mächtige Stimme hören, wenn er darlegt, daß der einzige Gott, der Gott des Judentums, die allein haltbare Grundlage einer konsequenten philosophischen Erfassung des Weltganzen ist, daß ohne ihn alle Ethik „ein schöner Traum" bleibt, daß der Pantheismus vor dem Richterstuhl der Logik nicht standhält und die Idee des Sollens, der Freiheit, der Moral untergräbt! Möchten nur alle Juden in Cohens Schule von dem krankhaften Liebäugeln mit der Person Spinozas sich heilen lassen, oder aus seiner Analyse der christlichen Weltanschauung tief verstehen, in welcher Lehre allein Religion und Sittengesetz ihre Verankerung und Grundlegung finden können! Uns allen hat Cohen unendlich viel zu sagen, daß wir die philosophische Größe eines Saadja, eines Abraham ibn Daud, und vor allem und allem, die Riesengröße des R a m b a m in seiner Selbständigkeit gegenüber Aristoteles erfassen und verstehen lernen. In jenem Starrkrampf des Nationalismus, dem Dogma von der alleinseligmachenden Vernunft, der aufklärerischen Überheblichkeit des Denkertums liegt aber auch die Grenze, an der Cohens mächtiger Geist, ein echtes Kind seiner Zeit, der Endlichkeit menschlichen Könnens und Begrenztheit aller Auffassung seinen Tribut zahlt. Hier liegt sein Zusammenhang mit dem liberalen Judentum, in das er den jüdischen Glaubensgehalt destillieren zu können vermeinte, dem er den Glanz seines Namens, seines philosophischen Systems als Folie gab. Hier ist die Wurzel seiner jüdisch-politischen Einstellung, einer edel empfundenen Assimilation, aus der heraus auch die Propheten sich eine völlig einseitige und daher unwahre Beleuchtung und Charakterisierung durch ihn gefallen lassen müssen. Hier endlich erklärt sich Cohens starker Glaube an die Wissenschaft, der Universitäten, auch an die der alttestamentlichen Bibclwissenschaft, an die Wellhausensche Schule, ein Glaube, in dem u. E. die Tragik dieses großen Mannes beschlossen liegt. Hier können, wir, Zwerge des Geistes, dem Riesen die Fehler und Mängel seiner Denkerarbeit aufweisen. Denn die Unzulänglichkeit idealistischer Konstruktionen ist heute eine philosophische Trivialität. Cohen ist kein Rambam; seine Schriften werden niemals in den heiligen Hallen des Gottesvolkes Bürgerrecht erlangen wie die Werke des Moses ben Maimon. Auch dieser war Rationalist. Auch sein More Nebuchim fragt nach, den vernunftgemäßen Grundlagen der Lehre Israels, will das Judentum vor dem Forum der Philosophie untersuchen und als haltbar Nachweisen. Aber Maimonides hat „eine starke Hand", die niemals gelähmt und erschüttert werden kann, er ist nicht nur „Führer der Irrenden," denen er ln ihrer Sprache und Denkweise gerecht wird, er ist auch Führer der Treuen, denen, die me aus dem Vaterhaus des Judentums hinausgetreten sind. Denn das Judentum, als eine Erfassung der Totalität der Welt, das ganze, volle, gesunde Judentum, es ist mehr als Rationalismus, als ein logisch-gedankliches System. Es umfaßt noch mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als die Schulweisheit der philosophischen Zunft sich träumen läßt. Wie der mathematische Analytiker den räumlichen Körper auf drei Ebenen projiziert, jede Projektion für sich betrachtet und dadurch eine bestimmte Gruppe der körperlichen Eigenschaften erkennen lehrt, wie der Architekt Grundriß und Aufriß und Seitenriß eines Gebäudes getrennt zeichnet und studiert, so läßt sich auch eine Erscheinung wie d i e jüdische Lehre auf eine rationale Ebene projizieren und diese Projektion besonders betrachten. Aber man muß sich stets gegenwärtig halten, daß das nur eine Seite des Judentums, nicht das ganze ist. So hat das Gebet, so das Opfer, so jedes Gesetz und jede Vorschrift eine vernunftgemäße Bedeutung, wie sie Rambam im dritten Teil des More darstellen will, aber Gebet und Opfer und die Gebote sind mehr als das, sie greifen in ein überrationales Reich, in geheimnisvolle Zusammenhänge der Weltsphären über, die durch Wort und Gedanken nicht erschöpft werden können. Rambam hat im Mischneh Tora die andre Seite der Gebote, ihre supramentale Bedeutung jedesmal angedeutet und fixiert und dadurch die Ergänzung seiner späteren rationalen Analyse gegeben. Bei Hermann Cohen fehlt sie; seine Beleuchtung ist eine lineare, plane, und vergißt den komplexen Charakter seines Gegenstandes. Bei Plato sind die wirklichen Dinge nur Schatten der Ideen, bei Cohen seine Ideen von Judentum nur Schatten des Wirkl i ch e n. Oftmals kommt bei Cohen selbst das Ungenügende und Unbefriedigende des rationalen Weltbildes zum Durchbruch. Besonders bei dem wichtigsten aller -religiösen Begriffe, an dem die Geister sich scheiden; dem Begriff der Offenbarung. Die wunderfeindliche, vernunftge-