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Der Israelit · 1925-07-30 · Heft 31 (30.7.1925) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 31 (30.7.1925)
Date
1925-07-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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30. Juli 1925 __ eine nationale Tat verherrlicht, weil die'Signatare nicht P. Kahn und Elias Kirschbraun, sondern Leon Reich unv Rachum Sokolow sind. Der Inhalt der jüdisch- »oirtisch-polnischen Verständigung verkündet mit klarer uud eindringlicher Sprache, daß selbst die Zionistenführer eine andere Lösung der Judenfrage in Polen, wie sie steis der Aguda und ihren Führern vorschwebte, nicht für möglich halten. Die ehrliche Durchführung des Abkommens wird auch in der Praxis zeigen, daß bei Befriedigung der religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der polnischen Judenheit tatsächlich nur die politischen Chimären einiger Theoretiker leer ausgehen, die große jüdische Masse aber erleichtert aufatmen wird. Wir glauben kaum, daß die breiten Massen der polnischen Judenheit je so weit politisch reif werden, daß sie die nmionalistischen Führer ob ihrer verantwortungslosen, ui'wirklichen, verfehlten Politik auf die moralische Anklagebank fetzen werden. Uns genügt einstweilen, daß diese nationalistischen Führer mit ihrer eigenen Unterschrift die Richtigkeit der agudistischen, innerjüdischen Politik, wie sie von Dr. Pinchas Kahn initiiert und von Leu polnischen Agudaführern seit Jahren vertreten wurde, Wort für Wort bestätigen. Wir halten es unter Umständen für einen größeren Erfolg der Aguda, daß ihr Programm und ihre Forderungen von Dr. Thon und Dr. Reich und nicht nur von den Agudaführern allein vertreten werden. Das friedliche Durchdringen der wesentlichen Agudafor- Lei ungen in bezug auf das Verhältnis der Juden zu ihrem Staate in Polen ist der wertvollste, wenn auch nicht der weithin sichtbare Erfolg der Aguda, der sicherlich nicht nur auf Polen beschränkt bleiben wird. Als Lehre für Anfänger foll aber festgehalten werden, daß es bei der Durchsetzung von Ideen im jüdischen Leben immer nur auf die Wahrheit derselben allein ankommt und nicht auf die Persöylichkeiten, die sie vertreten. Sehr viel wird innenpolitisch naiüjclich darauf antommen, welche Gestalt das in dem Abkommen zugesagte Gemeindegesetz gewinnt. Die Zukunft der Jewish Agency. Während es bisher den Anschein hatte, als fei es Weizmann gelungen, dis große Mehrheit seiner Parteigenossen für die Grundsätze einer Politik zu gewinnen, die das Interesse des Palästina-Aufbaues überhaupt über die Rücksichten des Partei-Prestiges und der nationalistischen Dogmatik stellt, hat die soeben in London stattgehabte Sitzung des zionistischen Aktionskomitees unter dem verschleiernden Titel einer „Verständigung" Weizmanns Ideen anscheinend eine schwere und unerwartete Niederlage gebracht. Die amerikanischen und sonstigen nichtzionistischen Kapitalistenkreise, die Weizmann für das Projekt der erweiterten „Jüdischen Agentur" gewonnen hatte, waren gewiß des Glaubens, daß ihre unter großen materiellen und moralischen Opfern erfolgende Teilnahme an der Agency ihnen zum mindesten die bescheidenen Minderheitsrechte d a u e r n d sichern würde, die die geplante Konstitution (50 zu 50 Prozent mit einem zionistischen Präsidenten) ihnen läßt. Das setzte voraus, daß die einseitige Anerkennung der Weinberge schreitenden und Rundgänge aussührenden Töchter Israels. Denn so und nicht anders sah der Tanz aus in jenen Zeiten, so bei den Völkern der klassischen Griechenkuitur. und so erst recht beim Volke des Gottesgesetzes. Mögen spätere Zeiten, Zeiten der Leichtfertigkeit und des Ungeschmacks, daran erkennen, von welchem Geistesadel wir stammen. und wie berechtigt es ist, uns heutzutage auch in diesen Dingen von unserer Umwelt zu. unterscheiden. Nicht Wetteifer der Eitelkeit, nicht „vanity fair“ ist Israels Lebensideal. Wir vielmehr feiern nur die jährlichen Etappen unserer inneren Läuterung. Wenn des'Sommers Glut nachlätzt, wenn milder Trostesbalsam aus Prophetenwort uns entgegenhallt, wenn die Tröstungen unserer Bolksgefchichte in unserer Erinnerung leben, sammeln wir uns schon langsam innerlich zu den ernsten Tagen der Jahreswende durch nächtliches Lernen. Und zur Anregung des Geistes hierzu dient der frohe Abend, an dem einst sich Israels Jugend zueinander, fand, indem ihr Gottesfurcht zu Frieden, Eintracht, Liebe und Einigkeit voranleuchtete. kleines Feuilleton. Eine bedeutungsvolle technische Neuerung. Den Schwierigkeiten der Protokollierung, die durch iie Vielsprachigkeit des Kongresses verursacht wird, sucht das Büro des 14. Zionistenkongresses (Wien 1925) durch eine technische Einrichtung zu begegnen, die so recht aus den Erfordernissen des Zionistenkongresses heraus - Der Israelit „Zionistischen Organisation" als Agency aus dem Mandattert beseitigt und an Stelle einer Partei die Gesamtheit der an Erez Jisrvel interessierten Juden, eben die erweiterte Agency öffentlich-rechtliche Anerkennung finden würde. Damit soll es nun nach den zur großen Genugtuung der Opposition in London von der Exekutive abgegebenen Erklärungen nichts sein. Die Zionistische Organisation will Agency bleiben und mit den anderen Körperschaften einen provisorischen Privatvertrag auf 3 Jahre schließen, der diese Körperschaften in einen „Council" der I. A. aufnimmt. Ob die in Palästina investierten Kapitalien den Gebern nach drei Jahren zurückgezahlt werden, sofern der Vertrag dann erlischt, wird nicht mitgeteilt. . Man begreift hiernach sowohl die siegesfrohe Erklärung der Opposition in London als auch den Verlauf der inzwischen in Berlin stattgehabten Versammlung über die.wir an andrer Stelle berichten. „Die erweiterte Jewish Agency ist begraben", hat Herr Grünbaum dort unter dem Triumphgeschrei seiner Anhänger verkündet. Wir fürchten, daß Herr Grünbaum recht hat, denn es ist nicht anzunehmen, daß sich die Amerikaner auf einen Löwenoertrag nach dem Londoner Entwurf einlassen werden. Der Leidtragende aber wird das jüdische Palästina sein, das sich keineswegs, wie Herr Grünbaum meint, auf den polnischen Kapitalistenstrom als Dauereinrichtung verlassen kann. Wir sagen das nicht im Hinblick auf die Interessen der „Aguda", die aus religiösen Bedenken ja ohnedies kaum in der Lage gewesen wäre, an einer erweiterten Agency teilzunehmen, sondern im Angesicht der ungeheuren Größe der palästinensischen Wirtschastsprobleme, deren Ernst Herr Weizmann denn doch tiefer erkannt hat als seine chauvinistischen Gegner. Prinzipielles über Neutralität in der Jugenderziehung. Von E-e. „Neutralität in der Jugenderziehung", — so lautet das Erziehungsprogramm der Jugendorganisation, die einen großen Teil der deutschen gesetzestreuen Jugend -erfaßt, des Esrabundes. Was aber bedeutet „Neutralität"? Ursprünglich bedeutete es Fernhaltung von jeder politischen Stellungnahme in jüdisch-politischen Dingen. Diese Forderung für die Jugenderziehung war zweifellos berechtigt und wurde allgemein anerkannt. Aber die Bezeichnung geboren ist, die bisher noch nirgends in der Welt verwirklicht wurde und doch aller Voraussicht nach bald zum Gemeingut aller Kongresse und parlamentarischen Körperschaften werden dürfte. Das Protokoll des 14. Zionistenkongresses wird nicht stenographisch, sondern Phonograph isch ausgenommen. Am Rednerpult und am Präsidiumtisch werden Mikrophone mit hoch empfindlichen Membranen so eingebaut, daß sie ganz unauffällig bleiben und weder für den Redner noch für den Kongreß bemerkbar sind. Die Redner sprechen unbehindert und frei; das Mikrophon aber verzeichnet mit äußerster Treue jede Silbe, die über ihre Lippen kommt und die elektrischen Drähte leiten den Ton nach der „phonetischen Kammer", die abseits vom Kongreßgetriebe in einem stillen Winkel des Konzerthauses eingerichtet wird. Hier bedient der, wenn wir ihn so nennen dürfen, „phonetische Kontrolleur" einen völlig neuartigen Lautverstärker, der mit Hilfe einer sinnreichen und durch unzählige Experimente vervollkommneten Anordnung den vom Saalmikrophon einlangenden Ton unter völliger Beibehaltung seiner klaren Reinheit und Klangfarbe zu besonderer Stärke und Deutlichkeit erhöht. Das Weitere ist einfach und alltäglich. Der Lautsprecher spricht in den Trichter eines Diktierapparates und die Wachswalzen des letzteren halten die Worte fest. Es ist Sorge dafür getragen, daß die Walzen regelmäßig gewechselt und in der richtigen Reihenfolge registriert und aufbewahrt werden. In einem besonderen Büro werden die besprochenen Walzen sogleich wieder mit Hilfe gleichartiger Apparate abgehört und in Maschinenschrift übertragen. Mit der Einrichtung der „phonetischen Kammer" sind noch einige Wirkungszweige verbunden, die ebenfalls dym Zwecke des Kongresses dienen. Dazu gehört vor allem die Lautfprechanlage für den Kongreßsaal selbst und seine Nebensäle. Durch entsprechend verteilte Laut- __Nr. 31 Seite 3 „Neutralität" hat sich als eine unglückselige erwiesen. Denn seit, dem Tage der Gründung des Esrabundes wurde diese Neutralität immer mehr zu einer Neutralität der Gesinnung. Statt Enthaltung von politischer Stellungnahme verstand man unter Neutralität Farblosigkeit der Gesinnung, und so geschah es, daß die geistige Entfremdung der Agudas Jisrvel gegenüber eine immer größere wurde. Es steht uns in diesen Zeilen nicht an, mit anderen zu rechten. In aller Ruhe aber muß festgestellt werden, daß ein Teil der Schuld die Leitung der Agudas Iisroel in Deutschland trifft. Wenn nämlich der Esra sich selbst der Agudoh gegenüber gesinnungsmäßig „neutral" verhielt, so war es deshalb, weil er die Agudoh für eine rein „politische Organisation" hielt. In Wahrheit aber bedeutet Agudas Iisroel mehr als eine „politische Organisation", sie verkörpert die Weltanschauung des Judentums, deren zentraler Gedanke die alleinige Vorherrschaft der .TYin ist, — und ihre politische Tätigkeit ist nicht mehr als eine der praktischen Aufgaben, die aus der Weltanschauung resultieren. Leider hat es bis heute die Leitung der Agudas Iisroel versäumt, diese Aufklärung selbst in den Reihen der Mitglieder so zu verbreiten, daß sie in deren Bewußtsein eingedrungen ist. — Es leuchtet ohne weiteres ein, daß die „gesinnungsmäßige Neutralität" ein Unsinn ist. Die Esraführer halten dennoch mit Zähigkeit daran fest. Nicht eine einzige jüdische Jugendbewegung ist in ihrer „Gesinnung" neutral. Viele enthalten sich der politischen Stellungnahme, alle bekennen sich rückhaltlos zu einer Weltanschauung, welche durch eine der großen Organisationen verkörpert wird, und sie leben ganz dieser Weltanschauung, und vertreten sie mit der ganzen enthusiastischen Hingabe, deren die jüdische Seele fähig ist. Der Esra aber hat von Agudas Iisroel die Idee von der bedingungslosen, alleinigen Herrschaft der min übernommen, schrickt indessen vor dem mutigen Eintreten für die letzten Konsequenzen dieses Gedankens zurück. Denn wenn Agudas Iisroel die Vorherrschaft der min betont, so erkennt sie damit die Religion im Gegensatz zur nationalen Einheit als das konstituierende Prinzip des jüdischen Volkes an. Jede gegenteilige Anschauung wird abgelehnt (also der Zionismus) und auch eine solche, die diesen klaren Standpunkt verwischt, und zu unklaren Kompromissen geneigt ist (also der Misrachi). So entwickelt sich konsequent aus der Weltanschauung der Agudoh die Ablehnung des Misrachi und das gleiche gilt für den Achdus. Aus Verstärker und elektrische Leitungen wird auch die leiseste Rede im letzten Winkel des Kongreßsaales laut und verständlich gemacht. Der „phonetische Kontrolleur", der den Reden mit umgelegten Kopfhörern lauscht, reguliert an einer Stellschraube je nach der eigenen Tonstärke des Redners das Maß der Verstärkung. Er hat es auch in der Hand, etwa bei im Kongreßsaale entstehender stärkerer Unruhe, die Stimme des Präsidenten, ohne daß dieser sich im geringsten anzustrengen braucht, soweit zu steigern, daß er mühelos jeden Tumult beherrscht. Durch analoge Lautsprecher können die Reden in solchen Sitzungen, zu denen ein über die Fassungskraft des Kongreßsaales hinausgehender Andrang herrscht, auch in den Nebensälen hörbar gemacht werden, so daß eine weitere Anzahl von Gästen an diesen Sitzungen, zwar nicht sehend, aber doch hörend, teilnehmen kann. Eine weitere Einrichtung ermöglicht es, besonders interessante oder wichtige Reden sogleich durch Grammophonplatten zu vervielfältigen. Dem Publikum wird so die Möglichkeit geboten, eine denkwürdige Kongreßrede zu Hause beliebig oft in voller Treue der Wiedergabe hören zu können. Von entscheidender Bedeutung ist aber vor allem die in Vorstehendem dargelegte Einrichtung zur Aufnahme des Protokolles. Sie ermöglicht es, alle Reden, ohne Rücksicht auf die Sprache, in welcher sie gehalten sind, mit absoluter Treue und Vollständigkeit festzuhalten. Sie ermöglicht es ferner, das wortgetreue Protokoll einer jeden Sitzung 24 Stunden später in Maschinenschrift übertragen vorlegen zu können. Es wird Vorsorge getroffen sein, daß jeder Delegierte die Möglichkeit hat, in die Wiedergabe seiner Rede noch wirrend des Kongresses Einsicht zu nehmen und etwaige Sprach- oder Hörfehler zu berichtigen. So wird das stenographierte Protokoll, zu dessen Ausarbeitung früher Monate erforderlich waren, einen Tag nach Schluß des Kongresses abgeschlossen vorliegen

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