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Der Israelit · 1925-07-16 · Heft 29 (16.7.1925) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
66 (1925)
Issue
Heft 29 (16.7.1925)
Date
1925-07-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29 Seite 7 16. Juli 1925 tragend ist> daß er als Sündenbock herhalten Muß. daß er das Bad ausschüttet! In diesen für Bulgarien schreckensvollen Tagen leidet de, bulgarische Jude mehr als sein christlicher Mitbürger, er leidet doppelt: als Staatsbürger und als Jude."Neben den mit' unversöhnlicher Gehässigkeit und. Wut sich befehdenden Klassen und Parteien bilden die Juden ein Element, von Friedfertigkeit, von besonnener Ruhe und Arbeit. Aber sie sind zu schwach. Noch nicht ein von hundert der Gefamtbevölkerung, ohne jedweden Einfluß;.{tn öffentlichen Leben des Landes. Sie verabscheuen jedwede Gewalttätigkeit. Es find eben Juden, orientalische Spaniolen, seit vielen Jahrhunderten daran gewöhnt, mitten im Gewirr der einander befehdenden Völkerschaften ,als Enklave zu leben. Instinktiv ahnen sie, daß ihnen jede Einmischung in die Partei- und Klassenkämpfe nur Unheil bringen würde. Die Angst schärft den Blick. Darum sehen es die hiesigen Juden nicht gern, daß die jüngere Generation bestrebt ist, mehr als ihre Väter den bulgarischen Staatshlil'ger hervorzustreichen, die durch Verfassung und Gsfche verbürgte Gleichberechtigung praktisch zu erproben. Das sind meistens junge Leute, die bulgarische Schulen besucht, die bulgarische Universitäten absolviert haben, zumeist Advokaten, die am Parteigetrieb Geschmack finden und sich tätig bemerkbar machen wollen. Da es moderne Menschen und Juden sind, rangieren sie fast immer im linksradikalen Flügel, sie sind Sozialisten, Radikale oder gar Kommunisten. Daß solche junge Juden schlecht dabei fahren, daß sie sich und ihre Volksgenossen den größten Widerlichkeiten und Gefahren aussetzen, beweisen einige Beispiele aus der allerjüngsten Vergangenheit. Du?war ein junger Advokat namens Marko Friedman», der im Prozesse wegen des furchtbaren Attentats in der Kathedrale „Sveta Nedelia" die Hauptrolle spielen mußte, vom Kriegsgericht zum Tode durch den Strang verurteilt und vergangene Woche zusammen mit zwei anderen Bulgaren öffentlich gehenkt wurde. Sohn jüdischer Eltern, die, vor Jahrzehnten von auswärts kommend, sich in einer bulgarischen Provinzstadt niedergelassen haben, hatte Friedmann nichts Jüdisches an sich als den Namen und die Abstammung. Er hat es während der Verhandlung auch selber nachdrücklich hervorgehoben, indem er zu seinen Richtern sagte: „Ich bin Jude nur durch Zufall der Geburt, jedoch Bulgare durch Kultur und aus Ueberzeugung." Wie im Urteil ausdrücklich erkannt wurde, war Friedmann am Attentat vom 16. April direkt überhaupt nicht beteiligt. Er war auch kein Terrorist, sondern überzeugter Kommunist, mithin „Verschwörer", und mußte seine Schuld am Galgen büßen. Da war ein anderer Jude, namens Josef Herbst, der Sprößling einer vor Jahrzehnten aus Oesterreich eingewanderten jüdischen Familie. Auch dieser stand dem Judentum gänzlich fern. Ehemaliger bulgarischer Offizier, während des großen Krieges Chef des amtlichen bulgarischen Pressebureaus, in zweiter Ehe mit der Tochter des als großer Patriot und Ministerpräsident berühmten Karaveloff verheiratet, war Josef Herbst ein talentierter Publizist und bekämpfte das jetzige Regime mit viel Geist und scharfer Verve, aber immer in legaler Weise und in vollendeter Form. Das war sein Verbrechen. Gleich am Tage nach dem Attentat wurde er bei Nacht aus der Wohnung weggeholt und ist seitdem spurlos verschwunden. Ein gewisser Otto Necheles, aus Poren stammend und polnischer Staatsangehöriger, von Beruf Kaufmann, ein ruhiger, ordentlicher Mann, der stch durch Mildtätigkeit und Hilfsbereitschaft ruiniert hatte, soll vor vielen Jahren den Bauernführer Alexander Stamboliisky, da er politisch verfolgt wurde, irgendwo versteckt oder ihn sonstwie unterstützt haben.' Als Stamboliisky später allmächtiger Diktator von Bulgarien wurde, hat er Necheles aus Dankbarkeit zum kommerziellen Leiter einer ^bäuerlichen Handelsgesellschaft ernannt, bei der er Geld verdient haoen soll. Otto Necheles war nie Parteimann g;- wesen; nie ist er in der Oessentlichkeit hervorgetreten. Seine große Schuld bestand lediglich darin, daß er mit Stamboliisky befreundet war und von diesem begünstigt wurde. Auch Necheles wurde nach dem Attentat in der Nacht abgeholt und ist auf mysteriöse Weise verschwunden. Das gleiche Schicksal hat auch einen gewissen Marco Finzi, Börsenmakler von Beruf, und einen Advokaten namens Moise Cohen ereilt. Aber während Finzi parteipolitisch als neutral bekannt war, gehörte Cohen der kommunistischen Partei an. Als hätte die Erde sie plötzlich verschlungen, sind Herbst und Necheles, Finzi und Cohen nicht mehr da. Ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Verwandten und Freunde grämen sich in qualvoller Un- D e r I s r a e l t t gewißheit ab; wo sie forschen oder ansragen, erhalten sie ausweichende Antworten, begegnen sie Augen, die nichts gesehen, Ohren, die nichts gehört haben wollen, begegnen sie Gesten, die nichts und doch das Allerfurchtbarste besagen. Und das Gras wächst jetzt mannshoch auf den Feldern, besonders üppig wächst es über menschlichen Gräbern. Gewiß, diese und vielleicht noch andere Opfer der schreckensvollen Zeit sind nicht als Juden gefallen, auch fällt es keinem vernünftigen Menschen ein, aus solchen Vorkommnissen, so entsetzlich sie auch sind, mit tendenziöser Uebereuung zu folgern, daß eine antijüdische Strömung gerade die Juden damit treffen wollte. Das nicht. Aber im Zusammenhang mit anderen Erscheinungen in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit müssen sie trotzdem gerade den Juden besonderen Schrecken einjagen. Noch sind die Erpressungen vom vorjährigen Winter in frischer Erinnerung, da die Juden unter Todesdrohungen horrende Beträge zahlen mußten. Noch steckt jedem Juden der Schrecken in den Beinen über den Raub eines jungen Menschen, des Sohnes eines vermögenden Juden, der am hellichten Tage im Zentrum der Hauptstadt von Räubern entführt wurde, um am unglücklichen Vater Erpressung zu üben, und dessen Knochen irgendwo im Gebirge bleichen. Noch sind die Gräber jenes unglücklichen Juden und seines dreizehnjährigen Knaben frisch, die im Stadtgarten erschossen wurden, weil der Betreffende die hohe Summe nicht bezahlt hatte, die von ihm gefordert wurde. Und wenn nun die Juden Bulgariens diese und ähnliche Heimsuchungen nicht als Ausfluß einer judenfeindlrchen Gesinnung und Strömung beurteilen und bewerten, wenn sie sich trotzdem hartnäckig weigern, an die Existenz eines Antisemitismus in Bulgarien zu glauben, so geschieht von gewisser Seite so manches, um diese Zuversicht zu untergraben, das zähe Vertrauen zu erschüttern. Wie anderswo, sind auch hier die nationalistischen Offiziere zusammen mit einem Teil der Studentenschaft in dieser Richtung tätig. Touristenverbindungen, jugendliche Sportisren und Studenten haben nach berühmtem Muster das Hakenkreuz zu ihrem Emblem gewählt, vielfach ohne die eigentliche Bedeutung dieses Wahrzeichens zu kennen, und die Offiziere machen aus ihrer xenophoben und antijüdischen Gesinnung überhaupt kein Geheimnis mehr; sie verlangen offen, daß die Juden Bulgarien verlassen und nach Palästina auswandern sollen. In einer vorwöchigen Nummer ihres publizistischen Organs kündigen die Offiziere, zusammen mit den Griechen und Armeniern, auch den Juden die Gastfreundschaft; unter süßsauren Komplimenten für ihr braves Verhalten und ihre Anstelligkeit werden die bulgarischen Juden höflich aufgefordert, auszuwandern, sich nach Palästina zu begeben, Berufe und Verdienstmöglichkeiten den christlichen Bulgaren zu überlassen, denen es, ach! schrecklich schlecht ergehe. Und da die Offiziere unter dem jetzigen Regime die eigentlichen Machthaber, die wahren Gebieter über alles und alle sind, so bringt niemand die Courage aus, um ihnen zu erwidern, daß die Juden Bulgariens keine geduldeten Gäste sind, denen man einfach den Stuhl vor die Türe stellen kann, daß sie vielmehr erbansässig im Lande sind, wo sie unter Rom und Byzanz, also lange oevor die Bulgaren einbrachen, schon wohnhaft waren. Und dievielen, vielen Blutopser, die die Juden in den letzten Kriegen für Bulgarien und seine nationalen Aspirationen hingegeben haben! War das alles nicht genug, um sich dauerndes Asylrecht und Bürgerrecht in diesem Lande zu erkaufen! Aber auch ohne die Hinauskomplimentierung der Herren Offiziere haben viele fpaniolische Juden in den letzten 2—3 Jahren Bulgarien schon verlassen, und ihrer noch viel mehr sind im Begriffe, demnächst auszuwandern. Sie gehen fast alle nach Palästina, von wo in letzterer Zeit günstige Nachrichten und Berichte von Augenzeugen hier eintresfen. Unter diesen Auswanderern sind auch viele jugendliche Chaluzim, Handwerker und Gewerbetreibende, aber auch vermögende Leute, Inhaber renomierter Handelsfirmen, bei denen weder materielle Beweggründe, noch zionistische Ideologie ausschlaggebend sein dürften. Wenn die Herren Offiziere und ihre nationalistischen Trabanten ihre Agitation weiter fortsetzen, jo kann diese Auswanderungstendenz auch den Charakter einer Massenflucht annehmen. Ob Bulgarien damit geholfen sein wird, daß etliche Tausend seiner friedfertigsten, arbeitsamen und kultivierten Bürger das Land verlassen, wird dann die Zukunft lehren. Es ist kein gutes Zeichen für ein Land, wenn gerade die nützlichen und ruhigen Bürger es fluchtartig verlassen, weil sie sich nicht sicher darin fühlen. Lucien Dolffs Bericht über das polnisch-jüdische Abkommen. London, 9. Juli. In der Sitzung der Anglo Jewish Association vom 5. Juli erstattete Mr. Lucien Wolfs im Namen des Joint Foreign Commitee Bericht über das Abkommen zwischen der polnischen Regierung und der jüdischen parlamentarischen Vertretung in Polen. Er sprach sich sehr optimistisch über das Abkommen aus, welches die Aussicht eröffnet, daß die schwer leidende jüdische Gemeinschaft in Polen endlich ein besseres und friedlicheres Leben als vollberechtigte Bürger der polnischen Republik wird führen können. Diese Hoffnung wird in einem Briese des polnischen Außenministers Skrzynfki an ihn, Lucien Wolfs, geteilt, und auch der Gesandte Polens m London sprach sich sehr hoffnungsvoll über die Auswirkungen des Abkommens aus. Herr Lucien Wolfs führte weiter aus, er möchte davor warnen, allzuschnelle Resultate sehen zu wollen. Man muß der Entwicklung ihre Zeit lassen. Das jüdische Problem in Polen ist nicht so sehr politisch wie psychologisch bestimmt. 22 Jahre lang, oder noch länger, litt das ganze Land unter einem Regime von Jrrtümern und Verbrechen. In keinem Lande der Welt war die antisemitische Propaganda so glänzend organisiert wie in Polen. Es muß erst allmählich eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens geschaffen werden. Die polnische Verfassung ist liberal, allein der polnische Antisemitismus war stärker als das geschriebene Gesetz und drängte die Juden in eine Lage, wie man sie sich nicht schlimmer denken könne. Die Einsichtigen in beiden Lagern sahen schon lange ein, daß diese Lage vor allem dem polnischen Staate Schaden bringt. Die polnische Regierung tat die ersten Schritte zur Verständigung, das muß anerkannt werden. Es ist zu hoffen, daß die Extremisten auf beiden Seiten das von den gemäßigten Männern geschaffene Abkommen nicht durchkreuzen werden. Mr. d'Avigdor Goldsmid würdigte in wenigen Worten die Verdienste Mr. Lucien Wolffs um die Lösung des außerordentlich schweren Problems der polnisch-jüdischen Einigung. Das Joint Foreign Comittee beglückwünschte sich, daß sein Vertreter durch Klugheit und Takt viel zu dieser Lösung beigetragen hat. Tagung der Anglo Jewish Association. — Bericht der 3ca übet die jüdische Auswanderungsbewegung. Land a n, 9. Juli. Am 5. Juli tagte hier die Anglo Jewish Association unter dem Vorsitz des Präsidenten Mr. O. E. d'Avigdor Goldsmid. Der Vorsitzende teilte eingangs mit, daß der Vertrag mit dem jüdischen Deputiertenrat (Jewish Board of Deputies) betreffend die Bildung eines gemeinsamen Joint Foreign Committee (Komitee für auswärtige jüdische Angelegenheiten) für drei Jahre erneuert worden ist. Hierauf unterbreitete Mr. d'Avigdor Goldsmid den Bericht der Jewish Colonisation Association (Jca) in Paris, aus welchem u, a. hervorgeht, daß in den ersten sechs Monaten 1925 nur 20 000 Juden aus Europa in Ueberseeländer ausgewandert sind. Diese Ziffer steht sogar hinter der des Vorjahres zurück. Die Verminderung ist auf das Johnson-Gesetz zurückzuführen, auf Grund dessen die Einwanderung von Ostjuden in die Vereinigten Staaten jährlich die Ziffer von 3500 erreicht, statt jährlich 40 000 vor Geltung dieses Gesetzes. In Argentinien wunderten in diesem Jahre monatlich etwa 600 Juden ein. In Brasilien wurden die Einwanderungsbestimmungen verschärft. Herr Raffalowitsch verhandelte mit der brasilianischen Negierung wegen Erteilung spezieller Einreiseerlaubnisse für Gruppen, wie sie der Jca seitens der argentinischen Regierung gewährt worden waren. Die Verhandlungen hatten Erfolg, die Regierung in Rio de Janeiro instruierte ihre Konsuln in Europa, die von der Jca empfohlenen Pässe zu vidieren. Der Bericht der Jca über die Rußland-Arbeit stellt fest, daß dort eine große Entwicklung vor sich geht. Die Jca hat auf dem Gebiete der jüdischen Siedlungen in den Provinzen Odessa, Jekaterrnoslaw und Donetz, wo 40, lange vor dem Kriege gegründete jüdische Kolonien vorhanden sind, eine große Hilfstätigkeit entfaltet. Die Ernte von 1924 war ungenügend, man mühte den Kolonisten Saat für die diesjährige Ernte liefern. Glücklicherweise scheint die Ernte dieses Jahres zufriedenstellend zu werden. Der Jca-Bertreter in Moskau, Mr. Sack, besuchte a! > i ..]; 1*-'

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