Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1925)
- Date
- 1925-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der Israelit Teste 4 Nr. 30 leicht erzielen lassen, und wo die Interessen sich gegenüberstehen, wird eine friedliche Auseinandersetzung den Gegensätzen die Schärfe nehmen. In der Enge. Von Rabbiner Dr. Aekir Kanter, Arvittau (Mähren). Der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an die bittersten Leiden, besonders wenn sie — andere betreffen. Als vor etwa drei Jahren Nachrichten über die Leiden und Verfolgungen unserer Glaubensbrüder in der Ukraine, zu denen sich noch eine schreckliche Hungersnot gesellte, zu uns drangen, erhob sich überall, wo Juden wohnten, ein Sturm der Entrüstung und Empörung über jene verlotterten und verrotteten Scharen, die das Morgenrot ihrer heranbrechenden Freiheit in ihrem Lande nicht würdiger begrüßen zu können glaubten, als durch die Veranstaltung von Judenmassakers und Judenpogroms, die in ihrer Grausamkeit und Scheußlichkeit an die finstersten Zeiten' des Mittelalters gemahnten. Ueberall regten sich jüdische Herzen und jüdische Hände, diesen unschuldigen Opfern ruchloser Mordbuben nach Kräften zu Helsen und in ihrem grenzenlosen Elend beizustehen, Not und Elend zu lindern und zu mildern, Tränen zu trocknen und Wunden zu heilen, so weit es in Menschenmacht stand. Das jüdische Mitgefühl feierte geradezu Triumphe. Es bildeten sich überall Hilfskomitees und Sammlungen wurden veranstaltet, um den Bedauernswerten zu Hilfe zu eilen. Seitdem ist es stille geworden im jüdischen Blätterwald; selten dringt zu uns eine Nachricht über das Los der Tausende von jüdischen Familien, die in der Ukraine leben, die Hilfsaktionen haben ihre Tätigkeit eingestellt und die Juden in der Ukraine sind nunmehr auf sich selbst angewiesen, d. h. vergessen und verlassen, der bittersten Not, dem Elend und der Verzweiflung preisgegeben. Wir haben uns eben an ihre Leiden gewöhnt, so gewöhnt, daß sie auf uns keinen Eindruck mehr machen und wir uns gar keine Mühe geben, über sie, ihre etwaige Abhilfe und Linderung nachzudenken. Es soll allerdings gleich bemerkt werden, daß die allgemeine Lage in der Ukraine in den letzten Jahren sich so weit gebessert zu haben scheint, daß von einer förmlichen Hungersnot nicht mehr die Rede sein kann. Hingegen herrscht dort noch immer eine furchtbare Teuerung, die um so drückender empfunden wird, als die Erwerbsmöglichkeiten infolge verschiedener Umstände und namentlich der Regierungsmaßnahmen für den Großteil der jüdischen Bevölkerung geradezu ausgeschlossen sind. Die Folge davon ist die immer mehr überhandnehmende Armut und Verelendung der großen jüdischen Massen, die sich, in der Enge befindend Sie können das Land, das so viel Blutschuld auf sich geladen, nicht verlassen, weil es die Regierung nicht zugibt; sie können im Lande selbst ihren Lebensunterhalt nicht finden, weil es an. Erwerbsmöglichkeiten mangelt, und sie können auf Hilfe von außen nicht hoffen, weil niemand an sie denkt. Man hat sich eben an ihre Leiden gewöhnt. Und zu ihrem physischen Elend gesellt sich noch die geistige Not, das frevelhafte Spiel, das die ukrainische Regierung mit der jüdischen Religion treibt. Das Bestreben der ukrainischen Regierung ist darauf gerichtet, ihre jüdischen Mitbürger, die im Glauben wurzeln, ihrer letzten Stütze, ihrer Religion, zu berauben, um sie auf diese Weise zu der Heilslehre des Kommunismus gewaltsam zu bekehren. Vor mir liegt ein Brief eines anerkannten russischen Godaul, der zu den Thoragrößen des litauischen Judentums zählte und der während des unseligen Krieges das Unglück hatte, nach der Ukraine verschlagen zu werden. Dieser Brief erinnert so lebhaft an das Klagelied ns'W von Rabbi Meir aus Rothenburg Vst und könnte ebensogut als eine erschütternde Klage aus neuester Zeit in die Sammlung der Klagelieder aus ältester Zeit ausgenommen werden. Der Schreiber dieses Briefes, ein Y^n bsr pns’ n brwn juwn bw pnaia» war Anwärter eines der größten Rabbinatssitze im ehemaligen Zarenreiche. Nach Kriegsausbruch sah er sich genötigt, mit seiner Gemeinde die Flucht zu ergreifen und in einer kleinen Stadt in der Ukraine vorübergehenden Aufenthalt zu nehmen. Dort verlor er seine ganze Habe und schwebte mit feiner Familie wiederholt in Lebensgefahr. Dreimal wurde die Stadt von Pogroms heimgesucht und jüdisches Blut floß dort in Strömen. Es läßt sich wohl denken, in welcher Situation er sich befindet. Doch am meisten schmerzt ihn der Verfall des Glaubens, der Umstand, daß das Licht der Thora und nnaK in jenem Lande gänzlich zu erlöschen droht. „Wir, die Rabbiner," so schreibt er u. a., „werden von der Regierung auf Schritt und Tritt verfolgt: es ist ganz unmöglich, die Verfolgungen zu schildern, denen wir ausgesetzt sind, die Angst und die Schrecken, die wir täglich und stündlich ausstehen. Von einem religiösen Leben, einem Leben im Sinne unserer Religion und unserer heiligen Thora, kann hier selbstredend nicht die Rede sein. Wem es nur halbwegs möglich ist, rettet sich-und seine Seele durch Verlassen dieses Landes und durch Auswanderung nach Amerika oder Palästina. Was sollen aber jene tun, die kaum das Allernotwendigste aufbringen, um den nagenden Hunger ihrer Kinder geeignet ist den Aufschwung und den Höhenflug der Menschheit — der deutsche. Dichter Schack ruft einmal aus: „Nach oben reifet sie immer wieder doch ihr Drang!" — zu hindern und zu hemmen, statt ihn zu fördern und zu steigern. Kommt noch dazu, daß der Autor alle jüdischen Typen und Sondersälle, mit Ausnahme eines einzigen, herabzieht und verzerrt. — Da ist zunächst der Titelheld: Iud Süß. Ein Abschaum und Auswurs der Menschheit, um mit Goethe zu sprechen, eine .Spottgeburt aus Dreck und Feuer'. Serail bis in die Knochen. Als Lüstling und Wüstling getreuer Helfer und Kumpan feines Herzogs. Mit einem unbändigen, systematisch genährten und gepfleaten Macht- und Glanzhunger. Ein unerbittlicher Blutsauger des Landes — allerdings in fürstlichem Auft'ag. Ohne Scheu vor Gott und Welt und nur in einem angstvoll oebannt: vor seinem Odeim, dem Kabbalisten Rabbi Gabriel. Dabei ist die Gestalt brüchig, widerspruchsvoll und nicht fugenlos bis zur Höbe gi führt. Sie soll im weiteren Verlaus anscheinend dämonisch wirken. Da nämlich, als eV sozusagen Blutrache am Herzog üben will, der sein emsiges Kind vergewaltigen will und dadurch vor geglücktem Attentat in den Tod treibt. Er jagt seinen Herrn mit vorbedachter Planmäßigkeit in absolutisti che Selbstherrschergelüste hinein und trifft ihn — bildlich und wörtlich — ins Herz, indem er im entscheidenden Auoenblick den Staatsstreich selbst zu Nichte macht. Aber in dieser Schilderung ist nur ein schwaäer, hohler Anflug von Kraft, und in seiner weiteren Entwicklung bleibt Süß trotz aller verkappten mvsteriösen Andeutungen rätselhaft. Er opfert sich selbst, indem er den ratlos bestürzten Mitverschwörern des S'aatsstreichs, den hockwohllöblichen und hochoermögenden Ministern, Geheimräten, Kommandanten etc. sich als Sündenbock darbieter, seine Verhaftung als rett-nden und allerseits jubelnd begrüßten Ausweg empfiehlt. Warum? Opfert er sich einer Idee? Ist das eine Sonderart Heroismus, der das eigene Leben in die Schanze schlägt, wenn er nur seine Räche befriedigen kann? Ist es eine Rückkehr zu seinem besseren Selbst? Nein, es erscheint nur als bizarre, spielerische Laune, lind doch wäre jüdisch hier der Weg gewesen, um ihn zur Einkehr in fick selbst, zur Buße und zur Emporhebung aus der Vorworfenheit seines bisherigen Daseins zu bringen. Ihm ist widerfahren, was ihn tötlich verwundete: das einzige Band, durch das er noch mit der menschlichen — nicht untermenschlichen - Gesellschaft zusammenhing: die Liebe zu seinem in sich alückseligen und umfriedeten Kind, ist zerrissen. Und um ihn stehen vor feinem Tod erlauchteste und erhabenste Männer aus Israel, die freilich Feuckstwanger, in dieser Hinsicht eine degenerierte Heine-Natur, bald mit schmückenden Beiworten ehrt, bald häßlich verunglimpft: Rabbi Jakob Iosua Falk — der Pnei Iehoschua! — und Rabbi Ionatbon Evbeschütz — außer dem ganz erdichteten und doch nicht eindrvckskosen Rabbi Gabriel. Warum fckwrigen sie vom Wichtigsten in diesem Moment? Warum rütteln sie nicht fein Bestes auf? Warum weisen sie mit der G ut ibres Gefühls und ihrer Heber,eugung nicht auf d«m Allerbarmer und Allverzeiher hin? Warum? Es hieße, das Unmögliche« von einem Verfasser verlonaen, in dem das jüdische Gefühl, das sich manchmal noch hochbäumt - ich erinnere an die schöne Betrochiung über das ..Buch" (die Bibel) oder an die Bestattung Noemis — verfcküttet ist. Matt und schal wie Jod Süß' Liebbaberei. als Jude an der Spit-e zu bleiben, obgleich ihm. eröffnet wurde, daß fein Vater ein chlistlicher Edelmann war, 23. Juli 1928 zu stillen und ihr Leben in größter Armut und' Entbehrung zu fristen — was sollen die großem Massen tun, die beim besten- Willen nicht bi«] Summen aufbrmgen können, um auszuwandern? Sotten sie dem doppelten Verderben preisgegeben! werden? Gibt es für sie keine Rettung mehr?" ' Ja, was soll mit der großen Masse unserer! beklagenswerten Glaubensbrüder in der Ukraine geschehen? Diese Frage verdient es wahrlich, dch! sich die prominenten Führer des Judentums mist ihr eingehend beschäftigen. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, um die jüdische 2 völkerung in der Ukraine vor allem vor Hunger und Rot zu schützen, es müssen aber auch Mittel und Wege gefunden werden, um denen zu helfen, denen dre Möglichkeit geboten ist, jenes Land zü verlassen, um zu ihrem Volke und Glauben zurückzukehren. Unser aller heiligste Pflicht ist es, diejenigen, die nach dem heiligen Väterglauben leben wollen, aus der Enge zu befreien. §0llerpoM»re» * nacbric&un Deutschs» Reich. Das „Größere Palästina" als Dmchzugsland des Welthandels. B erlin,15. Juli. Der Orientschriststeller Dr. Wolfgang von Weisl veröffentlicht in einigen großen mitteleuropäischen Zeitungen einen weiteren Artikel über Englands Araberpolitik. Anknüpfend an Englands Verhandlungen mit dem Sultan Jbn Saud und an die Einverleibung des Landstrichs zwischen Maan und Akaba in Transjordanien schreibt Dr. v. Weisl: „Der letzte, historisch wichtigste Schritt vom 17. Juni aber heißt: die zweite Teilung Arabiens. Nicht mehr zwischen England als Vormund Husseins einerseits und Frankreich andererseits, sondern zwischen. England als Mandatar Palästinas und Transjordaniens und seinem neuen Verbündeten Jbn Saud. . . . Wenn Lord Plumer Asien betreten wird, wird er nicht — wie fünf Jahre früher Sir Herbert Samuel — Inspektor des zionistischen Experiments in dem kleinen Palästina von 1920 sein, dessen Grenze der Jordan war. Feldmarschall Plumer findet die Anfänge des „Greater Palestine", das in der Wüste des Ostens beinahe die Grenzen des Euphratlandes berührt und im Süden tief in den Hedschas reicht. Eines „Greater Palestine", das nicht mehr vom guten Willen und der schlechten öffentlichen Sicherheit seiner ist auch Isaak Landauers. Süßens Lehrmeister, eigen-- sinnigesTöeharren bei Kaftan und Schläfenlocken» um den billigen und abgeschmackten Triumph zu kosten, trotz sonstiger völliger Abkehr vom jüdischen Gesetz mit diesen Insignien bei Hof zu erscheinen. Ich resümiere: der Roman entbehrt im Kern des Ethos und dinterlätzt dem Juden einen bitteren Nachgeschmack. Im „Israelit" wurde bereits erwähnt, daß in „Lehmanns Jüdischer Hausbücheret (T Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M.) auch ein Neudruck von ..Iud Süß" von Dr. M. Lehmann in Aussicht genommen ist. Die Erzählung arbeitet nicht mit weitgesponnenen politischen Hauptynd Staatsaktionen, sie breitet keine psychologischen Hickzackmindungen und Wege vor uns aus, sie operiert nicht mit einem Massenaufgebot von Menschen. Aber sie ist so, wie wir sie gar nicht anders haben möchten: schlicht, einfach, gradlinig und vor allen Dingen: jüdisch! Ja, jüdisch! Sie ist eingekapselt und zärtlich eingebettet in lauter und lautere Iüdischkeit — dos Iaraon- Lebnwort ist in feiner vielsagenden Prägnanz sch-ucr ersetzbar — drei Szenen umrahmen und umranken sie, die das Beste in uns wachrusen. Lehmann macht sein Süß' uneheliche Abstammung für die llngezü^eltheit seiner Triebe verantwortlich, deutet 7im Gegensatz zu Feuchtwanger — seine sittuchf Minderwertigke t nur kurz und vornehm an, läßt seine Mutter inmitten von Pracht und Glanz an deren Umwandlung in Asche und Elend durch den allstaenden Gott mahnen und Iud Süß in den Wochen vor seincr Hinrichtung unter dem Zuspruch s>"-nes Oheims, eines Rabbiners, der idn erzog, heiße, ehrliche und ergreifende Teschuwoh Tun. Um das Ji j!i Ai >'■ >: