Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1925)
- Date
- 1925-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Seite 3 •Z3, Juli 1925 __ Mänkung der S o n n t a g s ruhe für Sabbat I/iernde Juden und die Kreditgewährung an jüdische Kaufleute, völlig fehlen. Ob man sich damit trösten darf, daß dieser ersten Serie von Bewilligungen eine zweite folgen wird, scheint uns fraglich. Vom Standpunkt der Orthodoxie wird man trotzdem die Zustimmung zu dem Pakt nicht zu bereuen haben, weil die bloße Tatsache der Inaugurierung einer Politik des freundschaftlichen Verstehens durchaus in der Linie des politischen Programms liegt, das gerade die orthodoxe Sejm-Fraktion, oft im Gegensatz zu den zionistischen Klubmitgliedern aus Kongreßpolen, empfohlen hat. Wenn bei der Führung der Verhandlungen selbst — was wir in unseren ausführlichen Berichten wierderholt hervorgehoben haben — die orthodoxen Abgeordneten zurücktraten, so lag das hauptsächlich an der langen Krankheit des Abg. Kirschbraun, der-vorher in diesen Dingen alle Fäden in der Hand hatte. Die galizischen Zionisten befanden sich aber hinsichtlich der politischen Tonart von jeher in größerer Uebereinstimmung mit der. Orthodoxie wie diejenigen Kongreßpolens unter Führung des Draufgängers Grünbaum; es ist daher kein Zufall, daß nicht diesem, sondern den Herren Dr. Reich und Dr. Thon die erfolgreiche Führung der Verhandlungen beschieden war. Wir wollen hoffen, daß es ein wahrhafter und dauernder Erfolg sein wird. Die beiden Verbände. Man schreibt uns von geschätzter Seite: In den Verhandlungen des Berliner Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden spielte der Hinweis auf den Halberstädter Verband der gesetzestreuen Gemeinden eine bemerkenswerte Rolle. Einerseits wurde versucht, ihn mit Hinblick auf das Zahlenverhältnis als ganz unbedeutend hinzustellen, andererseits galt er als der gefährliche Konkurrent, als störender Machtfaktor, die Ursache so manchen Mißerfolges, den die bisherigen Geschäftsführer des Berliner Verbandes bei der Regierung erfuhren. Während von jüdisch-nationalistischer (Kollenscher) und allgemein machtpolitischer Seite (Jsmar Freund) ein Zwangsgesetz gefordert wurde, das den aus religiösen Gründen aus Verbandsgemeinden Austretenden das Recht zur Gemeindebildung rauben soll, wurde von liberaler und konservativer Seite auf die Unmöglichkeit solcher Forderungen hingewiesen. Die Stellungnahme des konservativen Dr. Kahn-Jaffa ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß man in den Reihen der Gemeindeorthodoxie Der Israelit das Verständnis für religiöse Gewissensfreiheit nicht nur nicht verloren, sondern, daß man auch wagte, es im Plenum des Landesverbandes zu betonen. Ebenso wertvoll ist es, daß ein prominenter Wortführer der Liberalen wie Justizrat Lilienthal jeden Gewissenszwang ablehnt und auch jeden Versuch aus dessen gesetzliche Normierung für ausgeschlossen hält. Lilienthal ist jedenfalls kompetent in dieser Frage. Diejenigen, denen die jüdische Gemeinde in erster Linie eine religiöse Körperschaft ist, wollen ein numerisches Uebergewicht nicht zur Unterdrückung des religiösen Gewissens mißbraucht sehen. Wir glauben übrigens nicht fehl zu gehen, wenn wir diese eigentlich selbstverständliche Anschauung auch bei zahlreichen Mitgliedern der jüdischen Volkspartei vermuten; denn bei sehr vielen dieser Männer halten wir es für ausgeschlossen, daß sie in dieser Frage sich mit den Reden der Wortführer ihrer Fraktion identifizieren. Hiernach läßt sich annehmen, daß die überwiegende Mehrheit des Berliner Landesverbandes dem gesetzestreuen Verbände das Recht zu leben nicht nehmen will. Das ist eine angenehme Feststellung. die zur Reinigung der jüdisch-politischen Atmosphäre m: G. H. viel beitragen kann. Die Aussichten auf ein friedliches Nebeneinanderleben sind damit gegeben. Der Halberstädter Verband ist die Vertretung des orthodoxen Judentums in Preußen. Moralisch vertritt er auch die vielen Tausende und Zehntausende von orthodoxen Juden, welche organisatorisch den Gemeinden des Berliner Verbandes angehören. Dieser ist faktisch ja lediglich eine verwaltungstechnische Zusammenfassung von Gemeinden ohne einheitliche religiöse Tendenz. Es ist die berechtigte Ansicht der selbständig organisierten preußischen Orthodoxie^ daß durch einen religiös neutral sein wollenden Verband die Belange des thoratreuen Judentums nicht genügend vertreten werden können. Deshalb schuf sie sich die Landessynagoge des am Gottesgesetz treu hängenden Judentums. Dieser Halberstädter Verband ist nun die äußere, der Reichsverfassung entsprechende Form der religiösen Gemeinschaft der preußischen Juden. Die Gemeinschaft bestand und besteht auch ohne diesen äußeren Ausdruck. Sie umfaßt al l e preußischen Juden, die sich als die Bekenner des göttlichen Gesetzes empfinden, ja noch weiter alle zur Erfüllung des Gesetzes Verpflichteten, das sind sämtliche Juden. Das große und erhabene Gefühl, das Banner des Gottesgesetzes für die jüdische Gesamtheit zu erhalten, zwingt die Orthodoxie zu einer selbständigen Organisation. Schmerzlich ist es, daß diese die äußere Form einer Separation annehmen mußte; doch daran tragen diejenigen Schuld, welche sich von der Verbindlichkeit des Sinaigesetzes getrennt haben. In Wirklichkeit sind die sogenannten Separatisten die Träger des Gesamtjudentums in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nicht für sich allein haben sie das Odium der Sonderbündelei auf sich genommen, sondern im Dienste der Gesamtjudenheit. Nicht gegen Juden zu kämpfen, ist die Tendenz, sondern für das Judentum. Wo es ohne Gefährdung des Gottesgesetzes geschehen kann, ist dabei der Halberstädter Verband nicht nur bereit, sondern erstrebt es, jeden Bruderkampf zu vermeiden. Deshalb hat er vor Jahren dem Berliner Verband eine Art Permanenz- Kommission vorgeschlagen, um bei jedem Schritt, der in der Oessentlichkeit geschehen soll, zu versuchen, eine einheitliche Plattform zu finden. Dieser Vorschlag wurde von den Initiatoren des Berliner Verbandes nicht angenommen. Aber was in der Vergangenheit versäumt wurde, kann auch heute noch nachgeholt werden. Es liegt im beiderseitigem Interesse. Ein typisches Beispiel mag es erläutern. Es wird darüber geklagt, daß seitens des preußischen Unterrichtsministeriums die von einer Verbandskommission aufgestellten Richtlinien für den jüdischen Religionsunterricht nicht veröffentlicht wurden. Schuld hieran ist lediglich die Geschäftsführung der bisherigen Verbandsleitung. Diese hat es nicht für richtig gefunden, mit dem Halberstädter Verband in Gedankenaustausch über den Entwurf zu treten. Wahrscheinlich hätte man sich dann über eine den religiösen Verhältnissen entsprechende Zweiteilung der Richtlinien geeinigt. Tatsächlich existiert eine solche Zweiteilung in den Religionsschulen vieler Großgemeinden. Als der an Umfang nur allzu umfassende, an Inhalt äußerst dürftige Entwurf von der Staatsregierung dem Halberstädter Verband zur Begutachtung vorgelegt wurde, mußte der Verbandsvertreter ihn ablehnen. Und Zweifel los ist es besser, daß eine mit der evangelischen und katholischen Landeskirche paritätische Behandlung unterblieb, als daß die Parität auf Kosten des Religionsunterrichts gewahrt wäre. — Solch Gegenarbeiten ist unvermeidlich bei gegenseitiger Ignorierung oder gar Bekämpfung. Deshalb ist eine ständige Fühlungnahme beider Verbände notwendig. Bei einigermaßen gutem Willen kann hieraus ein weitgehendes Zusammenarbeiten werden. Je freier ein solches von Zwang ist, um so freundschaftlicher kann es sich gestalten. Die Lage der Juden ist viel zu ernst, als daß wir einen Bruderkampf führen dürften. . Bei Anerkennung des Rechtes auf Selbständigkeit wird sich in Vertretung gemeinsamer Interessen Zusammenarbeit 'rr»rr Warum ist der Tempel zugrunde gegangen? So fragen unsere Lehrer, und sie antwoGrn: Wegen des grundlosen Hasses". Ist es nicht furchtbar, daß wir nicht lernen können ooer wollen aus unserer Geschichte, da doch die Zeichen so deutlich zu uns reden? Wir wollen aufbauen, mit am Werke.sein, — aber nur so wie es unsere Thora fordert und unsere Vergangenheit es uns zeigt, ~ verdienen wir darob den Hatz unserer Vrüder? Wären wir nicht stark in der Einheit, die aber nicht aus Kosten der Treue zu den Ueberlieserungen der Väter zu erreichen ist. Ihr fordert das reine Volkstum; meint ihr, daß es weniger gut und schön wird, wenn wir ihm die Seele verbinden, daß Israel bleibe, als was es geschaffen, das Dinp 'ii. das heilige Volk ... Ach, klaget nicht, daß wir eure Kreise stören, wenn wir für unsere Thora, für ihr Recht, für ihre Anerkennung uns einsetzen... Lasset uns einig werden in unserer Liebe zu unseren jüdischen Idealen, damit das Land Israels von der Gesamtheit getragen werden kann. Weiset die nicht zurück, die für den für das ganze, ungeteilte Israel schaffen wollen. — Das ist die Mahnung, die wir beherzigen mögen: vV» Duvpai Von dort, von eurer Geschichte aus, aus den Ergebnissen und Schlüssen, drs eure Vergangenheit euch bietet, suchet leger Gott, — (nicht durch Anpassen an andere Anschauungen, durch Angleichen an euch wesensfremde Gebilde), so wirst du Israel ihn finden. ^221 ^oa usnin *»d denn oann (wenn jene Förderung in ihrer ganzen Schwere uad Tiefe begriffen ist) wirst du ihn suchen mit oernem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele —j und hast du Gott gefunden, dann wählst du ihn zum Schutzherrn aller deiner Schöpfungen und du bist geborgen und gefestigt dein Bau.nmnn nwn ixrv' n im iwpn' ük ’D kvi" Die Zusicherung enthält dieses Schriftwort nach der Meinung des Midrasch, daß Israels Gottsuchen von Erfolg gekrönt wird . . . Vielleicht hat uns Gott an einen Wendepunkt geführt und stehen wir „zwischen den Marken", — wenden wir uns nur ihm in allen unseren Hoffnungen und Bestrebungen zu. — dann folgt aus die Trauer die Zeit der Tröstung und Erhebung, dann kommt jene ersehnte Erlösung, die uns neues Leben aus den Ruinen schafft . . . kleines Feuilleton. Zweierlei „Zud Süß". I. Da ist ein Roman unter der pompösen falschen Flagge, er behandle das Verhältnis zwischen Jud und Christ, in die Welt gesegelt*) und hat auch in jüdischen Häusern leider Anker geworfen. Untersuchen wir einmal vorurteilslos, was er ästhetisch, ethisch und jüdisch.bedeutet. — Unzweifelhaft: es ist ein Buch von teilweise ansehnlichen künstlerischen Qualitäten. Eine ungeheure, prickelnde Verve der Darstellung, die nur selten erschlafft, eine straffe, gespannte Kraft des Stils, die nur vereinzelt nachlässig ausartet, und eine tiefe *) Lion Feuchtwanger: Jud Süß. 1925. Drei Masken Verlag. München. Kennerschaft der menschlichen Natur — zumindest ihrer Niedrigkeiten zeichnen ihn aus. Die Charakteristik ist, soweit sie die nichtjüdischen Figuren umfaßt. rund, geschlossen und köstlich. In handgreiflicher Deutlichkeit, ja. in zuweilen harter Gegenständlichkeit tritt die ganze „Fülle der Gesichte" vor uns hin. Der wollüstige Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg, sein noch vertierterer gewalttätiger Nachfolger mit der Tünche des Autokraten, die Landstände mit ihrem protzigen und doch so tönernen Machtbewußtsein, der schwärmerisch himmelnde Magister, Verfasser eines wie ein Pasquill anmutenden Gedichtes, der stiernackige, gerade Geheimrat Harpprecht, der ungeachtet tiefer persönlicher Abneigung das Recht um kein Jota krümmen lassen will, der ganze Reigen der käuflichen Frauen von der Ranghöchsten bis zur niedersten. Das Weltbild, das aus der Erzählung gewonnen werden kann, ist etwa folgendes: Oberste, einfachste Selbstverständlichkeit: Unstttlichkeit. Sie wird in allen Varianten und Tonarten abgewandelt und abgehandelt. Zweite Stufe: gesetzmäßiger T>1umph der menschlichen Niedertracht und Verschlagenheit. Sie-waltet im Gerichtspräsidenten wie im Mob der Straße. Damit verbunden die dritte Stufe: kraftloses Erlahmen edlerer Anläufe. Alles das ist mit breitem, man möchte sagen grinsendem Behagen und mit kräftigster Eindringlichkeit, die vor keinem schmutzigen Stratzenjungenwort zurückscheut, geschildert. Und nun zu dem. was uns hier in allererster Linie angeht: zum Jüdischen. Schon die letzlvorangegangenen Feststellungen würden genügen, um den Stab über das Buch zu brechen, weil diese Weltanschauung im tiefsten Kerne und Grunde unlauter und verderblich ist, weil sie