Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1925)
- Date
- 1925-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sefc 4 Nr. 31 seiner angeblichen „politischen Neutralität" scheut nun der Esra diese Konsequenzen und „nimmt zu diesen Fragen keine Stellung". Und daraus folgt ein tiefbeklagsnswertes Manko in seiner Erziehungsmethode. Denn der Esra vermag — bei aller Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete der Erziehungstätigteit im Sinne der min — seine Mitglieder nicht zu gesinnungsfesten Menschen zu erziehen. In der Entscheidung für Agudoh, Misrachi oder Achdus, die wahrlich keine politische, sondern in eminentem Sinne eine religiöse und rv e l 1 a n s ch a u u n g s m ä ß i g e ist, ist der Esraführer völlig ratlos und haltlos. Die gewaltsame Neutralisierung seiner Gesinnung lähmt geradezu die eiserne Konsequenz des Denkens und lädt ihm die offenherzige, unzweideutige, klare Stellungnahme gegen Achdus und Misrachi in dem Heimabend als einen Vrrfassungsbruch erscheinen. Es ist Tatsache, daß eine solche Stellungnahme im Esra heute so gut wie nicht mehr möglich ist. So droht denn die Gefahr, daß die Esräer zu halben Menschen erzogen werden, zu schwankenden Charakteren, denen die felsenfeste Entschlossenheit fehlt, ihre Idee von der Souveränität der min bis in alle logischen Schlußfolgerungen durchzufechten, denen die frische, trotzige Kampfess reudigtei t ab geh t, die mit Waffen des Geistes die eigene Weltanschauung gegen Trübungen, Mißdeutungen, Kompromisse und Verdunkelungen verteidigt! — Jawohl, das kostbarste Gut, das die Jugend ziert, die unerschütterliche Entschiedenheit des Wollens, die unbeugsame Festigkeit der Gesinnung, diese Eigenschaften, die das Kennzeichen der starken Persönlichkeiten sind, — wieviel Hindernissen und Hemmungen begegnet ihrer Anerziehung im Esra, weil er das rückhaltlose Bekenntnis zur Agudoh mit all seinen Konsequenzen scheut und in die bloße, farblose, lauwarme „Neutralität" verliebt ist. — Wir wünschen demzufolge nich's Geringeres als die Preisgabe der „Gesinnungsneutralität" seitens des Esra (selbstverständlich unter Beibehaltung der politischen Neutralität). Wir wünschen ein rückhaltloses, klares, unzweideutiges Bekenntnis zur Weltanschauung der Agudoh bis in ihre letzten Konsequenzen. Wir wünschen dies, uin der unpädagogischen Erziehungsmethode des Esra abzuhelfsn,' wir betonen offen, daß wir dies Bekenntnis zur Agudoh nicht der Organisation, sondern nur ihrer Weltanschauung zuliebe wünschen. Wir geben uns mit Vertrauen der Hoffnung hin, daß der bevorstehende Bundestag des Esra dieses Bekenntnis ablegen wird. Dann erst werden die und nur die Uebersetzung und Drucklegung eine kurze Verzögerung verursachen. Jedenfalls wird das Protokoll voraussichtlich ein paar Wochen nach dem Kongreß schon in Druck gelegt sein können. Die gesamte Einrichtung ist erst möglich gemacht worden durch die enormen Fortschritte der Radio-Technik in den letzten Jahren. Dieser so moderne Zweig angewandter Wissenschaft hat ja nicht nur die Funkeinrichtungen in engerem Sinne zu hoher Entwicklung gebracht, sondern auch alle Einrichtungen für phonetische Ausnahme, Weiterleitung und Lautoerstärkung. Als vor zwei Jahren beim 13. Kongreß das Kongreßbüro bereits einen ähnlichen Gedanken in seinen Grundzügen konzipiert hatte, scheiterte die Durchführung daran, daß nicht genügend empfindliche Membranen vorhanden waren und die.Redner in einen Schalltrichter hätten hineinsprechen müssen, um eine brauchbare Wiedergabe der Reden zu ermöglichen. Heute sind diese Schwierigkeiten überwunden und es ist anzunehmen, daß alle Körperschaften, die auf die Herstellung stenographischer Protokolle ihrer Verhandlungen Wert legen, insbesondere also parlamentarische Körperschaften und Kongresse, die beim 14. Zionistenkongreß geschaffene Einrichtung übernehmen werden. Es ist kein Zufall, daß gerade der Zionistenkongreß mit seiner weitgehenden Vielsprachigkeit als erster das Bedürfnis nach einer solchen Einrichtung empfunden und die hier auftauchende Frage einer Lösung zugeführt hat.?s soll nicht unerwähnt bleiben, daß, außer den hierzu berufenen Abteilungen des Kongresses insbesondere zwei Wiener Persönlichkeiten durch ihren hingebungsvollen Eifer die praktische Durchführung der gegebenen Idee ermöglichten, nämlich der Phonetiker Pros. Eugen Fischer, Erfinder eines vervollkommneten Lautverstärkers, und der Inspektor des Wiener Konzerthauses Herr Hans Koch. Der Asraelit 30. Juli 1925 Esrqer als gesinnungsstarke, überzeugungsfeste „Gotteskämpfer" ihre besten Kräfte ohne selbstgewollte Einschränkung, in voller Freiheit sich entfalten lassen können. Wlerp-naeilre« * ßacbrieftttn Deutscher Reich. Berliner Sommecdrief. (Von unserem Korrespondenten). B e r l i n, 24. Juli. Bei 30 Grad Celsius im Schatten und meist verreisten Gemeindegewaltigen geistlicher und weltlicher Art sollte selbst in Berlin „nichts los" sein. Das sieht aber nur so aus. Eine Reichstag-Hundstags-Sitzung erheitert sich an einem Neunuftollen der Judsnfrage, weil matt bie Neichsregierung „verjudet" findet. Als neueste Blüte des Sommers taudjen an Gäben der Vorstadt Schilder des Inhalts auf: „Judenkundschaft verbeten!" Was wundert man sich bei 30 Grad im Schatten! Der Schechito-Betrieb der Adaß-Jisroel, der seit Jahren im Anwachsen ist, hat wiederum eine erfreuliche Ausdehnun erfahren; die Zahl der Schauchtim übertrifft jetzt die der Jüdischen Gemeinde. Doch auch im Kaschruthwesen der Jüdischen Gemeinde, besonders im Krankenhause, werden bemerkenswerte Fortschritte bekannt. Baupläne freilich ruhen leider bei beiden Gemeinden, auch die immer dringlicher werdende Mikwah- Frage. Die orthodoxe Jugend arbeitet fieberhaft an den Vorbereitungen zu den großen Tagen in Würzburg, denen allgemein mit großer Spannung entgegengesehen wird. Die zionistische Opposition in Siegeestimm mg. Berlin, 24. Juli. Am 23. Juli abends fand eine große Versammlung der Konserenzgemeinschaft radikaler Zionisten statt, zu welcher die aus London von der A. C.-Tagung zurückgekehrten Führer der zionistischen Opposition, Abg. I. Grünbaum, Oberbaurat Robert Stricker und Dr. Nahum G o l d m a nn als Redner oorgemerkt waren. Die Versammlung nahm einen in mehrfacher Hinsicht interessanten, zum Teil sensationellen Verlauf. Herr Benzion Fett begrüßte die Versammlung und die Gäste, woraus Herr Dr. Nahum Goldmann über dis Aufgaben der Konferenzgemeinschaft radikaler Zionisten referierte. Hierauf ergriff Abg. I. Grünbaum -Warschau, von seinen Anhängern stürmisch akklamiert, das Wort. Weizmann hat auf dem 13. Kongreß die oppositionelle Stellung Grünbaums und seiner Gruppe mit dem Argu- Von der jüdischen Hygiene-Ausstellung in Düsseldorf. Am 8. d. Mts. fand eine Versammlung sämtlicher Mil arbeiter an der jüdischen Abteilung der großen Düsseldorfer Ausstellung für Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen unter der Leitung des Herrr Eugen Cafpary, des Vorsitzenden der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, statt. Von der Düsseldorfer Leitung nahmen die Herren Rabbiner Dr. Eschelb a ch e r und Dr. med. et phil. Adolf S i n d l e r teil. Fast alle Mitarbeiter aus Berlin, aus ganz Deutschland unk aus Deutsch-Oesterreich waren erschienen. Das Programm der Ausstellung und der Anteil der einzelnen Abteilungen Religionsgesetz,JüdischerStamm,Wohlfahrtspflege in Deutschland, Durchwanderung, und Auswanderung (Siedlung en) wurden endgültig festgelegt, die Zusammenarbeit der verschiedenen Gruppen geregelt, die Abgrenzung ihrer Arbeitsgebiete vollzogen und Gruppenleiter gewählt, die die Verantwortung fürje einen Raum des jüdischen Pavillons übernehmen. Außerdem wurden die Wege zur Aufbringung der großen Mittel, die die Ausstellung erfordert, besprochen, lieber alle Punkte wurde völlige Einigkeit erzielt. Die umfangreichen organisatorischen Vorarbeiten sind damit abgeschlossen. Nun erhebt sich die weitere große Aufgabe, das nötige Material zum Teil heranzuziehen, zum Teil auch neu zu schaffen. Nach dem bisherigen Verlauf der Dinge darf mit Zuversicht damit gerechnet werden, daß in den zehn Monaten bis zur Eröffnung der Ausstellung auch diese Aufgabe gelöst wird, und daß die Ausstellung ihr großes Ziel, der Welt die erhabenen Ideen unserer Religion und ihre segensreiche Auswirkung auf dem Gebiete cher Hygiene und dek Fürsorge zu zeigen, zu^ Ehre des Judentum^ erreichen wird. ment abzutun versucht, Palästina . könne. nicht warte:,, Ueberall herrschten die Vorstellungen: Man muß schnell bauen und große Mittel dazu schaffen. Die Bewegung muh Opfer bringen, um die nichtzionistischen Kreise heranzuziehen. Es hat sich gezeigt, daß man diese Opfer umsonst gebracht hat und daß man auf anderem Wege als dem innerer Organisation Palästina nicht bauen könne. Weizmann war so fasziniert von seiner Idee, daß er, indem er sich an die Adresse der reichen Nichtzionisten wandte, die Adresse des jüdischen Volkes vergessen hat. Die ganze Energie ist umsonst ausgegeben. Sobald das Projekt der Krim-Kolonisation auftauchte, marschierten die Herren ins andere Lager ab! Wir aber werden alle Anstrengungen, alle nationalen Kräfte entfachen, um Palästina zu bauen. Palästina ist eine eifersüchtige Braut, sie kann die Liebe, mit anderen nicht teilen. Für jene aber war Palästina keine Liebe, sondern nur ein Flirt. Der jetzt nach Palästina gehende Einwanderungsstrom ist keine momentane Erscheinung, sondern ein Faktum von Dauer, und diese Einwanderer werden Palästina bauen. Wir aber werden diesen Strom beherrschen müssen, und zwar nach der Richtung intensivsten Schaffens. Dies ist -er Weg. Der nächste Redner, der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, wunderte sich, daß die Herren Oppositionellen mit diesen Forderungen vor ein Forum deutscher Zionisten treten, wo doch die deutschen Zionisten stets diese Richtlinien befolgt haben. Wenn man eine Kooperation mit nichtzionistischen Elementen sucht, so darf das die innerzionistische Arbeit nicht schwächen, sondern sie ist nur ein Mittel zur Intensivierung des 2mfbaus. Der nächste Redner, A. C.-Mitglied Oberbaurat Robert Sricker-Wien, führte zunächst aus, es fiel niemand ein, die Arbeit der deutschen Zionisten zu kritisieren, aber diese anerkennenswerta Arbeit berechtigt noch nicht, einer falschen Richtung kritiklos nachzulaufen. Und die Politik des Bündnisses um jeden Preis war falsch, ja gefährlich. Das hat sich schon bei der Hebräischen Universität >'» Jerusalem erwiesen, wo der Stellvertreter Baron Rothschilds gegen die Freiheit der Lehre arbeitet. Unter großer Spannung der Zuhörerschaft.machte der Redner die folgende Feststellung: Die Frage der Erweiterung der Jewish Agency ist erledigt, sie wird nicht mehr auferstehen. Sie ist auch offiziell begraben. Was noch auf beiden Seiten gesprochen wird, ist Rückzugsgefecht, damit es ein Grab in Ehren sei. Schonungslos kritisierte der Redner das Projekt der Judsnkolouisütiott in der Krim. Es ist, sagte er, ein Phänom, daß die amerikanischen Herren, die doch vor dem Wort Sozialismus einen wahren Horror haben, jetzt sogar bereit sind, Arm in Arm mit den Bolschewisten zu gehen. Es wird hier ein niederträchtiges Attentat gegen das jüdische Volk geplant. Im Wege dieses Projektes sucht die amerikanische Regierung eine Anknüpfung mit den Bolschewisten. Auf bolschewistischer Seite aber wirken zwei Argumente: 1. wollen sie die Sympathie des Judentums für England erschüttern, 2. ein Argument gegen den verhaßten Zionismus schaffen. Juden werden auf den konfiszierten Gütern antibolschewistischer Elemente angesiedelt. Was wird geschehen, wenn ein Umschwung kommt? Die Leute sagen sich eben, es ist einerlei, ob die jüdischen Massen jetzt verhungern odckr in sechs Jahren dem Pogrom zum Opfer fallen. Weizmann kennt die Gefahr und hat Louis Marshall gewarnt. Dieser aber setzte ihm ein kaltes Nein entgegen. Dr. M. Hellmann, Führer der Hitachduth, polemisierte in schärfster Form gegen die Führer der Konferenzgemeinschaft, von denen er sagte, daß manche von ihnen früher die Richtung befolgten, die sie jetzt be- . N)ochenkalender. vom 1.—8. Aug. 1928. 7 11.—18. Aw 5685. Samstag Aug. 1 pnnsi 11 1K N2v Sonntag 2 12 Nontag 3 13 Dienstag 4 14 Mittwoch 5 15 ypy nsran Donnerstag 6 16 Lreitag 7 - 17 Samstag 8 ■ 3j 17