Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 66 (1925)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1925)
- Date
- 1925-07-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8 Nr. 29 Der Israelit 16. Juli 1925 kürzlich die Kolonien und stellte fest, daß sich dank der Unterstützung ihre Lage verbessert hat. Der Viehbestand wurde vermehrt, an landwirtschaftlichen Geräten ist kein Mangel. Im Jahre 1924 siedelten sich 500 Familien auf dem Boden der alten Kolonien neu an. Das Menschenmaterial ist physisch und moralisch gut. Jerusalemer Brief Abschied und Wiederkehr Samuels. — Wahlvorbereitungen. — Li« Begründung des Artum Urteils. — Wohnungsbau in Tel-Arviw. Jerusalem, 6. Juli. Erez Jisroel stand während der ganzen vorigen Woche noch unter dem Zeichen des Abschieds von Her - bertSamuel. Auch dis, Vertreter der palästinensischen Agudas Jisroel erschienen unter Führung des in Jerusalem weilenden Mitgliedes des Geschäftsführenden Ausschusses der Weltaguda, Herrn Dr. S. Ehrmann, bei Herbert Samuel in Abschiedsaudienz, die einen herzlichen Charakter trug. Herbert Samuel ist über Beirut und Konstantinopel nach Wien gereist. Er wird eine längere Jndienfahrt antreten und beabsichtigt, in der zweiten Hälfte des Winters sich in Erez Jisroel als Privatmann niederzulaffen. Der W a a d l e u m i betreibt die Neuwahl der Delegiertenversammlung mit Feuereifer. Angeblich sind Wählerlisten mit etwa 45 000 Namen bereits aufgestellt und die Wahl selbst soll schon am 28. T am m u s ft a t t f i n d e n. Man legt großen Wert darauf, beim Zionistenkongreß eine bevollmächtigte Vertretung der neugewählten Delegiertenversammlung zu haben. Daher die Eile. Die jetzt bekannt werdende Begründung zu dem Urteil des Oberrichters gegen die Palästinaregierung in Sachen der Wasserversorgung aus dem Dorfe Artum stützt sich hauptsächlich daraus, daß bei der Prüfung des' Frage, ob das Dorf für seine eigenen Zwecke genügend Wasser zurückbeholte, die Regierungsverordnung keine genügenden Rechtsgarantien für das Dorf gegeben habe. Die Einsetzung eines von der Regierung ernannten Schiedsrichters, gegen dessen Entscheidungen es keine Berufung gebe, verstoße gegen das Palästinamandat. Das Merkwürdige dabei ist, daß das gange Urteil von der unbegreiflichen Voraussetzung ausgeht, die Versorgung Jerusalems mit Wasser beruhe aus der Mandats bestimmung über die „nationale Heimstätte der Juden" — als ob es in Jerusalem nur Juden gebe und ohne Balfourmandat die Hauptstadt nicht auch mit Wasser versorgt werden müßte. Tel Awiw wird durch die Wohnungsprobleme noch immer in Atem gehalten. Die Mietpreise bewegen sich für ein einzelnes Zimmer zwischen 3 und 8 Pfund pro Monat, dabei sind während der Monate April und Mai 130 Baubescheide erteilt worden, in der ersten Hälfte Juni 80 Baubescheide. Jetzt hat das Bauamt seine Büros auf einige Tage geschloffen, um die eingelausenen mehr als 200 Baugesuche nur prüfen zu können. ElnigungsvLrhaudlungen zwischen Misrachi und Waad leumi. Jerusalem, 6. Juli. Wie zu erwarten, hat der Misrachi, nachdem seine Vertreter mit dem größten Teil der Sefardim und gemäßigt Konservativen aus der Delegiertenversammlung ausgeschieden waren, ein Manifest erlassen, worin die Forderung aufgestellt wird, die Frage des Frauenwahlrechtes einer Volksabstimmung zu unterwerfen. Dem Ergebnis dieser Volksabstimmung würde sich der Misrachi unter allen Um-! ständenfügen. - Auf Grund dieser Erklärung, die auch dem Waad leumi offiziell übermittelt wurde, fand gestern eine Sitzung dieser Körperschaft in Verbindung mit dem zur Vorbereitung der Wahlen gebildeten Ausschuß statt, in der als Vertreter des Misrachi die Herren Rabbiner Beermann und Asas teilnahmen. .Von Seiten des Wand leumi, insbesondere von den Herren Dr. Thon und D i s s i n g y o s wurde geltend gemacht, daß es unmöglich sei, dem Wunsche des Misrachi zu entsprechen, weil die Delegiertenversammlung in ihrer letzten Sitzung bereits die Neuwahlen angeordnet und eine Wahlordnung hierfür beschlossen hat. Zur Veranstaltung einer Volksabstimmung fehle also jede gesetzliche Grundlage, man solle andere Verständigungswege suchen. Die Misrachi- Vertreter erklärten wiederum, daß sie sich einem etwaigen Votum der Volksmehrheit für das Frauenwahlrecht fügen würden. In der von Misrachi vorgeschlagenen Weise, meinte Herr Rabbiner A s a'f, würden derartige Fragen auch bei anderen Völkern gelöst. Die Gegner sollten erkennen, daß die Zustimmung zu einer Volksabstimmung einen bedeutenden „Fortschritt" des rechten Flügels bedeute; dem gegenüber kämen die formalen Einwände nicht in Betracht. Herr Rabbiner Beermann führte aus, es, sei die Hauptaufgabe des Misrachi, die orthodoxen Kreise in den Zionismus hineinzuziehen. Dieser Ausgabe könne er bis jetzt nicht genügen, weil die Orthodoxen sähen, daß man dem Misrachi in der Delegiertenversammlung nicht die genügende Berücksichtigung zu teil werden ließe. Wenn die Volksabstimmung zu Gunsten des Frauenwahlrechtes ausfalle, so erwartet der Misrachi, daß alle diejenigen Orthodoxen, die die Notwendigkeit einheitlicher Organisation erkennen, mit ihm gehen würden. Dr. I. Klausner setzte den Misrachivertretern auseinander, daß sie sich in einem Irrtum befänden. Cs fehle nicht nur das formale, sondern auch das moralische Recht zu einer Volksabstimmung, da die Frauen ja bereits Mitglieder der Delegiertenversammlung seien und man ihnen ihre „Menschenrechte" nicht rauben könne. Die Forderung des Misrachi „erniedrige das Judentum", ohne daß sie irgend einen Zweck habe. Denn Agudas Jisroel werde unter keinen Umständen mitgehen, auch wenn die Volksabstimmung etwa zu Gunsten der Frauen ausfiele. Die Agudisten könnten im Gegenteil den Misrachi noch schädigen, indem sie ihm entgegenhielten: Wie könnt ihr eine religiöse Frage einer Volksabstimmung unterwerfen? Der Misrachi-Vorschlag sei also nicht nur prinzipiell unannehmbar, sondern auch ohne praktischen Nutzen. Herr Dis sing hos schlug vor, der Misrachi solle die Volksabstimmung zur Wahlparole machen, sich an der Wahl aber beteiligen. Herr Ben-Gorion wandte sich ebenfalls gegen den Misrachi-Vorschlag, der keinerlei Aenderung in der Stellung der Ort ho-! doxie zur Delegiertenversammlung herbeiführen werde. Der Misrachi fei zwar formell innerhalb der Delegiertenversammlung, mit seinem Herzen aber draußen gewesen, weil die extreme Orthodoxie sich fernhält. Die gleiche Zwiespältigkeit kennzeichne die misrachistische Taktik auch jetzt, die er für wenig ruhmvoll halte. Er würde den Misrachi verstehen können, wenn er erklärte, daß die Frage des Frauenwahlrechtes eine religiöse sei — aber Misrachi betrachte sie ja nur als ein politisches Mittel, um die Orthodoxen an sich zu fesseln, während er in Wirklichkeit durch eine solche Taktik keinen Menschen für sich gewinnen werde. Der Misrachi solle lieber für seine Erkenntnis, daß die Frauenfrage nicht religiös sei, den K a mp f aufnehmen und in diesem Zeichen siegen. Durch seinen Mangel an Mut aber, und indem er die Frage zu einer taktischen erniedrige, beraube er sich des Rechtes, die gemäßigten Konservativen zu vertreten und treibe die Orthodoxie in das Lager derAgudasJisroel. Im Namen der gemeinsamen zionistischen Interessen fordere er den Misrachi auf, sich zu dem zu bekennen, was er innerlich fühle. E i n Eewifsensproblem dürfe man nicht zu einem taktischen degradieren. Auf alle diese Einsprüche erwiderten die Misrachi- Vertreter, daß sie andere Vorschläge als den der Volksbefragung nicht zu machen hätten. In einer zweiten Sitzung wurde eine Kommission gewählt zu dem Zwecke, mit dem Misrachi unter Ablehnung der Volksabstimmung über andere Mittel und Wege zu einem Kompromiß zu verhandeln. Personalien. Jakob Diamant *?"in Vudapeft,9 Juli. Nach langem, schweren Leiden hat der Tod einem edlen Menschen am 10. Tammus Erlösung gebracht. Man wußte, daß seine Tage gezählt waren, und doch kam die Nachricht unerwartet und wirkte wie eine Katastrophe. Man kann sich das Leben in der orthodoxen Kehilla, der er der inspirierende Geist und die lenkende Hand als Vizepräses gewesen ist, die ihm Glanz und Größe dankt, ohne Jakob Diamant kaum vorstellen. Was an Thauro und Awaudo hier geschaffen wurde, ist zum größten Teil seiner Initiative und seinem Ovfersinn zuzuschreiben. Seine Zedoko und Gemilus Chefed fand nicht ihresgleichen. Alle Anstalten und Institutionen, die segensreich wirkten, fanden in ihm ihren stets hilfsbereiten Förderer. §r hat Existenzen aufgebaut und aufgerichtet. Sein Her; war unerschöpflich in der Opferbereitschaft. Bei seiner Bestattung, die am Freitag, den 3. Juli, stattfand, war alles dabei, denn jeder beweinte in ihm den einzigartig edlen Jehudi, dessen früher Abgang einen 'unersetzlichen Verlust für das ungarische Judentum bedeutet. Er wurde in ein Ehrengrab, neben dem berühmten Knenitscher Rebben beigesetzt und, trotzdem es Erew Schabbos war, vom Rabbinat mit tiefempfundenen Trauerreden beklagt Harburg (Schwaben). 13. Juli. Ein ungewöhnlich großer Leichenzug bewegte sich am Montag, den 7. durch unser Städtchen. Man begleitete den bisherigen, Kultusvorstand, Herrn Isidor H i l l e r zur ewigen Ruhe. Er entstammte einer alteingesessenen Familie Harburgs, in der vnin naV stets zu Hause gewesen. Der Heimgegangene trug den Namen seines. Urgroßvaters Rabb. Jtzig Löb Hiller, der als pa1? weit bekannt war. Zu seiner Zeit war Harburg eine der schönsten Gemeinden Bayerns, zählte mehr als 70 Baals Battim mit blühenden winv und reichen Stiftungen. Die Synagoge ist heute noch in ihrer Art ein Schmuckkästchen und atmet in ihrer altertümlichen Bauart und Ausstattung den Geist alter nrnvi nwin?. Der Heimgegangene hatte Harburg noch in seiner Blütezeit gesehen, als es noch Rabbinatssitz war und eine jüdische Volksschule mit 40 bis 50 Kindern besaß. Reger na!? herrschte in der nt-np, drei Rabbiner gingen aus ihr hervor, darunter der Schwager des Betrauerten, Rabbiner D. Jsak Stein der nicht lange nach dem Russeneinfall in Memel in jungen Jahren leider dahinging. Isidor Hiller sah mit Wehmut, wie die ni>np seit Jahrzehnten nur ein Abglanz ihrer einstigen Größe war, das Abendrot einer sinkenden Sonne. Harburg ist lehrerlos, minjanlos seit jüngster Zeit. Um so mehr ist anzuerkennen, wie der Heimgegangene alle Kräfte daransetzte, im Rahmen des Möglichen alles Jüdische noch aufrecht zu erhalten und kein Opfer scheute. Er lebte nur für n^i nnru? min , und hatte das Glück, in diesem Gejste Kinder und Enkel aufblühen zu sehen. Je älter er wurde, desto mehr neigte cr zu einem rvn'nn pnp-, in den Mizwaus i>in, dahart an die Grenze des nrro streift. Als Mensch und --um gleich beliebt, gaben die Mitbürger ohne Unterschied des Glaubens ihm das Geleite zum altehrwürdigen, idyllisch gelegenen fi,,n w?- Herr Rabbiner Dr. Berlinger-Schwäbisch-Hall und Herr Hauptlehrer Mannheimer-Dettelbach würdigten in ergreifenden Worten den Verlust für die Gemeinde und weitere Kreise des Judentums. Sein Andenken bleibt bei allen, die ihn je gekannt, zum Segen. Oberlahnstein, 8. Juli. Am 6. Juli feierten die Eheleute Julius Michels und Frau Eva geb. Reinhold im Alter von 77 bezw. 75 Jahren bei voller körperlicher und geistiger Frische das Fest der goldenen Hochzeit. Von der großen Beliebtheit des Jubelpaares bekam man sofort dem Betreten der Stadt einen Begriff: säst sämtliche Häuser prangten im Flaggenschmuck und die Häuser der Straßen, durch welche der Festzug seinen Weg bis zur Synagoge nahm, waren mit Blumen und Guirlanden herrlich geziert. Die Synagoge war von sämtlichen Mitgliedern der Kultusgemeinde und zahlreichen Bürgern dicht gefüllt: auch der Magistrat hatte einen Vertreter entsandt. In seiner Weiherede hob Herr Bezirksrabbiner Dr. Weingarten aus Bad Ems vor allem das vorbildliche Einvernehmen zwischen allen Konfessionen hervor und betonte besonders die Beliebtheit und Verehrung, deren sich das Jubelpaar in allen Kreisen der Bürgerschaft erfreue. Kassel. 12. Juli. In fast vollendetem 80. Lebensjahre verschied im Krankenhause zu Frankfurt a. M. der bei seinem Sohne, Oberlehrer Flörsheim, in Frankfurt zu Besuch weilende Lehrer i. R. Abraham Flörsheim. Bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Jahren wirkte er in reichem Segen an der israelitischen Volksschule in Wolshagen seit 1873. Durch sein friedliches Wesen und seine edle Gesinnung genoß er dort die größte Achtung und Sympathie in allen Schichten der Bevölkerung. Nachdem er in den Ruhestand getreten war, lebte er in hiesiger Stadt. Tann a. Rhön, 5. Juli. Der pensionierte 75jährige Lehrer Levi Hecht, der lange Jahre in unserer Gemeinde gewirkt hat, war mit seinem Sohne auf der Bahnfahrt begriffen. Kurz vor der Station Neunkirchen erlitt er einen Schlaganfall und war auf der Stelle tot. Gilserberg, 28. Juni. Der frühere Viehhändler und jetzige Rentner Moses Stahl, beging in bester Gesundheit und Gerstesfrische seinen 87. Geburtstag. Er bekleidete lange Jahre das Amt des Gemeindeältesten und trat vor einigen Jahren, als das Alter ihn dazu zwang, zu Gunsten seines Sohnes, Jakob Stahl, zurück. Ziegenhain. 28. Juni. Ihren 80. Geburtstag konine Frau Lina, Witwe des Meyer Rothschild dahier, in größter Rüstigkeit begehen. Frielendorf, 12. Juli. Ein großes Leichengesolge geleitete am Donnerstag die sterblichen Ueberreste des 67jährigen Lehrers a. D. Hugo Lion zur letzten Ruhe. Seit dem Tode seines Vaters im Jahre 1895, der lange Jahre an der hiesigen Volksschule gewirkt hatte, versah er die Schulstelle und gab gleichzeitig in den Nachbarorten Grotz-Ropperhausen und Dillich den Religionsunterricht Nach seiner Pensionierung am 1. April 1924 und der d-?- mit verbundenen Auflösung der hiesigen Schule wirkte er hier weiter als Religionslehrer und Kultusbeamter, bis ihn vor kurzem eine Krankheit aufs Krankenbett warf und ihn der Tod abberief. c. London, 9. Juli. Der. bekannte Dozent am Jews' College, Dr. Hartwig Hirsch seid, beging seinen 70.