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Der Israelit · 1925-07-30 · Heft 31 (30.7.1925) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 31 (30.7.1925)
Date
1925-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 3L Der Israelit 30. Aull 1925 worauf mit Nachdruck Straft hinweist, eine Lücke, die den Stammbaum des Menschen in bis jetzt noch unergründliches Dunkel hüllt. Derjenige aber, der sich einer Entwicklung der gesamten Tierwelt und der Menschen zuuekgt, für den wird es unumgänglich nötig. Stet lung zu nehmen zu jenen Ansichten, wie sie Klaatsch und andere ausgesprochen haben Immer aber müssen wir uns bewußt bleiben, daß wir damit das Gebiet der reinen Spekulation betreten. — — Wenn heute die moderne Anthropologie den Menschen körperlich an das Ausgangsstadium aller Säugetiere anknüpft und wenn sämtliche Säugetiere als seitliche Aeste angesehen werden, die sich von der geraden Entwicklungsbahn entfernt haben, um wieviel mehr mutz das für die Herkunft des menschlichen Geistes Geltung haben! Jener Grundform, die zur Menschwerdung hinarbeitete, mutz die Fähigkeit iunegewohnt haben, dereinst die höchsten Geisteseigenschaften, Sprache, Religion und Moral auszubilden. So ist die Dorfahrenkette des Menschen in doppelter Beziehung streng geschieden von der der übrigen Säugetierordnungen; sie wird frei gehalten vom Tierischen in geistiger Beziehung und nimmt so eine Ausnahmestellung ein. Wir werden geradezu gedrängt eine polyphyletische, (d. h. viel stämmige, aus vielen Urformen) Abstammung der Tierwelt anzunehmen,; also eine unabhängige Entwicklung der einzelnen Tierstämme, nicht aber dürfen wir einen Tierstamm aus dem anderen herleiten. Soviele Tierstämme, soviele Grundstämme! In diesem Sinne leitete ich die einzelnen Tierstämme aus ebenso vielen mehrzelligen Formen her, Grundformen, die nebeneinander, aber getrennt einen gesonderten Entwicklungsgang einschlugen. Diese polyphyletische Entstehungshypothese, die meiner Ansicht nach allein den Tatsachen gerecht wird, im Gegensatz zu der monophyletischen (einstämmigen, aus nur einer Urform) der Darwinisten, die einen Tierslamm aus den anderen herleitet, wurde seinerzeit nicht anerkannt — heute äußert sich Oskar Hertwig im gleichen Sinne, wenn er sagt: „Wenn wir uns überhaupt eine Hypothese von der Abstammung der heute lebenden Organismenwelt von einfachen Urzellen in den Urzeiten organischer Schöpfung bilden wollen, so hat gewiß die polyphyletische Hypothese vor der monophyletischen die viel größere Wahrscheinlichkeit für sich." Wenn ich hier auf diese Gedanken näher eingegangen bin, so geschah das, um auf ihre Berührungspunkte mit denen der modernen Anthropologen hinzuweisen. In einem freilich ist dhr älte Gegensatz auch heute.noch vorhanden. Mag man jetzt auch zugeben, daß das Menschliche im Körperbau das Ursprüngliche sei, das Tierische das abgeleitete, so wird man noch lange die alte liebgewordene Hypothese hegen und pflegen, daß der Mensch den Anspruch auf eine besondere höhere Natur aufzugeben habe, und fortfahren zu behaupten, daß in allen seinen Vorzügen, soweit es deren überhaupt gebe, nichts weiter zu sehen sei, als Steigerungen tierischer Fähigkeiten und Instinkte, welche durch eine Reihe glücklicher und unverdienter Zufälle hervorgerufen und' an das tierische Wesen angesetzt seien, oder sich bei ihnen schon finden und bei dem Menschen nur höher entwickelt seien. Eine künftige Zeit, so hoffen wir, wird auch hierin Wandel schaffen und die Anthropologie wird ihren tendenziösen materialistischen und antireligiösen Charakter verlieren, sobald sie mehr und mehr zu einer wahrhaft objektiven Wissenschaft ausgebaut wird. Wir wollen aber heute damit zufrieden sein, daß der eigentliche Darwinismus mit seinen einseitigen Ansichten über die Herkunft des Menschen in der ihm durch Haeckel gegebenen Form nicht mehr befriedigt. „Die Grundleger der Deszendenz- oder Selektionshypothese haben geglaubt," so sagt Kohlbrugge am Schlüsse seines Buches (13) „mit Siebenmeilenstiefeln einen Weg zurücklegen zu können, der wohl noch Jahrhunderte eifrigsten Forschens bedarf; dieses erkannt zu haben ist schon ein großer Fortschritt,! der äußerst fruchtbringend wirken muß. Die ältere, allzu abgerundete Darstellung wirkte geistestötend, sie war in mancher Hinsicht despotisch, man behauptete, den Weg der Evolution zu kennen, das Bild von Sais entschleiert zu haben und forderte, daß man dies zugeben solle." Den Weg für jede anders geartete Forschung freigelegt zu haben, ist das nicht hoch genug anzuschlagende Verdienst von Klaatsch und seinen Nachfolgern." Soweit Hamann. Zur Auseinandersetzung mit den Hypothesen der Paläontologie (Geologie), deren Wertung im Zusammenhang mit der zum Teil in Andeutungen überlieferten Wahrheit für das ganze Problem von ausschlaggebender Bedeutung ist, seien Gereiftere, abgesehen von der erwähnten Broschüre Wohlgemuths, auf die anregende Abhandlung des Rabbi Israel Lipfchitz müsn) unter dem Titel a”nn vk verwiesen. Wochenrundschau. Si duo faciunt idem .... Der polnische Außenminister hat in Amerika! eine jüdische Abordnung empfangen, der er ver-! sicherte, Polen wolle nicht nur sein Budget, sondern auch seine.„Seele in Balance" bringen. Wie nötig das ist, zeigt der Steiger-Prozeß in! Lemberg mit feinen schauerlichen Enthüllungen über die Korruption der antisemitisch infizierten Untersuchungsbehörden. Aber die Sanierung der Volksseele ist wesentlich schwieriger als die eines Staatsbudgets, das man zur Not durch eine amerikanische Anleihe in Ordnung bringen kann. Es wird geduldiger, besonnener Arbeit bedürfen,' um auf Grund des neuen Abkommens diese seelische Gesundung herbeizuführen, die ein hohes Maß von gutem Willen auf beiden Seiten voraussetzt. Dabei erinnert die „Jüdische Presse" in Wien mit Recht daran, wie sehr dieses in die Zukunft weisende Abkommen zur Entgiftung der Seelen zugleich geeignet ist, zu einer gerechtenBeurteilung der Politik zu führen, die Dr. Pinchas Kohn in Polen viele Jahre lang im Gegensatz zu zahlreichen Gegnern vertreten hat. Das Blatt schreibt u. a.: Der meritorische Inhalt der polnisch-jüdischen Verständigung ist nicht etwas anderes, als die fast wortwörtliche Anerkennung der Postulats der Agudas Jisroel in Polen. Cs soll durchaus nicht verschwiegen werden, daß sehr bedeutende jüdische Politiker und Publizisten in Polen das ganze Abkommen für vollkommen wertlos halten, aus dem Grunde wertlos halten, weil sie an der Ehrlichkeit und an der Macht der polnischen Regierung zweifeln. Andere bekämpfen wiederum das polnischjüdische Abkommen, weil sie es inhaltlich für wertlos halten, und zwar aus dem Grunde, weil es die Lösung des jüdischen Problems vom religiös-kulturellen und nicht vom politisch-nationalen Standpunkt vorsieht. Angesichts dieser Opposition tut man gut, wenn man das ganze Abkommen mit skeptischen Augen ansieht. All diese Skepsis ändert aber nichts an der Tatsache, daß in den Punktationen der polnisch-jüdischen Verständigung ein politisches Prinzip seine Anerekennung fand, für das — man kann es heute schon mit aller Klarheit aussprechen — Rabbiner Dr. P. Kahn, der große Wegweiser der Aguda in Polen, unzählige Male des Verrates am jüdischen Volke beschuldigt wurde. Die polnisch-jüdische Verständigung will zweifelsohne das Programm verwirklichen, für das Agudas Jisroel jahrelang gekämpft und für welches man ihr und ihren Führern immer und immer wieder den Vorwurf der Volksfremdheit und der politischen Kriecherei angedichtet hat. Heute aber wird dieses Abkommen in seinen Grundprinzipien nur deshalb als Chamischo oßor beow. Von Dr. Benjamin Cohen in Berlin. Wenn im Lande unserer Väter zur Zeit des Tempels die Sonnenstrahlen nicht mehr so sommerlich heiß zur Erde kamen, daß die Reiser und Hölzer aus den Feldern trocknen konnten, dann dursten von diesen Hölzern keine mehr für den Altar aufgelesen werden. Als Stichtag dafür war feit den Zeiten der Propheten der fünfzehnte Aw festgesetzt. An ihm poßkoh kauach hachammoh, hört die sengende Gewalt der Sonnenstrahlen auf. Dieses Aufhören der Kraft verheerender Mächte ist symbolisch für alle Bedeuiungen dieses Tages. Als einst unsere Väter für ihren Kleinmut an der Grenze des heiligen Landes vom Allgütigen zu jahrzehntelanger Wüstenwanderung verurteilt worden waren und diese Strafe überstanden, ein neues Geschlecht ausgewachsen war, das dem Lande entgegenharrte, da starben die Letzten des alten Geschlechtes am 14. Aw jenes Jahres. Sterbebereit in selbstgegrabene Gräber hatten sich in jedem Jahre täglich alle die hineingelegt, die 40 Jahre vorher, in der Unglücksnacht der Heimkehr der Kundschafter, an jenem 9. Aw über 20 Jahre alt gewesen waren. Alle waren sie nacheinander gestorben. Nur die am 13. Aw dieses 40. Jahres sich in Gräber legten, dursten lebend wieder heroorkommen. So löste zum ersten Male in unserer Geschichte ein 18. Aw den Fluch eines 9. Aw. Als nun im Lande Israels die Stämme und Familien unserer Väter angestedelt werden sollten, da dwfte keine batz jaureschetz nachelob, keine erbberechtigte, bruderkose Tochter eines Mannes einen Mann aus einem anderen Stamme heiraten, wie es am Ende des vierten Buches der Thora zu lesen ist. Erst nach völliger Aufteilung und Eroberung des Landes wurde den Stämmen Israels wieder gestattet. Ehen zwischeneinander ohne Einschränkung zu schließen. So wurde der 15. Aw der Tag, an welchem diese Wiedervereinigung ganz Israels verbündet worden, ein Tag der Wiederherstellung jüdischer Gemeinsamkeit. Noch einmal sollte er als Tag des'Friedens hervorragen. Als nach dem furchtbaren Tode der Frau in Giv'oh ganz Israel sich entrüstet vom Stamme Benjamin abgewendet und Ehenmit diesem Teile des Volkes untersagt hatte, und als danach durch des Allgüttgen Gnade der Wllle nach Versöhnung wieder Oberhand gewann, da traf wiederum der Tag des frohen, friedlichen Frauenraubes der Jünglinge aus dem wiederausgenommenen Stamme aus einen 16. Aw, der also nochmals Ehrentag jüdischer Einigkeit wurde. Und als. wenige Menschenalter nach der Römer Sieg über Tempel, Staat und Volk Gottes, ein falscher Erlöser unsere Väter in Velar verschanzt und so der gewalttgenfeindlichenlleberrnachtänsMesser geliefert batte, da fiel die Festung am 9. Aw, und nachdem die Römer keinen Gefangenen halten leben lassen, gaben sie erst nach Jahren am 15. Aw die Erschlagenen zur Bestattung frei. Ein kleiner Teil des Fluches des 9. Aw war gelöst. Mit den Toten wenigstens durste ein Wiedersehn gefeiert werden. Man pries den Allvater als den Guten dafür, daß es wenigstens zu solchem Wiedersehen kam, und als den Wohltäter dafür, daß die Toten noch erkennbar waren .... Das sind Wohltaten, für die Israel mit dankbarem Herzen den Allgüttgen preist .... War das eine Feier der Erlösung von Tischobeaw- Flüchen oder eine Feier der Wiedervereinigung von Kindern Israels? ... Gelobt sei Er, sagte Job, der in Nächten Gesänge gibt. Vom 15. Aw an, sagt oie Gemoro, ist wieder die Zeit nächtlichen Sanges der Thora. Während bei anderen Völkern die Butzezeit auf Wochen frohen Karnevalstrubels folgt, sollen wir durch Gedenken des Furchtbarsten, das uns getroffen und durch Gedenken der Gnade des Allgüttgen, die uns durch soviel Leid hindurchgesührt, uns allmählich läutern, damit wir des bevorstehenden Ellulmonats, der ernsten Einkehr würdig werden. Am Ausgangsabend des 15. Aw. der den Schluß unserer Leidenstage bildet, und der früher das Ende der selbst dem Fruchtsegen Palästinas abträglichen Sommersglut bedeutete, wie auch am Ausgangsabend des Iomkippur, des Schlußtages unserer Butzzeit, zogen Jerusalems Töchter alljährlich zum Tanz in die Weinberge. Alle kamen sie in weigen Kleidern, die armen Mädchen wie die reichen, und jedes batte ihr Kleid sich geborgt. Keine wollte ibren Reichtum zur Schau tragen, geschweige ihren Körper. Was sangen sie? Sie sangen nichts, ste sprachen: „Jüngling, erhebe deine Augen und sieh, was du wählst. Gib nicht deine Augen auf Schönheit. gib ste auf Familie. (Spr. 31,21) Lüge ist die Anmut, Nichtigkeit die Schönheit, — eine gottes-- fürchttge Frau, sie preist sich ungesprochen selber^ Und von fern sahen die Jünglinge die durch die

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